Fundstücke für Kultur-Ayatollahs
Warum die Achttausender als Arena der Masseneinsamkeit locken und
immer mehr Opfer finden
von Ludger Lütkehaus, in: NZZ, 09.08.2008
Auf den ersten Blick scheint es eine Naturkatastrophe zu sein, die in den
ersten Augusttagen 2008 mindestens elf Bergsteiger verschiedener
Nationalitäten am K 2 im Hunza-Karakorum in den Tod gerissen hat. Kurz
zuvor war die Weltöffentlichkeit «live» bei einer weiteren, zum Teil
ebenfalls tödlichen Katastrophe am Nanga Parbat dabei. Am K 2 hat nach
den bisher vorliegenden Informationen ein gigantischer Serac-Eisbrocken
an der Schlüsselstelle des sogenannten Normalwegs, dem «Flaschenhals»,
die sichernden Fixseile zerstört und einem Teil der absteigenden
Alpinisten den Rückweg abgeschnitten, so dass sie erfroren. Daneben hat
eine zweite, mächtigere Eislawine andere Alpinisten ins Verderben
gestürzt. «Objektive Gefahren» nennt die alpine Sprache das.
Der K 2 - eine fürwahr lakonische Namengebung, die aus der
Vermessungsgeschichte des Karakorums stammt -, von den Einheimischen
treffender «Chogori», «König der Berge», genannt, macht seinem Ruf, ein
«Killerberg» zu sein, alle Ehre. In der Tat ist dieser zweithöchste
Gipfel unter den vierzehn Achttausendern von Karakorum und Himalaja der
gefährlichste, schwierigste, exponierteste. Im Sommer 1986 sind gleich
dreizehn Alpinisten, unter ihnen die polnische Extrembergsteigerin Wanda
Rutkiewicz, am K 2 zu Tode gekommen. Die Todesrate, statistisch nüchtern
formuliert, liegt bei 27 Prozent, dreimal so hoch wie am Mount Everest,
der trotz seinem mütterlichen Namen («Chomolungma», «Sagarmatha») auch
nicht just ein Berg des Lebens ist. Zynisch gesagt: Fast ein Drittel
aller Bergsteiger am K 2 hat gute Aussichten, das Leben zu verlieren.
Das liesse sich doch einfacher haben.
Aber kein Berg ist von Natur aus ein «Killerberg». Auch «tötet» er im
eigentlichen Sinn nicht, selbst wenn Menschen an ihm sterben. Und eben
ihr Menschliches hat ein gerüttelt Teil daran. Denn noch die
«objektivsten Gefahren» werden erst tödlich durch subjektive Faktoren,
noch die grössten «Naturkatastrophen» sind von Menschen mitgemacht.
Seit dem späten 18. Jahrhundert, wenn man nicht bis zum 14. (Petrarca
am Mont Ventoux) und 15. Jahrhundert (Antoine de Ville am Mont Aiguille)
zurückgehen will, suchen Bergwanderer, Bergsteiger und Kletterer die
hohen Gebirge auf. Und sie nehmen dabei - zumeist bewusst - ebenso hohe,
gegebenenfalls extreme Risiken in Kauf. Die Bergsteiger sind seit je die
exponiertesten Mitglieder der Weltrisikogesellschaft. Ja, es macht einen
der Reize der Bergsteigerei aus, dass man sein Leben dabei verlieren
kann, zumal in einer verfetteten, rundum versicherten
Wohlstandsgesellschaft, aus der es sonst kein Entkommen gibt. Der
geistige Höhenbergsteiger Friedrich Nietzsche hat die Formel geliefert:
«Gefährlich leben!» und darin das «Geheimnis» entdeckt, «um den grössten
Genuss vom Dasein zu ernten».
Dieses «Gefährlich leben» ist legitim, wenn das bewusst gesuchte
Risiko in der Freiheit und Sicherheit der Anderen seine Grenze findet.
Auch extreme Risiken darf man eigenverantwortlich für sich eingehen.
Und: Nur die wenigsten Bergsteiger, die das tun, wenn überhaupt welche,
sind nekrophil. Es mag jedoch sein, dass gerade die höchsten Berge der
Welt dank ihren «Killer»-Kapazitäten die intensivsten, verführerischsten
Reize dieser Art bereithalten. Ihnen zu erliegen, ist die erste
subjektive Gefahr. Der «Kick», der Kitzel, das zur Droge gewordene
Risiko lockt dann die alpinistisch «Bekifften».
Unterdessen suchen immer mehr Menschen die höchsten, risikoreichsten
Berge der Welt auf. Die «Arena der Einsamkeit», die einst Reinhold
Messner berief, um seinen Teil an ihrer Zerstörung zu beklagen, ist
längst keine mehr. In ihr ist vielmehr ein neuer Typus von
«Masseneremiten» (Günther Anders), von bergsteigenden Selbstvermarktern
mit ihren «live» übertragenen «Death-Events» zu Hause. Führend dabei
sind die Profis, die Könner - die Exponenten der globalisierten und
medialisierten alpinistischen Internationale. Sie wollen schon lange
nicht mehr nur die Gipfel, sondern neue spektakuläre Routen.
Sie folgen dem «Prinzip Steigerung», in dem sich anthropologische und
gesellschaftliche Motive zu dem kategorischen Imperativ des «Immer
höher, immer schneller, immer weiter, immer risikoreicher, immer
extremer», zur Diktatur des Komparativs verbinden. Der menschliche
Wille, jede Grenze, jeden Widerstand zu überwinden und ihn deswegen
nicht zu meiden, sondern zu suchen, geht mit der zwanghaften Logik der
Eskalation, der Überbietung einher. Zugleich herrscht der Ungeist der
Konkurrenz um das rarste aller Güter der medialisierten und
kommerzialisierten Weltgesellschaft: die Aufmerksamkeit. Auch um sie für
die Logos ihrer Sponsoren zu gewinnen, suchen die Profis die mörderische
Arena der Aufmerksamkeit auf. Risikoerhöhung heisst
Aufmerksamkeitsschöpfung. Alle sind sie ADS-Agenten wie -Patienten. Die
zwanghafte Logik der Steigerung ist die zweite «subjektive Gefahr».
