Rattle
210brandphil

 

Warum nicht was extra?

Rattles Auftakt mit den Berliner Philharmonikern

7.Sept.2002

Sir Simon nach dem Eröffnungskonzert 7.Sept.2002 Ein bisschen selbstsüchtig sei er schon auch, sagt Sir Simon. Das Lustprinzip gilt. Deshalb habe er als Hauptwerk für seinen Eröffnungsabend Mahlers Fünfte gewählt. Auch habe er etwas spielen wollen, was eng mit ihm und mit dem Orchester verbunden sei. Und dann sei mit Mahler ja auch erst mal Schluss.
Die Spannung war hoch und man spürt sie noch bis ins Konzert. Überall in der Stadt hängen Plakate an den Litfasssäulen, von denen Rattle sein überwältigend erstauntes breites Lächeln lächelt. Seine Plattenfirma hat die Aktion mitgesponsert. In Zehntausenderauflage haben die Abonnenten die Doppel-CD Welcome Sir Simon! zugeschickt bekommen mit Aufnahmen auch sämtlicher fünf Vorgänger Rattles auf dem "Hochsitz" des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Der Mitschnitt des Eröffnungsabends wird in wenigen Wochen ebenfalls in den Plattengeschäften ausliegen. Als "Stiftung Berliner Philharmoniker", die das einstige Berliner Philharmonische Orchester jetzt ist, lässt sich so was einfacher lancieren.
Das Halbstundenstück, mit dem Sir Simon Rattle seine zehnjährige Amtszeit in Berlin beginnt, hat er vor fünf Jahren in Birmingham uraufgeführt. Thomas AdèsAsyla ist ein Stück mit klaren Lineaturen, immer wieder aus der Stille des Konzertsaals gleichsam in die lärmende Außenwelt von heute dringend. Der dritte Satz "Ecstasio" ist wie dekomponierter Techno mit seinem harten rhythmischen Beat. Der Schlusssatz mit einem vierteltönig tiefer gestimmten Klavier signalisiert aber auch etwas von einer nostalgischen Sehnsucht zurück in ruhigere Zonen. Tabu. Vielleicht keine „große“ Musik ist dies Stück, aber es zeigt Programmatisches.
Es verdeutlicht etwas von dem, was Rattle will mit dem Orchester. Zum 21.Jahrhundert hin will er es öffnen. Kommunikation ist sein Zauberwort. Dafür auch hat er bestanden auf dem, was man in der angelsächsischen Welt Education-Programm nennt. Das Orchester kann nicht mehr erwarten, dass auch die jungen Leute in seine Konzerte kommen. Man muss "hinausgehen" zu ihnen, sich und seine Arbeit ihnen vermitteln - etwa indem man mit einer Gruppe Jugendlicher eine Tanzversion von Strawinskys Sacre erarbeitet und aufführt. Fragen, ob das auch wirklich funktioniert, beantwortet Rattle mit einem insistierenden "es muss, es muss" - aber, sagt er, sicher nur auf lange Sicht und mit Beharrlichkeit.
Die Mahlersche Fünfte, die er, technisch perfekt gespielt vom Orchester, dirigiert - es ist nicht der fast impressionistische Klang, den ein Claudio Abbado so zauberisch hervorzulocken wusste. Rattle schärft die Kontraste, lässt die Blöcke hart aufeinanderprallen, fast bis zum Zerbrechen. Er kommt ja vom Schlagzeug und vom Klavier, das schon ein Bartók auch wie Schlagwerk zu behandeln wusste. Und doch hat der Marsch des ersten Satzes bei Rattle auch immer etwas Leichtes, Wienerisch schwebend-schwingend Beschwingtes. Den dritten Teil mit dem berühmten hier als großer Liebesgesang atmosphärisch äußerst verdichteten Adagietto und mit dem Rondo erlebt man als eine einzige furiose Schlusssteigerung. Jubel.
Als Dankeschön und Wanderhilfe wieder herunter von der Klimax ("warum nicht was extra?") schiebt er noch den Ungarischen Tanz Nr.3 nach von Brahms. Aber das fast ist ein Seufzer hin zu dem Kern-Repertoire, das jahrzehntelang das der Berliner Philharmoniker war und aus dem man nun erstmal ausbrechen will. Hin zu neuen Ufern.


