Odysseus der italienischen Musik
Geb am 24.Okt.1925 in Oneglia (verstorben am 27.Mai 2003 in Rom) -
zum 75.Geburtstag im Okt.2000
Wehmut schwingt da mit. Eine Kunstgattung wird
besichtigt: das Musiktheater. Der
"König", eine Art Impresario, versammelt
sie noch einmal alle um sich: die Zauberer, die
Clowns, die leichtfüßige Tänzerin, die goldgurgelige Sängerin. Und er sucht doch noch zu
erlauschen, was vorher niemand erlauschte oder gar
erahnte. Un Re in ascolto /
Ein König horcht hieß die Oper, mit der
Luciano
Berio 1984 in Salzburg das Publikum teils
verstörte, teils entzückte. Einem "anderen
Theater" wollte er nachspüren. Eine
musikalische Handlung wie Wagner einst seinen Tristan
nannten er und sein Textdichter Italo Calvino ihr
Stück bewusst. Theater über Theater wollte es sein,
die Möglichkeiten der Gattung erkunden wie eine
Reise in die Welt der Träume. Und immer wieder
klingt da ein "addio, addio" an. Der
alternde Herr der Ringe - wird er noch einmal seine
Kräfte in eine neue Richtung zwingen?
Musikalisches
Theater nicht nur auf
dem Theater: eine von Luciano Berios
Lieblingsbeschäftigungen. Der im ligurischen Oneglia
Geborene stammt aus einer Musikerfamilie. Und Musik in
Italien, das ist primär der Gesang, die Oper. Luigi
Dallapiccola, Berios erster bedeutender Lehrer, war ein
Meister der neuen Vokalkunst; Berio studierte bei ihm
nach Abschluss seiner Grund-Ausbildung am
Mailänder
Konservatorium 1945-51. Die
Koussevitzky-Stiftung in Tanglewood lobte ihm ein Stipendium
aus. Ehrungen und Preise konnte Berio später in aller
Welt sammeln: Den Siemens-Musik-Preis wie auch den
japanischen Praemium Imperiale, beides so etwas wie
Musik-Nobel-Preise. Die Paul-Sacher-Stiftung in Basel
betreut Berios gesamtes uvre. Berühmte
Orchester vom Cleveland, übers New York Philharmonic bis
zum Concertgebouw luden ihn ein zum Dirigieren. Bei
Festspielen war er zu Gast. An verschiedenen
Amerikanischen Hochschulen lehrte er. Berio gilt heute
nach dem Tod Luigi Nonos und Bruno
Madernas - als Italiens führender Komponist.
Einem breiteren Publikum bekannt
wurde er vor allem durch seine Transkriptionen. Werke
von Monteverdi bis Mahler
hat er adaptiert oder durch Ergänzungen aus dem
Archiv-Schlummer befreit. Früh einen Namen machte er
sich in den 50iger Jahren, als er zusammen mit Bruno
Maderna das Studio di Fonologia, das
Elektronische Studio
der RAI in Rom, leitete. In gleicher Funktion holte ihn dann in den 80iger Jahren Pierre
Boulez ans Pariser IRCAM. Zu seinen
aufregendsten Zeiten wohl gehörten die 60iger Jahre
am Mills College in Oakland bei San Francisco. Die
Flower-Power-Studenten-Bewegung der Westküste
erlebte er dort. Beflügelt von dieser Erfahrung
entstanden seine Folksongs. Geschrieben für
seine aus einer armenischen Familie stammende Frau
Cathy Berberian, waren sie wie auch seine Transkriptionen
als komponierte Analysen der
Versuch, Tradition und Moderne zusammenzuzwingen.
Auch das Musiktheater hat er immer so verstanden. Und
dem Re in ascolto gingen ja mehrere Studien
voraus. Stimuliert haben ihn immer auch große
Literaten: Joyce, Cummings, Sanguinetti, Clavino,
Levi-Strauss waren und sind seine Favoriten.
Aber auch Bibel-Texten in
Hebräisch hat er jüngst mehrfach sich gewidmet.
"Der Bibel kann man aus so verschiedenen Winkeln
sich nähern. Wir sind von der Bibel bewohnt", sagt
er, "auch wenn wirs gar nicht wissen".
Und als großen Erkunder sieht er sich ohnehin; dem
Ulisses - seis dem von
Joyce,
seis dem Homers - verwandt. "Musik kann man
nicht verstehen, wenn man sie nicht versteht als Reise.
Man reist zu den entferntesten Punkten - und sitzt doch
in seinem Stuhl". So verwundert auch nicht, mit
welcher Hartnäckigkeit Berio in immer entferntere
Regionen des musikalischen Kosmos aufbricht, wie er seine
gleichsam Instrumentenlehre in Fortsetzungen, seine
Sequenzas, Variationensätze für
die verschiedensten Instrumente, mit immer neuen Folgen
schmückt. Am 24.Oktober 2000 wurde
Luciano Berio 75, ein Odysseus
der Musik, immer unterwegs.
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Sinn-, Sinnensucher & Spieler
10.03.1892-27.Nov.1955 - zum 45.Todestag Nov.2000
Schleppend setzt der fauchende Koloss sich
in Bewegung. 300 Tonnen Eisen-Dampflok, beschleunigt
von 0 auf 120. "Was ich in
Pacific
231 suchte, ist nicht die
Nachahmung der Geräusche der Lokomotive, sondern die
Wiedergabe eines optischen Eindrucks und eines
körperlichen Wohlgefühls", schrieb der
Komponist über sein 1924 uraufgeführtes, wohl
berühmtestes Werk. Raffiniert ist es gemacht: die
Simulation einer Beschleunigung mit den mehr und mehr
sich verkürzenden Notenwerten. Die gleichsam
"freie Fahrt" mit den schwingenden
melodischen Floskeln. In einer Notiz an seinen
Komponisten-Kollegen Othmar Schoeck
beschrieb Honegger das 6-Minuten-Stück
verklausuliert als Geschlechtsakt. "Was muss ich
hören", gab sich darob Schoeck geschockt mit
einer Karikatur: "Lokomotiven wie Frauen oder
Pferde? Ich warne Dich; denke an die
Brautnacht!" Tatsächlich war
Pacific 231,
der Titel von
Honeggers Mouvement
symphonique, die Typenbezeichnung einer
Hoch-Geschwindigkeits-Lok. Vor einer solchen ließ
sich Honegger, als er 1928
Boston besuchte,
zusammen mit dem Lokführer fotografieren - Historie.
Arthur
Honegger - geboren wurde er am 10.März 1892 als Sohn
eines Schweizer Kaffee-Importeurs in Le Havre. Die Mutter
stammte aus einer alten Zürcher Familie, war sehr
musikalisch. Früh zeigte sich beim Sohn das Talent.
