Verglimmender Heiligenschein

Robert Wilsons
„Luther dancing with the Gods“

Premiere: 06. Okt. 2017

Es ist Lutherjahr. 500 Jahre Reformation. 500 Jahre der Wandel vom Wir zum Ich. In Amerika bedeutet Luther, der Protestantismus, vor allem dies. Sichtbarster Ausdruck dieses Extrem-Individualismus ist paradoxerweise das in der Verfassung verbriefte Recht, Waffen zu tragen – mit den bekannten Folgen wie zuletzt etwa in Las Vegas mit den fünfhundert Verletzten und über fünfzig Toten bei einem Popkonzert.

Dieses Hochamt des Individualismus wohl war es, was Robert Wilson, den Ästhetizisten und Universalisten unter den Szenikern heute, vor allem gereizt hat. Allerdings hat er sich für seine Performance „Luther dancing with the Gods“ Bach-Motetten ausgesucht. Musikalisch ist Bach mit seiner Web-Netz-feinen Kontrapunktik gewiss der sprechendste Ausdruck des Lutherschen Individualismus. Wobei Bach allerdings – in früheren Zeiten gern als fünfter Evangelist tituliert – immer das große Ganze im Blick hat, die Gemeinde. Wilson hat allenfalls die seine im Blick. Ausgewählt für diese Performance hat er Bachs Begräbnis-Motetten. Und am Ende darf Wilsons Luther sich auch dekorativ das Leichentuch überziehen – was vielleicht was bedeuten soll. Mehr als heikel allerdings ist diese Musik-Auswahl und die Platzierung des Chors im weiten Oval des Boulezsaals (in der Barenboim-Said-Akademie hinter der Berliner Staatsoper).

Der Chor steht meistens hinter den Zuschauern auf dem Gang im Saal, die einzelnen Sänger also vereinzelt und voneinander entfernt. Ein Stolperstein für die eng verflochtene Bach’sche meist 8-stimmigen Chöre. Man hört zwar an seinem jeweiligen Sitzplatz einzelne Stimmen, mal Sopran, Bass usw. Aber sie fallen auch immer wieder auseinander, weil die Sänger sich einander nicht oder nur mit Laufzeit-Verzögerung hören. Der Klang droht zu verschwimmen – Palestrina wäre hier sicher geeigneter, aber der hat mit Luther nichts zu tun, und Wilson kennt ihn vermutlich gar nicht. Dazu fühlt man sich, so wie Gijs Leenars den Berliner Rundfunkchor dirigiert (mit Continuo-Stütze) oder in Anbetracht der Umstände dirigieren muss, an die Bach-Tradition des 19.Jahrhunderts erinnert. Von der Bach-Interpretation der letzten Jahrzehnte, die auf strikte Durchhörbarkeit und scharfe Akzentuierung der Stimmen setzt, ist wenig zu spüren.

Die Bühne ist ein leicht erhabenes Oval mit einem am Rand außen durch Leuchtschienen markierten Weg und gelegentlich aufleuchtenden Sternlein in der Mitte (Co-Bühne: Annick Lavallé-Benny). Darüber ebenfalls ein Oval aus Neonlicht als gleichsam Heiligenkranz. Was in diesem Oval zu sehen ist – außer dem Todesritual am Ende noch ein gemimter Reichstag zu Worms, wo der lateinisch sprechende Kaiser oder Papst-Vertreter und der jämmerlich nieder geschriene Luther (bemitleidenswert: Jürgen Holtz) einander kontrapunktieren – gehört mehr in die Abteilung Bedeutungskitsch, mit viel zeremoniellem Brimborium und Außerirdischen als Dienstleistern (Kostüme: Julia von Leliwa), Teufelchen und einem kleinen auf lustig getrimmtem, kauzig klingenden Kobold.

So gerinnt das Ganze leider zu einer argen Enttäuschung. Die Schauspieler*innen und Kompars*innen, die auf dem Spielpodest reden, reden lassen und gestikulieren zum Teil mit Speer-ähnlichen Waffen, haben keinen leichten Job. Viel hohler Schein also und wenig schlüssige Dramaturgie. Aber überrascht das wirklich?


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