BFsp ab 2012

 

Maerzmusik wohin?

Die Ausgabe 2017 vom 16.-26.03.

Besucht: Konzerte im Zeitraum 16.-23.03.2017

Auftakt im großen nach beiden Seiten geöffneten Saal des Hauses der Berliner Festspiele mit einem Komponisten, dessen Namen man wohl kaum je gehört hat: Julius Eastman. Vorgestellt wird er als ein Schwarzer, aktiv in der Bürgerrechtsbewegung und in der Gay Community. Ästhetisch verankert bei Cage, im Jazz, in der New Yorker Szene. Die Musikstücke, die man zu hören bekommt nennen sich „Evil Nigger“, „Gay Guerilla“, „Crazy Nigger“. Sie stammen aus den Jahren 1978/79. Gespielt werden sie an vier und mehr Klavieren.

Es ist Musik, beeinflusst von der Minimal Music, der repetitiven Abteilung. Die vier Pianisten hämmern mit oft konstanten Metren oder Rhythmen in die Tasten. Bei „Evil Nigger“ hört man immer mal einen wiederkehrenden Bordun-Bass, wie eine Kadenz, bei „Gay Guerilla“ den Luther-Choral „Ein feste Burg“, bei „Crazy Nigger“ wird das Spielerpersonal erweitert. Die Polyphonie ergibt sich zum Teil aus den Obertönen. Die Harmonik ist ähnlich wie bei Charles Ives übereinander geschichtet. Die scheinbare unmerklich sich verändernde Monotonie könnte einen in Trance setzen. Spätestens draußen an den computerisierten Ausstellungsvideos – ohne geht’s wohl nicht mehr – verflüchtigt sich die.

Julius Eastman an 4 Klavieren

Die MaerzMusik 2017, die dritte des Berno Odo Polzer, will vor allem vergessene Komponisten des 20.Jahrjunderts präsentieren. Etwas zurückgedrängt, auch wenn das öffentlich nicht thematisiert wird, ist die interdisziplinäre Allerwelts-Weisheits-Vermittlungs-Bude „thinking together“. Offenbar gab es nach der vielen Kritik daran doch einen Wink von oben das zurückzufahren. Schließlich soll dies ein Festival sein, das der an den Rand gedrängt zeitgenössischen Musik ein Forum öffnet, nicht eines der unendlichen Talkrunden.

Als Eröffnung am Vorabend steht mit „The Electric Harpsichord“ eine Art Lounge-Konzert auf dem Programm. Die Komposition aus den 1970iger Jahren stammt von der schwedisch-amerikanischen Klangkünstlerin Catherine Christer Hennix. Sie lebt in Berlin-Neuköllln, hat in den 60iger Jahren bei einigen Avantgarde-Größen wie Iannis Xenakis und Karlheinz Stockhausen studiert, orientierte sich dann bei La Monte Young und dem Raga Meister Pandit Pran Nath und ging weiter zu Studien der Gagaku- und der frühen Renaissancemusik.

Was man in dem zu einem Kulturraum umgestalteten ehemaligen Krematorium „Silent Green“ in Wedding zu hören bekommt, ist Minimalmusik der schlichteren Art. Über Bordun-artigen Bässen zu hören ein Geflimmer und Gewisper gurgelnd-blubbernder Synthesizer-Töne. Man konsumiert die am besten in liegend-schlafender Haltung, wie es das Publikum in dem Andachts-Oktogon auf Teppichen zumeist auch tat. Die Suggestivkraft dieser Komposition erreicht allerdings bei weitem nicht die etwa der Ensemble-Musiken von Steve Reich. So wandern schon nach fünfzehn Minuten die ersten Besucher ab. Mit einer neueren Komposition ist Hennix im Verlauf des Festivals noch einmal im Programm.

Ein weiterer Abend ist mit einem Video u.a. Charlemagne Palestine gewidmet. Ich erlebte in den 1970iger Jahren ihn mit einer Session bei den legendären Bremer Tagen für neue Musik, als er an einem Flügel einzelne Töne anschlug oder besser gesagt anhämmerte (Eastman hat davon offenbar gelernt) – und man dann den mitschwingenden Obertönen nachlauschen konnte. Das Video, das hier eingespielt wird, zeigt eine mit Handkamera aufgenommene rasante Motorradfahrt über Schotterstraßen in Island. Düsteres Wetter, hier und da ein Haus, ein Dorf. Das Motorengeräusch: ohrenbetäubend, und darüber einzelne gelallte Laute wie Okay oder indianisch klingende Gesänge. Zuletzt zu Fuß, schon fast im Dunkeln, endet die Rallye an einem Leuchtturm. Auf seine Weise waren diese 30 Minuten faszinierend, wenn auch manchen vielleicht nervend. Jedenfalls sehr authentisch.

Das konnte man von dem zweiten Teil des Abends nun gar nicht behaupten. Der gehörte Eva Reiter, einer jazzig animierten Sängerin, die eher in Science Fiction Formate passt. Sie arbeitet mit elektronischen Verfremdungen und der elfköpfigen „Ictus“-Band, raunt, intoniert, mümmelt Texte (von Lichtenberg!), lässt ein bisserl Licht dazu aufblenden. Gegen Ende steht sie auf ihrem hohen Podest im roten Lichtkegel, was wohl magisch wirken sollte. Tut’s aber nicht. Reiter wurde im Vorfeld anempfohlen als besonderes, kommendes Talent. Viel davon zu merken ist an dem Abend nicht. Das Ganze war recht angeschafft, aufgesetzt, sollte wohl irgendwie ober-cool wirken, und bleibt doch ganz und gar äußerlich.

Ein anderer „Ausgegrabener“ dieses Festivals: Walter Smetak. Dieser gebürtige Schweizer Cellist und Komponist mit tschechischen Wurzeln wanderte in den 1930iger Jahren nach Brasilien aus. Bekannt wurde er als Klangtüftler und Instrumentenbauer. Mit vielerlei lokalen Materialien bastelte er diverse Streich- und Zupfinstrumente, u.a. eine Art Kürbis-Cello. „Re-inventing Smetak“ war der Abend des von Vimbayi Kaziboni geleiteten Ensemble Modern getitelt. In einem Film konnte man Smetak auch auf diesen selbst geschaffenen Instrumenten allein sowie mit einer Gruppe streichen und zupfen sehen und hören. Es klang eher rau und roh. Mehr als ein Hinweis war das nicht.

Und auch nicht, was als Rahmen-Programm in dem Konzert des ja immerhin renommiertesten deutschen Neue-Musik-Ensembles im Haus der Berliner Festspiele zu hören war: Zum Auftakt etwa „…tak-tak…tak…“ (2017) von Arthur Kampela: ein räumlich konzipiertes Stück mit diversen Schlaginstrumenten, das auch schön räumlich exekutiert wurde. Benutzt wurden da etwa bloße Haushalts-Utensilien wie eine Bohrmaschine, die zu Klanginstrumenten „geadelt“ wurden. Alles nicht so furchtbar originell. Oder von Liza Lim gab es eine „Ronda“ mit drei Blechblasinstrumenten (teilweise ersetzt durch Gummischläuche mit Plastiktrichter), halbwegs lustig. Aber weltbewegend gewiss auch nicht.

