Mit Feta und Quax in die Plutokratie
Philipp Stölzl rubbelt an Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“
16.Dez. 2011
Brandaktuell fängt das ja an, denkt man. Da kommt die öffentliche
Meinung auf die noch fast leere Bühne, schwadroniert was von Moral,
Werte-Orientierung, korrekter Buchführung und so. Allerdings geht’s
um ein Vorzeige-Ehepaar, das sich nun leider auseinander gelebt hat:
Orpheus & Eurydike. Keinesfalls dürften sie sich trennen, fordert
die öffentliche Meinung – derweil Madame in Erwartung neuer Amouren
sich schon BH und Schlüpfer abstreift; und als ihr Mann, der Geiger
Orpheus, sie entdeckt, zertrümmert sie seine teure Guarneri, sodass
er darauf nur noch ein paar Cage-Geräusche trommeln kann.
Kräftig haben Regisseur Philipp Stölzl und Texter
Thomas Pigor
Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ umgerubbelt. Die von
Stölzl mit Conrad Moritz Reinhardt entworfene Bühne ist ein auffaltbarer
Popup-Scherenschnitt. Das Orchester ist geschrumpft zu einer
Combo à la Weills „Dreigroschen“-Sound. Christoph Israel hat die
Partitur bearbeitet und lässt statt Offenbachscher
Meyerbeer-Parodien eher mal Wagners Blumenmädchen säuseln. Stölzl,
der hier zum ersten Mal an Berlins Staatsoper arbeitet, verweist als
cleverer Werbefilmer so schon auf sein nächstes Wirken ein paar
Blocks weiter, wenn er im Oktober an der Deutschen Oper (wo er schon
den „Rienzi“ stark rupfte) die
Intendanz von Dietmar Schwarz mit „Parsifal“ einläuten soll.
Offenbach und seine Textdichter Halévy und Crémieux verstanden
„Orphée aux enfers“, so der Original-Titel, 1858 als satirischen
Angriff auf die Verkommenheit des zweiten französischen
Kaiserreichs.
Aber erst durch eine Polemik gegen diese Operette, bei
der der Komponist in seinem kleinen Theater der Bouffes-Parisiens
erstmals aus dem Vollen schöpfen konnte, wurde das Stück zum
zeitgeistigen Renner. Selbst Napoléon III gab sich amüsiert. Der
Spiegel, den Stölzl und sein Team ihrem Publikum vorhalten, ist da
notgedrungen etwas blind. Schon weil das Ironisieren antiken
Kulturguts keinen Stachel mehr löckt. Man kann da nur hoffen, dass
so ein Abend wenigstens kurzweilig ist.
Stölzl und seine Ko-Regisseurin, die Choreografin Mara Kurotschka,
versuchen es mit Anleihen bei den modernen Unterhaltungsmedien, wenn
etwa eine Art Fernsehballett (der Frauenchor und einige Tänzerinnen)
einen wogenden Blumenteppich knüpft, in den der als Fetakäse-produzierender
Schäfer verkleidete Pluto sich mit der zu fast jedem Flirt bereiten
Eurydike betten kann.
Ben Becker gibt mit brummiger Stimme diesen
später in Gründgens-Mefisto-Maske in seine höllischen Gefilde
absteigenden Pluto. Luftiger Gegenpart, auch als gepanzertes Insekt
am Bühnenhimmel schwirrend und mit einer schwäbelnden Juno am
Telefon sich streitend, ist der hübsch krächzend an seinen Pfunden
arbeitende Gustav Peter Wöhler.
Den Orphée mimt Stefan Kurt, mal
näselnd-gespreizt als kellnernder Theo Lingen, mal als Bruchpilot-Quax
beim Absturz in die Plutokratie.
Evelin Novak gibt die fast
gemütliche Euridice, stimmlich durchdringend, die einzige Sängerin
im Schauspieler-Ensemble.
Die kleine Combo, geleitet von Julien Salemkour, ist hinter der
Spielfläche platziert; manchmal klappert’s ganz gehörig. Und obwohl
fast alle Darsteller Mikrofon-gestützt agieren, versteht man nicht
immer allen Text. Selbst nicht bei Cornelius Obonya, der plärrig
öffentlichen Meinung. Die feinste und kleinste Partie hat
Hans-Michael Rehberg als der von der Lethe-Plörre des Vergessens
besoffene Styx in schwarzen Prinzenshorts (Kostüme: Ursula Kudrna).
Intensiv aber knapp war der Beifall am Ende. Vielleicht auch weil
man eine Paradenummer wie den Can-Can unkörperlich-verschämt hinter
eine anonyme Kulisse verbannte. Prall überspringen wollte da kein
Funke.
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Amok um die Braut
Bedrich Smetanas „Verkaufte Braut“ („Prodaná Nevesta“)
19.Nov. 2011
Das Volk ist nicht tümlich,
wussten schon Bedrich Smetana und sein Librettist Karel Sabina.
Aber wie kann man die Suche nach nationaler Identität heute zeitgemäß darstellen?
An der Berliner
Staatsoper übergab man den Auftrag „Verkaufte Braut“ an ein Team aus
Ungarn. Balázs Kovalik und Csaba Antal zeigen die tschechische
Nationaloper gleichsam in einem multimedialen Museum. Ganz süffisant
beginnt das. Zur Ouvertüre geht der Vorhang nur ein Drittel hoch.
Man sieht Beine in roten Strick-Strümpfen, Ansätze von
Kniebundhosen, Säume von bunten Röcken (Kostüme: Bettina
Walter). Es wird ein bisschen
getanzt, geschuhplattelt, ein Baumstumpf zersägt, ein Opa im
Schubkarren vorbeigekarrt, auf einem Baumstamm gleichsam Bob
gefahren.
Dann geht der Vorhang hoch. Man blickt in eine Art Heimat-Museum
mit fahrbaren Vitrinen. Zwei über Eck gestellte Bildwände mit
raumfüllenden Böhmerwald-Fotos öffnen sich. Die reich bestickten
Brautmoden werden ausgestellt, Brauchtum demonstriert wie
Gänserupfen, Entenstopfen, Fleisch durch den Wolf und in Därme zu
Würsten drehen. Leicht ironisch geht‘s auch weiter in Balázs
Kovaliks Inszenierung. Die Bühnenbild-Ästhetik seines Landsmanns
Csaba Antal orientiert sich offensichtlich an moderner
Computergrafik. Die einzelnen Szenen werden in vitrinenartige
Fenster zerlegt, die Bilder auf Wägen herein- und wieder
hinausgefahren.
