Musik aus der Kuppel
Siegfried Matthus’ „Te Deum“
Uraufführung
zur Weihe der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche
am 11.11.2005
Mit dem
von der Solo-Trompete geblasenen Motiv aus dem Ambrosianischen Lobgesang beginnt das
Te Deum. Der Kuppelraum der Dresdner Frauenkirche beweist gerade
bei solchen solistischen Stellen seine Stärken. Er gibt dem Klang
des Solo-Instruments ein hüllendes Kleid und wahrt doch dessen
Transparenz. Aber auch wenn die Orgel einbezogen wird, trägt der
Raum mit seiner Nachhallzeit von erlauschten etwa 4 Sekunden. Der
Komponist Siegfried Matthus hat in einem „Die Orgel“ überschriebenen
Abschnitt seines Te Deums Bachs d-Moll-Toccata mit in seine
Komposition einbezogen zur Erinnerung daran, dass einst der große
Johann Sebastian die erste Orgel der Frauenkirche weihte.
Der Auftrag, ein eigens für diesen Raum geschriebenes Werk zu
komponieren kam spät: Erst im Dezember letzten Jahres, vermittelt
durch den Freundeskreis und Ludwig Güttler. Siegfried Matthus,
der schon zur Wiedereinweihung der Semperoper vor
20 Jahren um ein neues Werk dafür gebeten wurde und dann seinen
inzwischen viel gespielten Cornet nach Rilke schrieb, entschloss
sich zu einem Werk, das neben dem Jubel über den wieder erstandenen
Kirchenraum auch an die Male seiner Zerstörung erinnert.
MATTHUS: Ich habe mich da an Verdi angelehnt, der ja sehr
dramatisch, fast opernhaft sein Requiem komponiert hat, und auch an
Britten, der Zeitdokumente hereingenommen hat. Das habe ich auch
getan. Und der Raum hat natürlich auch eine große Rolle gespielt.
Ich hatte ja gehört, dass Wagner und andere die Kuppel benutzt
haben. Das habe ich auch.
Ich habe Proben gemacht. Da hatten noch Maler ihre Planen gespannt.
Bei dieser Probe war die Akustik ein bisschen anders, eigentlich
günstiger, als sie sich jetzt darstellt. Der Hall ist doch sehr groß
dort oben. Aber es gibt noch viele Ecken in dieser Kirche, die man
ausnutzen kann. Aber wir hatten keine Zeit. Wir hatten nur eine
Haupt- und eine Generalprobe im Kirchenraum, und das ist zu wenig.
Aber ich denke, wir haben erst einmal für dies Stück eine optimale
Variante gefunden.
Im Zentrum des etwa 75-minütigen Werks steht ein „Inferno“
überschriebener Abschnitt. In ihn hat Matthus Teile seiner
Cornet-Oper übernommen, die mit heftigen Schlagzeug-Kaskaden und
einem Chor an den Feuersturm von 1945 erinnern. Aber auch ein
historisches Zeugnis ist eingefügt von diesem Ort, ebenfalls mit
einem Zitat unterlegt von Bach aus der „Johannespassion“.
MATTHUS: Das ist eines der erschütterndsten Dokumente, die ich
gefunden habe, da berichtet jemand: der hat nach dieser Bombennacht
auf den Trümmern ein Mädchen gesehen mit zerrissenen Kleidern und
verbanntem Gesicht, hatte ein verbogenes Fahrrad auf dem Rücken und
sang…
Kurt Masur, der trotz einiger organisatorischer Komplikationen
für das Projekt als Dirigent gewonnen werden konnte, die Dresdner
Philharmonie , die sechs Solisten und die Chöre aus Berlin und
Dresden - sie sind mit großem Ernst bei der Sache und wurden am Ende
mit lang anhaltendem Beifall bedankt.
Und der Klang, zeigt sich an diesem Abend, bleibt transparent,
solange die Partitur schlank instrumentiert ist. Schnelle und laute Tutti-Stellen hingegen sind kaum adäquat darzustellen. Dann wird der
Klang dick und beginnt zu mulmen. Auch ist Textverständlichkeit in
diesem Raum nur sehr bedingt möglich.
In Dresden gibt es seit Jahren und verstärkt nach der Wende eine
Diskussion um einen angemessenen Konzertsaal für diese Musikstadt.
Die Dresdner Philharmonie spielt normalerweise in der Kongresshalle
neben an, einem ursprünglich für die Massenveranstaltungen der SED
entworfenen Zweckbau. Die Staatskapelle, das Opernorchester, zog mit
ihren Konzerten nach Wiederherstellung der Semperoper ins eigene
Haus. Manche meinten, die Philharmonie könnte nun die Frauenkirche
als ihren neuen Konzertsaal nutzen. Das wird aber nach den ersten
Erfahrungen nur für ausgewählte Werke sinnvoll sein. Das Thema
Konzerthaus in Dresden bleibt trotz der vielfältigen räumlichen
Möglichkeiten in der Frauenkirche auf der Tagesordnung.
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