Frühlingsopfer

Die Musik erobert sich mit Sacre neue Räume in Berlin

28.Jan.2003

Wie ein Popstar wurde er gefeiert von dem gut 2000-köpfigen sehr jugendlichen Auditorium: Sir Simon Rattle. Dabei waren die 240 Schülerinnen und Schüler auf der Bühne der Arena in Treptow der eigentliche Star mit ihrer Massenperformance von Igor Strawinskys einst umstürzlerischer Musik des Sacre du printemps. Es war das erste große der "Education"-Projekte Zukunft@BPhil, mit denen Berlins Philharmoniker raus wollen aus ihrem Elfenbeinturm. Schülerinnen und Schüler aus diversen Berliner Schulen waren eingeladen. "Richtig power" fand eine der Solotänzerinnen diese Musik, für eine andere war sie erst ein „Schock“, aber durch den Tanz verband sich für sie doch mit jedem Ton eine Vorstellung, eine dritte fühlte durch die Arbeit sich "befreiter". Es ist was "Wunderbares", meinte sie, zumal wenn man mit Leuten, die man sonst nur im Fernsehen, in der Zeitung sieht, arbeiten und sie sogar anfassen kann.
"Eine große Reise" war dies für Sir Simon und seine Philharmoniker, wie er beim Pressegespräch sagte. "Nichts erregt einen, wenn es nicht auch riskant ist", sagte er. Und dies war riskant. Jeder habe die Herausforderung gespürt und auch die Inspiration. Und die Bedeutung dieser Anstrengung könne man gar nicht überschätzen. Alle mussten sie umdenken, auch die Musiker, die zuvor in die Klassen ausschwärmten, um den Schülern durch Improvisation etwas von dieser Musik zu vermitteln. "Selbstvertrauen und Kreativität" solle diese Arbeit fördern, so einer der Tutoren, Richard McNicol, und die Ergebnisse konnten sich hören lassen. Choreograf dieser Produktion war Royston Maldoon. Vielfach schon hat er derartige Projekte geleitet, sich um Jugendliche gekümmert in sozialen Randzonen und an politischen Brennpunkten von Litauen bis Südafrika. Er will den jungen Leuten helfen, gehört zu werden, sich selbst zu finden, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Strawinskys Musik lässt er die Jugendlichen als Kampfgetümmel widerstreitender Gruppen mit Läufen, heftigen Arm- und Körperbewegungen versinnbildlichen. Höhepunkt, wenn eine Art blaues Erdmonster die Figuren in sich einzusaugen scheint. Maldoon verbindet damit eine Aufforderung an die Jugendlichen zu widerstehen, sich nicht vereinnahmen zu lassen durch die Mächtigen und Großen. Es gehe ihm mit dieser Arbeit nicht nur darum, die Künste zu den jungen Leuten zu bringen, sagt er, es sei auch im wohl verstandenen Eigeninteresse der Künstler. Wenn es weiter gehen solle in den Künsten, müssen Leute aus allen Schichten dieser Gesellschaft sich beteiligen können. "Deswegen helfen wir uns selber, wenn wir die Künste hinaustragen. Damit bringen wir die zukünftigen Künstler herein."

 

Jahrmarkt der Ideen: Strawinskys Petruschka
als zweites großes Education-Projekt

13.Juni 2003

Das Foyer der Philharmonie ist jahrmarkt-bunt. Pappmaschee-Figuren auf Stelzen schmücken den blau, rot, grün mit Bildern ausgehängten Raum: Die Ballerina figuriert als Schwan, der dumme August als Hampelmann, der Petruschka als Pinocchio. Zum Leben erweckt werden sie in dem neuen Education-Projekt mit der Musik Strawinskys und anderer.

McNicol: Wir haben viele verschiedene Gruppen, die zusammenspielen werden, ein bisschen Ives, Musik von allen Seiten; wir haben Clowns, Akrobaten, Tanzen, und in der Mitte von diesem Jahrmarkt kommt die Geschichte von Petruschka mit Marionettenspielen und mit 10-12 Mitgliedern der Berliner Philharmoniker, die Musik von Petruschka spielen werden; wir haben drei Schulen, die ihre eigene Musik erfunden haben, die im Rahmen dieser Aufführung spielen werden.

So sagt es Richard McNicol, der Leiter des Projekts. 13 Schulen insgesamt haben sich beteiligt. Um Puppentheater, Tanz, Zirkus, Dekoration kümmerten sich jeweils eigene Gruppen.

McNicol: Am wichtigsten ist, dass die Kinder die Musik von Strawinsky verstehen, lieben, aber auch ihre eigene Musik  erfinden mit Kollegen von den Berliner Philharmonikern. Wir arbeiten immer als Kollegen.

Noch höher hinaus will man kommende Saison, wenn Stücke von Heiner Goebbels, György Kurtág und György Ligeti auf dem Programm stehen.

McNicol: ...mit Film, mit Tanz; wir suchen immer nach neuen Projekte, damit wir was Frisches machen können.