Da ist der Kuhstall, in dem der leicht autistische Wenzel oder
Vašek eine Kuh zu melken versucht als suchte er wie ein
Automechaniker unter dem Wagen nach dem Euter. Da ist die Dorfkirche
mit dem verschiebbaren Dachgiebel, an dem das Liebespaar Marenka und
Jeník zum nächtlichen Stelldichein sich trifft. Da ist das niedliche
Heim von Marenkas Eltern, bei denen der Hochzeitsvermittler Kecal
sich selber zum Essen aus der Kühltheke einlädt. Etwas spannungslos
geht es weiter mit hin- und hergeschobenen Szenenfenstern,
Trachtentanz, Biergarten. Tiefgang gewinnt die Inszenierung erst
gegen Schluss, wenn der verschüchterte Wenzel/Vašek aus seinem
zwischenzeitlichen Engagement als Bärendarsteller beim Wanderzirkus
„Adler“ aussteigt, mit der Pumpgun wild um sich schießt und in die
Psychiatrie eingeliefert wird.
Der verschollene Bruder Hans/Jeník hat sich mittlerweile zu
erkennen gegeben. Den Brautwerber Kecal hat er blamiert, der meinte
einen Coup gelandet zu haben, indem er ihm die Braut Marenka für 300
Gulden abluchste für den vermeintlich einzigen Sohn des reichen
Bauern Micha. Aber bei Marenka hat es doch auch einen Ruck gegeben.
Im Schlussbild lässt sie ihren einstigen Geliebten Jeník am Rand
sitzen, wendet sich sehnsuchtsvoll dessen Bruder Vašek zu, der in
seinem Käfig rot-grüne Bäume an die Glaswand malt.
Was der Aufführung fehlt, ist eine Personenregie. Regisseur
Kovalik ersetzt die mit seiner Bühnenwagen-Verschiebe-Technik, was
etwas erinnert an Heiner Müllers Stasi-Spottgedicht über die
Liebes-Fähigkeit von Schreibtischen. Auch gesungen wird nur zum Teil
gut. Herausragend Pavlo Hunka als Aktenköfferchen tragender
Brauthandels-Vertreter Kecal mit warmem Timbre wenn auch etwas
schwachen Tiefen. Auch Florian Hoffmann als naiver Wenzel und
Burkhard Fritz als gerissener Hans können überzeugen. Eine glatte
Fehlbesetzung Anna Samuil als Marenka/Marie. Mit ihrem
vibrato-intensiven dramatischen Sopran fehlt ihr alles Leichte für
die von Bedrich Smetana ja als operettenhafter Anti-Wagner gedachte
„Verkaufte Braut“.
Karl-Heinz Steffens am Pult leitet die Staatskapelle „preußisch“
straff und oft mit zu wenig Feingefühl. Nicht immer sind Bühne und
Graben zusammen. Am Ende des dann doch etwas langen Abends neben ein
paar schüchternen Buhs freundlicher Beifall für eine zu
selbst-gefällige Inszenierung.
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Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ in einer Inszenierung von
Patrice Chéreau zur Saisoneröffnung 2011/12
03.10.2011
Man sieht es ihr kaum an.
Aber diese Inszenierung von Janáčeks
„Aus einem Totenhaus“ ist vier Jahre alt. Immer wieder hat Regisseur
Patrice Chéreau mit den jeweils neu hinzugekommenen Sängern daran
gefeilt. Zuerst herausgebracht bei den Wiener Festwochen 2007,
wanderte sie weiter nach Amsterdam, zum Festival in Aix-en-Provence,
an die Met und an die Scala. Nun also Berlin als letzte Station.
Die Bühnenmaße der im Schillertheater residierenden Staatsoper
sind glücklicherweise fast die gleichen wie beim Theater an der
Wien, für das Chéreau seine Inszenierung und Richard Peduzzi das aus
verfahrbaren hohen „Beton“-Mauern gebaute Bühnenbild zunächst
entworfen haben. Neu im Graben Sir Simon Rattle. Der Chefdirigent
der Berliner Philharmoniker, der zum dritten Mal am Haus arbeitet,
hält die Staatskapelle an zu forschen Tempi, schärft den Klang zu
schroffen Gebirgen. Nicht immer gelingt das den Musikern ganz
sauber, zumal in den hohen Lagen der Violinen.
Janáčeks Oper über das Leben und Leiden in russischen Straflagern
der Zarenzeit bekommt in Chéreaus zu Recht hochgerühmter
Inszenierung spürbare Härte. Chéreau hat viele Details der
Roman-Vorlage von Fjodor Dostojewski in seine höchst konturierte
Personenführung eingebaut.
Hart wird da gestritten um den besten Platz bei der spärlichen
Essensausgabe. Übel spielt man dem besser gestellten Neuankömmling
mit, dem dann aber nicht nur die Füße sondern auch die Hände in
Ketten gelegt werden. Von fast satirischer Schärfe die Pantomimen
des 2.Akts beim Theater zum Feiertag. Etwas schwächer ist der
Schluss-Akt.
Am Ende lang anhaltender Jubel für diese geschlossene
Ensemble-Leistung. Auch wenn man skeptisch sein sollte über solche
Importe zumal am Spielzeitauftakt – diese Aufführung von Janáčeks
„Aus einem Totenhaus“ hat doch Spielzeit-Maßstäbe gesetzt.
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Die Berliner Opernbühnen am Saisonschluss - eine Bilanz
15.Juli 2011
Zum Saisonende noch ein Wink, wie das Musiktheater sich weiter
entwickeln könnte, wenn es mehr sein will als Thesen-, Dramaturgen-,
Design- oder Ausstattungs-Theater. Peter Eötvös‘ Oper „Tri sestri“
(nach Tschechows „Drei Schwestern“) kam da ins Berliner
Schillertheater. Die mit der Theaterakademie München koproduzierte
Aufführung wurde gezeigt im Rahmen des kleinen Festivals
„Infektion!“, bei dem die Staatsoper einige ihrer Produktionen mit
zeitgenössischem Musiktheater bündelt samt informativem Symposion. „Tri
sestri“ wurde von der früheren Cranko-Tänzerin und Choreografin
Rosamund Gilmore inszeniert, fantasievoll, aus der Musik heraus,
körperlich-spielerisch, vielleicht etwas überästhetisiert – ein
Kontrast jedenfalls zu der szenisch stumpfen, jetzt nochmal
hervorgeholten Uraufführung der
Christoph-Schlingensief-Gedächtnis-Oper „Metánoia“ am Saisonbeginn.