Autodidaktisch lernte er das Komponieren. Den 17jährigen
schickte man nach Zürich aufs Konservatorium und 1911-13
nach Paris. Charles Widor und Vincent
dIndy wurden seine wichtigsten Lehrer.
Immer war der athletisch gebaute junge Honegger
fasziniert von Spiel und Sport, von Maschinen und
Bewegung. In Rugby,1928 uraufgeführt ebenfalls in
Paris, setzte er dem ein Denkmal. Paris - das war seine Stadt; an die Seine
wollte er schnellstens zurück nach der
Pflicht-Visite beim Schweizer Militär am Beginn des
1.Weltkriegs. Darius Milhaud führte ihn ein in die
Pariser Künstlerkreise. Jean Cocteau
lernte er so kennen. Der hatte 1917 in seinem Buch Le
Coq et lArlequin energisch nach einer neuen
französischen Musik gerufen, einer, die sich
abnabelt von den Wagner-Mussorgski-Debussy. Und als
nach einem zufälligen Konzert mit Werken von Honegger,
Milhaud, Poulenc, Auric,
Taillefer und Durey
ein französischer Kritiker die "sechs
Franzosen" hochjubelte gegenüber den
"fünf Russen", hatte das Kind seinen
Namen: Die Sechs, eine
Mediengeburt.
Was sie verband? Sie verbrachten viele
gemeinsame Samstag-Abende, durchstreiften die
Jahrmarktbuden und Lokale am Montmartre und hoben
einen. Ästhetisch waren sie eher verschieden. Und
dass Honegger mit seiner stärksten Verwurzelung in
der Tradition von Bach bis Beethoven
den größten Erfolg hatte, machte ihn den anderen
mit ihrer Vorliebe für Music-Hall und Zirkus fast
verdächtig. Die Uraufführung von Roi David,
einem Werk - halb Oratorium, halb Oper - für
Kammerorchester und hundertköpfigen Laienchor,
begründete 1921 seinen Ruhm. Mit Judith und Antigone
festigte der sich. Ein Welt-Erfolg war dann 1930
seine frivole Operette über den Sinnen-Sucher König
Pausole. Und den Durchbruch bei der Sinn-Suche
brachte 1934 die Zusammenarbeit mit Paul
Claudel an Jeanne dArc au bûcher.
Wie so oft in der Geschichte sollte auch jetzt
angesichts der Hitler-Bedrohung die Jungfrau aus den
Vogesen das schwache Frankreich erwecken. Ins Exil
ging Honegger nicht. Er blieb in Paris, zog sich
zurück aufs Lehren, schrieb Kritiken. Mit
Heimat-Besuchen beim Baseler Dirigenten und Mäzen Paul
Sacher "erholte" er sich vom
Krieg. Die Erfahrungen dieser Zeit legte er nieder in
seiner dritten Symphonie, der 1946 in Zürich
uraufgeführten Liturgique.
Wurzelnd im alemannischen
Protestantismus und seiner Innerlichkeit, blieb
Honeggers
künstlerische Heimat doch stets Frankreich. Sein Sinn
fürs Visuelle ließ ihn balancieren zwischen Oratorium
und Theater - ausgeprägt im Film. Abel Gance
war der erste Regisseur, mit dem er arbeitete, etwa an
dessen Napoléon. Distanz wahrte Honegger sowohl
zum Meister der 12 Töne, Arnold Schönberg,
wie auch zu "Zar Igor" - Strawinsky.
Er suchte und fand seinen eigenen Weg, war damit Vorbild
für Jüngere wie Hans-Werner Henze.
Honegger, der seinen Alltag wie ein Schweizer Uhrwerk
organisierte, musste am Ende viel leiden. Er starb
63jährig in Paris, am 27.November 1955.
Literatur:
Pierre Meylan, Arthur Honegger, Frauenfeld 1970;
Arthur Honegger: Beschwörungen (Incantations aux fossiles), Bern 1955;
Arthur Honegger: Nachklang, Zürich 1957
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Sportart: Komposition
Werner Egk
Geboren am 17.Mai 1901 - zum 100.Geburtstag
Gespenstisch war das wohl: Der Komponist auf dem Treppchen.
1936 im Berliner Olympiastadion,
Werner
Egk bekommt die Goldmedaille: "Sportart
Komposition", Abteilung "Orchestermusik". Mit seinem Freund und
Lehrer Carl Orff
war er vom Olympischen Komitee gebeten
worden, die Begleitmusik zu schreiben für die
Stadionaufzüge, Orff für 10.000 Kinder, er für die
Crème des deutschen
Ausdruckstanzes von
Wigman,
Kreutzberg bis Palucca. Anlass zu Spekulationen war das immer
wieder. Ein Günstling der Nazis war er aber wohl so
wenig wie ein Widerstandskämpfer, er versuchte sich
zu arrangieren. In Studentenzeiten schon hatte er das
Treiben der Wickelgamaschen mit ihrem
Trommler-Schnauzbart an der Spitze aus nächster
Nähe Wand an Wand erlebt. Als sein Freund und
Lehrer, der Dirigent
Hermann
Scherchen, nach dem Krieg bei den
Darmstadt/Kranichsteiner
Ferienkursen insistierte, warum er das
Land nicht verlassen habe, erzählte er, warum er
Scherchens Rat, den Laden "von innen
heraus" zu verändern (durch Eintritt in die
Partei) wohlweislich nicht gefolgt war. Scherchen
brachte ihm am nächsten Morgen Nescafé und
Marmelade ans Bett, damals Preziosen.
Geboren als
Werner Joseph Mayer am 17.Mai 1901 in Auchsesheim
(heute eingemeindet nach Donauwörth, das ihn 1967 auch
zum Ehrenbürger ernannte), wuchs er auf in einer streng
katholischen Lehrers-Familie. So katholisch, dass der
Vater alles ketzerische Schrifttum zur Indizierung für
seine Zentrumspartei auf dem Dachboden stapelte. Der Sohn
verdankte der Lektüre tiefe Einblicke in das Wesen der
Ökonomie und des politisch-sozialen Gefüges.
Aufgewachsen zwischen Augsburg und München zog es ihn
zur linken Bohème von Erich Mühsam bis
Bert Brecht, eine kommuneartige Gruppe
von Freigeistern vertiefte seinen Drang nach
selbstbestimmtem Leben. Gerade volljährig brannte er mit
der Geigerin Elisabeth
(Maria Pauline) Karl durch und heiratete
sie - gegen den erbitterten Widerstand des Vaters. Sogar
den Familiennamen Mayer tilgte er zugunsten des
Künstlernamens Egk, gebildet aus den
Initialen seiner Frau, aber wohl abgesetzt gegen den des Lutherschen
Gegeneinpeitschers Doktor Eck.