Bei Haien und Killerwalen

Die Berliner Philharmoniker gehen ins Kino und spielen die Musik zu
Deep Blue – einem faszinierenden Film über unsere Meere

Seit 29.Jan.2004 ist er in den Kinos

QualleDie Bilder sind berauschend: Wenn Pinguine wie Torpedos durchs Wasser hoch schießen, um auf der Eisplatte zu landen; wenn Schwärme von Sardinen wie ein Dönerspieß im Wasser sich drehen und Thunfische ihre räuberischen Attacken starten; wenn Armeen von Soldatenkrabben marschieren und Sandstrände durchpflügen; wenn in tausenden Metern Tiefe transparente Lebewesen ihre Lichtblitze aussenden, um Partner anzulocken oder Feinde abzuwehren. Deep Blue. Der Kinofilm nach einer achtteiligen Sendereihe der BBC, geschnitten aus 7.000 Stunden Material, von zwanzig Kamerateams gedreht in fünf Jahren an über 200 Schauplätzen – für die musikalische Untermalung sorgten die Berliner Philharmoniker.

BREM: Es ist eine wirkliche Premiere, hat es bis heute in der 120jährigen Geschichte des Orchesters noch nicht gegeben.

So Peter Brem, Medienvorstand des Orchesters, bei der offiziellen Deutschland-Premiere. Wie es dazu kam?

BREM: Das war eine ulkige Sache. Es hat sich einer der Produzenten mit einem Kollegen von mir im Restaurant getroffen und die beiden Frauen dieser Herren kannten sich, und dann sind die ins Gespräch gekommen, dann wurde die Visitenkarte mir zugespielt und ich habe mich mit Herrn Tassioulis von „Greenlight Media“ in Verbindung gesetzt. Es war eine sehr positive Zusammenarbeit, die von Anfang an hat geklappt hat. Die Chemie war eine besonders schöne.

Die Musik von George Fenton, der schon für Filme wie Ghandi, Schrei nach Freiheit oder König der Fischer die Scores schrieb, ist überwiegend klassisch, die Bilder emotional verstärkend. Aufgenommen wurde sie in der Berliner Philharmonie im letzten Mai.

BREM: Das Phänomen von George Fenton ist, dass er zu jeder Tiergattung – also der große Haifisch und der kleine Hering -, er trifft immer genau die Bewegung und die Ausstrahlung des kleinen oder des großen Tiers mit seiner Musik. Natürlich ist bei einem Wal von zwanzig Meter Länge die Musik schwerer, ruhiger, langsamer als wenn ein paar hundert Pinguine bei minus 40° sich fortbewegen.

Wie Nomaden der Lüfte, der Vögel im Flug begleitet, ist auch Deep Blue ein Film für die ganze Familie, vertrieben im gleichen Verleih. Dezent ist er in den Kommentaren, spannend durch die Kampfszenen, wenn die Kameraleute etwa Killerwale beobachten, wie sie Seelöwen-Babies durch In-die-Luft-Schleudern zur Strecke bringen oder ein Grauwal-Baby so lang zu Tode hetzen, bis es aufgibt. Spannend ist er auch durch die ungewohnten Einblicke, wenn um die Brutkammern der Meere, die vulkanischen Schlote mit ihren rauchenden, kochenden Auswürfen, Abermillionen Kleinlebewesen sich drängen und gedeihen, ganz ohne Sonnenenergie. Und die Musik ist ein wesentliches Moment der filmischen Dramaturgie.


„Urmutter der Filmmusik

Der Film zu Strawinskys Ballettmusik Le sacre du printemps

Uraufführung zum Ende der Filmfestspiele in Berlin am 15.Februar 2004

TraumverlorenDie Bilder haben etwas Magisch-Geheimnisvolles. Eine schwarze Frau sieht man in einer Küche. Sie modelliert drei Figuren. Die eine ist Dr.Bardot, ein Hirnchirurg. Wie aseptisch geschleckt ist seine Wohnung, sein Arbeitsplatz. Eine zweite Figur ist Esther. Sie lebt versunken in Trauer, schläft wie Schneewittchen im Sarg, steuert ihre DS am liebsten zum Friedhof. Schließlich Lucia: ein junges Mädchen. Vom Vater missbraucht, klaubt sie sich, das Haar immer anders gefärbt, Männer von der Straße. Zwanghaft will sie sich von ihrem Makel befreien. Dann finden sich alle drei wieder auf einer exotischen Insel. In einem Haus am Meer tanzen nackte Menschen mit enthusiastisch erhobenen Armen zu Strawinskys Sacre-Musik. In dem Haus verstreut: seltsame Altäre, Cohibas rauchende Frauen, Priester, Zwerge. Hühner werden geschlachtet. Ein Ritual. Angeregt wurde der Film durch ein Buch von Alejo Carpentier.