Die 30-Stunden-Nacht im kalten Kraftwerk habe ich mir erspart – Quantität ersetzt nicht Qualität –, wie auch das „together“-Geschwätz. Es sind Ausflüchte um zu verbergen, dass die Leitung mit ihrer eigentlichen Aufgabe „neue Musik“ zu präsentieren bzw. zu inspirieren nichts anzufangen weiß. Dass man den Besuchern, jüngeren Menschen und gealterten Jungen, diesen Diskurs verweigert, zeigt auch die Tatsache, dass fast keine Hintergrund-Information außer den dürftigen Laufzetteln und dem schmalen Programm-Büchlein mehr an die Hand gegeben werden – wo man anfangs mit kleinst-gedruckten, fast unleserlichen Texten von vielen grauen Buchstaben auf viel grauem Papier gleichsam zugeschüttet wurde.

„Festival für Zeitfragen“ nennt sich der Frühjahrs-Event der Berliner Festspiele im Untertitel. Die eigentliche Zeitfrage wäre wohl: MaerzMusik, wohin? Gewiss es ist schwer heute, ein spannendes Festival zu kreieren. Aber so viel selbstgefälliger Leerlauf müsste auch nicht sein.

Foto: © Camille Blake


München leuchtet
(mal nicht schwarz)

Die drei Spitzenorchester der Bayerischen Landeshauptstadt beim Musikfest Berlin

02.-20.Sept. 2016

Kirill PetrenkoDas war wohl das Konzert, auf das man besonders gespannt war: Kirill Petrenko, der designierte Chef der Berliner Philharmoniker, mit seinem derzeitigen Ensemble, dem Bayerischen Staatsorchester. Und es war ein Konzert, das allerhöchste Erwartungen erfüllte: wie bei György Ligetis „Lontano“ (1967) die feinnervigen Farbwechsel der Klänge im Geiste von Schönbergs Farbenstück opus 16/3, gleichsam aus dem pppp-Nichts kommend; wie bei Béla Bartóks sehr rarem, erst spät überhaupt bekannt gewordenem „Konzert für Violine und Orchester Nr.1“, eine Liebeserinnerung, beginnend wie ein fast melancholisches In-die-Ferne-Hören der Solo-Violine (Frank Peter Zimmermann) und dann im zweiten Satz die immer wieder rhythmisch-tänzerische Erregtheit des ganzen Ensembles. Schließlich bei Richard Strauss‘ etwas patriarchalisch anmutender „Symphonia Domestica“, in der das Orchester seine volle Farbpracht entfalten konnte und Petrenko mit wahren Schaukünsten der Zeichengebung und Akzentsetzung ein höchst modern anmutendes Klanguniversum entfaltete. Schon das ein Genuss.

Eingebettet war dies Konzert in einen Dreiklang der Münchener Orchester mit dem des Bayerischen Rundfunks zum Auftakt. Mutig war es, das Berliner Musikfest mit Wolfgang Rihms über dreißig Jahre altem Poème dansé „Tutuguri“ zu eröffnen. Das Werk, einst von Götz Friedrich für die Deutsche Oper in Auftrag gegeben und inszeniert als abendfüllendes Ballett, hat es, was den erforderten Orchesterapparat anlangt, in sich. Und das BR-Symphonie-Orchester unter Daniel Harding kann man nur bewundern für die Präzision und den Klangreichtum, mit dem die Musiker das über zweistündige Opus aufführten. Aber ist es wirklich ein Werk, das für den Konzertsaal taugt?
Eher nicht. Rihm macht mancherlei Anleihen, etwa bei Strawinskys Tanztheater-Stück der Moderne schlechthin „Le sacre du printemps“ mit seinen stampfenden Anfangs-Rhythmen, aus denen sich das Werk aufbaut. Bei Rihm aber entwickelt sich nichts. Rihm setzt in seinem Orchesterklang auf möglichste Abwechslung in kurzen Partikeln. Lediglich Perioden mit Repetitionen gibt es immer wieder, oder es gibt das grandiose Ensemble der Pauken und Trommeln im ersten Teil – und dann zum Schluss, der allein ihnen gehört. Das Stück beginnt „trocken“ mit einem wild gestikulierenden Schauspieler Graham Forbes Valentine und seinen Tiraden. Im zweiten Teil kommen dann auch noch chorische Stimmen dazu (hier vom Band). Zudem weitet sich das Orchester mit vier im Raum platzierten großen Tamtams. Auch der Schauspieler wandert. Einen Konzertabend trägt es nicht.

Grandios der Klang, den die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev bei Dmitri Schostakwitschs Vierter Symphonie (c-Moll, op. 43, 1935/36) entfalteten. Mit voller Geigenbesetzung war auch dies Orchester podiumfüllend angetreten. Schostakowitschs Vierte ist die Symphonie, die er angesichts der stalinistischen Angriffe zunächst zurückzog, deren Partitur dann „verloren ging“ und die Schostakowitsch „rekonstruierte“. Erst in der Tauwetter-Zeit konnte diese Vierte uraufgeführt werden. Gergiev ließ sie spielen mit der vorgespannten Sinfonie Nr. 3 „Isése Messija, Spasi nas!“ von Galina Ustwolskaja, die Schostakowitsch als eine der wichtigsten Komponist*innen neben ihm in der damaligen Sowjetunion schätzte. Allerdings musste das Publikum 18 Minuten warten, bis Gergiev mit dem Rezitator Alexei Petrenko auf dem Podium eintraf. Warum?
1995 konnte die St. Petersburger Komponistin Ustwolskaja, lange im Westen ein Geheimtipp, erstmals ins westliche Ausland ausreisen. Auf Einladung von Reinbert de Leeuw kam sie nach Amsterdam. Gergiev leitete damals mit dem Concertgebouw Orchestra die Uraufführung dieser Sindonie. Das Werk, gespielt mit Bläsern, Kontrabässen und Trommeln, gleicht in seinem dumpfen Kondukt eher einer Totenmesse mit (wohl) Gottes-Anrufungen des obligaten Sprechers, der Texte des Herrmann von Reichenau (1013-1054) rezitiert, hier in russischer Sprache. Demgegenüber wirkt Schostakowitschs oft an Mahler anknüpfender episodischer Klanggestus der ständigen Wechsel wie ein hochartifizielles Produkt mit gelegentlichen lyrischen Ausblicken. Gewaltig die pompöse Schlussapotheose in D-Dur, die dann aber doch nach Moll zurückgenommen wird.

München leuchtet, mal ausnahmsweise nicht schwarz, und das beim Musikfest Berlin.

Foto: © Monika Rittershaus


Heilschlaf?