Nach Wanderjahren in Italien ebnete ihm
Kurt
Weill mit
einer Empfehlung an den Intendanten der Berliner
Funkstunde Hans Flesch 1929 den Weg ins Berufsleben. Egks
Idee, politische Nachrichtensendungen als Boxkampf zu
bündeln mit Musik, stieß zwar nicht auf Begeisterung
bei den Funkoberen. Immerhin konnte er erste Werke
lancieren wie das von Scherchen
uraufgeführte programmatische Oratorium Furchtlosigkeit
und Wohlwollen (1931 mit Honeggers Antigone in München) oder
das musikalische Funkpoem Columbus 1932/33. Der
Durchbruch gelang ihm 1935 in Frankfurt mit der
Uraufführung der Zaubergeige, einer
märchenhaften Parabel über Geld oder Liebe (nach dem
Grimm-Märchen vom Juden im Dorn) - und mit auch
latent antisemitischen Zügen in der Figur des Wucherers
Guldensack. Weit mehr als hundert Inszenierungen erlebte
das Werk, nach dem Krieg in einer (für Stuttgart 1954)
leicht geänderten Fassung. Die Musikwelt jedenfalls
hatte ihren "deutschen
Strawinsky.
Nach dem jungen Talent
griff sofort Heinz Tietjen,
Generalintendant der Preußischen Staatstheater in
Berlin. Als Dirigenten band er ihn an die Staatsoper
und mit der Option, alle seine neuen Bühnen-Werke
zuerst dem Haus Unter den Linden anzubieten. Die
Bewährungsprobe kam 1938 mit der Uraufführung des Peer
Gynt. Dass Egk - wie schon in der Zaubergeige
sein eigener Librettist - die Trolle nicht als
Fabelwesen zeichnete, sondern als Figuren mit
durchaus konkreten Zügen, sickerte zwar durch.
Aber Obertroll Göring konnte oder
wollte die Aufführung nicht verhindern. Und der
gehörnte Ziegenbock Goebbels war,
wie er im Tagebuch schrieb, sogar
"begeistert". In den Trollen mit ihrem
verfremdeten Zwanziger-Jahre-Sound sah er eine Satire
auf die Weimarer Republik, die
"System"-Zeit, der Egk in spätromantischen
Klängen die saubere nordische Welt Solveigs
gegenüber stellte. Nur bei den sonst an Egk-Werken
interessierten Theatern herrschte bis auf Frankfurt
Funkstille. Und bei der Aufführung, die "der
Führer" selbst besuchte, dirigierte der
Komponist am Pult, wie er in seinen Erinnerungen
schreibt, die heiklen Stellen so schnell und
übertönte die Sänger mit so lautem
Orchestergetöse, dass auch von Hitler
kein Widerspruch kam, der vielmehr in seinen
Animositäten gegenüber Göring sich bestätigt
fühlte.
Ein Treppenwitz, dass den Komponisten ein echtes
Verbot anno 1948 in seinem geliebten München
ereilte. Das dort uraufgeführte Ballett Abraxas verschwand
nach der ersten Serie von fünf Aufführungen vom
Spielplan. Der Weihbischof hatte beim
CSU-Kultusminister Alois Hundhammer
interveniert wegen einer gotteslästerlichen
Schwarzen Messe in dieser Faust-Version. Für
die Berliner Produktion ein Jahr später luden Egk
und der geborene Diplomatensohn Tietjen als Intendant
der nun Westberliner Deutschen Oper das Domkapitel zu
einer Vorab-Visite. Das Werk erlebte allein in dieser
Choreografie 180 Vorstellungen. Später
choreografierte es "exemplarisch"
Tom Schilling fürs Tanztheater von Felsensteins
Komischer Oper.
In der Nachkriegszeit
kennt man ihn als Entdecker der Dirigentenbegabung Fernec
Fricsay in Salzburg für Tietjens Deutsche Oper,
als listigen Hochschulpolitiker in Berlin (mit Boris
Blacher als Nachfolger an der Musikhochschule
1953 und Koautor einer Abstrakten Oper), vor
allem aber als geschickten Streiter für die Interessen
der Komponisten in der GEMA
- eine Tätigkeit, die er auf Drängen von Richard
Strauss schon in der Vorgänger-Gesellschaft
STAGMA übernommen hatte im Kampf gegen die auf
Massengeschmack hin egalisierende Goebbels'sche
Reichsmusikkammer. Als Konzertkomponist (zumal für das
nun von seinem Freund Heinrich Strobel
geleitete Festival in
Donaueschingen) wie auch als Bühnenkomponist
trat er immer wieder hervor. 1955 mit der Irischen
Legende (unter
George
Szell) in
Salzburg, 1957 mit dem Revisor in Schwetzingen
(unter eigener Leitung und mit Gastspiel im Herbst in
Venedig, wo er Strawinsky und Nono
trifft), 1963 zur Wiedereröffnung des Münchner
Nationaltheaters (überschattet etwas vom Mord an
Kennedy) mit der Verlobung in Santo Domingo.
Aber Egk spürte auch den dämmernden Wertewandel. Die
Einladungen zum Dirigieren eigener Werke aus West und
Ost, wo er regelmäßig gastierte, kamen spärlicher.
"Bedingungsloser Fortschrittsglaube ist der
Köhlerglaube des Jahrhunderts, entstanden aus dem
Hurrapatriotismus von ehedem, stumpf gegenüber der
Vergangenheit, blind gegenüber der Zukunft" schrieb
er 1966 in einem Essay über Scherchen. Dass er 1968
gegen ein eine Ligeti-Aufführung bei
der Münchner Musica Viva zu intrigieren suchte,
provozierte neue Recherchen betreffs seiner NS-Zeit mit
durchaus unangenehmen Erinnerungen an zackige
Großdeutschland-Märsche (für den UFA-Film Jungens),
sodass er sich schon als Opfer "linker
Enthüllungswut" (durch Konrad Boehmer) wähnte.
1978 starb seine Frau, er selbst fünf Jahre später (am
10.Juli 1983 in Inning).
Zu seinem hundertsten Geburtstag jetzt
erinnert man sich (in Augsburg etwa) wieder einiger
seiner Werke, entdeckt im Revisor eine der
"wenigen gelungenen komischen Opern" des
20.Jahrhunderts (SZ
02.05.01). Seine
Musiksprache zwischen Strawinsky, Weill
und Orff hat gewiss nicht die Kraft
seiner Vorbilder. Aber er war ein eminenter Theatermusiker,
Erzkomödiant mit brechtisch-barockem Habitus,
charmanter Plauderer - ein Zug, der nicht zuletzt
seine Musik von Grund auf prägte.