ZIMMERMANN: Dort gibt es eine Begebenheit, dass eine Ballerina aus Europa zusammen mit einer Hauptfigur des Buches nach Kuba kommt und selber dort weiter arbeiten möchte und stellt fest, dass die Kubanischen Tänzer insbesondere die der Santeria sich besonders dafür eignen, Sacre zu inszenieren.

So Robert Zimmermann. Er hat den Film von Oliver Herrmann und Robert Hunger-Bühler, einem der Darsteller, produziert. Santeria-RitualHerrmann verstarb im September letzten Jahres, kurz vor Vollendung des Films. Ursprünglich wollte man einen Spielfilm nach dieser Geschichte drehen. Dann aber beschränkte man sich auf eine allerdings sehr bildkräftige stumme Begleitung zu Strawinskys epochaler Musik. Das Verbindende: das Reinigungsritual – hier der Santeria, einer lichteren Variante zu Voodoo, heute noch stark verbreitet in Kuba und Miami.

ZIMMERMANN: Die Santeria ist eine Religion, die ursprünglich mit den Sklaven, die aus Afrika deportiert wurden nach Zentralamerika mitgekommen ist und im Zuge der "Bekehrung" zum Katholizismus haben diese Sklaven ihre alten Götter aus Afrika, aus der Yorouba-Religion beibehalten und haben sich Parallelwelten geschaffen. Sie haben sich für die Heiligen aus der christlichen Kirche ihre Götter mitgenommen.

Auf den ersten Blick mögen die Bilder verwirren. Was sich am Ende aber leicht erschließt: wie drei Menschen hier versuchen, von ihren Obsessionen sich zu befreien.

 ZIMMERMAN: Zum Beispiel die Schutzheiligen der drei Hauptdarsteller - dass sie alle ihre eigene Farbe haben. TanzpuppenDas repräsentiert wieder einen eigenen Gott der Santeria, und die Symbole, die sich durch den ganzen Film ziehen, das wird schon interessant für jemand, wenn man sich ein bisschen mit davor beschäftigt.

Uraufgeführt wurde der von verschiedenen Fernsehstationen angekaufte Film am Ende der Berliner Filmfestspiele. Die rauschhafte „Begleitmusik“ spielten die Berliner Philharmoniker live mit Sir Simon Rattle am Pult. Den Streifen hat Rattle sich in der Entstehungsphase mehrmals angesehen. Sein Eindruck, wie Zimmermann ihn empfand.

ZIMMERMANN: Ich glaube er war sehr angetan davon, vor allem die Kraft aus diesen Bildern und der "Urmutter der Filmmusik“ - Sacre hat ihn doch sehr beeindruckt und sehr begeistert.


Kreativer Umgang mit Musik

Das Education-Programm der Berliner Philharmoniker

für NZZ 15.Okt.2004
Seit zwei Jahren üben sich Berlins Philharmoniker auch als Musikpädagogen. «Education» heißt das Zauberwort, das dem Verfall des Musikunterrichts in den Schulen und einem möglichen Vergreisen des Konzertpublikums entgegenwirken soll.

Rhythm is itSpektakulär begann es, als Orchesterchef Simon Rattle in der «Arena», einer riesigen Halle im Bezirk Treptow, den Einsatz gab für Strawinskys «Sacre du printemps» und eine Schar von fast zweihundertfünfzig Schülerinnen und Schülern eine Performance unter der Leitung von Royston Maldoon tanzte vor zweitausend Besuchern. Ein soeben angelaufener Film, «Rhythm Is It!», dokumentiert dieses Ereignis. Eingestimmt worden waren die Jugendlichen in Workshops auch auf die Musik; unter Leitung des inzwischen nach England zurückgekehrten «Geburtshelfers» Richard McNicol improvisierten sie zusammen mit einzelnen Philharmonikern über Themen aus Strawinskys Partitur. Zuwendungen der Deutschen Bank haben dieses zeitgemäß Zukunft@BPhil genannte Projekt zunächst für drei Jahre ermöglicht. Inzwischen hat das Geldinstitut seine Unterstützung für weitere fünf Jahre offeriert.

Wie klingen Wale?