Im Programm auch die mit Brüssel koproduzierte neue Oper von Toshio
Hosokawa „Matsukaze“, für die Sasha Waltz als Regisseurin und
Choreografin verantwortlich zeichnet. Waltz‘ Ansatz freilich ist
ganz anders; sie ist fokussiert auf ihr Tanzensemble.
Das Gegenteil eines von innen heraus bewegten, zum Mitdenken
einladenden Musiktheaters präsentierte die Komische Oper. Calixto Bieito inszenierte Francis Poulencs Märtyrerinnen-Drama aus dem
Umfeld der Französischen Revolution, „Dialogues des Carmélites“. Ein
Paukenschlag sollte das sein und Pendent gleichsam zu des Hausherren
Andreas Homoki munterem Saisonauftakt mit den „Meistersingern“.
Indes erlebte man den Regie-„Berserker“ Bieito, bar der bei ihm
sonst üblichen Zutaten von Blut und Sperma, eher spröd ja dröge mit
reichlich konventionellem Rampentheater, die Bühne zugestellt mit
einem Gitter-Konstrukt (Rebecca Ringst). Kirche und Kloster sind ein
Gefängnis, sollte das heißen, eine umwerfend tiefschürfende Idee.
Spannend wird‘s erst am Schluss, wenn die Karmelitinnen als „Huren
Gottes“ sich unter die Guillotine legen. Das Publikum beklatschte
den Abend freundlich, vor allem aber die „Marke“ Bieito.
Bedrückend, was die von der Deutschen Oper scheidende Intendantin
Kirsten Harms als letzte Novitäten ihrer Amtszeit präsentierte: Eine
stocksteife Einrichtung von Camille Saint-Saëns‘ „Samson et Dalila“
durch den Regisseur Patrick Kinmonth (koproduziert mit dem Theater
Genf) und den Import eines dreizehn Jahre alten Verdi-„Macbeth“ von
Robert Carsen. Die Oper als blutleeres Museum – sollte das die „Große
Oper“ sein, die das Haus so gern plakatiert? Und auch die beiden
Produktionen, die zuvor der neue GMD Donald Runnicles verantwortete,
hatten bloß musikalische Meriten. Für Berlioz‘ „Trojaner“ holte
sich Runnicles als Monumental-Szeniker David Pountney, der prompt
die Bismarckstraße mit dem Bodensee verwechselte. Bei „Tristan und
Isolde“, seiner zweiten Premiere, bat Runnicles Graham Vick ans
Regiepult. Der füllte das Personal mit zahllosen Nebenfiguren an,
ohne das Werk auch anzureichern. Bewundern durfte man Petra Maria
Schnitzer als Isolde mit ihrem luziden Sopran.
Ein Auf und Ab war denn auch das verlässlichste Merkmal der nach
sieben Jahren endenden Intendanz von Kirsten Harms. Trotz
interessanter Ausgrabungen überwogen die Enttäuschungen, auch wenn
die Publikumsfrequenz zuletzt wieder nach oben drehte. Ob das in der
kommenden Saison anhält, bleibt fraglich. Das von Runnicles als
Quasi-Intendant vorgestellte Programm bestätigt die alte Erfahrung,
dass gute Dirigenten selten auch gute Theaterleiter sind. Zudem muss
das Haus wegen weiterer Rekonstruktions-Arbeiten zeitweise
geschlossen werden. Und was danach kommt, wenn 2012 Dietmar Schwarz
aus Basel nach Berlin wechselt? Seine Basler Linie wird Schwarz an
der Deutschen Oper kaum fortsetzen können. Eine Kammerbühne möchte
er dem Haus angliedern, war zu hören. Ankündigungen derart gibt es
variantenreich seit dreißig Jahren. Schön wenn es diesmal klappte.
Eher über- als unterfordert hat Intendant Jürgen Flimm in seiner
ersten Spielzeit den Staatsopern-Apparat. Mit der Werkstatt hat er
sich zudem eine kleine Bühne organisiert, deren Angebot bislang
allerdings nur begrenzt überzeugte. Punkten will Flimm nun mit
prominenten Namen, vor allem mit Daniel Barenboim (68), der soeben
seinen Vertrag bis 2022 verlängerte. Sorgen bereiten die gesunkenen
Besucherzahlen. Das Haus liegt nicht an der touristischen
Flaniermeile. So plant Flimm kommende Saison auch den Zukauf
andernorts gefeierter Produktionen (ein neuer Trend?), inklusive
einiger Reste seiner vorzeitig abgebrochenen Salzburger Amtszeit.
Mit einer Ticketbox Unter den Linden und Bustransfer hofft man die
Besucherzahlen wieder zu liften. Ohnehin verzögert sich die
Sanierung der Staatsoper, wie Berlins aus Zürich kommende
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher kürzlich bei einer Begehung der
Baustelle erläuterte. Bei der Prüfung der alten Fundamente ist man
auf Einbauten gestoßen, die Umplanungen erfordern. Erst 2014, ein
Jahr später, wird das Lindenhaus wieder eröffnet.
Von dem geschlossenen Lindenhaus profitiert die Komische Oper. Für
die nächste Spielzeit verspricht sie das auf dem Papier
interessanteste Programm. Andreas Homoki versammelt vor seinem
Abgang nach Zürich noch einmal einige Matadore des Regietheaters
alter Schule. Ob es das Zuschauvergnügen nachhaltig fördert?
Alexander Kluge sprach mal von Theater als „wissender Naivität“.
Aufgesetzte „Konzepte“, handwerklich oft mangelhaft, ohne Gefühl für
Raum und Bewegung, verfangen beim Publikum immer weniger – wie an
dem Haus zuletzt zu sehen mit einem krampfigen Mozart-„Idomeneo“ in
der Regie des als Jungstar hofierten Benedikt von Peter.
Musik-Theater – mit Akzent auf beiden Teilen des Begriffs – wäre was
anderes. Dazu bedürfte es differenzierter szenischer Mittel und
Fähigkeiten.
Bei Barenboims Vertragsunterzeichnung meinte der Regierende
Bürgermeister Klaus Wowereit, jetzt wo die Strukturen gefestigt
sind, könne man wieder mehr über Künstlerisches reden. Sogleich
gestellte kritische Anfragen indes blieben unbeantwortet. Als
„Opernhauptstadt Berlin“ werben die drei Häuser auf einem
gemeinsamen Plakat allmonatlich für sich. Nur ein schöner Traum?