Musik:
Werner Egk dirigiert eigene Werke [mit dem RSO
Berlin/DDR], Rec. 5/1971 ADD, Berlin Classics 0092092BC:
ZAUBERGEIGE Spagnola, vier Stücke aus 17 TAGE
UND 4 MINUTEN (=Neufassung 1966 des Circe-Balletts
von 1940), PEER GYNT Tango
Literatur: Werner Egk Die Zeit wartet nicht (Autobiografie),
1973/1981 München
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Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk
Carl Maria von Weber
geb. 18.(?) Nov.1776, gest. 5.Juni 1826 - zum 175.Todestag
Die letzte Oper Oberon,
uraufgeführt 1826, kurz vor seinem Tode in London -
bis heute ist sie ein rätselhaftes Stück, kaum je
erschlossen, kaum je aufgeführt, kaum wirklich
rezipiert: ein Ritterepos in Revueform nach Art
englischer Fairy Tales mit kühnen
heroischen Melodie-Bögen und einer geheimnisvollen
"Fantasy"-Welt. Kaum überschätzen kann
man auch die Bedeutung Carl Maria von Webers.
1786 in Eutin als Sohn eines
Wandertheater-Unternehmers geboren, hat er das
Musikleben in Deutschland wie keiner zuvor
umgekrempelt als Komponist, Theaterorganisator,
Musikschriftsteller, Kritiker, Virtuose, als erster
Orchestererzieher im modernen Sinn.
Das Theater mit der
Muttermilch aufsaugend, beginnt er mit dreizehn seine
Lehr- und Wanderjahre in München. Die erste Oper kommt
1800 in Freiberg in Sachsen heraus - da ist er vierzehn:
Waldmännchen, ein heute nur noch in Teilen
erhaltenes Werk, dessen ritterliche Waldromantik aber wie
ein roter Faden sein Künstler-Leben durchzieht.
Salzburg, Wien und ab 1804 Breslau sind weitere
Stationen. Hier am städtischen Theater packt der
18jährige zum ersten Mal an, was später seine Arbeit in
Dresden prägte: eine Spielplan-, Orchester- und
Ensemblereform, die die Musiktheater in Deutschland auf
eine eigene bürgerliche vom italienischen Theater der
Höfe abgekoppelten Basis stellen soll. Der Versuch
scheitert.
In Prag ab 1813 unternimmt er einen neuen Anlauf. Er will
verwirklichen, was er in seinem Roman-Fragment Tonkünstlers
Leben avisiert als die Oper, die der Deutsche
und Franzose will: Ein in sich
abgeschlossenes Kunstwerk, wo alle Teile ... der
verwandten ... Künste ineinander verschmelzend
verschwinden und auf gewisse Weise untergehend eine neue
Welt bilden. Weber weiß, seine Zeit ist kurz. 1812
in Berlin ereilt ihn erstmals die Krankheit, die ihn wie
die früh verstorbene Mutter später zu Boden streckt.
In Dresden kann er die nächste Reform-Stufe anpeilen.
Der in den Nach-Napoleonischen Wirren begrenzt
reformwillige Hof lädt ihn 1817 ein, ein "Deutsches
Departement" zu gründen neben der stagnierenden
italienischen Hofoper. Mozart, Beethoven,
Cherubini, Grétry und Méhul
setzt Weber aufs Programm, studiert sie sorgfältig ein,
stützt den anfänglich mäßigen Erfolg mit
gelegentlichem publizistischen Begleit-Feuer. Die eigenen
kompositorischen "Experimente" mit
Freischütz,
Euryanthe, Oberon mutet er dem gemächlichen
Elb-Florenz nicht zu. Nach Berlin, Wien, London lässt er
sich dazu bitten.
Die Uraufführung der Oper, die als Geburtsstunde der
deutschen National-Oper gilt - bis ins Kleinste ist alles
kalkuliert. Der europaweite Erfolg des Freischütz
war die Plattform, von der Weber weiter agieren konnte.
Die Tür zu Neuem war mit dem Freischütz zwar
nicht aufgestoßen, vielmehr das deutsche Singspiel, wie
es Abgott Mozart mit der Entführung begründete,
beschlossen. Das neue Gesamtkunstwerk, das Weber 1807
postuliert hatte - erst mit der Wiener Euryanthe
suchte er es zu realisieren.
Und nicht nur die Mittel der damals avanciertesten Formen
der französischen Opéra Comique band er hier ein, auch
die Libretto-Reform der italienischen Oper des frühen
19.Jahrhunderts machte er sich in raumgreifenden
Szenarios zu nutze. Für Richard Wagner
später war die Euryanthe das Werk, auf das er
sich berief, das er auch 1843 für sein Dresdner
Probe-Dirigat wählte. Und mit einem aus Motiven der Euryanthe
komponierten Marsch ließ er 1844 im Dezember Webers
Asche nach Dresden überführen aus London, achtzehn
Jahre nach seinem Tod per Schiff bis Wittenberg auf der
ab da zugefrorenen Elbe und per Bahn.
Das Autograph der Euryanthe
vermachte Webers Witwe später dem Sächsischen König,
den Freischütz dem preußischen Hof, den Oberon
dem Zaren. Und jenseits der ungebrochenen Popularität
des Freischütz - wichtiger scheint uns heute
gerade eben der durch seine Brechungen geprägte Londoner
Oberon. Den Spuren der Purcell'schen
"Semi-Operas" folgte nicht nur ein
Kurt
Weill. Die ganze Musical-Szene bis zu den Webber
& Co ernährte sich davon.
y
Der lautlose Auto- und Aristokrat
am 9.Januar 1902 wurde er in Wien geboren - zum 100.Geburtstag
BING: Alte Meister hängen nicht sehr gut in Chrom-Rahmen.
Rudolf Bing 1964 trocken auf die Frage, warum seine neue Met denn so alt
aussehen solle: mit modernstem Equipment zwar, aber ansonsten in Rot
und Gold. Zum Abschied bescheinigte ihm jedenfalls Richard Nixon,
den Umzug der Met in ihr "neues Haus" habe er bravourös bewältigt, ein
"glänzendes Kapitel unserer kulturellen Geschichte" geschrieben in den
22 Jahren "am Steuer des bedeutendsten Opernhauses der Welt", so der
Präsident.
BING: Ja, die Metropolitan
gibt immer noch Prestige und Publizitätswert, den fast kein anderes
Theater der Welt den Sängern bieten kann.