Dem «Prinzip Steigerung» aber folgen nicht nur die Profis, sondern,
mit deren Hilfe, auch die Amateure. Sie sind keineswegs im realistischen
Bewusstsein ihrer Grenzen bescheiden und massvoll. Sie folgen vielmehr
besonders ehrgeizig, ja fanatisch der Suggestion, die von den Gipfeln
ausgeht. Und sie wollen, meist um jeden Preis, wenn schon nicht selber
Rekordhalter werden wie die Cracks der Zunft mit ihren
Trophäensammlungen an Gipfeln, extremen Routen und maximal verschärften
Bedingungen, so doch allemal ihre persönlichen Höhen- und
Schwierigkeitsrekorde brechen. Sie ahmen nach - und folgen doch nur den
Gesetzen der Parodie. Das «Prinzip Steigerung» herrscht hier mehr denn
je. Sie sind im buchstäblichsten Sinn im Höhenrausch. Und eher geben sie
ihr Leben, ihre Gesundheit als kurz vor dem Ziel ihren Gipfel preis. Sie
können nicht umkehren. Das ist die dritte «subjektive Gefahr».
Von den immer zahlreicheren Menschen wiederum, die unbedingt auf die
höchsten und schwierigsten Berge der Welt steigen zu müssen glauben,
haben immer weniger auch das Leistungsvermögen dazu. Hier ist die Stunde
der kommerziellen Expeditionsunternehmen gekommen. Es gibt darunter
verantwortliche und weniger verantwortliche, die für ein generöses
Honorar auch die Regeln der Leistungskontrolle generös auslegen. Für
einen Preis, der etwa der Höhe der Berge entspricht, versprechen sie,
Kandidaten auf die höchsten Gipfel zu bringen, die dorthin auch beim
besten Willen nicht gehören. Doch der Glaube, dass man alles kaufen
kann, auch einen «Killerberg», macht die neuen Kunden kompetent und
stark.
Keines der Lager müssen sie selber errichten. Den Gebrauch der
Steigeisen kann man noch im Basislager erlernen. Die inflationär
eingesetzten Fixseile, ohne die die Kommerz-Alpinisten verloren sind,
bieten einen Auf- und Abstieg gleichsam mit Geländer; psychologisch: mit
versichernder Nabelschnur. Und wer es so immer noch nicht aus eigener
Kraft schafft, den werden die Expeditionsleiter schon hochzerren, die
Träger, das Sherpa- und Hunzaproletariat der Höhenbergsteigerei. Die
Besteigung der höchsten Berge aber ist nur bedingt planbar und schon gar
nicht käuflich. Und kommt es zu jenen Komplikationen, wie sie sich jetzt
am K 2 am «Flaschenhals» mit dem Ausfall der Fixseile ereignet haben,
dann ist die tödliche Katastrophe programmiert. Das ist die vierte
«subjektive Gefahr».
Gewiss, auch an «objektiven Gefahren» wird es in der Bergsteigerei
nie fehlen. «Eine Lawine ist eine Lawine ist eine Lawine», würde eine
«alpinistische» Gertrude Stein heute wahrscheinlich notieren. Und an
«Naturkatastrophen» wird in der Bergsteigerei nie ein Mangel sein. Die
«subjektiven», von Menschen gemachten und durch sie bedingten Gefahren
nehmen indessen sträflich zu - bis irgendwann ein angeblicher
«Killerberg», ein ungnädiger «König der Berge», hinwegfegt, was auf ihm
nichts zu suchen hat. Vielleicht ist er aber auch nur ein gestrenger
Pädagoge, der seinen unwillkommenen Adepten beizubringen versucht, dass
man Grenzen - eigene wie fremde - zu respektieren hat.
Prof. Dr. Ludger Lütkehaus lebt als Dozent und
Publizist in Freiburg i. Br. Er selbst ist passionierter Bergsteiger mit
Erfahrungen auch im Himalaja.
Das deutsche Theater hat Gefühle verboten und ist dabei total auf den
Hund gekommen. Ein Manifest.
Von Christopher Schmidt (SZ 11.11.2006)
Mephisto hat unrecht: Blut ist kein ganz besonderer Saft. Sonst würde
es nicht auf unseren Bühnen unverhältnismäßig vergossen. Es gibt
schwarze Schafe, Dumping-Anbieter, die mit minderwertigem
Schnäppchenblut locken. Aber auch Fachhandel und Internet halten laut
Eigenwerbung eine "Riesenauswahl" an Augenblut oder Blutschorf für die
Profis bereit. In Flaschen und Tuben, Tiegeln und Kapseln, flüssig oder
geronnen - für jeden Geldbeutel und jedes Massaker gibt es eine passende
Lösung. Schwieriger wird es bei anderen Körperflüssigkeiten. Solche
Spezialinteressen fordern schon die hauseigene Requisite heraus. Da
bedeuten zum Beispiel die Kotbeutel, die für Jürgen Goschs Düsseldorfer
"Macbeth" Inszenierung naturalistisch befüllt werden müssen, nun ja, das
große Geschäft.
Weniger gut aufgestellte Theaterhäuser besinnen sich bei solchen
Verlegenheiten darauf, dass sie Kunst machen, und setzen auf
"Zeichenhaftigkeit". So etwa neulich in Berlin, am Maxim Gorki Theater.
Dort sollten mit Glibber gefüllte Blecheimer, grob gesagt, zum Ausdruck
bringen, dass Männer wahrscheinlich nichts anderes sind als ein globales
GangBang-Rudel. Zumindest aber war der Regieeinfall eimerweise durch das
Stück gedeckt, denn es ging darin um die Liebe, so wie sie im deutschen
Theater nunmal vorkommt: als Fist- und Foot-Fucking, später kamen noch
Sling-Sex und Vergewaltigung dazu. Wer im deutschen Theater unterwegs
ist, lernt schnell, dass "bizarr" nur eine Genrebezeichnung in der
Erwachsenenunterhaltung ist.
Muss man noch erwähnen, dass die Eimer auf dem Höhepunkt des
Polterabends über den Köpfen der Schauspieler ausgeleert wurden? Nur für
die einzige Frau auf der Bühne war das nicht Opferrolle genug. Sie
musste achseltief in den Schoko-Eimer greifen. Kein Anfall von
Altersextremismus eines Regie-Veteranen wie in Düsseldorf, sondern die
Art und Weise, wie sich eine neue Regisseurin, ein neues Ensemble, eine
neue Autorin und ein neuer Intendant in Berlin vorstellen: Indem sie
alle zusammen in Scheiße und Sperma tauchen. Während die Schauspieler
für die Ekel-Stunts verantwortlich waren, wurde die Nuancierung von der
Bühnentechnik geleistet: Der Soundscape (wie man neuerdings den
Dialogtext nennt) kam vom Band, Songs wurden eingespielt, Videosequenzen
zeigten abwechselnd einen Tierfilm und eine Beinamputation. Hatte nicht
Christoph Schlingensief bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks
"Bambiland" den Standard gesetzt? Als Wechselbad der Schockeffekte
zeigte er den echten Cum-Shot eines Profi-Beschälers mitten hinein in
eine amerikanische Flagge im Gegenschnitt mit den echten Notoperationen
in US-Militär-Lazaretten.