Das zweite „Zeitfragen“-
MaerzMusik-Festival (Nr.15)
mit Blick ins digitale Universum

12.-20.März 2016 (Zeitraum: bis 17.03.16)

Als Festival für ZEITFRAGEN versteht der neue, aus Österreich stammende Leiter Berno Odo Polzer die „MaerzMusik“. Musik, neue Musik, hat sich verkrochen in die Ritzen und Ränder, ist zur Nischenerscheinung geworden wie generell in der öffentlichen Wahrnehmung. Stattdessen: talken, talken, talken. Luftblasen, Rauchwolken.

Marino Formenti & friends

Gleich das Eröffnungs-„Konzert“ mit dem Pianisten Marino Formenti machte das klar. Eine Klavier-„Party“ wollte das viel lieber sein. Das Publikum konnte sich lässig in Sesseln oder auf Matratzen um den Flügel herum niederlassen, oder auch konventioneller in den Sesseln des Parketts oder auf den ansteigenden Bankreihen in der geöffneten Hinterbühne.

Und der Pianist wollte nicht wirklich ein Programm spielen, sondern sich mit den Besuchern unterhalten, sie neben sich auf dem Klavierschemel Platz nehmen lassen oder Anfragen nach Musikstücken von ihnen entgegen nehmen. Selber begann er mit einer Cluster-schweren Klaviersonate der Galina Ustwolskaja und als pfiffigem Kontrast einem hauchdünnen Gespinst von Franz Liszt.

Laut Programmzettel sollte mit dieser Konzert-Party die Distanz zwischen Interpret und Publikum überwunden werden. Oder in dem geschwollenen Deutsch Formentis sollte das Publikum eingeladen werden, „den Zwischenraum, den wir Musik nennen, als solchen zu erfahren“. Ich habe dann ziemlich bald zu der laut Programm angebotenen Option – neben Schlafen, Kuscheln, Langweile – „Ignorieren“ gegriffen. Fokussieren, ebenfalls „erlaubt“, war in solchem Ambiente nicht möglich.

Vor allem wird auf diesem Festival also nachgedacht: „Thinking together“ heißt das neudeutsch. Geredet wird, laut Ankündigung, über so drängende Fragen wie das digitale Ganze. Nun ja. Immerhin durfte man auch da die Option „Ignorieren“ wählen. Beim Thema Computermusik, die bei Lejaren Hiller vor fünfzig Jahren schon öde klang, habe ich den nämlichen Knopf gedrückt.

Von der wenigen bedenkenswerten Musik könnte man die Variationen der Schubertschen „Winterreise“ von Bernhard Lang nennen, „The Cold Trip“. Oder, mit starken Abstufungen, das „Artificial Environment No. 8“ für Klavier und Tonband von Joanna Bailie, eine Art Einhören in Viertelton-Schwebungen. Streckenweise, zumal in den Stücken mit Instrumental-Ensemble, klang das aber auch wie ein etwas hilfloses Anknüpfen an Charles Ives oder die „Musique concrète“ Luc Ferraris.

Muss man da nicht nostalgisch werden? Ein bisschen schon, um die Relationen besser einzuschätzen, als Musikfestivals noch einer Sache dienten, als sie vor allem was mit Musik zu tun hatten und nicht mit dem Narzissmus einzelner Macher. In den 1970-iger Jahren gab es mal in Bremen ein kleines, feines Festival beim örtlichen Radio, kuratiert von einem wirklichen Komponisten, Hans Otte. Alle zwei Jahre an einem verlängerten Wochenende fand das statt. Vor allem die amerikanische Moderne um Cage wurde da präsentiert.

Nam June Paik etwa ließ da seine Partnerin Charlotte Moorman auf einem Eis-Cello spielen. Charlemagne Palestine hämmerte einzelne Töne ins Klavier, um den Oberton-Schwingungen nach zu lauschen. Wolf Vostell zelebrierte eine Kerzen-Session mit intuitiver Musik. Terry Riley und La Monte Young luden ein in ihre musikalischen Mediationsräume. Oder es gab grenzüberschreitende Events wie etwa einen Besuch im Schwimmbad, wo man die Ausbreitung der Schallwellen unter Wasser studieren konnte.

Klar – sowas ist heute „abgegessen“ wie auch die Ausflüge in die ethnologische Sparte, die Walter Bachauer bei seinen drei „Metamusik“-Festivals in den 70iger-Jahren programmierte. Heute lädt man zum öffentlichen Schlafen ein. 8 Stunden mit einem Max Richter oder 30 Stunden beim „Long Now“ auf Feldbetten im eiskalten Tresor. Den Heilschlaf der Erda? Mein eigenes Bett ist mir doch lieber, und neue Zeiterfahrungen gibt’s da jeden Morgen beim Erwachen zuhauf. Außerdem bietet das Internet-Radio inzwischen weltweit so viel Aufregendes, dass sich Festivals wie diese MaerzMusik erübrigen. Arbeitet man daran?

Ach – und noch ein köstlicher Joke am Rande des Konzerts mit dem Ensemblekollektiv Berlin unter Enno Poppe. Geboten wird Eduardo Moguillanskys „Jardin d’Acclimatation“, eine Uraufführung. Es ist ein (nicht ganz neuer) Versuch, mit der Umkehrung der Verhältnisse unerwartete Klangergebnisse zu zeitigen. Auf den Geigenbogen ist offenbar statt der Rosshaar-Fäden Magnetband gespannt. Es ergeben sich im ersten der vier Teile dezent gurgelnde, blubbernde Geräusche. Wie bei einem DJ, wenn er die Vinyls hin- und herruckelt, nicht besonders spannend. Leider kein Gefühl für Zeit bei diesem Komponisten wie bei vielen heute. Sie sollten mal wieder Webern studieren.

Ich sitze in der hintersten möglichen Reihe des Festspielhauses am Rande. Kurz vor Beginn kommen noch zwei junge Frauen und setzen sich auf die Plätze neben mir. Sie werden bald schon ungeduldig, kramen ihr Handy raus, lesen mit dem schwachen Licht der Benutzeroberfläche des Handys im Programmzettel, tuscheln miteinander. Nach dem gut viertelstündigen ersten Teil stehen sie entschlossen auf, drängen zur Tür. Die zweite der beiden Frauen will sich im Hinausgehen noch vergewissern und fragt mich: ist das hier wirklich die Bar jeglicher Vernunft? Ich beruhige sie und flüstere ihr den Weg: außen rechts um die Ecke und das Parkdeck hoch…

PS: Auch das Publikum scheint verstanden zu haben und blieb reserviert. Nur 9.500 Besucher zählte die offizielle Statistik. In den guten Jahren kamen auch mal über elftausend.

Foto: © Camille Blake


Königsweg in die Moderne?