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Hinter der Brecht-Gardine
Bernsteins „Candide“ als hübsches Design-Festival
24.Juni 2011
Die Ouvertüre kann man immer mal wieder in den Radioprogrammen
hören. Dem ganzen „Candide“ begegnet man nur noch selten auf der
Bühne. Als Menetekel gegen die nach dem zweiten Weltkrieg von dem
Senator McCarthy veranstaltete Hexenjagd auf alles, was „links“
erschien, wollte Leonard Bernstein seine „Comic Operetta“ verstanden
wissen. Voltaires Satire auf Leibniz und dessen Dictum, dass alles
in der Welt gut weil von Gott sei, schien dem großen Dirigenten und
Komponisten und seiner Librettistin Lillian Hellmann die geeignete
Vorlage.
Voltaire hatte seinen „Candide“-Roman geschrieben unter dem
Eindruck des fruchtbaren Erdbebens von Lissabon, 1755, das die ganze
Stadt zerstört und tausende Menschen zerquetscht hatte. Das sollte
Gottes Wille sein? So wandert der junge Naive, Candide, mit seiner
Geliebten Cunégonde, getreu den Sentenzen ihres Lehrers Pangloss,
die Welt sei ein einziges Paradies, durch selbige bis nach
Südamerika und zurück. Aber was sie finden, ist Elend und
Zerstörung. So wollen sie am Ende bescheiden nur noch ihren
Gemüsegarten beackern.
Regisseur
Vincent Boussard, seine Ausstatter Vincent Lemaire (Bühne)
und Christian Lacroix (Kostüme) packen das in seinen sehr schicken
designerhaften Rahmen. Die Szenen werden getrennt durch eine
schwarz-bunte Commedia-dell‘-arte-Brecht-Gardine.
Um die
wannenartige Bühne steht oben auf der Empore der Chor als
Kommentator. Pangloss verschwindet immer mal wieder in einem
Pappkarton, während Candide mehr beobachtend als handelnd die
verschiedenen Schauplätze erkundet.
Am Ende landet man in Venedig in
einem Hospital mit einem „Garten“ aus Krankenbetten. Die Welt ist
rettungslos verloren, soll das womöglich heißen. Aber es bleibt doch
sehr an der Oberfläche, von einem Gag zum nächsten hüpfend.
Musiziert ist das unter der Leitung von Wayne Marshall exzellent.
Die Staatskapelle kniet sich süffig in Bernsteins Partitur. Leonardo Capalbo gibt den glänzend in allen Lagen disponierten Candide.
Maria Bengtsson als seine Cunégonde weiß sich trefflich zu räkeln im
Paris-Bild, klingt aber manchmal etwas kehlig. Als
komisch-satirisches Ur-Talent zeigt sich Graham F. Valentine als Pangloss. Raffiniert das Licht von Guido Levi und die dezenten
Videos von Isabel Rosson. Insgesamt wirkt Bernsteins Satire von 1956
heute aber doch etwas langatmig, wenig pointiert und hier wie ein
juxig-bunter Bilderbogen. Das Premieren-Publikum jauchzte. Eine
Vertonung des Voltaire-Stoffs, die 1986 Reiner Bredemeyer für Halle
komponierte mit Gerhard Müller als Librettist, war da freilich
ungleich konziser. Kennt das noch jemand?
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Ausflug ins Mädchenpensionat
Mit der „Walküre“ setzt die Staatsoper ihren Video-„Ring“ fort
17.April 2011
Musikalisch hat diese „Walküre“ sehr hohes Niveau. Impulsiv und
mit viel Sinn für die Feinheiten der Partitur dirigiert
Daniel Barenboim Wagners Musik.
Das beginnt schon mit dem
allerersten Vorspiel, das die Jagdszenen verdeutlicht, Hunding
kontra den aufmüpfigen Wälsung Siegmund. Es setzt sich fort in der
Begegnung der Zwillingsgeschwister Siegmund-Sieglinde, der
Auseinandersetzung Wotans mit Fricka und dann mit Brünnhilde.
Schließlich mit den Walküren. Immer ist da zu spüren eine enorme
Klangsinnlichkeit und Durchsichtigkeit. Nie überdeckt das Orchester
die Stimmen. Immer ist auf Textverständlichkeit geachtet.
Mit René Pape hat man allerdings auch einen
Wotan, der in der Welt konkurrenzlos ist an differenzierten
Ausdrucksmöglichkeiten und Stimmkraft. Fabulös wie er in allen
Stimmlagen die Partie bewältigt. Am ehesten noch Anja Kampe
als leuchtend klare Sieglinde
kann Ähnliches bieten mit ihrem
schlanken und doch durchschlagskräftigen Sopran. Simon
O’Neill als Siegmund singt leider nur vor allem laut.
Erstaunlich der noble Hunding von Mikhail Petrenko,
aber auch die Fricka von Ekaterina Gubanova. Von
Iréne Theorin als Brünnhilde wünscht man sich etwas
mehr Stimmkultur.
Szenisch bleibt in dieser – nein Inszenierung kann man das ja
wirklich nicht nennen – Video-Einrichtung alles wie im „Rheingold“.
Wechselnde Video-Farbwände mit einem hervor krakenden Glas-Bungalow
als Hundings Hütte und seltsam bedeutungsschwangeren
Schattenspielen, wenn jemand auftaucht. Der Wald des zweiten Akts
sind staketenartige Pfäle, auf die Waldgrün projiziert wird – noch
am akzeptabelsten. Wotan steht ausdauernd unter einer Weltkugel aus
sich drehenden weißen Ringen, auf die Fotos (wohl) aus dem
Wotan-Familien-Album projiziert werden.
Fürs Walküren-Mädchenpensionat werden ein paar Kistenstümpfe
ausgefahren, über die die Damen mit ihren Pferdeschwanzartigen
Kleidern (Kostüme: Tim van Steenbergen) wie Vögelchen hüpfen. Und
Brünnhilde wird in ihren Tresor gebettet mit roten Laserlicht-Schnüren
und einer Art Infrarot-Lampen-Batterie, damit sie nicht friert.
Minimalste personen-regieliche Regungen zumal bei Wotan oder auch
beim ersten Kuss des Zwillingspaars sollen das Manko überdecken.
Aber auch nach der „Walküre“ bestätigt sich der Eindruck von
„Rheingold“: es war ein schwerer Fehlgriff, das belgische Team um
Guy Cassiers und Enrico Bagnoli
mit dieser Mailand-Berliner Koproduktion beauftragt zu haben. Ein
Buhkonzert fürs Team wies den Verantwortlichen – wer immer es
war/ist – den Weg.