In Berlin präsentierte zum Schluss ein Schauspieler seinen
schweißüberströmten Bierbauch. In Hamburg zogen sich ein paar Tage
später für Elfriede Jelinek alle Schauspieler ganz aus. Nackt, mit rosa
Schweinchenmasken vor der Scham, reichten sie Wasserbomben ins Parkett.
Das Publikum sollte auf Pappkameraden mit bekannten Gesichtern zielen:
Gerhard Schröder und Kai Dieckmann, J.B. Kerner und Josef Ackermann.
Dann bespritzen sich die Retroaktivisten gegenseitig mit Farbflaschen.
Die Palette beschränkte sich auf die Symbolfarben Rot, Weiß und Braun.
Am Ende waren alle tot oder nackt oder beides und sehr traurig, dass die
68er schon alles kaputtgemacht haben, was uns kaputt macht. Und dass im
Fernsehen auch nichts Interessantes mehr kommt. Zwölf Stunden später saß
Gerhard Schröder, der am Abend zuvor noch als Zielscheibe gedient hatte,
auf derselben, inzwischen wieder aufgeräumten, Bühne und promotete
ebenso aufgeräumt sein Buch. Die Phantompolitik ist längst im Theater
angekommen. Und weil es das genau weiß, hatte man zusammen mit den
Wasserbomben gleich Regensachen an die Zuschauer verteilt.
Nackt im Regen steht heute nur der deutsche Schauspieler: Vollgeschmiert
und aus Kübeln übergossen, die Stimme übertönt von Pop-Songs, das
Gesicht überschattet von Videoclips, spielt er das Lachhafte der eigenen
Trash-Existenz gleich mit. Immer häufiger ähnelt sein Berufsalltag den
Mut- und Ekelproben der MTV-Serie "Jackass". Er, der sich noch
persönlich auf eine Bühne bemüht, übernimmt heute Darstellungsaufgaben,
für die sich seine Kollegen vom Film doubeln lassen. Der Großmime von
einst hat sich nur als seine eigene Karikatur in die Gegenwart retten
können; wenn Brandauer Gründgens spielt, wie er Mephisto spielt, kontern
sich zwei Titanen so aus, dass ihr Pathos sich gegenseitig
neutralisiert. Sonst herrschen die Hardcore-Clowns und Fäkal-Kaskadeure,
die Krawall-Autisten und Fake-Pornographen - und zeigen sich permanent
selbst an.
Könnte es sein, dass unser Theater heute das Blut so liebt, weil es
selbst blutleer ist?
In Goschs "Macbeth" verließen die Schauspieler zwischen den Szenen ihre
Positionen, um sich zu erfrischen. Die Trinkflasche am Bühnenrand ist zu
einem festen Requisit geworden. Sie bezeugt, dass der Schauspieler sich
"zerreißt", dass er "keinen Ball verloren gibt", dass er dort hingeht,
"wo es wehtut". Der schwitzende, nackte Körper soll dem Zuschauer
beweisen, dass ihm hier nichts "vorgemacht" wird wie im bösen
Hollywood-Kino, das uns alle verführt und verdirbt. In der Gastronomie
gibt es einen Fachbegriff dafür: Front-Cooking. Wenn die Köche in der
offenen Küche wirbeln, ist ihre Performance nicht nur Ausdruck eines
erweiterten Begriffs von Bewirtung, sondern sie suggeriert, dass
Mikrowelle und Gammelfleisch keine Chance haben. So ist es auch im
Theater. Man meint, dem Schauspieler beim ökologisch korrekten
Verfertigen seiner Figur zuschauen zu dürfen. Wer hier Zeuge sein will,
darf nicht wegschauen bei den menschlichsten und unmenschlichsten
Verrichtungen: Gerade diese Momente verleihen dem Theaterabend die
Patina von Authentizität. Stuhlgang und Blutsturz - sie sind so etwas
wie der kunstvoll gebohrte Wurmstich, der das fabrikneue Stilmöbel echt
antik aussehen lässt.
Oft wird gesagt, das Theater dürfe den Bildmedien nicht hinterherlaufen.
Dabei ist es längst ihr Parasit. Zutiefst misstraut es den eigenen
Möglichkeiten, weil es sich einredet, Figureneinfühlung und
Identifikation könnten das Einfallstor bilden für die konsumistische
Ideologie. Verboten ist: Wirkung. Bloß niemanden bewegen, nur keine
Gefühle zeigen, die kompliziert sein könnten oder gar positiv oder
einfach nur brüllend komisch. All das könnte hinterher als
Verkaufsschauspielerei ausgelegt werden. Stattdessen: Grobmotorik und
Grenzüberschreitung, Entwertung und Behagen am Untergang. Denn wer
berührt werden möchte von einer menschlichen Geste, würde sich womöglich
auch manipulieren lassen. Der Schauspieler als Verführungskünstler und
Zauberer ist im Bunde mit den Mächten der Finsternis, den Blendern und
Gleisnern. Wer das nicht einsehen will, macht sich als ein Kitschkopf
lächerlich, der eingeseift werden will.
Ist am Ende wieder mal ER daran schuld, der Mann im Führerbunker, der
heute als Kinofigur selbst Objekt jener Einfühlung ist, die das Theater
als Teufelszeug von sich weist? Oder ist Gustaf Gründgens
verantwortlich, der IHM zu Diensten war als Alibi, weil er den lebenden
Beweis zu liefern schien, dass Kunstliebhaber keine Bestien sein können?
Während draußen die Welt der Barbarei anheimfiel, hielt er drinnen im
Theater die reine Kunst hoch, das hehre Ideal eines Menschenbildes, das
die Nazis mit Füßen traten. Es stimmt ja nicht, dass sie Theaterbanausen
waren. Sie waren des Theaters unheimlichste Verehrer: Weil sie es
gleichschalten wollten. Nie zuvor wurden die Stars dermaßen hofiert und
die Bühnen so hoch alimentiert. Wo immer man einmarschierte, wurde
sogleich ein Theater aufgemacht. Gründgens war der Gott dieses Theaters
und sein Mephisto. Der Gott: Weil seine behexend virtuose
Menschendarstellung suggerierte, der Humanismus sei noch in Kraft. Der
Teufel: Weil das eine Lüge war. Ist dies der Grund, weshalb der
Schauspieler immer noch sühnen muss - weil in ihm ein möglicher Demagoge
steckt? Der ewige Mephisto? Ist Theater ein Verbrechen, weil es
Auschwitz nicht verhindert hat?