Schönberg – Mahler – Nielsen: Das 11. Musikfest Berlin 2015

02.-20. Sept. 2015

Dre Trompeter des Michael Marco BlaauwGegen Ende und als Höhepunkt gedacht: Karlheinz Stockhausen, der gut einstündige zweite Akt aus DONNERSTANG aus LICHT „Michaels Reise“. Von Köln aus westwärts bis nach Jerusalem mit einem schönen Kreuz am Schluss. Merkwürdig gestrig wirkt dies Werk heute mit seiner naiv-kitschig-bedeutungs-huberischen Theatralik der Musiker, die da musikalische Duos, Duette, Duelle ausführen in eher lächerlichen Batman- oder Schwälbchen-Kostümen wie ran-gebeamt von der Musicalfront. Auch musikalisch ist das 1977-80 entstandene Opus dieses Stockhausenschen 7-Tag-über-Wagner-Rings nur mehr nette Post-Avantgarde. Wird man es je in Gänze aufführen, aufführen müssen? Wohl kaum. Jedenfalls nicht mit den pseudo-szenischen Vorgaben des Komponisten.

Begonnen hatte das Musikfest mit einem Schönberg-Programm der Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim. Die dabei gespielte Streicherfassung der „Verklärten Nacht“ machte einmal mehr deutlich, wie heikel diese Umsetzung vom Streichsextett auf ein großes Ensemble ist. Vor allem am Anfang klang das alles eher verschwommen – auch durch Barenboims romantisierende Tempi. Erst gegen Schluss in den hohen Flageolett-Partien entfaltete sich so etwas wie Sinnhaftigkeit der Orchesterfassung.

Ein Monument von Orchester-Klanggewalt dann das Konzert des Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons mit Mahlers Sechster. Vor allem auf die scharfen Kontraste kam es Nelsons an, der sich wieder einmal eher störend durch Dirigierakrobatik hervortat. Die Zwischentöne gingen dabei unter, und mit ihnen der berühmte Hammerschlag. Der Kontrast dazu: Zubin Mehtas Konzert mit dem Israel Philharmonic Orchestra und Mahlers Neunter. Sehr differenziert bei sparsamster Zeichen-Gebung kam das über die Rampe.

SWR SO und die 6 1/12ton-Klaviere

Mit zeitgenössischer Musik wartete einmal mehr (und zum letzten Mal in dieser Formation) das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter François-Xavier Roth auf. Zuerst erklang da von dem Viertelton-Experimentator Iwan Wyschnegradsky (1893-1979) ein „Arc-en-ciel“ genanntes Stück für sechs im Zwölftel-Ton-Abstand gestimmte Klaviere. Zwischen 1956 und 1972 entstanden ist es wie ein analoger Versuch zur Elektronik, mit schwebenden Klängen. Und danach von Georg Friedrich Haas die „limited approximations“ (2010), ebenfalls mit diesen 1/12-tönig gestimmten Klavieren und Orchester, deren Musik gelegentlich wie durchhuschende Schwärme anmuteten.

Eine weitere gewisse Novität: die Carl-Nielsen-Linie im Musikfest-Programm. Prominent vertreten durch das Royal Danish Orchestra aus Kopenhagen unter Michael Boder. Nielsens Fünfte Symphonie aus den Jahren 1921/22 war da zu hören. Eine Musik voll des inneren und äußeren Kriegs mit enervierenden Repetitionen, stakkato-haften Märschen oder strengen Fugati – und mittendrin eine Wiesen-Idylle mit gleichsam weidenden Milchkühen. Der Däne Carl Nielsen (1865-1931), teilweise Zeitgenosse von Mahler und Schönberg, hatte eine schwierige Ehe und lebte in unruhigen Zeiten, aus denen er immer wieder zu fliehen suchte. Man hört es an seiner Musik: hochpsychotisch, nicht uninteressant, aber doch auch etwas abgelegen.

Eine Besonderheit auch das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Ingo Metzmacher. Zum Auftakt gab es da von Iannis Xenakis „Shaar“, eine Art musikalische Wirbelwind-Maschine für Streicher, danach Mahlers „Kindertotenlieder“ mit der in der Mittellage vielleicht etwas kraftlosen, aber besonders im Schlusslied „In diesem Wetter“ sehr farbig gestaltenden Altistin Wiebke Lehmkuhl. Und schließlich Schönbergs eigentlich szenisches Oratorium „Die Jakobsleiter“ (1915/22) mit im ganzen Raum verteilten Sängergruppen. Wie so manches andere Schönbergsche Großwerk blieb es Torso. Winfried Zillig besorgte die orchestrale Einrichtung nach dem Particell. Eigentlich ist es Theater-Musik. Durch die nur konzertante Aufführung blieb der Gesamteindruck zwiespältig. Sänger singen im Konzert anders als auf der Bühne, leicht outriert.

Insgesamt bot auch dieser Jahrgang wieder ein sehr interessant zusammengestelltes Programm. Gut besucht die Konzerte mit den bekannten Interpreten-Namen. Trotz auch weniger bekannter, sogenannt „sperriger“ Werke. Und einmal mehr stellt sich am Ende die Frage, sind Schönbergs Werke vor allem Festival-Werke, war Schönbergs Weg in die Zwölftönigkeit wirklich der Königsweg in die Moderne?

Fotos: © Kai Bienert


Haltung zur Welt“

Die neu als „Festival für Zeitfragen“ gestaltete „MaerzMusik“ 20.-29.März 2015

Zum 14.Mal veranstalten die Berliner Festspiele das Festival „MaerzMusik“. Ein Festival für „aktuelle Musik“ nannte es der bisherige Leiter MATTHIAS OSTERWOLD. Jetzt hat der Österreicher BERNO ODO POLZER die Leitung übernommen. Er programmierte es um zu einem „Festival für Zeitfragen“. Eine Zwischenbilanz.zum 27.3.
Musik: DANIEL KÖTTER & HANNES SEIDL „Ökonomien des Handelns 1: Kredit“: „Ich denke wir werden noch eine Zeitlang mit dem Monster Geld tanzen / Ja, ja…“

IctusEnsemble mit "Timer"Börsenmakler unterhalten sich bei einer Party über den jüngsten Crash. Der Filmemacher Daniel Kötter hat sie einen Arbeitstag lang filmisch begleitet. Die Gespräche am Telefon, auf Fluren, in der Bar werden live synchronisiert von zwei Sprechern, einem Geräuschemacher und weiteren Mitwirkenden, inklusive Chor, Musik: Hannes Seidl. Als „ästhetisches Labor“ will der neue Leiter Berno Odo Polzer sein neu gestaltetes Festival verstanden wissen, dabei vor allem Fragen der Gegenwart nachspüren. Ein gefilmtes Musiktheater wie das von Daniel Kötter und Hannes Seidl über die „Ökonomien des Handelns“ war da noch der bislang triftigste Programmpunkt dieser MaerzMusik.

Begonnen hatte das Festival lautstark mit einem „Liquid Room“ genannten Konzert auf der Haupt- und den Seitenbühnen des Hauses der Berliner Festspiele. Auf vier Podien wechselten die Ensembles und Solisten nahtlos. Festivalleiter Polzer hasst Umbaupausen. Das Publikum konnte frei flottieren wie in einer Disco, im Club, im Shopping-Center; oder man konnte auch hinausdriften an die Bar, was nicht wenige bevorzugten. Akzentuiert war das vierstündige Programm mit Licht- und Video-Flashs oder akustischen Kuriositäten. „Musique d‘ameublement“ nannte Eric Satie ein solches Konzept zur Lockerung des Konzert-Rituals – vor hundert Jahren. Polzers „flüssiger Raum“ klingt natürlich cooler und süffiger als Saties „Möblierungs-Musik“.

