Weder professionell noch politisch ließ sie sich in vorgefertigte
Schemata pressen, nahm in Kauf, zwischen allen
Stühlen zu sitzen und missverstanden zu werden.
Aber weder die Kritik an den unkonventionellen,
teilweise wagemutigen Klassiker-Inszenierungen der
Ruth Berghaus, noch ihre nur vordergründige
Loyalität zur DDR konnten letztendlich
verhindern, dass die Regisseurin eine Epoche
deutscher Theatergeschichte mit formte.
Ruth Berghaus kam am 2.
Juli 1927 in Dresden zur Welt, studierte nach dem
Abitur Choreografie an der berühmten
Palucca
Schule in Dresden und war anschließend
Meisterschülerin an der Deutschen Akademie der
Künste in Berlin. Zwischen 1951 und 1964
arbeitete sie als Choreografin u.a. am Deutschen
Theater in Ostberlin, an der Deutschen Staatsoper
sowie am Berliner Ensemble. Ihrem Regiedebüt an
der Deutschen Staatsoper 1951, Paul Dessaus Oper
Die Verurteilung des Lukullus, folgten weitere
Umsetzungen der Stoffe ihres späteren Ehemannes. Trotz
wohlwollender Rezeption ihrer Arbeiten von Seiten der Fachkritik
fand das Publikum zu ihrer avantgardistischen Elektra-Adaptation
1967 keinen Zugang und lehnte einen parodistisch dargebrachten
Freischütz (1970)
rundum ab.
Einen Namen als Regisseurin machte Ruth Berghaus sich vor allem am
Berliner Ensemble mit ihren Brecht-Inszenierungen
(z.B. Die Gewehre der Frau Carrar, 1970).
Im gleichen Jahr ernannte die Brecht-Witwe Helene Weigel
sie zur Stellvertreterin der Intendanz; nach Weigels Tod ein Jahr später übernahm
Berghaus die Leitung. Neben den Werken Brechts brachte sie auch
moderne Autoren wie
Peter Hacks oder Heiner Müller auf die Bühne. Die "Künstlerin von
Format" präsentierte seit den 70er Jahren ihre Produktionen in
sämtlichen deutschen Großstädten (Einstein, Hamburg 1978;
Parsifal, Frankfurt/Main 1982). Ab den 80er Jahren agierte
die laut Spiegel (28/1990) "Luxus-Dissidentin" zunehmend internationaler,
blieb aber dennoch den deutschsprachigen Bühnen treu. Besonders am
Opernhaus Zürich inszenierte sie erfolgreich Stücke wie
Elektra (1991), Otello (1994) und Der fliegende Holländer
(1995).
In den letzten Jahren ihres Lebens
wandte sich die Künstlerin vor allem Verdis Musik und der
italienischen Oper zu. Eine für Ende 1995 vorgesehene Fledermaus-Adaptation
in Leipzig konnte Ruth Berghaus nicht mehr selbst umsetzen.
In der Nacht des 25./26.Januar 1996 starb sie im Alter von 68 Jahren an den
Folgen eines Krebsleidens.
Nach ZDF-Theaterkanal
mit Material aus Munzinger Archiv zum 5.Todestag 2001
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Unter
dem Titel Regie: Ruth Berghaus - Geschichten aus der Produktion erschien im August 2010 ein von Irene Bazinger im
Rotbuch-Verlag herausgegebenes Buch mit Beiträgen ehemaliger
Mitarbeiter und Weggefährten von Ruth Berghaus.
Lesenswerte Nahaufnahmen sind das mit Beiträgen u.a. von Achim Feyer, Anja
Silja, Catarina Ligendza, HD Schaal, Marie-Luise Strandt, Arila
Siegert, Sebastian Baumgarten, Jürgen Flimm, Hans Neuenfels, Erich
Wonder.
(ISBN 978-3-86789-117-2)