Mit emphatischem Grimm bekämpfte der aus der Emigration zurückgekehrte
Regisseur Fritz Kortner das "rampenselige Überrumpelungs- und
Betriebsnudelwesen von Beifallsschnorrern und Gefühlsepileptikern im
Kundendienst der Massenvergiftung". Der Schauspieler Walter Schmidinger
wiederum sprach von "schamloser Talenthurerei und Soubrettengesinnung"
und meinte vor allem sich selbst damit. Als Anfänger in Düsseldorf hatte
er einem Kollegen während der Vorstellung von der Beleuchterbrücke
neidisch auf den Kopf gepisst. Elfriede Jelinek nannte 1983 Schauspieler
rundheraus "Schmutzflecken", die es schnellstens zu entfernen gelte, und
forderte: "Weg mit den Menschen, die eine Beziehung zu einer ersonnenen
Figur herstellen könnten!" An einer Figur möchte sich der
Theaterschauspieler heute lieber nicht schmutzig machen, er agiert
kopflastig und mit eingezogenem Bauch. Anstatt eine Theaterfigur, die ja
nichts anderes ist als ein paar Seiten Papier und Druckerschwärze, zum
Leben zu erwecken und mit Gefühlen, Eigenschaften und einer Geschichte
auszustatten, wagt er sich nur im Asbestanzug ins Feuer der Darstellung.
Als wäre es klebriger Mitfühlzwang und Volksverdummung, wenn man ihm
glaubt, was er spielt, und als würde dies sofortigen Hirntod bei
gleichzeitiger Wiedereinführung der Diktatur bedeuten.
Für die einen hatte sich das bürgerliche Theater nach seinem Sündenfall
in der NS-Zeit für immer diskreditiert. Künstler wie Gründgens hatten
sich darauf berufen, das Theater zu schützen, indem sie unpolitische
Kunst machten. Sie verstanden das als innere Emigration. Die spät
einsetzende Vergangenheitsbewältigung hielt dem entgegen, dass Kunst
immer politisch sei, auch wenn sie das nicht wahrhaben wolle. Für Viele
hatte sich das Theater erledigt und sollte zugesperrt werden. Andere
meinten, es gehöre gründlich entnazifiziert. Auch die Klassiker galt es
zu entgiften, denn die hatten ja mitgemacht! Es schlug die Stunde Null
des Regietheaters als Traumatherapie, das sich jedoch alsbald in dem
Dilemma wiederfand, eine Gegenwelt behaupten zu müssen. Damit entlastete
es das Publikum vom Druck, die Wirklichkeit zu verändern. Es leistete
der Realitätsflucht Vorschub, um diese Realität überhaupt kritisieren zu
können. In dem Maße, wie der Protest gegen die bürgerliche Kunst selbst
Kunst geworden war, verlor die Avantgarde ihre innere Berechtigung und
wurde kunstgewerblich, wie Peter Bürger schon 1974 in seiner "Theorie
der Avantgarde" gezeigt hat. Wenn heute Schlingensief in Bayreuth
inszeniert oder die Toten Hosen im Wiener Burgtheater aufspielen, werden
die längst geschlagenen Schlachten der Avantgarde noch einmal
geschlagen, unter dem koketten Vorwand, die Hochburgen der bürgerlichen
Repräsentation "umzubesetzen". Wehe dem, der als Erster Buh ruft, wie
Klaus von Dohnanyi, als er mit dem legendären Zwischenruf: "Das ist doch
ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen", dem
Regisseur Michael Thalheimer zu seinem entscheidenden Karriereschub
verhalf.
Heutige Aufführungen vernichten gerne im großen Stil Zeit und Geld und
feiern den wertlosen Augenblick. Materialermüdung, erloschene Lust und
der Hundehaltertonfall sind seine Wahrzeichen. Es ist immer vier Uhr
morgens nach einem Porno-Dreh, und Sex & Crime sind nur die zwei Seiten
derselben Medaille. Das Theater macht durch, es peitscht Stoffe und
Menschen durch die Schleusen von Zumutung, Schmerz und Erschöpfung, und
das soll als Konsumverweigerung und also todesmutiges politisches
Statement verstanden werden. Man kann sich nie sicher sein, ob nicht
alle bereits tot sind. Dabei zeugt all das, was einem da krank
erscheinen mag, tatsächlich: von robuster Gesundheit. Denn hinter der
rebellischen Attitüde steht Profanes wie bei der Deutschen Bank -
Anpassungsdruck und handfeste wirtschaftliche Interessen. Die
Provokateure sind in Wahrheit Mitläufer und Opportunisten. Die
ästhetische Haltung verschleiert nur eine karrieristische, in der es um
Labels und Logos geht, um Zielgruppen und Selbstvermarktung. Die
Handschrift des Regisseurs ist zur festen Währung geworden, Stil und
Erfolg sind konvertierbar. Fleißig bewirtschaften dieselben Regisseure
ihren Marktwert, die den Kapitalismus auf der Bühne geißeln. Es sind
Kampfegoisten, die "ihr Ding durchziehen".
Selbstgerecht war auch schon der ideologische Standpunkt des sich
formierenden Regietheaters in den sechziger Jahren. Selbst glühende
Verehrer wie Ivan Nagel, der den Marsch durch die Institutionen
begleitet hat, fragen sich rückblickend, ob sie nicht nur einem
"Generationenmassaker" beigewohnt haben, einer kalten Machtergreifung.
Schnell hat sich die Aufklärung über entfremdete Strukturen
verselbständigt und ist folkloristisch geworden. Als symbolische
Kompensation stützt sie heute den Konsumismus, der uns nur als
Verbraucher will. Nach dem zweifellosen Verlust seiner "Relevanz", muss
das Theater sich heute fragen lassen, welche Zwecke noch seine Mittel
heiligen. Um dieser Frage aber auszuweichen, kehrt es die Beweislast um
und unterstellt dem Publikum, es sei unaufgeklärt und verdrängungsselig,
eskapistisch, kuschelbedürftig, konsumgierig, totalmanipuliert,
unemanzipiert, fremdbestimmt, banausisch, philiströs, unmündig,
kitschselig und vollgestopft mit Ressentiments. Diesen Vorwurf kann es
nur entkräften, indem es sich erpressen lässt und sich der Tugend
enthält, die das Theater angeblich bei ihm kultivieren will:
selbständiges Denken.