POLZER: Für mich ist Hören in erster Linie Haltung zur Welt. Eine Form, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, eine Haltung, die wir im Festivalprogramm in unterschiedlicher Weise entfalten.

Ein Schwerpunkt: die Hommage an den aus Griechenland stammenden, in Paris lebenden Komponisten Georges Aperghis. Neben frühen Solostücken waren als Hauptwerk zu hören die „Situations“. Musiker des Klangforums Wien spielten sie, eine Folge unterschiedlicher Klanggesten, in ihrer Cluster-Technik erinnernd an Aperghis‘ ebenfalls griechisch-stämmigen einstigen Mentor Iannis Xenakis. Daneben gab es auch Konzerte mit kleineren Stücken verschiedener Komponisten. Auch Uraufführungen: Zeena Parkins etwa erinnerte mit ihrer an den Sohn von Walter Benjamin.

Begleitet wurde das Programm durch Begegnungs-Möglichkeiten im Haus der Festspiele. Anfangs mit einer dreitägigen Konferenz unter dem Motto „Thinking Together“. Diverse Redner, teils per Skype aus Übersee herangebeamt, präsentierten ihre Theorien über ein bunteres Leben nach Kapitalismus und Neoliberalismus. Münden wird dies Festival in ein 30-(minus1)stündiges Event im eiskellerartigen Kraftwerk-Mitte, Feldbetten- und Frühstücks-Service inbegriffen. Neue Zeiträume und -dimensionen soll man da erträumen können. Titel: „The Long Now“. Um luftige Sprechblasen ist die Leitung ja nicht verlegen.

Aber das könnte vielleicht ein Thema sein für eine nächste MaerzMusik: Luft. Auch die geht uns alle an – und hat sogar was zu tun mit Musik. Am Rande. Und auch da dürfte das junge Publikum strömen, wie jetzt.

Foto: Martin Hufner mit Ensemble Ictus bei Liquid Room


Horn, Hörner - Alphorn

Das Musikfest Berlin 2014

02.-22.Sept. 2014

Die Romantik und das Instrument der Romantik, das Horn, ist das Hauptthema dieses zehnten Musikfests Berlin. Brahms und Schumann und ihre Haltung zum Horn in der Modernisierungsphase des 19.Jahrhunderts vom Natur- zum chromatischen Klappenhorn stehen im Mittelpunkt. Die damit verbundene Literatur ist weitgehend geläufig. Hier deshalb nur ein paar Glanzlichter am Rande.

Alphorn-TrichterMit dem Konzert für vier Alphornisten und Orchester des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas konnte Festival-Leiter Winrich Hopp einen besonderen Leckerbissen reichen. Begleitet vom SWR-Sinfonieorchester unter François-Xavier Roth erklang da in dem pseudo-barocken „concerto grosso Nr. 1“ eine Mischung aus Steve Reich und Edgard Varèse, um die Eckpunkte zu nennen. Pulsierende, an- und abschwellende, durch stringendo und rallentando charakterisierte Klänge baut Haas zu einem eindrucksvollen Gebäude. Und dazwischen immer wieder die gleichsam um ihr Echo buhlenden langgezogenen Klänge der Alphörner. Jede(r) SpielerIn hatte mehrere zu bedienen, um eine möglichst geschlossene chromatische Skala dieser Natur-Instrumente zu bedienen. Von besonderem Reiz auch die Schwebungen zwischen diesen Instrumenten.

Ein traditionelle Muster neu überprüfendes Konzert des Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst war das mit Kompositionen von Jörg Widmann. Sensationell das ppp in dem Orchesterwerk „Lied“, mit dem das Stück und zugleich das Konzert begann. So hauchzart wie hier kann man ein Orchester ganz selten hören. „Lied“ stützt sich weitgehend auf klangliche Modelle von Gustav Mahler. Viele einstimmige Streicher-Tutti beschwören auch etwas Nostalgisches. Das andere neuere von den insgesamt vier Werken des Abends „Flûte en suite“ lehnt sich an bei Bach. Die Schluss-„Badinerie“ seiner zweiten Suite h-Moll zitiert Widmann dann sogar original allerdings in einem maschinen-zeitalterlich ironischen Tempo und Duktus. Dazwischen gibt’s auch mal wieder eine Art Mahlerschen Trauermarsch, genannt Choral. Der gefeierte Virtuose an der Flöte Joshua Smith spielte übrigens vom Tablet nicht von gedruckten Noten, Umblättern per Fuß-Klick.

Etwas enttäuschend das Konzert mit den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott. Merkwürdig schon die Programmzusammenstellung, beginnend mit einer Orgel-Fantasie von Max Reger, gespielt von Christian Schmitt. Die Philharmonie bietet eben nicht die Akustik einer Kirche und die Klangballungen dieses opus 135b kommen in einem solchen dafür zu trockenen Raum kaum zur Geltung. Erstaunlich gelungen dann aber die wunderbaren „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss mit der nur anfangs etwas eng klingenden, dann immer mehr ihr Organ weitenden Christine Schäfer als Solistin. Strauss‘ „Metamorphosen“ als Einleitungsstück dazu wären wohl viel passender gewesen. Helmut Lachenmanns „Ausklang“ zum Schluss – erstaunlich dass inzwischen ein solches auf Tradition getrimmtes Orchester ein derartiges Stück zu spielen vermag. Mir schien allerdings etwas zu viel an bloßen Hauch-Geräuschen der Orchesterinstrumente und pedalisiertem Echo-Heischen des Soloinstruments Klavier (Pierre-Laurand Aimard) zu dominieren und der dramaturgische Aufbau etwas wie aus dem Zettelkasten, zumal für fast 50 Minuten Dauer. Webern und seine Aphoristik scheinen heute leider ziemlich vergessen.

Am wenigsten beeindruckend für mich der Auftritt der Sächsischen Staatskapelle mit Christian Thielemann. Sofia Gubaidulinas etwa halbstündiges Violinkonzert „In Tempus praesens“ mit dem wundersamen Gidon Kremer als Solisten ist ein interessantes Kreis um den Halbton, der so viel wie Veränderung imaginiert. Und als Zugabe spielte der aus dem Baltikum stammende Kremer dann noch ein volksliedartiges Solo-Stück als Solidarität für die Ukraine. Bruckners „Neunte“ im zweiten Teil ließ Thielemann in dem von ihm bevorzugten kompakten Karajan-Klang, allerdings ohne dessen Feinheiten. Zumal die pp-Stellen waren bestenfalls ein Mezzopiano bis Piano. Die Schlusssteigerung aber wiederum sehr ausgreifend schön.

Das Musikfest Berlin ist gewiss eines von ganz wenigen noch sehr durchdacht programmierten Festivals. Schön dass es sie gibt. Bei der Neuordnung der Festwochen nach der Wende war mal gedacht an eine Dauer von ungefähr einer bis eineinhalb Wochen. Man sollte das auch endlich einmal versuchen, auch wenn dann die Tourneen der diversen internationalen Orchester, die man nach Berlin lenken will, vielleicht etwas schwerer zu koordinieren sind. Dem Gesamteindruck und der Programmatik würde es aber sicher helfen.