Rudolf Bing. Ein Wiener als Opernchef in New York,
1950-72. Den "mächtigsten Autokraten unserer Generation" nannte ihn
schlicht der Kritiker der Los Angeles Times. Und als er nach
seiner offiziellen Amtszeit an der Met erstmals selbst auf einer Bühne
mimte, an der benachbarten City Opera in Henzes Der junge Lord,
kabelte ihm die Wagner-Sängerin Birgit Nilson: Auch wenn er da eine
stumme Rolle spiele, gewiss habe er "das letzte Wort". Was Bing
den New Yorker Job einbrachte: Die Art, wie er - gemeinsam mit dem
Dirigenten Fritz Busch und dem Regisseur Carl Ebert –
eine umgebaute Scheune im englischen
Glyndebourne 1934-39 zu
einem Festival von Weltruf adelte, wohin ein Toscanini, ein
Furtwängler pilgerten, das mit Edinburgh gar einen
Nachkriegs-Festpielableger hervorbrachte.
Natürlich mit Bing als General Manager. Ein geplantes Gastspiel mit
einigen Glyndebourne-Produktionen an der Met war das Sprungbrett. Der
Vorab-Besuch beim damaligen Met-Manager Johnson, einem früheren Sänger,
mündete in die Frage, ob Bing ihn denn nicht beerben wolle. Bing
wollte.
Begonnen hatte auch er seine Karriere als Sänger - freilich mit
ungewisser Zukunft. Buchhändler, Sänger-Agent, dann 1928 in
Darmstadt Assistent bei Carl Ebert waren die nächsten Stufen.
Mit Ebert ging er nach Berlin an die Charlottenburger, heute
Deutsche
Oper. 1933 musste er das Land verlassen wie viele. Was er von
Ebert gelernt hatte: Dass Oper nur funktionieren konnte als Musiktheater,
dass "Opernregie viel wichtiger war", als die meisten Leute glaubten.
"Bühnenregie", schreibt er in seinen Erinnerungen, "hieß der
Schlüssel zu dem Geheimnis", durch das seine Intendanz der
Metropolitan von früheren sich unterscheiden sollte. Denn was szenisch
dort bis dato geboten wurde, war für Fritz Busch etwa schlicht
"Schmiere", so sehr man auch von den sängerischen Leistungen "hin und
her gerissen" sein konnte. Dass Bing es ernst meinte mit einer
größeren Gewichtung des Szenischen, erhellt aus einer Anekdote, wie er
den hoch angesehenen Fritz Reiner entband von einer
Neuinszenierung der Fledermaus. Zu sehr bestand der auf seiner
alleinigen Bühnen-Kompetenz gegenüber dem Regisseur. Lautlos löste
Bing solche Konflikte, unsichtbar. Und präsent war er dann, wenn’s
tatsächlich brannte. Ansonsten war er ein Gewohnheitsmensch, immer wie
aus dem Ei gepellt. Man konnte die Uhr nach ihm stellen. Als eine
seiner schlimmsten Fehlentscheidungen fand er später die Produktion
von Strawinskys Rake – immerhin mit George Balanchine
als Regisseur, vor halbleerem Haus. Und er warnte vor Rolf
Liebermann als seinem möglichen Nachfolger. Zu sehr setze der auf
"zeitgenössische Opern und ultramoderne Inszenierungen".
BING: Das machen wir nicht und können es nicht machen. Dafür werde ich oft
und vielfach angegriffen. Natürlich zu Recht, dass ein führendes
Theater neue Sachen machen sollte. Zu Unrecht, wenn man bedenkt, dass
ich die Wahl habe zwischen neuen Werken und Schließen also bankruptcy
oder dem klassischen Repertoire und Offenhalten. Und da habe ich das
Offenhalten vorgezogen.
Auch beim Rauswurf der Callas 1958 – was ihn in
Amerika berühmt machte als denjenigen, welcher solches wagte. Sieben
Jahre später stand Maria Callas Superstar wenigstens als Tosca noch
mal auf seiner Bühne. Und für die Eröffnungs-Saison der neuen Met 1966/67
präsentierte Bing einen Marc Chagall: der stattete ihm die
Zauberflöte aus und bemalte das neue Foyer. Bing stammte aus einer
jüdischen Familie, in der auch ein Hugo von Hofmannsthal
verkehrte. Er war einer der letzten Grandseigneurs der Oper. Mit 70
schied er von der Met, 95 Jahre alt wurde er, heute wäre Sir
Rudolf hundert geworden.
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Ein stiller Titan
90jährig ist er am 14.Febr. 2002 in seinem Haus in Ulmitz gestorben
Lernen, lernen, lernen, die oft und oft gespielten Partituren von Brahms,
Bruckner, Schubert, Beethoven immer wieder neu studieren - das war
sein Motto. Und immer wieder, beteuerte er, entdecke er etwas Neues,
oder "Fehler",
deren er sich schäme.
Ein Jetset-Pultstar war er nie. Sein Ruhm begann erst jenseits der
Pensionsgrenze. Dreieinhalb Jahrzehnte hatte der am 7.Januar 1912 als
Kaufmannssohn in Elberfeld Geborene, im
Theater seiner Heimatstadt, in Allenstein (Ostpreußen) und Detmold erste
Theater-Erfahrungen sammelnde Günter Wand
erst als Kapellmeister und ab 1946 als Generalmusikdirektor in Köln
brav gedient. Auch den Neutönern der Nachkriegszeit wie Wolfgang
Fortner, Olivier Messiaen und vor allem seinem Freund Bernd Alois
Zimmermann verhalf er zu wichtigen Ur- und Erstaufführungen.
Seine Weltkarriere begann, als man ihn 1974 in Köln aus dem Amt als
Gürzenichkapellmeister entließ und er in die
Schweiz übersiedelte. Eine Aufnahme von
Bruckners Fünfter mit dem Kölner Rundfunks-Sinfonieorchester
wirkte für viele wie eine Offenbarung. Die ersten Gesamt-Aufnahmen sämtlicher
Bruckner- und Schubert-Sinfonien mit dem WDR-Orchester ab 1977 unter
seiner Leitung wurden zum heißen Plattentipp. Seine früheren 30
Platten unter einem französischen Label hatte niemand in Deutschland
zur Kenntnis genommen. 1982 holte ihn das
NDR-Sinfonie-Orchester nach Hamburg. Auch nach dem Ende seiner
offiziellen Chefdirigenten-Zeit 1991 führte er das Orchester zu
umjubelten Gastspielen im In- und Ausland, zuletzt als
"Ehrendirigent". Zumal seine Auftritte beim
Schleswig-Holstein-Festival gerieten zum in Fernseh-Live-Übertragungen
gefeierten Hochamt.