Um Strawinskys «Petruschka», um Heiner Goebbels und seine «Surrogate Cities», um Brittens «War Requiem» und Ravels «Daphnis et Chloé», um György Kurtág und György Ligeti kreisten weitere Projekte. Inzwischen ist man bei Nummer 17: «Meeresrauschen». Als Basis dienten Szenen des im Januar uraufgeführten Films «Deep Blue», dessen Soundtrack die Philharmoniker einspielten. Tiere und Vögel des Meeres waren da in atemberaubenden Aufnahmen zu bewundern. Nun durften Sechstklässler dreier Berliner Grundschulen mit Hilfe von allerlei Geräuscherzeugern, Flöten, Harfen und Xylophonen sich ausdenken: Wie «klingen» Wale und Tölpel, surfende Delphine und emsig schürfende Krabben, seltsam blinkende Tiefsee-Quallen und aufs Eis segelnde Pinguine. Je zwei Orchestermusiker assistierten den Kindern. Den Workshop leitete der Geiger Aleksandar Ivic. Größtes Problem immer wieder: die Kinder in ihrem Bienenschwarm-Treiben zu gelegentlichem Innehalten zu bewegen. Aber, sagt die Lehrerin Madlen Gericke von der Lenau-Grundschule in Kreuzberg: «Die können sich, wenn eine Aufführung losgeht, unwahrscheinlich gut konzentrieren; dann sind die voll da.» Es sei für sie jedes Mal wieder eine Überraschung - gerade bei Kindern, die sonst sehr fahrig sind und leistungsschwach.

Für die Kinder selbst war es eine tolle Erfahrung. «Alles hat mir gefallen», meinte einer forsch. Aber auch Unbehagen wurde geäußert: Wenn sie «am Anfang nicht wussten, was wir spielen sollten». Oder dass ihnen auch einmal gesagt wurde, «was wir machen müssen, und es nicht unsere eigenen Töne waren». Dabei war es für den Workshop-Leiter Aleksandar Ivič fast das Wichtigste, dass die Kinder «immer das Gefühl haben, dass es ihr Stück ist»; dass sie möglichst selber entscheiden, wie das klingen soll. Zwar hatte man im speziellen Fall «Meeresrauschen» schon einen professionellen Filmkomponisten beauftragt, eine kindergerechte Partitur zu schreiben. Aber, sagt Ivič, es ist nicht der Sinn, dass sie etwas reproduzieren, sondern dass sie «ihr eigenes Stück schaffen». Aufeinander hören, aufeinander reagieren - darauf kommt es an.

Improvisierende Philharmoniker

Schwer tut er sich damit nicht. Im Gegenteil. «Mir sind fast die so genannten schwierigen Kinder lieber», sagt er. Zwar seien die zuerst weniger diszipliniert, aber sie hätten dann doch sehr viel Energie und Lust und seien viel direkter. Schwierigkeiten habe er eher mit den «zu braven, zu Ordnung erzogenen Kindern, die sich nichts trauen». Wenn man aber die «Rabauken» für eine Sache gewinnt, habe man mit denen mehr Spaß. Und wenn Kinder dann in einem Konzert erfahren, wie es sich anfühlt, «wenn alle still und diszipliniert sind ohne Zwang», dann seien sie «zu erstaunlichen Sachen fähig». «Es gab Kinder, die sich wirklich entdeckt haben», meint Claire Badiou, eigentlich Literaturforscherin, die ihr Cello hervorkramte, um an den Workshops des letzten Jahres teilzunehmen. Kinder bekommen «ein anderes Gefühl, wenn sie etwas Eigenes schaffen», sagt sie.

"Daphins"-TanzprojektVerändert hat sich durch das Education-Programm aber auch einiges bei den Philharmonikern. Sie gehen mehr «in die Stadt», reagieren flexibler, «das Improvisieren öffnet ihnen einen neuen Zugang zur Musik», meint die Projektmanagerin Henrike Grohs. Etwa die Hälfte der Musiker hat bisher an Workshops teilgenommen, überwiegend die jüngeren. Dabei arbeitet man möglichst spartenübergreifend. Tanz, Film, bildende Kunst werden einbezogen. Alles wird dokumentiert und ausgewertet. Auch nach den Workshops werden die Kinder und Jugendlichen immer wieder zu speziellen Treffen oder zum Besuch von Generalproben eingeladen. Die Themen filtert man aus Schwerpunkten des Konzertprogramms, abgestimmt mit dem Chefdirigenten - im Fall «Meeresrauschen» einer Aufführung von Debussys «La mer». Simon Rattle leitet die jährlichen Schulorchestertreffen oder fungiert auch einmal als Pianist bei einem der Konzerte.

Besonders Anspruchsvolles plant man demnächst. Eine Musikerin des Ensembles Modern bietet Schülerinnen und Schülern des Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Gymnasiums, einer Musik-Spezialschule in Mitte, Workshops anlässlich der Uraufführung eines Chorwerks von Mark-Anthony Turnage, «A Relic of Memory», mit dem Rundfunkchor. «Herzog Blaubarts Burg», der «Feuervogel» (als nächstes Tanzprojekt) und ein Kurs, der sich anhand von Musik Toru Takemitsus Japans Kultur nähern will, sind weitere Projekte dieser Saison. In Zeiten mieser «Pisa»-Zensuren ein kleiner Trost.