Dabei setzt das Theater der schönen Lüge des Kinos nur seine hässliche
Lüge entgegen und produziert eine andere Art von Bestätigungswissen.
Indem es Stücke und Stoffe mit den schlimmsten Befürchtungen abgleicht,
bekräftigt das Theater unser diffuses, aber bequemes katastrophisches
Weltbild. Es zeigt die total unheile Welt, die zugleich eine total heile
Welt ist, weil sie uns darin bestärkt, dass alles eh so schlimm ist und
man nichts dagegen machen kann. In eine Kultur der Käuflichkeit will das
Theater das Unverkäufliche einschleusen: die leere Zeit in eine, die uns
auf die schnellen Schnitte des Unterhaltungskinos konditioniert hat, die
Depression ins Zwangspositive, das Hässliche in das diktierte Schöner
Wohnen, die offene Gewalt in die latente Gewalt der Strukturen, und den
Tod in die Vergesslichkeit von Körperkult und Wellness. Das Theater
möchte der Saboteur sein unter lauter Animateuren. Aber ist die
Figurenpsychologie selbst korrupt, weil es so viele sind, die sich ihrer
bedienen? Ist jede Form von Liebe Prostitution und Machtwunsch, jede
Suggestion nur Manipulation und Kaufanreiz?
Warum müssen Klassiker immer noch "gegen den Strich" gelesen werden, da
man deren Kenntnis doch ohnehin kaum noch voraussetzen kann? Und was
soll das heißen, Stücke zu "entstauben"? Hat es Anton Tschechow nötig,
von einem geistig zwölfjährigen Regisseur belehrt zu werden, der nichts
gelernt und nichts gelesen hat? Müssen wir dabei sein, wenn graumähnige
Intendanten wieder zu Jünglingen werden, wenn ihre "Fohlen" in der
Theater-Lounge "Romeo und Julia" "housig" rüberkommen lassen. Und was
trat eigentlich an die Stelle dessen, was aufgegeben wurde, als man das
Geschichtenerzählen denen überließ, die sich verkaufen müssen? Ganz
einfach: Es trat an diese Stelle das Merken und Meinen, das
Bescheidwissen, das Schlagwortkennen, der Hype und das Checkertum. Das
Multitasking und die Verlängerung der "Skills", die das Erwerbsleben
bestimmen, in den Feierabend hinein. Ist Selbstvergewisserung so viel
besser als ein bisschen Fremdheit und Ambivalenz? Als Figurenentwicklung
und dramatisches Leben? Warum muss die Phantasie des Zuschauers
permanent entmündigt werden durch die fixen Ideen der Regie? Weshalb
darf der Konsens nie erschüttert werden? Und wieso hat der Mann mit dem
gestutzten Oberlippenbart immer noch so viel Macht über uns? Brauchen
wir heute nicht so etwas wie eine neue Unmittelbarkeit im Theater? Eine
Abkehr von den rituellen Waschungen der Avantgarde?
Details seien die Erkennungszeichen eines moderaten Realismus, schreibt
der Romancier J.M. Coetzee. "Man liefere die Details und gestatte der
Bedeutung, von selbst hervorzutreten." Der Realismus, so Coetzee, "hat
sich mit Ideen nie anfreunden können." Denn er setze die Idee voraus,
dass Ideen keine autonome Existenz haben und nur in Dingen existieren
können. "Wenn man also über Ideen reden muss, wird der Realismus
gezwungen, Situationen zu erfinden - Spaziergänge auf dem Lande,
Gespräche -, bei denen Figuren widerstreitende Ideen äußern und sie
dadurch gewissermaßen verkörpern. Dabei stellt sich heraus, dass der
Begriff des Verkörperns von zentraler Bedeutung ist. In solchen Debatten
sind Ideen nicht frei im Umlauf: Sie sind an die Sprecher gebunden, von
denen sie geäußert werden." Ideen, die an Sprecher gebunden sind, die
sie verkörpern: Klingt das nicht wie eine Definition des Theaters? Doch
dort ist es schon lange umgekehrt: Die Figuren verkörpern nicht
verschiedene Ideen im Widerstreit, über die man selber nachdenken
müsste, sondern sie sind nur die Emissäre des Regisseurs, die seine Idee
überbringen. Und der Mensch auf der Bühne hat keine autonome Existenz.
Die Bedeutung darf keinesfalls von selbst hervortreten, sie muss als
klare Botschaft schlüsselfertig geliefert werden. Man möchte dem Theater
einen "moderaten Realismus" wünschen.
Wenn es wieder auf konkrete Details und Menschen achtete und weniger auf
abstrakte Ideen und Konzepte, hätte das Theater nicht unbedingt mehr zu
sagen. Aber wenigstens mehr zu erzählen.
Was Schmidt fürs Schauspiel beschreibt,
gilt übertragen auch in der Oper.
Durch die musikalische Hüllkurve fällt dort aber kaum noch jemandem auf,
dass statt wirklichem Theater mit choreografierter Körpersprache
nur leere Hülsen geboten werden.
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Ein Werkstattgespräch mit der großen Literaturregisseurin Andrea Breth über Schillerferne und -nähe, ihren Wiener Don Carlos
(Premiere 30.April 2004) und die
vertrackte Sache mit der Werktreue
Frankfurter Rundschau, 04.Mai 2005
FR: Verehrte Frau Breth, ist Ihre Aufführung des "Don
Carlos" am Wiener Burgtheater eine werktreue Aufführung?
Andrea Breth: Haben sie jetzt tatsächlich "werktreu" gesagt?
Ja, eigentlich ein schönes Wort. Wenn es auch nach meinem
Eindruck eine falsch polarisierende Wirkung hat. Also, ist der
"Carlos" werktreu?
Ja. Aber nennen wir es anders, es ist eine textgenaue Inszenierung.
Man kann ein Werk getreulich inszenieren und es kann bodenlos sein. Es
geht um das Wissen vom Werk. Don Carlos ist ein kompliziertes
machtanalytisches Stück. Ein Machthaber baut ein System auf und wird
dann Opfer dieses Systems. Er ist ein Mensch, der einen Riesenapparat
aufgebaut hat und dann in einer Krise fragt: Was ist ein Mensch? Er
macht sich auf die Suche nach einem solchen und entscheidet sich zu
aller Entsetzen für einen merkwürdigen Marquis, den von Posa, der
wiederum Schillers dramatische Bearbeitung der Französischen Revolution
ist.
Die Französische Revolution kam nach dem "Carlos".
