stob ab 2017 (Unter den Linden)

 

Einzug ins alt-neue Haus

Zum Tag der deutschen Einheit eröffnet die Staatsoper das Lindenhaus wieder nach sieben Jahren mit „Faust“-Szenen

03.10.2017

Decke lindenoper

Ein frisch erneuertes altes Haus. Fast alles schon tiptop. Der Foyers duften noch nach der frischen Farbe. Das Gold glänzt. Der Apollosaal eine Pracht. Die Akustik im Theaterraum, noch ehe ein Ton erklingt, ist hörbar eine andere dank der angehobenen Decke mit der Schall-Reflektions-Kuppel. Auch die Reden zur Einweihung, besonders die des ersten Redners, des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit seinen launigen Worten, passten. Daniel Barenboim bekommt schon beim Auftritt im Graben standing ovations. Und dann die Ernüchterung. Erst leicht, dann massiv.

Der Klang der Staatskapelle ist nicht so warm-ausgewogen-rund, wie man das Orchester sonst kennt, etwas kalt und gelegentlich fast blechern mit bollerigen Bässen. Daniel Barenboim dirigiert Robert Schumanns „Faust-Szenen“. Eigentlich ein Oratorien-artiges Werk, vollendet 1853. Nun weiß man, dass Schumann nicht der begnadetste Instrumentator war. Es mag daran liegen, dass man den filigran-samtenen Klang des Orchesters etwas vermisst. Sicher lässt sich das noch feinjustieren.

Optimal ist allerdings die Nachhallzeit von 1,6 Sekunden – wie es heißt. Aber die Sanierung des wieder erstandenen DDR-Rokoko-Hybrid war ja ursprünglich auch ganz anders geplant: entkernt werden sollte das Haus und gefüllt mit einem modernen optisch und akustisch optimierten Innenausbau. Doch da hat sich der damals Regierende Klaus Wowereit (jetzt mit in der Ehrengäste-Loge und munter parlierend mit der Kanzlerin) von den Traditionalisten wegen ein paar Millionen über den Tisch ziehen lassen. So wurden aus etwa 220 Millionen Euro Kosten 400.

Und dann die Inszenierung des Noch-Hausherren Jürgen Flimm – was hat man da den vielen prominenten Gästen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und den Fernseh-Zuschauern in ganz Europa (via arte.tv) zugemutet! Das soll das Haus mit internationaler Ausstrahlung sein, mit einer technischen Ausstattung auf Weltniveau, um es im alten DDR-Deutsch zu sagen? Auf gut Deutsch fühlt man sich an Striese erinnert; und wäre der Theater-Direktor ein Politiker, würden stante pede die Rücktrittsforderungen nur so prasseln. Aber hier geht’s wohl wie jüngst bei Frau Merkel nach der Wahl: War da was?

Flimm hat, um den Abend aufzumöbeln, die Schumann-Szenen mit welchen aus dem Goethe-Original-„Faust“ zu einer Art „Faust“-Digest gemischt unter dem Motto „Zum Augenblicke sagen: verweile doch!“ Dazu hat er sich von Markus Lüpertz ein paar übergroße Figuren, Köpfe und Bühnenvorhänge bauen bzw. malen lassen. Die Kostümabteilung durfte ordentlich in der Biedermeier-Abteilung wühlen. Auch ein Zwergen-Kinderchor mit Kreidetafeln für Merkworte wird bemüht.

Es ist ein endlos mühsames Herum-Theatern und Chargieren. Die meisten Szenen werden in einen engen Kasten verschoben, sodass Inszenierungs-Arbeit eigentlich nicht möglich bzw. überflüssig ist. Mit viel Bühnendampf (meist ein Zeichen von Ideenlosigkeit), auch in schillernden Neon-Farben, plus Einsatz des Flugwerks und Öffnung von Bodenklappen wird die Technik samt toller Beleuchtung vorgeführt. Klanglich etwas zu kurz kommen im neuen Ambiente die Sänger*innen. Voll überzeugen können lediglich René Pape als singender Mephistopheles und die junge Elsa Dreisig als Gretchen.

Auch wenn die Sänger am Ende, kleiner Scherz, die Biedermeier-Klamotten abstreifen dürfen – ein schlüssiger Abend, zu dem man sagen möchte, Augenblick verweile doch, ist das nicht.  Schon zur Pause sagen ihm einige Leute ade und wandern ab, Event hin oder her. Und am Ende gibt’s für Flimm und sein Team auch ein paar kräftige Buhs. Gut – für die Eröffnung geplant war eigentlich eine Uraufführung, aber Wolfgang Rihm, der angefragte Komponist, wurde krank und konnte die Partitur nicht rechtzeitig fertig stellen. Dem Haus und seinem Renommee wird diese Ersatz-Premiere keinen guten Dienst erweisen. Ob die ab Dezember ins alt-neue Haus stehenden Premieren die Scharte auswetzen können? Man wird sehen.

Szenen-Fotos: auf der Webseite der Staatsoper

*

Kampf mit Phantom

Neueröffnung der Staatsopern-Werkstatt
mit Lucia Ronchettis „Rivale“ (U)

Premiere: 8.Okt. 2017, gesehen Vorstellung am 11. Okt. 2017

Prachtvoll ist diese junge Stimme, wandlungsfähig, ohne falsches Vibrato. Sie gehört Almira Elmadfa. Das Stück von Lucia Ronchetti unter dem Titel „Rivale“ behandelt Ariosts Geschichte vom Ritter Tancred und seiner im Wald zurückgelassener Geliebter Clorinda in der französischen Fassung von Antoine Danchet. Selbst eingerichtet von der Komponistin ist es eine Art feministisches Psychogramm Clorindas, und wie sie sich aus der Unterdrückung durch den Ritter zu befreien sucht.

In der Werkstattinszenierung von Isabel Ostermann und mit der Ausstattung von Stephan von Wedel sieht man ein gitterartiges Gestänge. Darin verstreut am Boden liegend einige Utensilien: Ein Kleid, auf das Clorinda gleich zu Anfang zugeht, um es sich überzustreifen; ein Strick, mit dem sie sich dann die Arme auf den Rücken bindet; eine Ritterrüstung, gegen die sie am Ende kämpft wie gegen ein Phantom – bevor sie ihr Leben aushaucht.

Max Renne leitet das kleine Orchester, zusammengestellt aus Geige, Blechbläsern und zwei Schlagzeugern. Ronchetti hat für ihre Partitur reichlich in tradierten Materialien gestöbert. Mal klingt es wie Monteverdi, mal wie Mussorgsky, mal wie Strawinsky und anderen. Immer sind es sehr sprechende Muster, die sie heranzieht. So entsteht in dem als Werkstatt neu eingerichteten Raum des Intendanz-Gebäudes ein Abend von gut 60 Minuten Länge, bei dem man eine junge Sängerin bewundern kann, die sicher auch noch darstellerisch viel hinzulernen wird.

Die Produktion wird nach Braunschweig übernommen, Isabel Ostermanns neuen Wirkungsort.

Fotos: G.F.Kühn

 

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