Man muss Dinge im Dunkeln lassen könnenChristian Thielemann und Hans Pfitzner - eine NarkoseEin Gespräch mit dem damaligen GMD der Deutschen Oper Berlin im Dez.1998
Einen Sturm der Entrüstung hatte der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin Christian Thielemann entfacht, als er vor zehn Jahren als frisch gebackener GMD ausgerechnet in Nürnberg, 29 Jahre jung und etwas ahnungslos, den Pfitznerschen Palestrina als Einstand wählte; fünfzig Jahre war das Werk dort nicht mehr erklungen, wie viele meinten: zu Recht. Thielemanns Aufsehen erregendes Palestrina-Dirigat dann im Januar 1997 an Londons Covent Garden spaltete nicht nur Presse und Publikum, sondern auch das "board of directors". Als unverschämt wurde empfunden, gerade den Palestrina auf die königliche Bühne zu stemmen, und dies als einzige echte Premiere in der Fünfzig-Jahre-Jubiläums-Spielzeit. Allerdings war diese Produktion die erste professionelle dieser Oper überhaupt im Vereinigten Königreich achtzig Jahre nach der Uraufführung unter Bruno Walter in München. "Beglückende Momente"; neben "lärmend Irrelevantem" empfanden die einen Kritiker, eine Mischung aus "Exaltiertheit und Allgemeinplätzen", aus "Kitsch-Szenario mit teutonischer Ernsthaftigkeit und kontrapunktischer Korrektheit" die anderen. Ähnlich divergierend auch die Reaktionen dann ein halbes Jahr später beim Gastspiel dieser Produktion in New York; erstmals in Amerika erklang der Palestrina dort. Und immer wieder wurde angemerkt: diese Musik hinterlasse "Bitternis" beim Hören vor dem Hintergrund von Pfitzners Rolle im Dritten Reich. Verstörend sei an dieser Musik, dass sie den Nazis als Vorwand gedient habe gegen die so genannt entartete Kunst. Gleichwohl, meinte ein Kritiker der New York Times, jeder, der sich für Oper interessiere, müsse dies Werk gehört haben, und zumal in Thielemanns Leitung, und auch wenn beim Hören dieser in weiten Zügen autobiographisch gefärbten Künstler-Oper "Vergnügen und Pein" immer "eng beieinander" lägen. Was für Thielemann an Pfitzner zählt, ist im Palestrina der eigen gefärbte Meistersinger- und Tristan-Ton, auch wenn er immer wieder sich ergießt in einen introvertierten Leidensmodus, die Engels-Reinheit von deutscher Seele, auch wenn sie eher gespielt wirkt, die Heroik à la Lohengrin im Käthchen-Vorspiel oder die etwas schwiemelige Schwüle in der Oper Das Herz. In der Brutalität des Palestrina-Mittelakts mit dem Konzil – "wenn man das so spielt, wie es gehört, hat man sich nach zehn Minuten die Finger durchgesägt" – hört Thielemann die grimmige Ironisierung der Kirche mit einem Wunschtraum-Papst, der am Ende zu dem Komponisten in die Kate gekrochen kommt, damit der ihm die gewünschte Messe im alten Stil komponiert. Die vielen kammermusikalisch fein ziselierten Instrumentalfarben im ersten und noch mehr im dritten Akt mit schon dem Vorspiel "zum Absaufen" - die haben es ihm angetan, "was Schöneres gibt es nicht". So viel habe er bei Pfitzner gefunden, was ihm gefalle, so viel auch durch Pfitzner für sein Verständnis Schumanns und dessen Art des Instrumentierens gelernt, dass er sich im Innersten gedacht habe: "jetzt bloß Dir das nicht durch die Politik kaputt machen lassen!" Und die Reaktion des Publikums in London und New York hätten ja das eigene Gefühl bestätigt. Fast alle Vorstellungen waren ausverkauft. Die Leute kamen oft mehrmals, am Ende tobend. Für das Jahr 2001 ist eine neue Aufführungsserie mit neuen Sängern in London vereinbart. In seinen Sprödigkeiten und Schroffheiten erschließt das Stück sich ja tatsächlich nur schwer und gewiss nur einem begrenzten Publikum. Immer wieder lässt Pfitzner einen Melodie-Faden abreißen, lässt die Figur des Palestrina zurückfallen in eine Endzeit-Stimmung und todesmüde Depressivität – für Thielemann der einzige Punkt, an dem er Schwierigkeiten hat mit dem Stück. Soll man einen Komponisten beurteilen nach seinen menschlichen Qualitäten und politischen Haltungen? Thielemann verweigert hier political correctness. Auch Wagner war gewiss kein Engel und so sympathisch wohl nicht, sagt er. Aber wer einen Tristan schreibt – vor dem "rutschen die Leute von hier bis nach Bayreuth und zurück; das sind Dinge, die sich entziehen". Thielemann pocht auf seinen Spaß beim Musizieren. Ihm gehe es um Musik und nicht um Politik. "Ich gehe einfach danach, ob mir was gefällt oder nicht", sagt er. "Und wenn Sie mir mit einer Huldigungskantate für Stalin kommen, und ich weiß das nicht, weil ich russisch nicht verstehe, und mir gefällt das, dann werde ich auch davor nicht zurück schrecken", setzt er kess eins drauf. Für Thomas Mann war der Palestrina, als er ihn einst noch vor der Uraufführung kennen lernte, etwas "absolut Bezauberndes", in das er sich "sofort über beide Ohren verliebt" habe, ein "Stück sterbender Romantik", etwas "Letztes aus der Wagner-Schopenhauerschen Atmosphäre". Sogar einen Freundeskreis wollte er für Pfitzner organisieren. Was beide mehr und mehr entfremdete, war die an Pfitzner erst bewunderte, dann zur granteligen Rechthaberei umschlagende Diskutierlust, die immer weiter auseinanderdriftende Beurteilung der politischen Verhältnisse der Weimarer Zeit. Pfitzners, wenn auch zögerliche, Mitunterzeichnung des Anti-Mann-Manifests 1933 wegen des Autors kritischer Wagner-Gedenkrede zum 50.Todestag brachte den nie mehr gekitteten Bruch. Als vor allem menschliches Problem möchte Thielemann Pfitzners immer tiefere Entfremdung von der Wirklichkeit begreifen, ausgelöst durch den Verlust auch seines Straßburger Kapellmeister-Amtes mit dem Ende des ersten Weltkriegs, seine in ihrem Ressentiment immer verbitterteren Attacken gegen Busoni und Schönberg und das Sich-Eingraben in eine vermeintliche "deutsche Volksoper", seine partielle Anbiederung an die Nazis, gipfelnd in jener noch über den Krieg hinaus manifestierten Nibelungentreue für den als Kriegsverbrecher verurteilten, wenn auch künstlerisch an ihm interessierten ehemaligen Generalgouverneur in Polen, Hans Frank. Zum anderen der ungeschmälerte und beneidete Erfolg des im Kalkulieren auf Wirkung ungleich versierteren und ob seiner Weltläufigkeit mehr geliebten Richard Strauss. Schon Hofmannsthal urteilte über Pfitzner als Theaterkomponist, ihm fehle "das Funkelnde, das Lockende, die Reizzone".