Zum triumphalen Erfolg gestaltete sich 1995 die
Wiederbegegnung mit den Berliner Philharmonikern, mit denen er
schon 1949 noch im Titania-Palast
Beethoven aufführte und mit denen er nun eine Serie von Bruckner- und
Schubert-Aufnahmen zu produzieren begann, intensivierte die
Zusammenarbeit auch mit den Münchner Philharmonikern. Paris, London,
Tokio und 1989 mit einer Einladung des Chicago Symphony Orchestra auch
erstmals Amerika waren inzwischen seine "Heimat". Er dirigierte das
Lamoureux-Orchester, das des Pariser
Conservatoire und der Londoner BBC. Einige
Jahre auch war er in Wiesbaden Nachfolger Carl Schurichts, mit dem er häufig verglichen wurde, gastierte in
Italien, Spanien, Skandinavien und in der Schweiz. Unbelastet aus der Nazi-Zeit
- beharrlich hatte er sich geweigert, in die NSDAP einzutreten -, war er der erste deutsche
Dirigent, der nach Moskau eingeladen wurde, 1959.
Nicht er sei es, der eine Weltkarriere verpasst habe, "der
Musikbetrieb hat mich verpasst", pflegte er im Rückblick seine
Laufbahn zu kommentieren.
Dass Wand erst so spät auch von den großen internationalen Orchestern zu
Gastspielen eingeladen wurde, hängt gewiss auch mit seinen strikten
Proben-Forderungen Proben zusammen. Unter fünf mal vier Stunden für ein Programm tat er’s nicht. Nicht er brauche die
Proben, sagte er, sondern "wir brauchen sie - und die Musik
bräuchte noch mehr Proben". Die Musik vom Firnis befreien, sie
schwingen lassen in großen
zusammenhängenden Bögen, so verstand er das Dirigieren. Ein
Schlüsselerlebnis war für ihn die Entdeckung der
Beethoven-Urtext-Partituren, ohne die romantischen "Übermalungen" von
Wagner bis Mahler. 1955 war das, lange bevor ein Nikolaus
Harnoncourt auf den Plan trat und das Repertoire im Sinne einer
Originalklang-Renaissance neu zu durchforsten begann.
Werktreue, das Ausbalancieren von Tempi und Klangmischungen wie in
einer klingenden Architektur - es ist eine klassizistische Haltung,
die ihn prägte. Furtwängler, den er anfangs bewunderte, begann
er bald ob seiner Freizügigkeiten gegenüber dem Notentext zu
misstrauen. Andererseits mit einem Toscanini vergleichen werden
wollte er auch nicht. Ihm missfalle jegliches diktatorische Gehabe,
gab er zu bedenken. Otto Klemperer - ihn bewunderte er vor
allem ob der Luzidität seines Musizierens.
Allerdings baten ihn seine Kölner Gürzenichmusiker
nach einem Kölner Gastspiel, Klemperer doch
bitte nie mehr einzuladen. Als Mensch war Klemperer nicht
unkompliziert.
Äußerlich doch in den letzten Jahren immer gebrechlicher, wirkte Wand
in seinem Musizierstil in einer seltsamen Mischung aus Abgeklärtheit
und fast ins Seraphische gehobener
Transparenz, etwa in seinen Aufführungen der späten
Schubert-Sinfonien gleichsam entmaterialisiert, für manche sicher
auch zu sehr geglättet in seinen Bruckner-Interpretationen. Reibungen
jedenfalls mied er, ein Verhältnis zu Mahler fand er nie. Auch die
Moderne sparte er in seinen Programmen immer mehr aus. Ohnehin hatte
er sich nicht allzu weit hinaus gewagt über den Rahmen einer im
Klassischen verankerten Moderne.
Mit Bernd-Alois Zimmermanns Oper Soldaten, die er als Verirrung
sah und deshalb uraufzuführen in Köln sich weigerte, begann schon in
den sechziger Jahren bei ihm ein Abkehrprozess. Bis zuletzt blieb er
gleichwohl innerlich höchst flexibel, hasste nur alles Ungefähre -
auch im Notenschriftbild. Ein Sturz in seinem Haus im Berner Oberland
im Dezember und Prellungen am Oberarm zwangen ihn, im Januar geplante
Konzerte mit seinem NDR-Sinfonieorchesters
abzusagen. Dann wurden doch wieder neue Termine für März angesetzt,
Wand befinde sich auf dem Wege der Besserung, hieß es. Am 14.Febr. 2002
ist Günter Wand im Alter von 90 Jahren verstorben,
einer der letzten Titanen des Dirigier-Gewerbes von der sympathisch
stillen Art.
vgl. auch
Gespräch über Günter Wand mit Sir Simon Rattle in der ZEIT
y
Verstörend neu
Vor hundert Jahren wurde Claude Debussys Oper in Paris uraufgeführt - zur 100.Wiederkehr am 30.April 2002
Der Mann wusste, was er wollte. Wagner – den bewunderte er, aber ihn
nachahmen? Musik beginne für ihn, wo das Wort ende. Musik wolle er
wirken lassen, „als ob sie aus dem Schatten herausträte und von Zeit
zu Zeit wieder dahin zurückkehre“, erläuterte Claude Debussy seinem
Lehrer Guiraud 1889 nach einem
Besuch in Bayreuth. Wer ihm ein passendes Libretto schreiben könne?
Derjenige, der die Dinge „nur halb“ ausspreche, der Personen erfinde,
deren „Geschichte und Lebensraum an keine Zeit und keinen Ort“
gebunden sei; der „bewegliche Szenen von unterschiedlichem Schauplatz
und Charakter“ liefere, in denen die Personen „keine Reden halten,
sondern ihr Leben und Schicksal erleiden.“
Bis diese Oper geschrieben war – es dauerte. Mehr als ein halbes
Dutzend Anläufe musste Debussy starten. Zehn Jahre arbeitete, änderte
er an dem Skript. Und eigentlich wurde es nie fertig. Dass er gerade
zu Maurice Maeterlinck und seinem symbol-überfrachteten
Pelléas et Mélisande [Inszenierungen:
John Dew in Leipzig,
Jossi Wieler in Hannover]
als Libretto griff, es verkomplizierte alles noch. Die Erlaubnis,
Maeterlincks düsteres Stück für die Oper
einzurichten, bekam er relativ schnell. Und er ließ sich die Rechte
bei einem Besuch in Brüssel auch schriftlich garantieren, was später
von Bedeutung wurde. Aber immer wieder stockte der
Kompositionsprozess. In privaten Soireen spielte Debussy Freunden am
Klavier Teile vor. Aber manchmal wollte er schon das ganze Manuskript
verbrennen.