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Wie im Stummfilm schwarz-weiß
Daniel Barenboim und Andrea Breth mit Alban Bergs „Wozzeck“
16.April 2011
Streng, geradezu hermetisch, ohne Farbtupfer in einem
grau-grünlichen Schwarz-Weiß – das ist das äußere Setting. Die
Eröffnungsszene, wenn Wozzeck den Hauptmann rasiert, spielt in einem
trapezförmigen halbhohen Gitter-Verschlag. Der Hauptmann sitzt da
gestikulierend hinter zwei Tischchen. Wozzeck springt nervös, leicht
gebückt wie ein halb geöffnetes Klappmesser um ihn herum. Wenn der
Hauptmann ihm erklärt, was Moral ist, muss Wozzeck sich über den
Tisch beugen und die Stiefel des Hauptmanns auf seinem Rücken
fühlen.
Der bräunliche Latten-Verschlag und die in mattiertes Seitenlicht getauchten Figuren bleiben das Grundmuster der
Aufführung. Marie haust in dem Verschlag mit dem Kind, empfängt dort
den Tambourmajor. Wozzeck bleibt hinter dem Rost, wenn er seine
Löhnung fürs Bohnenfressen abliefert. Vom Doktor lässt er sich in
dem Kabuff die grüne Brühe übers Gesicht gießen, und wieder
abspülen. Mit Andres häutet er dort Hasen.
Die Szene weitet sich zu einem karussell-artigen Hexagon, wenn
Hauptmann und Doktor miteinander über Wozzeck debattieren. Es ist
der Ort für die Kirmes, ein Armeleute-Vergnügen rund um die
Kloschüssel, und der Ort für die Kasernen-Szene. Wenn Wozzeck die
Marie ans Wasser lockt, um sie zu töten, ist die Bühne leer geräumt.
Und dann im Schlussbild kreist dort wieder sehr langsam das
Karussell. Aber man sieht nur noch das ausgeweidete Gestänge. Und
das Kind hoppelt auf einem Wischmopp als Stecken-Pferdchen.
Fast wie
ein Schwarz-Weiß-Stummfilm läuft das ab mit Blacks als harten Cuts.
Bewusst haben sich Andrea Breth und ihr Bühnenbildner
Martin Zehetgruber auf die Ästhetik der Zwanziger-Jahre-Entstehungszeit von
Alban Bergs Opern-Fassung des Büchnerschen „Wozzeck“ eingelassen.
Genial findet Breth diese Bergsche Fassung, mit der der Komponist
die Büchnerschen Fragmente überhöht und auf einen „Kothurn“ gestellt
habe, weswegen sie sich an das Schauspiel auch nie wagte.
BRETH: Diese Tiefe kommt durch die Musik und das
hohe Verständnis von Berg, was Dramatik und Theater angeht – das ist
ein solches Faszinosum. Man wird eher ohnmächtig, wenn man daran
arbeitet, weil die Messlatte so hoch hängt, dass man jeden Tag von
der Probe geht und sagt, ich laufe immer noch zu Fuß, statt dass ich
schwebe.
Daniel Barenboim am Pult nimmt das Orchester so sehr zurück, dass
Textverständlichkeit fast durchgehend garantiert ist. Nur bei den
symphonischen Zwischenspielen lässt er die Staatskapelle voll
ausspielen. Sängerisch kann die Produktion allerdings nicht mit
höchstem Niveau prunken. Nadja Michael ist zwar eine gelenkige
Marie, ihr stimmliches Vibrato passt allerdings wenig zu der Partie.
Roman Trekel als hochgewachsener, glatzköpfiger Wozzeck bringt sein
enormes Darsteller-Vermögen ein, ihm mangelt es aber etwas an
stimmlicher Wärme.
Gute Figur machen Graham Clark als hustengeplagter Hauptmann und
insbesondere Pavlo Hunka als am „menschlichen Material“
experimentier-wütiger Doktor. Was der Aufführung insgesamt fehlt,
ist die unterschwellige lakonische Ironie der Büchnerschen Vorlage.
Gleichwohl gelingt es Breth über die gesamten hundert Minuten mit
körperbetontem Spiel ein dichtes Feld von Spannung zu erzeugen. Am
Ende einhelliger Jubel für das gesamte Team. Und das ist selten geworden in dem Haus.
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Henzes „El Cimarrón“ halbszenisch
18.02.11 - Werkstatt
Das Stück gehört zu den avanciertesten, die der bald 85-jährige
Hans Werner Henze geschrieben hat. Virtuos verbindet er hier
politisches Anliegen und moderne Musiksprache: vor allem in der
Behandlung der Stimme mit einem höchst expressiven Sprechgesang und
dem alle vier Mitwirkenden fordernden Spiel des dominanten
Schlagzeug-Apparats.
1969/70 ist “El Cimarrón“ entstanden. Es erzählt die
Lebensgeschichte des Cimarrón Esteban Montejo. Cimarrón nannte man
in Kuba einen aus der Sklaverei entflohenen Schwarzen. 1886 erst
wurde die Sklaverei in Kuba abgeschafft, nach jahrzehntelangem
Guerillakampf. Zwölf Jahre später, als die Spanier die Insel
aufgaben, rückten die Amerikaner nach. Kuba wurde Protektorat.
Esteban kam schon als kleiner Junge in die Sklaverei auf einer
Zuckerrohr-Plantage. Später floh er in die Wälder. Als die
spanischen Kolonisatoren die Insel verließen, kehrte er zurück in
die Stadt. Aber er merkte: das Leben jetzt war auch nicht viel
besser. So ging er wieder aufs Land. Von einer neuen Brüderlichkeit
unter den Menschen konnte er nur träumen.
Der kubanische Schriftsteller, Ethnologe und einstige
Castro-Freund Miguel Barnet hatte 1963 den damals über
hundertjährigen Cimarrón Esteban Montejo aufgespürt und seine
Geschichte dokumentiert. Hans Magnus Enzensberger filterte daraus
für Hans Werner Henze ein Libretto in fünfzehn Lebens-Stationen: Ein
suggestiver Monolog in Ich-Erzählform. Castros Kuba war damals eines
der gelobten Länder der europäischen Linken. Henze, auf der Suche
nach Möglichkeiten für eine neue Kultur politisch intendierter
Musik, reiste selbst voller Begeisterung auf die Zuckerinsel. Der
Autor Barnet indes bekam schon bald das bittere Salz der
Castro-Revolution in deren Gefängnis-Gruften zu schlecken.