Interstellar: Ad astra

Gustav Holsts Planeten bekommen philharmonische Asteroiden

16.-18.März 2006

Ad astraGanz hoch hinaus wollen sie ja schon immer. Nun hat Orchesterchef Sir Simon Rattle den Raketenantrieb gestartet. Und mit Berlins Philharmonikern flog er zu den Sternen. Ad astra hieß das Programm, in dem er Gustav Holsts 1916 vollendete Suite The Planets mit zeitgenössischen Abstechern zu benachbarten Asteroiden ergänzte. Die Finnin Kaija Saariaho etwa landete da auf Nummer 4179 „Toutatis“ in spacigen Klangflächen mit kräuselnden Melodiefetzen und knalligen Clustern. Matthias Pintscher peitschte das Orchester towards Osiris. Mark-Anthony Turnage ließ die Musiker mit tiefen Trommelwirbeln aufmarschieren bei Ceres.

Besonders eindringlich mit dem Thema beschäftigt zu haben scheint sich Brett Dean. Sein Komarov’s Fall ist gewidmet jenem sowjetischen Kosmonauten, der 1967 beim Wiedereintritt seiner „Sojus“-Kapsel in die Erdatmosphäre verunglückte, wahrscheinlich geschuldet dem Missmanagement der damaligen russischen Raumfahrtbehörde. Fast unhörbar beginnt sein Stück mit wie Sternschnuppen irrlichterndem Zirpen, das an die Geräusche der Raumtelemetrie erinnert. Dann wechselt die Partitur in ein meckerndes Stottern der Holzbläser, hinweisend auf den dramatischen Funkverkehr vor der missglückten Landung und sich steigernd in einen gewaltigen Strudel, der plötzlich verebbt.

Sicher ist Deans Stück das bildhaft effektvollste der insgesamt etwa halbstündigen Erweiterung von Holsts ja mit Effekten, zumal im tänzerischen Besuch bei „Jupiter“, nicht geizendem Planeten-Kreisen. Ergänzt wurde es hier auch mit dem von Colin Matthews 2000 gesteuerten kompositorischen Besuch beim Planeten „Pluto“. Für Holst lag die noch außerhalb der Teleskopsichtweite.


Übung in Konzentration

Das neue Tanzprojekt im Education-Programm: Orffs „Carmina Burana“

Schon die Logistik ist beeindruckend: Über zweihundert tanzende Schüler, Jugendliche, Senioren waren zu organisieren. Fast eben so viele Kinder und Jugendliche, die den Rundfunkchor verstärken; die Jungdesigner, die die Kostüme schneiderten. Dazu kommt das mehr als hundertköpfige Orchester. Vor der Halle geht es drängelig zu wie bei einem Volksfest. Drinnen werden die zweitausend Besucher empfangen mit einer akustischen Installation: Texte, Musik, eingespielt über Lautsprecher, führen hin zu Carl Orffs „Carmina Burana“. Der Auftritt der vielen hundert Beteiligten und erst recht die standing ovations am Ende machen einem Pop-Event alle Ehre. Die Tanzaufführungen des Zukunft@BPhil.de Programms der Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle in der Treptower Arena sind in ihrem vierten Jahr Kult.

In einfachen Bildern erzählt Royston Maldoom die mittelalterlichen Gesänge von Liebe, Tod, Beten und Trinken, die Orff 1936/37 komponierte, und in denen er dem „homo ludens“, dem spielenden Menschen, ein Denkmal setzen wollte. Eine Art Gevatter Tod in rötlicher Mönchskutte schwingt anfangs die Fahne und peitscht die Massen nieder. Aber die wehren sich, stehen immer wieder auf, lassen ihre Lebensgeister erwachen. Die Mädchen reizen die Jungs, die Jungs haschen nach den Mädchen. Auch der sterbende Schwan, ein kleiner Junge wie zu einem Bankett unter einem Glassturz präsentiert, will sich nicht einfach auffressen lassen; er rennt davon. Eine junge Schöne unter weißem Schleier bricht aus ihrer schützenden Larve aus.
Maldoom, für seine sozialen Verdienste jüngst mit dem deutschen Ehren-Tanzpreis und dem Schillerpreis ausgezeichnet, versucht seine Choreografien aus den natürlichen Bewegungen seiner Tänzerinnen und Tänzer zu entwickeln. Oft gibt er nur Basisanweisungen. So wechseln geformte Bewegungen im Kreis, in der Gerade, in der Gruppe auch immer mit improvisatorisch „freien“. Was die Tanzenden im vielmonatigen Proben-Prozess lernen, ist: auf sich, auf ihren Körper, auf die anderen, auf die Musik zu achten. Es ist eine Übung in Konzentration, Selbstdisziplinierung von Körper und Geist. Für den Schauwert nach außen sorgt das Massenhafte der Tanzenden, ihre Hingabe, wenn sie mit ihrem Körper etwas erzählen, dabei Identität ausprägen. Schwieriger ist nach Maldooms Erfahrung die Arbeit mit Jungen als mit Mädchen. Maldoom muss die Klischees von Männlichkeit, die auf ihnen lasten, aufbrechen. So lässt er sie in den „Carmina“ auch einmal der Reihe nach auf den Rücken fallen. Und sie tun das mit großem Geschick.
Das Zugehen auf Menschen aller Altersklassen, Nationalitäten und Schichten, insbesondere aber auf Jugendliche, soll weiterhin ein Kernstück der Arbeit der Berliner Philharmoniker sein. Pamela Rosenberg, die neue Intendantin, bekräftigte das in dieser Woche beim Pressegespräch.