Die nächste Hürde: ein Theater finden. Den französischen
Musikinstituten misstraute er grundsätzlich. In London, auf das er am
meisten hoffte, erwog man eine Aufführung als Schauspielmusik. In
Brüssel runzelte man die Stirn. Ein junger Dirigent an der Pariser
OpéraComique, André Messager, der Debussy
schätzte, machte sich stark für die Partitur. Ein Vertrag wurde
aufgesetzt, aber Debussy war zum festgesetzten Termin nicht fertig.
Immer wieder wollte er ändern, floh vor den Verpflichtungen aufs Land.
Als der Premierentermin näher rückte, fuchtelte plötzlich
Maeterlinck dazwischen. Der wollte seine neue Frau, die Primadonna Georgette Leblanc,
als Mélisande durchdrücken. Am Theater
bevorzugte man aber die jüngere Mary Garden. Der Dichter griff
zur Keule. Die Textfassung Debussys habe er nie autorisiert, zeterte
er. Es kam zum Prozess. Doch Maeterlincks
schriftliche Erklärung von einst rettete Debussy vor Gericht.
Und immer noch musste er an der Partitur ändern. Die von ihm
vorgesehenen Zwischenspiele zwischen den fließend ineinander
greifenden Szenen, erwiesen sich als zu kurz. Noch bis zum Vorabend
feilte er an der Instrumentation. Zum
Desaster wurde die öffentliche Generalprobe. Im Figaro war
gestichelt worden gegen das Stück, am Theater wurden Hand-Zettel
verteilt, in denen man sich belustigte über die seltsame Geschichte
aus dem Mittelalter in einem Land Nirgendwo. Mit ironischen
Zwischenrufen plättete das Publikum die Musik ab dem zweiten Akt. Es
kam zu Tumulten. Polizei musste schlichten. Der vierte Akt mit den
Schafen und dem vom Vater Golaud zum Petzen gedrängten Sohn Yniold ging im
Gelächter unter. Am Ende fand man den Dirigenten Messager
schluchzend in einer Ecke, Debussy schloss sich in
seiner Bude ein. Erst die Premiere wendete das Blatt.
Komponistenkollegen wie Lalo,d’Indy, Dukas
spendeten Lob. Mehrere Monate lief Debussys Pelléas
vor ausverkauftem Haus. Erst Jahre später im Ausland.
Was war so verstörend neu? Zum einen der Sprechgesang, auf Wagner
fußend aber ihn kräftig entschlackend; auch die mit Ganztonskalen in
neue Regionen vorstoßende Harmonik und die transparente, eher dunkel
gefärbte, sparsam akzentuierende Instrumentation.
Es veränderte die Musik-Theater-Landschaft von Grund auf.
Pelléas et Mélisande – die Uraufführung in Paris heute vor hundert
Jahren war nach Parsifal und auf dem Weg zu Berg und Schönberg
die bedeutendste Station des Musiktheaters im 20.Jahrhundert.
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Grenzgänger & Grenzüberwinder
Geb. 6.Jan./19.Jan 1903, gest. 30.Jan.1975 - zum 100.Geburtstag
Blacher: Sonst im Leben bin ich ja mehr fürs
Faule, fürs Orientalische. Wenn ich nicht arbeite, dann lese ich am
liebsten Kriminalromane oder beschäftige mich mit Mathematik.
Boris Blacher
in seiner unnachahmlich nuscheligen Art mit dem rollenden russischen rrr. Ob man
seinen 100.Geburtstag heute feiern darf oder es schon vor zwei Wochen
hätte tun müssen? Er selber kultivierte die Laune der divergierenden
Julianischen und Gregorianischen Kalender, feierte vergnüglich
Geburtstag an beiden Tagen. Feiern mochte er. Geboren als Sohn eines
Revaler Bankdirektors und einer baltischen Arzttochter im
fernöstlichen Niutschuang, der russischen
Vertragshafenstadt am Gelben Meer, war seine Kindheit unstet. Alle
paar Jahre zog die Familie um. Den Beginn der Oktoberrevolution
erlebte sie in Irkutsk; Blacher schnupperte dort erstmals Theaterluft.
1919 ging der Vater ins mandschurische Harbin.
1922 dann Abitur – Sohn Boris sollte, egal wo, einen "anständigen
Beruf" lernen, nur bitte nicht Musik.
Blacher: Mein Vater schlug vor, bitte Du kannst
Paris haben oder New York, was Du willst. Und da beschloss ich mal
Berlin anzusehen.
Blacher blieb in Berlin, hängte bald das begonnene Architektur-Studium
an den Nagel, nahm Kompositionsunterricht bei einem Humperdinck-Schüler.
Seine eigentliche Fakultät allerdings wurde die Praxis; der monatliche
Wechsel aus Fernost blieb nämlich aus.
Blacher: Und dann habe ich eben Musik von der
Pike auf gelernt, habe in Kintopps gespielt und auch in einigen
weniger vornehmen Lokalen.
Zu seinen berühmteren Werken gehört das 2.Klavierkonzert von 1952,
komponiert in so genannten "variablen Metren". Schönbergs
12-Ton-Komposition erweiterte Blacher ins Rhythmische, sein
"Markenzeichen". Immer gern tüftelte der begeisterte Mathematiker. An
der TU Berlin leitete er ein Elektronisches Studio. Ich selber erlebte
ihn dort noch als junger Student in seinen Seminaren. Unvergesslich
seine schlaksig-selbstironischen Kommentare zu Stockhausen &
Co.
Blacher: Ich darf keine Blöße geben. Und wenn
alle Stricke reißen, dann komponiere ich auf der Tafel.
Die Liebe zum Tanz kommt aus der russischen Jugend; seine erste
Berliner Freundin war Tänzerin. Bei Laban hatte er, vermittelt von
Rudolf Wagner-Régeny, als Pianist sich
verdingt. Das Tanztheater blieb seine Leidenschaft. Für Tatjana
Gsovsky komponierte er Ballette wie
Hamlet, Lysistrata, Otello, Tristan.
Blacher: Also ich hab immer gern Optik und
Akustik, diese merkwürdige Verbindung, die wirklich rätselhaft ist.
Schon sein erster großer Erfolg war ein Ballett, Fest im Süden,
uraufgeführt 1937 in Kassel. Eine sich anbahnende Zusammenarbeit mit
dem Diaghilev-Nachfolge-Ballett in
London zerschlug sich mit dem Krieg. Blacher zog sich zurück in die
innere Emigration. 1940 lernte er die Pianistin Gerty Herzog
kennen; nach dem Krieg erst konnte er die Halbjüdin heirateten.
Hauptwerk der Kriegs-Jahre: das Oratorium Der Großinquisitor,
eine Adaptation von Dostojewskijs Brüder Karamasov
als utopische Rückkehr Jesu zum Jüngsten Gericht.