In der Werkstatt der Berliner Staatsoper im Schillertheater hat
man sich nun halbszenisch an dem Recital versucht. Ein junges Team
um die Musiker des Ensembles Quillo und die
Regisseurin Sophia Simitzis setze das als einen
bunten Bilderbogen aus den romantischen Tagen der Revolution in den
schmalen Raum. Das 80-Minuten-Recital ist geteilt in zwei Hälften,
was den Abend allerdings mehr aufbläst als gliedert und ihm viel von
der inneren Dynamik nimmt. Zeichentrick-Einspiel-Filmchen sollen
fehlende Spielmöglichkeiten ersetzen.
Auch Hubert Wild
als szenisch sehr präsenter Esteban kann das nicht auffangen. Wild
erzählt die Lebensgeschichte Estebans durch den Raum streifend: im
ersten Teil als gleichsam Tourist im weißen Tropen-Anzug, im zweiten
Teil als Beteiligter in Uniform. Am Ende, wenn er der Stadt wieder
den Rücken kehrt, sieht man ihn sitzen auf einer Schaukel, deren
Sitzfläche seine Machete ist. Er wird deren Schneide wohl wieder
wetzen, will das sagen. Aber das Liebste waren ihm doch ohnehin die
Frauen. Sie waren das Beste in seinem Leben, sagt er. Und er hatte
viele.
Insgesamt ist das erstaunlich unkritisch angelegt, ideenarm und
dürr – wie die Verhältnisse auf der Zuckerinsel heute. Die von
Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm mit so viel Vorschuss-Lorbeeren
gepushte kleine Reihe in der Werkstatt-Bühne kommt nicht so recht in
die Gänge: Zu wenig Sorgfalt bei der Auswahl der Teams oder der
präsentierten Stücke. Und vor allem auch in der Organisation. Manche
Besucher gingen in der Pause. Und das bei dieser wunderbaren Musik.
Da muss wohl einiges neu justiert werden.
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Schatten und Licht
René Jacobs und Vera Nemirova mit „Antigona“ von Tommaso Traetta
30.01.2011
Berühmt war der aus dem südlichen Italien stammende
Tommaso Traetta (1727-1779) einst als Opernreformer.
Stilistisch markiert er den Übergang vom Barock zur Klassik. Die
Aufführung seiner „Armida“ 1761 in Wien regte Gluck an zu seiner
Reformoper „Orfeo ed Euridice“ im Jahr darauf. Man wollte zurück zu
den Ursprüngen der Oper und dem, was man verstand unter griechischem
Drama. Die Grenzen zwischen Rezitativ, Arie, Ensembles und Chören
sollten fließend, die musikalische Dramaturgie dem dramatischen
Fluss angepasst werden. Die Rezitative sollten eingebettet werden in
den Gang der Handlung, also meist vom Orchester begleitet,
Koloraturen in den Arien sollte es nur geben, wenn sie einen inneren
Zustand ausdrücken nicht als Virtuosen-Beiwerk. Mozarts „Idomeneo“
wäre ohne Traetta und seine „Antigona“ kaum denkbar, auch wenn
Mozart sehr viel mehr für Bläser instrumentierte – was ihm in
Italien vorgeworfen wurde.
Entstanden ist die „Antigona“ 1772 für den Petersburger Hof von
Katharina der Großen. Traetta und sein Textdichter Marco
Coltellini rücken die Tragödie um Antigone ins Licht der
Aufklärung, was musikalisch durch den Einsatz der Klarinette und die
dafür genutzte Tonart Es-Dur als Tonart des Lichts unterstrichen
wird. Das von der barocken Konvention noch geforderte „lieto fine“,
das glückliche Ende, deuten sie um als Appell an die Vernunft der
Herrschenden. Antigone, die entgegen dem Befehl von König Kreon den
von ihm als Verräter gebrandmarkten Bruder Polyneikes bestattet,
wird zwar auch hier zum Tode verurteilt. Aber Kreon erkennt, dass am
Schicksal der Menschen nicht irgendwelche Götter schuld sind,
sondern die Menschen selbst.
„Dieses Stück könnte eine Tragödie sein von Voltaire,
es hat wirklich zu tun mit dieser Idee von Aufklärung“ sagt der
Dirigent und Musikforscher René Jacobs. Traettas
Oper hat er sich als zwanzigste Produktion für seine alljährliche
Barock-Stagione an der Berliner Staatsoper ausgewählt hat. Schon
lange schwebte ihm das vor. „Es gibt hier eine sehr große
Abwechslung an unglaublich schönen Melodien, an Arienformen – also
keine Arie hat die gleiche Form wie die andere – und sehr rührende
Chöre.“ Traettas „Antigona“ war zu ihrer Zeit sehr berühmt, wie die
zahlreichen Libretti-Nachdrucke bezeugen. In dem das Musikleben der
Zeit reflektierenden Roman „Hildegard von Hohenthal“ (1795/96) des
Thüringer Dichters Wilhelm Heinse wird auch immer
wieder von diesem Werk als Muster italienischer Opernkunst
geschwärmt.
Regisseurin Vera Nemirova misstraut allerdings
dem „lieto fine“. Sie zeigt das Stück mehr aus der Sicht Antigonas
und ihres Verlobten Haimon oder Emone und ihrer bedrohten Liebe. Die
Bühne von Werner Hutterli ist reduziert auf einen
als Tennis-Schiedsrichter-Stuhl geformten Thron, am Boden verstreute
Tier-Felle und eine Grube als Grab. Zwischendurch immer wieder
spielende Kinder sollen die glücklichere Vergangenheit und die
Hoffnung auf eine bessere Zukunft symbolisieren. Manches wirkt
freilich eher aufgesetzt, trotz der Reduktion, zu der sich die
Regisseurin hier durchgerungen hat, ohne doch schon zu einer eigenen
Bühnensprache gefunden zu haben. Nemirova ist offenbar dabei, von
ihrem Mentor Konwitschny abzurücken und sich neue Vorbilder zu
suchen. Man sähe dann freilich lieber das Original. Die Figuren der Antigona und ihres
Geliebten Emone wirken schwankend zwischen Widerborstigkeit und
Larmoyanz. Klarer profiliert sind Antigonas Schwester Ismene und der
König Kreon.
Die Musik Traettas bleibt trotz ihrer bemerkenswerten
dramatischen Durchformung an Kraft doch weit hinter dem Genie Glucks
oder gar Mozarts zurück. So wirkt der (fast strichlos) mehr als
drei-stündige Abend langatmig, und erst im Schlussduett der
Liebenden finden sich auch sensiblere Töne. Freundlich gefeiert
wurden am Ende alle Beteiligten, insbesondere Dirigent René Jacobs
und die Akademie für Alte Musik. Veronica Cangemi
ist eine Koloraturen-leichte, wenn auch weniger dramatische Antigona.