Die Idee war da, Dichter spüren das vorher. Schiller schreibt wie
jemand, der - was das Ideengut angeht - ein Befürworter der
Französischen Revolution war, der aber einen tiefen Schrecken empfand,
was dabei herausgekommen ist. Das wird von Posa formuliert: Wenn sie die
Welt nach ihren Vorstellungen geschaffen haben, müssen sie sie
unterdrücken. Ein erschreckender Satz. Seinen Grund hat das im Terror
und der Kälte des Großinquisitors. Wenn Sie nun von Werktreue reden,
können Sie sagen: werktreu ist das nicht, wenn Sie Ihre Aufführung mit
dem Großinquisitor enden lassen, das Stück endet doch mit einer Szene
zwischen Elisabeth und Carlos. Wir haben uns aber aus politischen
Gründen so entschieden, leider stammt die Idee nicht von mir sondern von
Fritz Kortner. Ich wollte keine Versöhnung und kein Mitleid sondern eine
Bestandsaufnahme. Das mafiose Gebaren zwischen dem Großinquisitor und
dem aus Enttäuschung zum Terroristen gewordenen Philipp, das war mein
Dankeschön an die heutige Zeit. Und außerdem ist Werktreue ja auch eine
Frage der Ästhetik. Martin Zehetgruber und ich haben uns zu einer sehr
speziellen Ästhetik durchgerungen. Uns interessierte, dass Philipp der
Erfinder der Behörde war. Das hat uns dazu geführt, diesen gläsernen
Industriebau zu wählen.
Verstehe ich Sie richtig, Sie sagen, ja, es ist eine werktreue
Aufführung, auch wenn vieles von der Vorlage abweicht?
Man macht Fassungen. Die Frage ist, wie weit man dabei geht. Wir
haben ja keine der Aufführungen gemacht, die ich bekanntermaßen
verwerflich finde: Textbruchstücke, angereichert mit eigenen
Tagebuchnotizen, ein wenig Polemik, ein bißchen von der Lieblings-CD.
Aber jede Inszenierung ist eine Lesart. Selbst wenn man noch so sehr
versucht, den Menschen, die da vorkommen, ihr Existenzrecht zu lassen.
Sie haben sich in keiner Inszenierung so weit vom Stück wegbewegt
wie beim Don Carlos. Es treten Doggen auf, eine halbnackt erstarrte Eboli,
die von unwirklichen Männern abgerieben und mit Zigarettenrauch beatmet
wird, ein Kind auf einem Dreirad, ein brennendes Pferd.
Das sind zum Teil Zitate, etwa aus Kubricks Shining. Das brennende
Pferd ist von den schrecklichen Bildern inspiriert, die nach dem Ersten
Weltkrieg von verbrennenden Pferden gemacht wurden. Was die Eboli
angeht, da haben wir uns über eine Schwäche des Stücks hinweggeholfen.
Wir haben fast alle Monologe herausgenommen, die wir nicht so spannend
fanden. Nun braucht man Ebolis Monolog dramaturgisch. Also habe ich
versucht, dafür eine Übersetzung zu finden, dass sie Mätresse wird. Sie
entscheidet sich, und man sieht etwas Traumatisches.
Der reine Horror.
Ja, nicht so lustig. Aber auch von jener schwitzigen Erotik, wie man
sie sich unterirdisch unter Parlamentsgebäuden oder Toiletten vorstellt.
Ein bisschen verboten, ein bisschen katholisch, ein bisschen
schwitzelig.
Was die Aufführung ebenfalls sehr heutig macht, sie rollt wie ein
Film vor dem Zuschauer ab.
Schiller wäre heute ein hochbezahlter Drehbuchautor.
Er wusste, was Suspense ist.
Ja, aber gleichzeitig ist er Philosoph. Es ist vollkommen verrückt,
welche Situationen er sich ausgedacht hat. Er schreibt eine
hochspannende Geschichte und gleichzeitig pult er den Leuten
hochkomplizierte, politisch-philosophische Fragen aus der Nase. Es macht
ungeheuer Spaß, sich damit zu beschäftigen.
Letztes Jahr "Don Carlos", nächstes Jahr werden Sie
Schillers Wallenstein inszenieren. Haben Sie das Schillerjahr bewusst
ausgespart?
Nein. Es geht eher darum, dass ich rechnen muss, was ich überhaupt
noch machen kann.
Ist das Schillerjahr wichtig?
Ja. Aber es verpufft, weil es wie alles zu einem Event verkommt. Es
ist nichts dahinter. Jahr des Kindes, Jahr des Hundes, Schillerjahr,
nächstes Jahr ist Mozart dran. Man kommt Mozart nicht unbedingt näher,
wenn man wie in Salzburg alle seine Opern macht. Es ist so unbescheiden.
Wie könnte ein echtes Schillerjahr aussehen?
Wir krepieren alle an Überinformation. Weniger ist mehr. Es ist alles
aufgebläht. Die Papstbeerdigung als Popfestival, ekelerregend. Es wird
langsam unheimlich.
Niemand weiß, wie der Strom der Zeit aufzuhalten ist.
Das kommt von alleine. Irgendwann kracht es zusammen. Ganz bestimmt.
Wie wird das aussehen?
Ich hoffe, die Menschen stehen auf und machen all diesem Getöse eine
Ende. Ich hoffe auf eine Revolution. Die wird kommen und sie wird
furchtbar werden. Es kann doch nicht so weitergehen. Die Ungerechtigkeit
ist maßlos. Es ist doch nicht zu glauben, dass ernsthaft darüber geredet
wird, dass ein Mindestlohn von 640 Euro adäquat sein soll. Jeder weiß,
dass davon in der Bundesrepublik nicht mal eine Wohnung zu zahlen ist.
Jeder sieht, dass das Maß zwischen Mindest- und Höchstverdienern nicht
in Ordnung ist.
Hat Theater in diesem Zusammenhang eine Bedeutung?
Es hat diesbezüglich außer in der Antike nie eine Bedeutung gehabt.
Es ist aber auch ein etwas kindlicher Gedanke. Es reicht, wenn wir ein
paar Zuschauern die Humanität von Schiller vermitteln. Theater hat noch
nie eine Revolution ausgelöst.
Aber kann es in der großen Frage von Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit Aussagen machen?
Ja. Es ist ein Spiegel. Über die Sinne und den Bauch in die Birne.
Das ist unsere Aufgabe. Ich kann gut begreifen, dass es Menschen vor
Zynismus nicht mehr aushalten. Aber ich glaube nicht, dass Zynismus mit
Zynismus beantwortet werden kann.
Das passiert auf der Bühne?
Viel zu oft.
Was also ist die Antwort?