Erst 1947 wurde das Werk in Berlin uraufgeführt. Als
Kompositionslehrer ab 1948 an der Hochschule für Musik Berlin, der er
von 1953-70 auch als Rektor vorstand, verband Blacher schöpferische
mit kulturpolitischer Arbeit. Erst 1953 überhaupt wurde er, durch die
russische Revolution staatenlos, nach Deutschland eingebürgert.
Zahlreich sind seine Schüler: am bekanntesten Aribert Reimann,
Maki Ishii, Isang Yun.
Experimentierfreudig versuchte er sich in vielen Feldern, schrieb
Chansons, Film-, Hör-, Schauspiel-Musik und Jazz, komponierte eine
Abstrakte Oper oder erprobte neu die Zeitoper der 20iger-Jahre mit
der Crash-Reportage Zwischenfälle bei einer Notlandung
.
Blacher: Wenn man einen Sektor gemacht hat,
möchte man beim nächsten Mal genau das Gegenteil machen.
Blacher, langjähriger Vizepräsident dann Präsident der Westberliner
Akademie der Künste und Korrespondierendes Mitglied der Akademie Ost,
war Grenzgänger und -überwinder. Klaglos hielt er Angriffe der
Frontstadtpresse aus, als er nach dem Mauerbau für Verständigung warb.
Die 1961 zusammen mit Dessau, Henze, Hartmann und
Wagner-Régeny geschriebene deutsch-deutsche
Gemeinschaftskomposition Jüdische Chronik konnte erst fünf
Jahre später uraufgeführt werden. Am 30.Januar 1975 starb er in
Berlin.
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Die Stechfliege
Am 4.März 1678 wurde er in Venedig geboren - zum 325.Geburtstag (04.03.2003)
Politisch-wirtschaftlich ging’s seiner Heimatstadt längst nicht mehr gold. Aber man hatte in
Venedig eine neue Geldquelle entdeckt, die Kunst. Und Antonio Lucio
Vivaldi, Sohn eines Barbiers und Geigers, wusste davon zu
profitieren. Priester sollte er werden und wurde er – ein
krisenfester Job. Doch im Herzen blieb Vivaldi Musiker, Musik-Unternehmer.
Messen gelesen hat er gerade mal ein Jahr. Ein asthmatisches Leiden
habe ihn gehindert, verteidigte er sich später. Dem
Ospedale della pietà diente er als Violinlehrer,
Komponist, Dirigent – über die Jahre hinweg immer wieder.
Ospedali waren segensreiche Einrichtungen. Eine Art Babyklappen, in denen
seit Mitte des 14.Jahrhunderts unerwünschte Kinder abgegeben wurden
und heranwuchsen. Das Ospedale della pietà war eines für Mädchen,
mit tausend Zöglingen das größte in Venedig.
Ihren Unterhalt bestritten die Mädchen mit Musizieren. Jeweils
samstags und sonntags waren Konzerte. Frauen, die sonst nicht
öffentlich auftreten durften als Instrumentalistinnen – hier hatten
sie ein Podium. Interessierte aus ganz Europa strömten zu diesen
Concerti und Oratorien in die Serenissima. Der
"prete rosso", der rote Priester, wie man Vivaldi seiner
roten Haare wegen nannte, war spätestens ab 1711 ihr Star.
Da erschien in Amsterdam gedruckt sein opus 3, der estro armonico,
seine musikalische Stechfliege. Ein ganzes Bündel von Notendrucken Vivaldis nahm
von hier ihren Weg. Am berühmtesten die quattro stagioni,
die Vier Jahreszeiten, das opus 8.
Andere hatten ebenso bildhafte Titel wie la cetra, die Leier,
oder la stravaganza, die Extravaganz.
Die andere Attraktion Venedigs: Opernhäuser.
Allein sechs arbeiteten parallel zu den besten Zeiten in der
Lagunenstadt. Gemietet waren sie von privaten Pächtern. Auch Vivaldi
versuchte sich auf diesem "Markt". Für seine erste Oper "übte" er
zwar erst mal in der Provinz. Im Sommer 1714 dann startete er durch
im Venezianer Operntempel Sant'Angelo.
Mehr als ein Dutzend Opernprojekte hat er allein hier realisiert. In
den Pausen der Aufführungen konnten die Besucher Vivaldi erleben als
Hexengeiger.
Erfolge sammelt er bald auch in Florenz, Mailand, Rom. Aber die
Neider ruhen nicht. 1720 veröffentlicht ein Konkurrent eine Satire
über das Theater "alla moda". Und mit
dem Mode-Theater meint er den anerkannten Schnellst-Schreiber der
Zunft, Vivaldi. Der rühmte sich zwar, er könne Noten schneller
schreiben als andere spielen. Doch der Geschmack wandelte sich. Mehr
Leichtigkeit, mehr Oberflächen-Koloratur ist nun gefragt – Vivaldi
mit seinem ausgesprochen räumlichen Klangsinn kann da kaum folgen.
Der Gau
kommt in Ferrara. Vivaldi soll dort die Karnevals-Opernsaison
1738/39 organisieren. Aber der örtliche Kardinal Tomaso
Ruffo statuiert ein Exempel. Er gräbt
ein altes Verdikt aus, wonach es dem Klerus verboten sei, am
Karneval teilzunehmen. Die Purpurrobe zückt dem roten Priester
die rote Karte. Ohnehin habe Vivaldi seit Jahren keine Messe
gelesen. Und dann sei da auch noch seine "amicizia",
eine Freundin. Anna Girò, Tochter eines
Perückenmachers – Vivaldi kannte sie aus dem Ospedale.
Wie eng die Beziehung war – wir wissen es nicht.
Aber Anna war wohl mehr als seine Muse. Sie lebte mit ihrer
Schwester, einer Krankenpflegerin, bei ihm. Alle seine wichtigen
Opernpartien hat er für sie geschrieben. Zwar wird der gestrenge
Kardinal zurückgepfiffen später vom Papst, aber Vivaldi ist als
Impresario bankrott. Die Stechfliege fliegt 1740 mit Anna aus nach
Wien.
Am Hofe Karls VI, mit dem er einst in Triest so schön parlierte und
musizierte – von Karl erhofft er sich eine neue Chance. Als er
ankommt, ist der Kaiser tot. Vivaldi stirbt am 27.Juli 1741 in Wien,
mittellos in einem Armengrab verscharrt wie Mozart. Schnell
vergessen sind seine Opern, sein Name überhaupt. Dabei waren seine
Concerti einst Leitstern selbst für einen Johann Sebastian Bach. Und
dass man erst mit der Wiederentdeckung Bachs sich auch Vivaldis
wieder zu erinnern begann vor gut hundert Jahren – kaum
nachvollziehbar heute.
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