Der Counter Bejun Mehta gibt mit stimmlichem
Schliff den Verlobten Emone. Jennifer Rivera ist
die resolute Schwester Ismene, Kurt Streit der
innerlich gespaltene König Kreon. Gewichtig die Chöre. Immerhin
musikhistorisch ist Traettas „Antigona“ eine interessante
Ausgrabung.
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Etüden übers Kreuz
Brice Pauset: „Les Exercices du Silence“
15.01.2011 - Werkstatt
Eine
junge Adelige im Frankreich des 17.Jahrhunderts hört den Ruf eines
Bußpredigers. Sie wird sich ihrer „Sündhaftigkeit“ bewusst, wechselt
ihre Identität und beginnt sich zu geißeln in Selbsterniedrigungen,
bis sie, von Angstattacken und Gewalt gegen sich selbst gepeinigt,
in der Nervenklinik des Hôpital Salpêtrière landet. Dort verdämmert
sie mit Bettelweibern, Diebinnen, Prostituierten, erlebt in den
Selbstkasteiungen wie dem Schlecken von Eiterwunden die Ekstase
verfallenden Fleisches.
In seinem zweiten Bühnenwerk schickt Brice Pauset
diese Louise du Néant auf einen 14-stufigen inneren Kreuzweg. Er
lässt sie lallen, in Stimmen sprechen und auf Stimmen hören. Ein
Klavier und live-elektronische Zuspielungen (IRCAM) sind neben der
Vokalistin die einzigen Instrumente. Mit stupender Virtuosität
verkörpert Salome Kammer diese Louise, die sich
löst aus ihrer adeligen Herkunft, hinabgleitet in die Niederungen
ihres Ich. Ein Pelzmantel, den sie abwirft, genügt in
Reinhild Hoffmanns und Mark Lammerts
Inszenierung in der Schillerwerkstatt, um die Ausgangsposition zu
markieren. Der Kreuzweg ist symbolisiert durch eine schwarze
Eisenstange, um die Louise sich windet, unter der sie sich begräbt.
Ein rotes Seil, das sie ab- und wieder aufwickelt, ist der schmale
Steg, auf dem sie gleichsam gen Himmel zu balancieren sucht.
Sichtbar wird in dem erst vor einigen Jahren wieder edierten Text
ein höchst interessanter Aspekt religiöser Mystik – und
Selbstzerstörung. Bewundernswert Salome Kammer als Solistin.
Reinhild Hoffmanns Regie reduziert in diesen Etüden über das Kreuz
das Geschehen minimalistisch zu einer Art Performance. Adäquat
verfolgen kann man die nur, wenn man des Französischen mächtig ist
oder das Programmheft ausführlich studiert hat. Pausets Musik für
diese „Exerzitien der Stille“ ist doch etwas zu „schweigsam“, um die
Aufmerksamkeit die vollen 55 Minuten lang fesseln zu können. Viel
Beifall am Ende vom kleinen Premierenpublikum.
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MacTeufel trifft Beelzebub
Warlikowski versucht sich an Strawinskys „The Rake’s Progress“
10.Dez. 2010
Das Stück scheint denn doch etwas in die Jahre gekommen. Die
große Warnung vor den geheimen Verführern Sex, Glücksspiel, Drogen
verpufft angesichts einer Gegenwart, in der man nur den Fernseher
anstellen oder durch die Städte streifen muss, um das alles frei
Haus geliefert zu bekommen. Möglich, dass Igor Strawinsky und seine
Librettisten W. H. Auden und Chester Kallman nach dem Zweiten
Weltkrieg auf dem Umweg über den Kupferstichzyklus von William
Hogarth eine politisch allgemeinere Warnung vor den Schattenmännern
und Einflüsterern à la Nick Shadow auf die Opernbühne bringen
wollten. Auch musikalisch greift Strawinsky auf die ältere barocke
und nachbarocke Form der Nummernoper für seine einzige abendfüllende
Oper „The Rake’s Progress“ zurück, er misstraut dem für sein
Empfinden ins Formlose ausufernden Wagnerschen Musikdrama.
Für die Neuproduktion des 1951 in Venedig uraufgeführten Werks
hat die derzeit im Schillertheater residierende Berliner Staatsoper
den polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski
verpflichtet. Mit viel Live-Video-Groß-Projektionen der handelnden
Figuren versucht er dem Stück einen modernen TV-Touch zu geben. Der
Schatten-Teufel Nick, der es auf den ahnungslosen Tom Rakewell
abgesehen hat, trägt hier Andy-Warhol-Maske, mampft im
Schnellrestaurant seinen Burger und beobachtet Tom samt seiner
Freundin Anne. Bald sitzen die und Annes Vater mit am Tisch, Nick
lässt seine vor allem homoerotischen Verführungskünste spielen. Und
ab geht’s in die große (Halb-)Welt. Der silbrige Wohnwagen von
Puffmutter Goose mit goldenen Luftballons drin wird vorgefahren, die
bärtige Jahrmarkt-Sensation Türken-Baba für eine Hochzeit staffiert
– und im Auktionshaus samt Mickymäusen wieder verkauft. Am Ende
träumt sich Tom im Irrenhaus als Adonis, der seine Venus Anne
erwartet, nachdem er seinen Schatten ins Jenseits abgenickt hat. Und
zur Verkündung der Moral à la „Don Giovanni“ reicht Anne ihr Baby
herum. Ja wieso, soll man sich wohl fragen, ist Tom eigentlich aus
seinem beschaulichen Landleben ausgebüchst?
Warlikowskis Standard-Ausstatterin Malgorzata Szczesniak
hat in die mit viel Neonröhren und spiegelnden Materialien drapierte
Bühne ein fahrbares Haus gebaut. In dessen Oberstübchen sitzt der
Chor, meist allerdings verborgen hinter einer Leinwand, auf die die
hand-video-original-verwackelten Bilder projiziert werden – wie auch
auf zwei Bildschirme am Rand des Bühnenportals. Die Bilder
suggerieren ständige Aktion, wo kaum eine ist. Die Choristen, sofern
sie im Bild sind, dürfen hin und wieder mal von ihren Sitzen
aufspringen und à la Marthaler absurde Aktionen starten, wie: den
Kopf über die Brüstung hängen lassen, die Krawatte kämmen, mit dem
Kopf die Wand durchbohren. Spannend ist das nicht.
Im weit hochgefahrenen Graben steht allerdings Ingo
Metzmacher. Umsichtig, präzis leitet er die in Mozartscher
Stärke besetzte Staatskapelle.