Den Menschen zeigen, mit seinen Problemen und seinen Schönheiten. Das
Leben kostbarer machen. Brecht hat doch mit Recht gesagt: Denken macht
Spaß Geschichten sind im Theater aus der Mode. Was aber machen die
großen Filmregisseure? Sie erzählen Geschichten.
Dieses kollektive Nachdenken mit Text, Geschichte und Zuschauer
ist ja auch das, was die Regisseure versuchen, die Sie zynisch und
verwerflich finden. Und so weit sind die "Privatmarotten" dieser
Regisseure ja nicht von den Bildern entfernt, die Sie im "Don
Carlos" verwenden. Sie haben ja ebenfalls eine kommunikative
Bedeutung.
Dem widerspreche ich nicht.
Ganz offensichtlich interessieren Sie sich im "Carlos"
am
meisten für Philipp.
Ja, ich inszeniere das Stück aus Philipps Kopf heraus. Aber ich nehme
die jungen Menschen nicht raus.
Sie nehmen sie nicht raus, aber sie zeigen sie doch als Kindsköpfe.
Und den Fliegenfänger in der Carlosszene am Anfang könnte man auch als
Marotte bezeichnen.
Das ist keine Marotte, das ist Hitze. Wir haben uns gefragt, welche
Art von Freizeit haben diese Figuren. Man sieht das Meer im Fernseher,
wir befinden uns in einer Art Wellnesscenter, und mit dem elektrischen
Fliegenfänger wird etwas verbrannt. Das alles ist eine Übersetzung von
Aranjuez, wo sie Ferien gemacht haben.
Ist ja auch schön, nur sind Sie da von manchem der verwerflichen
Regisseure nicht weit entfernt.
Wir müssen ja gar nicht so weit entfernt sein. Ich bin vollkommen
einverstanden, wenn sie eine eigene Sicht auf die Sache haben. Aber die
Frage nach Text- oder Werktreue war ja eine andere. Es muss eine gewisse
Bremse geben: Bin ich noch an der Sache dran oder mache ich Tüttelzeug?
Könnten wir uns darauf einigen, dass Werktreue ein unseliger Begriff
ist.
Ja, Werktreue ist ein Quatsch.
Unser Bundespräsident [Köhler] hat ihn jetzt wieder bemüht.
Werktreue sagen meist Leute, die keine Ahnung haben, was in einem
Text drinsteht. Die haben eine Vorstellung, wie etwas zu sein hat. Das
ist alles. Es geht aber nur darum, was im Text steht. Bei der Maria
Stuart haben alle gesagt, nur weil es realistische Kostüme gab, das sei
werktreu. Ja, ich hatte historische Kostüme - aber das Bühnenbild war
vollkommen unrealistisch.
Zurück zu Philipp. Tatsächlich ist Philipp mit seinem Leiden an der
Macht, gebeugt von der Last der Verantwortung, auch mit dem Wissen
darum, dass man als Machthaber nicht die Möglichkeiten hat, so gut zu
sein, wie man es sich vielleicht mal vorgestellt hat, eine uns nahe
Figur.
Da beginnt die Vision von einem Stück. Wenn ich keine persönliche
Vision von einem Stück habe, dann sollte man es lassen. Beim Carlos ist
es für mich die Frage, was Macht mit den Menschen macht. Warum ändern
sich Menschen schlagartig, wenn sie Macht bekommen? Das macht mich
wirklich nervös. Das erlebt man ja auch am eigenen Leib, man muss
aufpassen, man bekommt die absurdesten Probleme, je berühmter man wird.
Beim Vorsprechen sind die angehenden Schauspieler fast ohnmächtig vor
Angst, wenn sie vor mir stehen. Die Projektion, die auf einen Menschen
ausgeübt wird, die Vereinsamung, die er durch sein Machtsystem
verursacht, das interessiert mich. Deswegen wollte ich, dass Carlos und
Posa ganz junge Leute sind. Und dass nicht ein Opa vor ihrer Nase sitzt
sondern ein Mann in den besten Jahren. Jemand mit achtzig muss sich
nicht mehr so furchtbar aufregen, wenn seine junge Frau was macht. Das
ist theaterhistorisch verklebt. Da existiert tatsächlich eine
Konkurrenz.
Das ist eine durchaus ungleichgewichtige Auseinandersetzung in ihrer
Aufführung. Carlos und Posa sind gegenüber der schrecklichen aber doch
auch souveränen und ihrer selbst bewussten, auch in ihrer Fragwürdigkeit
selbst bewussten Größe, die Philipp hat, lächerliche Figuren.
Das hat etwas mit meinem Blick auf die Welt zu tun. Mir würde etwas
schwindlig werden, wenn einer von den beiden die Macht bekommen würde.
Meiner Ansicht nach hat Schiller das auch so geschrieben.
Ich denke, Schiller hatte mehr Emphase für Posa und Carlos.
Ich könnte es Ihnen Satz für Satz beweisen. Wenn Sie zu Ende denken,
was die beiden von sich geben, würde es mit Sicherheit nicht besser
werden, vielleicht etwas frischer oder jugendlich verträumt. Der Posa
ist doch ein armer Kerl, der sich an der Wirklichkeit schon den Kopp
angeschlagen hat. Und der andere sitzt in seinem Aranjuez und leidet,
weil er nicht lieben darf. Posa sagt, du, wir hatten doch die und die
Ziele, darauf Carlos: Ja, aber ich habe noch ein Rendezvous. Carlos ist
so schwankend, dass ich richtig finde, dass Philipp ihn nicht nach
Flandern schickt.
Carlos wird durch die unmögliche Situation, in die ihn sein Vater durch
die Heirat mit seiner, Carlos" Geliebter bringt, auch um seinen Kopf
gebracht. An sich muss er kein leoncehafter Hallodri sein.
Er ist wankelmütig bis zum Abwinken.
In der ersten Schaffensphase identifizierte Schiller sich mit Carlos,
später mit Posa. Carlos, schrieb er, habe von ihm selbst den Puls.
Lesen Sie, was er im Nachhinein über die Figur des Posa geschrieben
hat. Das hat ihn lange umgetrieben. Wenn ich den Carlos mit 30 hätte
inszenieren müssen oder dürfen, wäre das schrecklich geworden. Manchmal
ist man zu jung. Jetzt lebe ich in einer Welt, die ich mit
Ohnmachtsgefühlen, Trauer und Ratlosigkeit wahrnehme. Ich habe keinen
Tip, wie es besser gehen könnte. Ich habe nur das Gefühl, es ist etwas
faul im Staate Kastilien. Das prägt automatisch die Aufführung. Insofern
ist der Anspruch, werktreu zu sein, wieder falsch.