Man muss seinen Gefühlen vertrauen, sich loslassen, man muss "Dinge im Dunkeln lassen können", sagt er. Und auch wenn Pfitzner auch ihm in vielem eklektisch erscheint – aber was konnte er schon Neues finden, wo doch Richard der Einzige, wie Thielemann Wagner tituliert, "alles revolutioniert" hat, entgegnet er. "Wie komponieren nach Tristan" also das eigentliche Thema im Fall Pfitzner? Pfitzner als der Radikale, den man gezwungen hat, ein Konservativer zu sein, wie in Umkehrung des Schönberg-Worts Bernhard Adamy formuliert? Von der "Ratlosigkeit gegenüber Pfitzner" sprach der Kulturpsychologe Arthur Seidl schon 1913, vor dem Palestrina. Die Ratlosigkeit hat sich eher noch verstärkt. Bei den Bayreuther Festspielen 2002/03 gilt er als der eigentliche Superstar.Zu Spielzeitende 2003/04 verlässt er vorzeitig die Deutsche Oper und geht nach München als Chef der PhilharmonikerZu Spielzeitende 2011 wird es für Thielemann auch in München bei den Philharmonikern zu Ende sein. Der Stadtrat wollte seinen Vertrag nicht verlängern. Thielemann verlangte gegenüber dem Intendanten Müller die absolute Entscheidungskompetenz über das Programm. Einen Intendanten hatte er schon "verschlissen". Die Zeit selbstherrlicher Pultgrößen ist ja eigentlich schon seit Karajan vorbei. Nun dürfen sich vielleicht die Dresdner freuen, die ihren Chef Luisi spätestens 2012 los werden, wenn der mit Homoki nach Zürich wechselt.Wie weit(er) mein Himmelsstern?Mit Menottis Amahl und die nächtlichen Besucher verabschiedet sich Götz Friedrich definitiv von BerlinPremiere 8.Dez.2000Besonders Tröstliches hatte
in der anschließenden Premieren-Feier noch der
Senator zu verkünden, als er dem "großen
Zauberer" Götz Friedrich für
sein "Abschiedsgeschenk an Berlin" dankte.
Es gebe in Berlin keinen "Opernkrieg",
meinte Kultursenator Christoph Stölzl. Es gebe
nur ein "kleines Problem", eine, wie er
sagte, 400jährige Institution aus
"aristokratisch-verschwenderischen Zeiten"
überzuführen in eine neue Zeit mit ihrer
demokratischen Regeln unterworfenen Buchführung.
Aber man dürfe zuversichtlich sein hinsichtlich der
neuen Ordnung. Umstürzlerisches werde es nicht
geben. Auf "Entwarnung" stünden die
Zeichen, seit der Bund "ein Türchen"
aufgemacht, die Mäzene den "Ernst der
Lage" erkannt hätten und sogar das Parlament
erstmals "selbstkritisch" mit den Dingen
sich befasse. Bald werde er etwas vorstellen, das
über Weihnachten dann noch mal überschlafen und im
kommenden Februar in einen Senatsbeschluss
umgewandelt werde. Alle würden zufrieden sein. Ein
"Ranking" der Berliner Opern werde es nicht
geben. Alle drei Häuser würden "unmittelbar
zum Publikum" arbeiten können. Wunder freilich
dauern immer etwas länger. Aber "alles wird
gut, wenn die Menschen guten Willens sind" -
griff er die Botschaft der soeben erlebten Premiere
auf. Der Revierförster fliegt vom HakenMit Verdis Luisa Miller verabschiedet sich Götz Friedrich von der großen Bühne11.Nov.2000Meuchelnde Finsterlinge schwappen durch die Szene. Die Pistolen liegen wie
Essbesteck offen in der Vitrine. Briefe werden mit
Flinten geschrieben und signiert. Jeder bedient sich
hier gern der Schießwerkzeuge, und geballert wird
mächtig. Auch wenns nur Platzpatronen sind. Es
ist wie im Berliner Opernkrieg. |
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Der Bühnen-Patriarch70 jährig starb Götz Friedrich in Berlin4.Aug.1930-12.Dez.2000
UnnachgiebigGiuseppe Sinopoli2.Nov.1946 in Venedig -20.April 2001 in Berlin, beigesetzt 23.04.2001 in RomSchicksalhaft, unheimlich, gespenstisch-makaber scheint dieser Tod.
Noch lebhaft erinnert man sich jener Szene im Juni 1990: |