Foto: Kai Bienert


Erinnerungen

Die „MaerzMusik“ 2014 präsentiert nach Berlin Zugezogene

Bilanz zum 20.03.2014 (Dauer: 14.-23.März)

„Das Tripas Coração“, frei übersetzt: So hart wie möglich arbeiten. Ein Stück für zwei Pianisten und zwei Schlagzeuger, die rotieren zwischen ihren Instrumenten: die Schlagzeuger auch mal am offenen Klavier, die beiden Pianistinnen auch am Schlagzeug. Der Brasilianer Arthur Kampela hat sich das ausgedacht. Zeigen wollte er, wie Musiker auch mit ungewohnten Instrumenten in quasi existenzieller Not zurechtkommen müssen. Kampela war vor zwei Jahren Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin. Komponisten, die es nach der Wende nach Berlin gezogen hat, ist das diesjährige Festival „MaerzMusik“ gewidmet. Die letzte Ausgabe unter dem langjährigen Leiter Matthias Osterwold: mehr Rück- als Ausblick.

Am meisten versprochen hatte man sich von einer Produktion des Klangforums Wien, die in Schwetzingen Premiere hatte. Titel: „IQ –Testbatterie in acht Akten“. Zu sehen ist da auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele links ein Schalttisch mit (allerdings etwas betagten) Monitoren. Rechts stehen in zwei Reihen acht kleine Pulte für die Probanden. Sie sollen Aufgaben lösen wie: geometrische Figuren einander zuordnen oder Farben, Töne. Die Probanden sind Mitglieder des Instrumental-Ensembles, müssen auch singen. „Singen“ allerdings mit ungeübten Stimmen in der Manier à la Marthaler, auch chorisch. Inszeniert und ausgestattet hat das Anna Viebrock. Überraschungen erlebt man nicht. Und auch Enno Poppe, der die Musik dazu komponierte, hatte wenig Spielraum. Zwischen hysterischen Koloraturen für die eine der beiden Aufseherinnen und Sprechgesang war kaum Gelegenheit sich zu entfalten.

Geübter die acht Stimmen bei Mela Meierhans‘ „Shiva für Anne“, der dritte Teil ihrer sogenannten „Jenseits-Trilogie“. Hatte die aus der Schweiz stammende Komponistin im ersten Teil eine eindrucksvolle Dokumentation seltsamer Totenbräuche aus einem abgelegenen Teil ihrer Heimat erarbeitet, war der zweite Teil schon sehr viel schwächer. Jetzt im dritten Teil lässt sie Aufzeichnungen einer befreundeten englischen Literatin rezitieren, die an Krebs starb. Dazwischen gibt es Stimmübungen, die die einschlägigen Techniken der letzten 60 Jahre durchdeklinieren von Silben-Zergliedern bis Summen, inklusive linguistische Belehrung. Mit ein-dreiviertel-Stunden Dauer wirkt das Ganze ungeheuer geschwätzig. Dazu eine sogenannte Regie, der außer Paradieren der Sänger mit Tablets unterm Arm, Stehen, Sitzen, angestrengt Wichtigtun nichts einfällt.

Aber auch schon der Vor-Eröffnungsabend „Schau lange in den dunklen Himmel“ mit der nach einer Osttiroler Alm-Wiese benannten „Musicbanda FRANUI“ gehörte in diese Kategorie. Texte von Robert Walser bis Heinz Janosch wurden da vorgetragen, wobei mehr der Wunsch nach Bedeutung zu spüren war als das pure Vermögen. Untermalt immerhin von zehn Instrumentalisten, die zünftige Blasmusik mit Hackbrett, Harfe und Zither mischen. Auch nicht besonders originell, aber erfrischend eine geleitete Tour durchs Naturkundemuseum. In Vitrinen kann man da die Entwicklungs-Geschichte tierischen Lebens studieren, vom Lungenfisch bis zum Archäopteryx. In jedem der vier Räume, die man durchstreifte, sitzt eine Gruppe von Musikern des „Splitterorchesters“. Sie improvisieren zu Tonmodellen, meist elektronisch verfremdet – Typ: Wandelkonzert. Vor knapp hundert Jahren hatte Eric Satie schon die Idee zu einer solchen „Musique d’ameublement“. Eine nette Reminiszenz. Aber „aktuelle Musik“?


Die „MaerzMusik“ 2013

Schlagzeug-Minidrama-östliches Mittelmeer als Schwerpunkte

15.-24.März 2013 (Zeitraum: 15.-19.03.)

Beat Furrers „Xenos III“ war eines der wenigen Stücke bisher im Festival von Format. Das Ensemble Resonanz spielte die Deutsche Erstaufführung am 19.03. im Kammermusiksaal der Philharmonie. Eine Musik, die mit ihren glissandierenden Wellenbewegungen das Flirren von Wüstenwind imaginieren will.

Gordon_SlagwerkEröffnet worden war das MaerzMusik-Festival programmatisch mit „Timber“. Sechs Schlagzeuger lässt Michael Gordon mit Holz- oder Metallschlägeln hämmern auf Holzbalken, wie sie als „Stundentrommeln“ seit dem 8.Jahrhundert in Mittelosteuropa gebräuchlich waren. Im Rund stehen die Musiker unter einem Kranz von changierend aufleuchtenden Scheinwerfern. Auch der Klang changiert, bäumt sich auf und verebbt wieder, wobei wechselnde Obertonbereiche anklingen. Die Methode hat vor Jahrzehnten Steve Reich in seinem berühmten „Drumming“ erfunden und zugleich perfektioniert. Gordons „Timber“ wirkt dagegen matt.

Ein anderes déjà-vu der hochpreziöse Auftritt der Schweizer Performance-Künstlerin Charlotte Hug. Stimmakrobatische Laute à la Meredith Monk oder wie die Laurie Anderson der frühen Jahre mischt sie mit skurrilen Geigenklängen. Trippelnd unter „Son-Icons“ genannten großformatigen Zeichnungen auf halbtransparenten Pergamentbahnen versucht sie die Zuschauer auf einen „Slipway to Galaxies“ zu expedieren. Dort ankommen wird wohl niemand.

„Pills or Serenades“ heißt ein Minidrama, das der Brasilianische Komponist Chico Mello auf ein Libretto von Tobias Dutschke komponiert hat. Sprachfetzen werden da von neun Sängern und Instrumentalisten in einer mit fröhlichen Dilettantismen angereicherten halbszenischen Form präsentiert. Zu bewundern ist die Perfektion der Performance dieser Art „Scripted Reality“. Nach dem tieferen Sinn dieser abrupte Stimmungswechsel ausbreitenden „Studie“ fragen muss man nicht. Es ist (nur) eine Performance.

