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Smartphone-Flachsinn

Rossinis „Barbier“ als Smartphone-Oper

09. Okt. 2016
Er gilt als eine der interessantesten Moskauer Theatermacher, hat das auch schon im Westen bewiesen bei Arbeiten an der Komischen und der Stuttgarter Oper. Jetzt war er wieder zu Gast in Berlin. Eine Komödie sollte es sein, ungewohnt für ihn, wie er sagt, habe er doch in letzter Zeit sich vor allem mit Mord und Todschlag befasst. Und so richtig froh wird man bei diesem Rossinischen „Il barbiere di Siviglia“ auch nicht. Ziemlich flach die Scherze, und nur an der Oberfläche „heutig“.

Der Graf und sein Staenderchen

Der Orchestergraben ist zu Beginn hochgefahren. Die Bühne mit einer weißen Wand verrammelt. Die Musiker in Alltagsdress. Der Dirigent und Almavivas Diener kommen herein. Der Diener eifrig am Handy fummelnd, während die Ansage ertönt: keine Handys während der Vorstellung. Dann auch der Conte, ebenfalls mit Handy. Und immer wollen sie irgendwelche Selfies schießen. Oder sie lümmeln auf Polsterstühlen, die vorn an der Rampe stehen Richtung Bühne. Während der Dirigent mit der Ouvertüre beginnt, wird er immer wieder von den beiden angerempelt: schneller, kürzer das. Der Conte verkriecht sich unter die Stühle.
Wenn dann der 1.Akt beginnt, flimmern Handy-Fotos auf der weißen Bühnenwand auf. Chat- Texte, SMS. Des Conte Flirt mit Rosina, die man später mit gebrauchten Mänteln auf einem Markt auftauchen sieht. Daneben ihr Onkel Bartolo, ebenfalls mit Second-Hand-Ware. Regisseur Kirill Serebrennikov (auch sein eigener Bühnenbildner und Ausstatter) sieht in ihm einen Mann der alten Schule, der nur mal mit einem einfachen Handy telefoniert, zuhause in seinem Antiquitätenladen brav seine Suppe löffelt, während Rosina bei ihrer großen Arie mit Stock und Messer scheinbar attackiert. Almaviva kommt später dann als IS-Kämpfer ins Haus, wenn er den Einquartierungs-Befehl zeigt.
Ach ja, der Figaro. Er tritt auf – ganz in Schwarz und mit einem schwarzen Sonnenmal als Brustschmuck – zu seiner ersten Arie aus dem Off im 1.Rang, kommt über eine Eisentreppe auf die Bühne herabgestiegen, von einer Hand-Kamera begleitet. Er ist hier die Zentralfigur, der auch später den Muslim-Almaviva aus dem Laden von Bartolo schmeißt samt seinen drei Double-Kumpanen, die auch immer mal wieder mit der Rauchmaschine wedeln, wenn es irgendjemand zu bejubeln gilt. Etwa den Conte, der sein Ständchen für Rosina übt. Oder auch Rosina. Etwas tiefer gehend ist das Finale des ersten Akts. Bartolo erlebt da einen Albtraum mit allerlei finsteren oder tierischen Gestalten, in die der Chor hier verkleidet ist. Und so weiter und so fort.
Gesungen wird leider nicht so besonders gut. Ernst zunehmen wirklich der Bartolo von Philipp Meierhöfer mit einem sehr gut geführten Organ. Dominik Köninger als Figaro macht ebenfalls stimmlich eine recht gute Figur. Tansel Akzeybeks Stimme als Graf Almaviva klingt auch hier eher blechern. Nicole Chevalier hat ihre Koloraturen und ihre Grimassen zwar locker im Griff, singt aber leider selten wirklich sauber. Das Orchester unter Antonello Manacorda klingt arg pauschal, ohne die instrumentale Finesse und Durchsichtigkeit, die man für Rossini bräuchte. Alles in allem ein enttäuschender Spielzeit-Auftakt, auch wenn Regisseur Serebrennikov meint, mit seiner Inszenierung den Smartphone-Flachsinn der jüngeren Generation heute gegeißelt zu haben. Er fällt nur selber darauf herein.
Foto: © Monika Rittershaus
Wie einer Mitteilung aus der Komischen Oper zu entnehmen ist, sollte der Dirigent der Produktion, Antonello Manacorda, künftiger GMD werden. Wegen Meinungsverschiedenheiten hat er jedoch abgesagt - was sicher kein Fehler ist.


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