ROSENBERG: Die Jugend heute ist passiv und passiver geworden. Es gibt weniger Kunstfächer in Schulen. Die Freizeitbeschäftigung, was hinter Glas stattfindet (Computer-, Videospielen) regt die eigene Kreativität nicht an. Und wir denken, dass das eine große gesellschaftliche Herausforderung ist an uns alle.

Allerdings hat man nicht allerorten einen so potenten Sponsor zur Seite – wie die Philharmoniker. Es ist eine beispielhafte Arbeit, die hier geleistet wird. Und gerade das Tanzprojekt und der es popularisierende Film „Rhythm Is It!“ hat viel zur Aufbruchstimmung beigetragen, dass jetzt Netzwerke entstehen für den Tanz in Deutschland. Demnächst will man sich in Berlin sogar an Strawinskys „Les Noces“ wagen. Aber auch schon das Auftaktprojekt mit „Le sacre du printemps“ war ja nicht gerade ein Kinderspiel.


Bonbonbunt

John Adams‘ Oper „A Flowering Tree“ als Deutsche Erstaufführung semi-konzertant

21. Dez. 2006

Eine Aufführung mit einem so exzellenten Klangkörper wie den Berliner Philharmonikern und einem alles Raffinement der Partitur heraus kitzelnden Dirigenten wie Sir Simon Rattle kann sich ein Komponist nur wünschen. Die Uraufführung von A Flowering Tree in Wien im November leitete John Adams selber mit einem Venezolanischen Jugendorchester. Es war der von Kritikern als etwas harmlos empfundene Auftakt zu einem von Peter Sellars programmierten Festival mit dem hoffnungsfrohen Titel „New Crowned Hope“. Sellars besorgte schon dort selbst die szenische Einrichtung. Von ihm stammt auch das Libretto. Es ist nachempfunden einem gleichnamigen indischen Märchen.
Dies Märchen erzählt von einem einfachen Mädchen, das sich in einen blühenden Baum verwandeln kann. Die junge Frau erregt damit das Begehren eines verwöhnten Prinzen. Aber dessen böse Schwester zerstört beider Glück, verstümmelt das Baummädchen zu einem Krüppelstumpf, das in die Kaste der Parias gleichsam abgleitet. Und erst als auch der Prinz völlig verwahrlost das Elend der armen Leute am eigenen Leib erfährt und sie sich so in der Gosse wieder finden, beginnt auch sie wieder zu erblühen zu voller Schönheit. Eine romantische Geschichte der Prüfungen und des sozialen Auf- und Abstiegs also. Gedacht war diese Oper als Reverenz an Mozarts Zauberflöte. Mit deren Vielschichtigkeit kann sie sich aber kaum messen. Einige Motive erinnern auch mehr an Richard Strauss‘ Daphne. Und bei Strauss hat der Komponist John Adams sich auch hier einiges abgeguckt. Er greift hier mit seiner Musik übers Minimalistische weit hinaus, entfaltet besonders in den rhythmischen Partien viel Kraft.
Auf ein Minimum beschränkt ist die szenische Einrichtung durch Peter Sellars. Und besser wäre sie (für die Wirkung der Musik) wohl ganz verzichtbar. Sie begnügte sich offenbar auf ein paar Anweisungen, die der Regisseur den hinzu engagierten drei javanischen Tänzern gab. Mit ihrer hochartifiziellen Zeichensprache können sie freilich nur verdoppeln, was schon in Text und Musik angelegt ist. Das ist zwar zumal bei Eko Supriyanto durch seine höchst differenzierte Gestik ungemein reizvoll anzusehen. Eine eigene Ebene fügt es der Musik aber kaum hinzu. Und es kontrastiert allzu schroff zu den eher peinlich-konventionellen Bewegungen der drei Sänger, die da vor einer bonbon-bollywood-bunt beleuchteten Wand auf zwei Podien in der Berliner Philharmonie agieren. Immerhin stehen mit Jessica Rivera als dem Mädchen Kumudha, Russell Thomas als dem um sie werbenden Prinzen und Eric Owens als Erzähler exzellente Sänger zur Verfügung.
Eine Oper im eigentlichen Sinn ist dies neue Werk von John Adams, der mit Stücken wie dem Ost-West-Konfrontations-Drama Nixon in China oder der Terrorismus-Abrechnung The Death of Klinghoffer bekannt wurde, nicht. Eher ist es ein Oratorium. Gerade durch die Einfügung des Erzählers wird der dramatische Fluss immer wieder abgewürgt. Auch hatten beide Autoren offenbar unterschiedliche Intentionen mit diesem Stoff. Während Librettist Sellars das Märchen als Parabel über Ökologie und sorgsame Pflege der natürlichen Ressourcen begriff, sah Komponist Adams es eher als eine über menschliches Reifen und jugendliche Entwicklung. Der Weg auf die Opernbühne dürfte mit Baumstümpfen gepflastert sein. A Flowering Tree ist ja auch im Zeichen musikalischer Globalisierung ein gemeinschaftliches Auftragswerk von Wien und Berlin mit Konzert-Institutionen in London, New York und San Francisco.
Ein etwas schiefes Licht wirft diese oft ans Kitschige grenzende Aufführung einmal mehr auf den szenischen Geschmack von Philharmoniker-Chef Sir Simon Rattle. Dirigenten sind zwar selten auch gute Theaterleute. Aber in Pamela Rosenberg hat Rattle ja als Intendantin eine Frau im Haus, die da einiges vorweisen kann. Er sollte das auch nutzen.