Von der Thematik anspruchsvoller: „Kassandra“ von Michael Jarrell. Eine eigene Sicht bietet Jarrells Monodrama indes nicht. Melodramatisch wird in den Klangteppich des Kammerorchesters „unitedberlin“ das von Christa Wolfs Text inspirierte Libretto eingesprochen. Dazu flimmern Bilder auf einer Riesen-Leinwand. Die Sängerin Anna Clementi, sowie gelegentlich ein Bewegungs-Chor, aber auch reale Bilder erscheinen da in Pamela Hunters dürrer Inszenierung: Die Trojanische Mauer als Berliner Mauer mit ihrem berüchtigten „Grenzregime“ gleichgesetzt – nur einer der Kurzschlüsse.

Für ein Portrait des Komponisten, Klarinettisten und Regisseurs Gene Coleman ist man in ein früheres Stummfilmkino, das derzeit aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird, nach Berlin-Weißensee gezogen. Gezeigt wird dort ein einst avantgardistischer Stummfilm aus dem Jahre 1926 von Teinosuke Kinugasa. Es geht um Psychiatrien in Japan. Coleman hat dazu Live-Musik komponiert. Davor gibt es einen von Coleman selbst gedrehten abstrakten Film über Architektur in Japan, unterlegt ebenfalls mit Live-Musik, die, obwohl eineUraufführung, klingt wie aus den 60iger Jahren.

„Festival für aktuelle Musik“ nennt sich die MaerzMusik im Untertitel. Aktuell scheint vor allem ein gewisser Leerlauf der einst „Neuen“ Musik. Ihr Publikum findet sie dennoch. Oder vielleicht gerade deswegen?


Amerika!

Das Musikfest Berlin huldigt dem nördlichen Halb-Kontinent (31.08.-18.09.2012)

„Holiday Overture“ von Elliott Carter. Die St. Louis Symphony spielte dies Werk aus dem Jahre 1944. Serge Koussevitzky, der einst aus der Sowjetunion nach Boston emigrierte Komponist, Dirigent und Promoter neuer Musik hatte sie bestellt, aber dann lieber im Schrank schmoren lassen. Die St. Louis Symphony, das zweitälteste Symphonie-Orchester der USA, brachte das dann im Nachkriegs-Frankfurt uraufgeführte Carter-Werk jetzt mit zum Musikfest Berlin und bestätigte gewisse Vorurteile, die man gegenüber symphonischer Musik aus Amerika hegen kann mit ihrem fast schon penetranten Optimismus.

Aber da gibt’s ja auch das Amerika, wie es der Komponist und Versicherungs-Kaufmann Charles Ives sah: mit seinem Beschwören der amerikanischen Gründerväter und ihrer Vorstellung einer allen Schichten gerecht werdenden transzendenten Demokratie. In seiner monströsen 4.Symphonie, die Ingo Metzmacher mit den Berliner Philharmonikern höchst plastisch zu Gehör brachte, lässt Ives Choräle intonieren, Eisenbahnen rattern und Dampfmaschinen fauchen, bevor im Finale zum „Näher mein Gott zu Dir“ à la Untergang der Titanic alles im Nichts erlischt.

Die Wahlen in Amerika und der allerorten gefeierte hundertste Geburtstag von John Cage sind thematischer Fokus, um den das von Winrich Hopp mutig kompilierte und erstaunlich gut angenommene diesjährige Musikfest Berlin kreist. Ives, der die Ideen der Pilgrim Fathers auch musikalisch wach hielt mit seinem Übereinander-Türmen unterschiedlichster Schichten, war einer der großen Vorbilder Cages.

Der andere war Arnold Schönberg, bei dem Cage einige Zeit studierte. Schönberg suchte den musikalischen Kosmos zu bändigen mit einer Fülle strenger Regeln, die Cage später dann mit seiner Methode des Zufalls einfach vom Tisch wischte. Von Schönberg hörte man in einer Produktion des Südwestrundfunk-Orchesters unter Sylvain Cambreling konzertant die Torso gebliebene Oper „Moses und Aron“. Mit dieser wollte Schönberg seinem Gesetzeswerk ein Denkmal setzen, auch wenn die damit Beglückten sich diesem Glück verweigern.

Eine weitere Oper konzertant brachten BBC-Chor und -Symphonie-Orchester unter Leitung des Komponisten John Adams: „Nixon in China“. Adams hat darin die historische Reise des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon ins China Maos 1972 rekapituliert. In einer mit halbszenischen Elementen angereicherten Aufführung gelingt Adams mit seiner minimalistischen Musik ein durchaus eindrucksvolles Bild von dieser Begegnung zweier Welten: köstlich der dauer-grinsende Nixon (Robert Orth) vor Fähnchen-schwingender Kulisse beim Bankett.

Von der eher leichten Seite stellte sich auch der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters vor, Tugan Shokiev, der neben Strawinskys in Boston einst uraufgeführter „Pulcinella“-Suite vor allem Songs von Copland bis Bernstein erklingen ließ. Zu einem der Höhepunkte wurde in der Interpretation des Amsterdamer Concertgebouw Orkest unter Mariss Jansons Edgard Varèse‘s „Amériques“. In strudelnden Klängen beschreibt Varèse darin das Amerika des Big Apple New York, wie er es nach dem Ersten Weltkrieg erlebte als pulsierend stampfenden Moloch.



Wanderungen im Cage-Museum

Die 11.MaerzMusik mit den Jubilaren Cage (100) und Rihm (60)

17.-25.03.2012

John CageEigentlich stellt man sich Klavier-Konzerte ja anders vor. Hier ist die Bühne anfangs dunkel. Kein Instrument zu sehen, kein Musiker. Sie tröpfeln langsam herein, bringen ihr Instrument mit: Cello, Harfe, Posaune, eine Schachtel mit Bällchen. Ein Flügel wird herein geschoben. Eine Schreibmaschine klappert rhythmisch. Die Lämpchen an den Pulten gehen an und aus, die Musiker kommen und gehen. Mal wird der Raum lichtgeflutet, und es pilgern aus dem Parkett Musiker auf die Bühne. Irgendwann erobert auch einer mit einer schwarzen Fahne den Raum und proklamiert, keine Regierung sei die beste Regierung.

Das Klavierkonzert von John Cage war 1958 bei seiner Uraufführung ein Fanal. Die Partitur war eine Sammlung graphischer Notationen, die Musiker sollten selber entscheiden, was sie in den vorgegebenen fünfzig Minuten machen wollten. Ein Affront gegen die in ihrer seriellen Determinierung erstickende europäische Nachkriegs-Avantgarde. Cage wollte die Kunst öffnen. Nicht um Ausdruck ging es ihm, sondern um den bloßen Klang. Bei Cage ging es immer ein bisschen nach dem Prinzip „Anything goes“, alles ist möglich, sagt einer seiner heute berühmtesten Schüler, La Monte Young, auf eine entsprechende Frage beim Presse-Gespräch. La Monte kam mit seinem Just Alap Raga Ensemble für einige Improvisationsabende zur MaerzMusik.