Ich hätte es - auch im Schillerjahr - ganz schön gefunden, wenn Ihre
Aufführung in Berlin zu sehen gewesen wäre.
Das hätte ich auch gefunden. Es ist ganz schwierig, weil man nicht
arrogant sein möchte. Aber es gibt wirklich keine einzige Bühne in
Berlin, wo man das Stück zeigen kann.
Muss man so streng sein?
Ja, weil die Verluste bei einer Übertragung zu groß wären. Wir haben
im Burgtheater eine Versenkung von acht Metern, in der man die Bühne
trotzdem drehen kann. Dadurch wird der Filmeffekt möglich. In Berlin
gibt es das nicht. Die gesamte Inszenierung müsste zerstückelt werden,
alles wäre kaputt. Wir haben es geprüft, Deutsche Oper, Deutsches
Theater, Schillertheater, wir haben alles geprüft. Mein Vorschlag, mit
German Wings einen Deal zu machen, stieß nicht auf Gegenliebe. Nun gibt
es eben den Film.
Hat diese Entscheidung etwas mit den negativen Erfahrungen vor zwei
Jahren mit "Emilia Galotti" zu tun?
Nein. Ich wäre sehr gern nach Berlin gegangen. Ich habe nichts gegen
Berlin. Im Gegenteil. Aber ich bin davon überzeugt, dass man nicht um
jeden Preis alles machen kann. Sie als Juror hätten sich in Berlin die
Ohren abgeschämt und gesagt: Den Scheiß haben wir in Wien nicht gesehen.
Wenn man Sie fragen würde, würden Sie an der Berliner Volksbühne
inszenieren?
Komische Frage. Erstens hat mich Herr Castorf (der Intendant der
Volksbühne) nie gefragt. Grundsätzlich würde ich es nicht ablehnen, aber
es geht doch darum, was man voneinander will. Ich finde es vollkommen
o.k., wenn ein Theater sagt, das ist nicht unser Stil. Ich mache eben
etwas vollkommen anderes.
Wie Sie macht auch Frank Castorf Theater in einer leeren Welt.
Das ist wahr. Wir verlieren immer mehr. Wir haben keine Utopie mehr.
Warum sind so ungeheuer viele Menschen an einem Idol interessiert. Das
heißt doch, dass sie eine dritte Sache brauchen. Wir haben da nichts
mehr. Wir haben die Religion abgeschafft. Dann haben wir den Sozialismus
oder Kommunismus abgeschafft. Und mittlerweile haben wir eine leere
Welt. Das verträgt die Menschheit nicht. Ohne Glauben an etwas
Wesentliches geht es nicht.
Wenn man Schiller liest, kann man diese Erfahrung sehr intensiv
machen. Schiller konnte an Carlos und Posa, zumindest partiell, glauben.
Man spürt, dass es schön ist, an Carlos und die Freiheit glauben zu
können.
Das verwirft die Aufführung ja nicht völlig. Sie gibt Carlos immer
wieder Momente. Aber ich lebe in einer Welt, wo ich es schwer habe, an
etwas zu glauben. Allerdings glaube ich, dass es etwas Drittes gibt.
Deswegen gehe ich so gern auf Proben. Da können sie das Dritte noch
erleben.
Was ist das?
Gemeinsam an etwas zu glauben. Wir haben ja immer die dritte Sache.
Das Stück.
Das hilft einem, diesen leeren Alltag zu überwinden.
Da liegt der Satz, Stücktreue als der letzte Glaube, nahe.
Nein, es geht um die dritte Sache. Wir haben die Chance, indem wir
uns so ausführlich mit solchen Stücken beschäftigen dürfen, in der
letzten Oase, nicht in Einsamkeit zu veröden. Das ist das Tolle am
Theater, dass man wirkliche Fragen formulieren kann, Fragen wie: Warum
hat der mir heute nicht "Guten Tag" gesagt? Willst Du mit mir leben?
Dazu ist das Theater ein Werkzeug?
Ja, daran glaube ich.
Aber warum ist uns der Fortschrittsglaube so verloren gegangen? Für
Schiller war die Zukunft zumindest anfangs ein enorm großer, offener
Horizont.
Ich glaube, auch wenn es gefährlich ist, das zu sagen, dass wir zu
viel Freiheit haben: Schiller durfte eigentlich gar nichts. Wir
verrecken an einer - wenn auch nur scheinbaren - Zuvielfreiheit.
Deswegen können wir keine offene Zukunft entwerfen.
Warum sind wir nicht wirklich frei?
Das ist schwierig. Wenn alle Kinder in einem Kindergarten alles
dürfen, wird nichts aus den Kindern. Ich rede aber nicht dem Despotismus
das Wort. Bei einer Reise, die ich mit 18 mit meiner Mutter in die
Tschechoslowakei machte, durfte ich erleben, wie die Kunst überall
blühte. Überall Verbote, Komplikationen, schlechte Lebensumstände. Aber
die Kunst blühte. Schon damals dachte ich: Komisch, wenn es eng wird,
hat die Kunst eine Chance. Wenn alles erlaubt ist, sagt nichts mehr
etwas. Deshalb werden viele Regisseure getrieben, immer mehr auf der
Bühne hinzuklotzen. Die glauben immer, ich verstehe das nicht, aber ich
verstehe sie schon. Niemand spürt mehr etwas. Deswegen will ich das
Augenmerk auf das Kleine richten. Es kann mich wirklich einen ganzen Tag
beschäftigen, wenn mir jemand nicht "Guten Tag" sagt. Da fängt das Drama
an. Und wir machen immer DRAMEN, alles zu groß, zu viel. Wir sollten ein
Theatertreffen machen, das so geht: Der Vorhang geht auf, ein
Herbstblatt fällt.
Zweiter Akt?
Nein. Es geht um Bescheidenheit. Der Regisseur muss sich
zurücknehmen. Ich sage zu meinen Schauspielern am Ende immer, wenn ich
noch irgendwo Regie sehe, ist es Mist.
Und warum machen Sie nächstes Jahr den Wallenstein, dieses
Riesenstück?
Nächstes Jahr ist mein Kriegsprogramm. Was macht der Krieg mit
Menschen? Wir müssen uns damit beschäftigen, denn wir haben Krieg und
zwar beständig. Deswegen mache ich Minna von Barnhelm und Wallenstein.
Nun könnten Sie sagen, warum machen Sie nicht, wie heißt sie, die junge
Frau da, die sich umgebracht hat . . .
Sarah Kane.
Ja, das ist mir einfach zu flach.
Interview: Peter Michalzik - vgl. auch
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