Ein Bekenntnis

Küng-Harvey-Oratorium „Weltethos“ uraufgeführt

13.Okt. 2011

GEs gibt keinen Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen; es gibt keinen Frieden unter den Religionen ohne Dialog der Religionen. So die These des Schweiz-Tübinger Theologen Hans Küng. Dem dient seine 1995 gegründete Stiftung Weltethos, dem soll auch das gleichnamige Oratorium dienen, für das er das Libretto schrieb. In Musik gesetzt hat es der englische Komponist Jonathan Harvey. Uraufgeführt wurde es jetzt unter der Gesamtleitung von Sir Simon Rattle von den Berliner Philharmonikern, dem Rundfunkchor Berlin mit Simon Halsey als Kodirigent und einem Kinderchor.

Küng hat den verschiedenen Religionen gemeinsame ethische Grundbegriffe wie Menschlichkeit, die sogenannte goldene Regel, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft herausgefiltert und sie den verschiedenen Religionen zugeordnet. Je ein Abschnitt von 7 bis 15 Minuten ist dem Konfuzianismus, Judentum, Hinduismus, Islam, Buddhismus und Christentum gewidmet. In gesprochenen Rezitativen (Dale Duesing) über einer Musikgrundierung wird das Wirken der jeweiligen Religionsgründer skizziert. Ein Kinderchor beschließt jeden Abschnitt mit der Forderung nach einem bewusst menschlichen Leben als Zukunftserwartung.

Komponist Jonathan Harvey, erfahren in religiösen Dingen, Enkel-Schüler von Arnold Schönberg, beeinflusst von der Musik Olivier Messiaens und Karlheinz Stockhausens, hat in seine zwölftönige Musiksprache für die jeweiligen Religionen charakteristische Instrumente als Farbakzent eingewoben, zum Beispiel das Widderhorn Shofar beim Judentum oder Xylofone beim Konfuzianismus. Auf kritische Momente hat er nicht verzichtet; das Wort „Schonung“ im Hindu-Teil zum Thema Gewaltlosigkeit lässt er vom sonst oft nur flüsternden Chor regelrecht herausschreien. Den Schlussteil übers Christentum verdichtet er zu einem pfingstlichen Zungensprechen mit der Schichtung ethischer Schnittpunkte der sechs Religionen.

Eher penetrant wirken die rhythmisierten Einwürfe des Kinderchors; eingefügt hatte Küng den Litanei-artigen Kinderchor in der Hoffnung auf Melodisches im Sinne einer Weltharmonisierung. Zur Eröffnung des Kulturprogramms der Olympiade in England am 21.Juni soll diese 75-minütige „Vision in Musik“ auch in Birmingham erklingen. Der Applaus in Berlin war freundlich. Küng nahm ihn für das Auftragswerk seiner Stiftung selbst entgegen; der 72-jährige Harvey konnte sich krankheitshalber nicht zeigen. Weniger ein Kunst- als ein Bekenntniswerk ist dies, und so soll es auch wahrgenommen werden.

 

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