Was er Cage ankreidete, dass der etwas lässig mit seinen Zen-Prinzipien umging, während er, La Monte, immer sehr strenge Disziplin gewahrt habe, war an dem ersten Abend nicht zu spüren. Mit 40 Minuten Verspätung begannen er und die drei weiteren Musiker ihr Konzert mit arg variations-armen Oberton-Vokalisen. Interessanter fast war ein Blick in La Montes Schulstube. Das Arditti-Quartett grub ein frühes opus La Montes von 1956 aus, ganz noch im Stil Webernscher Miniaturen, wie er das beim Schönberg-Assistenten Leonard Stein studiert hatte.

Auch der andere Jubilar der MaerzMusik dieses Jahres wurzelt in der Wiener Moderne des 20.Jahrhunderts – und zeigt es bis heute: Wolfgang Rihm, in den 1970iger Jahren gestartet mit dem Weckruf nach einer wieder sanglichen Musik. Vor einigen Tagen wurde er 60. Mancherorts feierte man ihn. Prominent das Konzert des SWR-Sinfonieorchesters unter Lothar Zagrosek, bei dem Rihm konfrontiert wurde mit der amerikanischen Moderne des Cage-Umfelds: Christian Wolff, Morton Feldman. Rihms 3.Doppelgesang für Klarinette, Viola und Orchester erinnerte da doch sehr an die frühe Schönberg-Schule mit einem fast schwelgerischen Ton.

Cage und sein Kreis – hat er Relevanz noch heute, wo es für die Kunst kaum Grenzen mehr gibt? Für seinen Verlag war er das profitabelste Investment, bekannte sein Verleger bei einem Symposion. Denn wie sehr Cage den Werkbegriff zu durchlöchern suchte, hat er doch alle auch nur konzeptuellen Partituren signiert. Ohne Signatur kein Copyright und kein Honorar.

Viel junges Publikum war zu sehen, angelockt auch mit Performances in angesagten Szene-Lokalen. Dennoch, es blieb ein Blick ins Museum, historisch und kaum aktuell, wie der Untertitel des Festivals suggeriert. Es war die erste MaerzMusik auch unter der Intendanz von Thomas Oberender. Erstmals stand auch wieder das generalüberholte Festspielhaus zur Verfügung. Zumal bei der Cage-Eröffnung konnte die Technik brillieren. Weniger gut klappt es noch mit den ins neue mausgraue Festspiel-Design gezwängten Programmheften. Lesefreundlich wäre was Anderes.


Thoams Oberender 2012

Freieste Plattform

Thomas Oberender, der neue Intendant der Berliner Festspiele, stellt sich und sein Team vor

10.Januar 2012
Seit Anfang des Jahres ist Thomas Oberender der neue Intendant der Berliner Festspiele. Er übernimmt das Amt von Joachim Sartorius, der die Geschicke dieser Berliner Institution zehn Jahre lang geleitet hatte. Oberender, 1966 geboren in Jena, Dramaturg in Bochum und Zürich, die letzten fünf Jahre Leiter des Schauspiels bei den Salzburger Festspielen, stellte am 10,Januar 2012 sich in Berlin der Presse vor.

OBERENDER: Das ist, was die Berliner Festspiele sind: Wir setzen den Rahmen, und dieser Rahmen ist ein beweglicher, der sich auf die unterschiedlichsten Zusammenhänge legen kann und der Fokussierungen bildet.

Berl.Festspiele 2012 LogoThomas Oberender in seinem Eingangs-Statement. Von dem Zürcher Grafiker Christian Riis Ruggaber hat er sich dafür einen roten Rahmen entwerfen lassen als neues Logo. Es ziert auch eine neue Schriftenreihe, für deren erstes Heft Hans Zischler einen Text beigetragen hat "Großer Bahnhof". Aber nicht nur strukturell will Oberender mit seinen Mitarbeitern eine neue Linie entwickeln auch inhaltlich.

OBERENDER: Dass wir eine Form von Auseinandersetzung provozieren und stimulieren wollen, die Kunst in einem weiter greifenden Sinn versteht als etwas, dem immer ein widerständiges Moment innewohnt. Kunst ist das, was uns zur Auseinandersetzung und zum Verhalten zwingt; und der Kunst in ihrer Autonomie aber auch ihrer Form von Analyse und Chronik die freieste Plattform geben, die in dieser Stadt zu finden ist.

Weitestgehende Kontinuität wird es geben bei den Musik-Festivals MaerzMusik im Frühjahr und MusikFest im Herbst. Das JazzFest unter dem neuen Leiter Bert Noglik will Sparten-übergreifende Dialoge pflegen mit Tanz, Film, Bildender Kunst. Gänzlich neu strukturiert wird die bisherige „Spielzeit Europa“. Nicht mehr mit einzelnen Gastspielen, über drei Monate verteilt, aus Europa sondern als kompaktes dreiwöchiges Performing-Arts-Angebot im Oktober soll es laufen. Kontroverses aus aller Welt inklusive Eigenproduktionen soll zu sehen sein. Ein neuer Namen muss erst noch erbrütet werden [und ist inzwischen mit «Foreign Affairs» gefunden]. Programmiert wird es im ersten Jahr von Frie Leysen als eine Art weltoffener Ideen-Cluster.

LEYSEN: Ich finde es ganz wichtig, dass all diese Ideen und Standpunkte und Perspektiven kondensiert präsentiert werden und aufeinander reflektieren.

Das Theatertreffen im Mai möchte die neue Leiterin Yvonne Büdenhölzer erweitern auch um eine Art Fachmesse als Kontaktbörse für Theatermacher. Kommentierend begleiten soll das ein Theatermacher "in residence". Die Jugendwettbewerbe sollen auf weitere Sicht erweitert werden um die Sparte Tanz. Das Literaturfestival im September soll statt regionaler thematische Schwerpunkte setzen.
Das Festspielhaus mit seiner neuen Bühnen- und Filmtechnik soll vermehrt Zentrum aller Angebote werden. Auch die Berlinale wird es nutzen. Für die Zeiten dazwischen plant man Podien, bei denen junge Künstler etwa mit Video-Vorführungen oder -Arbeiten sich präsentieren können.
Mehr Geld hat Oberender nicht. Beim Ausstellungshaus Gropius-Bau drohen sogar Einschränkungen. Er sei unterfinanziert und dürfe nicht allein Abspielhaus bleiben, so noch einmal Thomas Oberender:

OBERENDER: Wir müssen produzieren können. Der Martin-Gropius-Bau muss in der Lage bleiben zu produzieren. Es ist kein Einladungshaus. Das ist ein Haus, das seinen Ruf und seine große Leistung immer wieder als Produzent erreicht hat. Und nur durch die Produktion werden wir uns die Mittel erwirtschaften, die wir brauchen, um diesen Standard zu halten und weiterzuentwickeln.


archives
Home
Berl.FeMstspiele

 

Maerzmusik 2017
Musikfest 2016
Maerzmusik 2016
Musikfest 2015
Maerzmusik 2015

Musikfest 2014
MaerzMusik 2014

MaerzMusik 2013

Musikfest 2012
MaerzMusik 2012


Th.Oberender
Intendant