Trocken-transparent durchleuchtet er
Strawinskys barockisierende Partitur mit den modernen „Wischern“.
Von den Solisten kann sich vor allem Anna Prohaska
als zierlich-schmale Anne mit hellem Sopran hervortun.
Florian Hoffmann ist zwar ein gelehriger Tom Rakewell,
stimmlich fehlt es ihm etwas an Tiefe. Gidon Saks
gibt den eher bramabarsierenden als flüsterstarken Nick Shadow.
Nicolas Ziélinski ist als Counter die herbe
Türken-Baba, Birgit Remmert die vollbusige Mother
Goose. Die Aufführung verdeutlicht nicht nur die die etwas
abgestandene Moral des Stücks, sie macht auch Längen spürbar. Zumal
am Schluss, wenn Tom nach seinem Ausflug ins sumpfige Stadtleben
wieder integriert werden soll. Da hängt die Dramaturgie durch, und
die Regie hat kein Rezept. Kurt Weill mit seinen „Sieben Todsünden“
war da ungleich konziser.
Szenenapplaus gab es denn auch allenfalls bei einzelnen
„fetzigen“ Musiknummern. Beklatscht wurden vor allem Metzmacher und
die Sänger, höflich-verhalten der Beifall für Warlikowski und sein
Team. Man hatte doch etwas mehr erwartet als den Versuch, den Teufel
mit Beelzebub auszutreiben.
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Die Rheintöchter kommen über die Alpen geschwommen
17.Okt. 2010
Lust machen
auf mehr soll der Vorabend des „Ring“-Zyklus –
eigentlich. Nach diesem „Rheingold“ in der Version des belgischen
Regisseurs und Bühnenbildners Guy Cassiers ist man eher skeptisch,
was (in Kooperation mit der Mailänder Scala) kommt.
Von Inszenierung kann man ohnehin nicht sprechen. Ein Becken mit
Rhein-Wasser, das Bewegung auf der Bühne eher bremst als
verflüssigt, ist schon die „spritzigste“ Idee. Dazu der Modernität
vortäuschende Video-Schnickschnack und neun Tänzerinnen und Tänzer
dazwischen, die verdecken sollen, dass wir hier das gute alte
Steh-Theater geboten bekommen. Die Sänger haben’s ja auch schwer,
die Stege zwischen dem Wasserbecken zu treffen.
Eine kleine
Mini-Ideen darf man dann doch noch goutieren: die
Tarnkappe etwa wird durch die Tänzer visualisiert, die ansonsten
eher sinnfrei im Raum fluktuieren; die als Projektion gedoppelten
Riesen, die Klein-Freia auf Gullivers Tages-Reise abschleppen; der
Loge als eine Art Professor Unrat, der nicht nur dem
begriffsstutzigen Wotan den Weg zum Nibelungenschatz weist, sondern
auch die Rheintöchter weckt, dass sie ihr Gold einklagen.
Immerhin
hat man mit Johannes Martin-Kränzle einen mimisch wie
gesanglich exzellenten Alberich. Hanno Müller-Brachmann gibt einen bürokratie-verdächtigen Wotan.
Ekaterina Gubanova ist seine wachsame
Gattin Fricka, Stephan Rügamer der das Salz in die Suppe streuende
Loge. Daniel Barenboim leitet die Staatskapelle klangschön und
umsichtig. Die Akustik des Schillertheaters erweist sich auch für
Wagner als sehr transparent. Die Textverständlichkeit ist nie in
Gefahr.
Am Ende
viel Beifall für Sänger, Orchester und Dirigent. Fürs
Inszenierungsteam (Kostüme: Tim van Steenbergen, Video:
Arjen Klerkx
und Kurt d‘Haeseleer) und die einfallslose Choreografie des sonst
hochgerühmten Sidi Larbi Cherkaoui kräftige Buhs. Auch der
amerikanische Dramaturg Michael P. Steinberg, der im Programmheft
ernsthaft die These vertritt, erst Patrice Chéreau habe im „Ring“
die Realgeschichte des 19.Jahrhunderts entdeckt, hat wohl einigen
Nachholbedarf.
Einmal mehr erweist sich die mit viel Tamtam vor Jahren
gepriesene Kooperation mit der Mailänder Scala als teures
Missverständnis. Künstlerisch nach „Don Giovanni“ und „Simon
Boccanegra“ ist das bislang - mit Ausnahme vielleicht der „Spieler“
- ein totaler Flop.
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Über das Denken hinaus ins unendliche
Schwarze
Mit einer Uraufführung (Metánoia) und einem
Einakter-Abend bezog die Berliner Staatsoper ihr
Interims-Quartier im Schillertheater
03.Okt. 2010
Es ist jetzt das kleinste der drei Berliner Opernhäuser: die
Staatsoper im Schillertheater, mit knapp tausend Plätzen vierhundert
weniger als Unter den Linden, wo jetzt drei Jahre lang saniert wird.
Gleich geblieben ist das Einnahmesoll, und so muss der neue
Intendant Jürgen Flimm gehörig ums Publikum buhlen. Aber trommeln
konnte er schon immer gut. Den Umzug von Mitte nach Charlottenburg
gestaltete er wie Siegfrieds Rheinfahrt – als nächstes Großprojekt
startet bald der mit Mailand koproduzierte „Ring“. Diesmal war’s
aber nur die Spree, auf der man sich dem neuen Domizil näherte, mit
Empfang durch die neue Nachbarin von der Deutschen Oper, Kirsten
Harms, und Kinderchor.
Das Schillertheater ist jetzt aber auch das schönste der drei
Berliner Opernhäuser. Frisch hergerichtet in hellen Farben mit
einladenden Foyers, kann das Haus auch akustisch voll punkten mit
seinen gewellten Wänden, der unterstützenden Elektronik. Und man
fragt sich, wie die Stadt ein so schönes Theater hatte aufgeben
können. Dass man es mit einer Uraufführung wieder eröffnete, war ein
weiterer bemerkenswerter Akzent, kaum denkbar ohne das persönliche
Engagement von Daniel Barenboim, der die Uraufführung auch selbst
dirigierte.
Riskant, weil zwei Tage vor Proben-Beginn der Regisseur und
spiritus rector des Projekts, Christoph Schlingensief, gestorben
war. Einen Plan B hatte man nicht, sonst wäre Schlingensief
ausgestiegen. Und Theaterarbeit war für ihn Lebensdroge. Man
entschloss sich ohne neuen Regisseur als Team weiter zu machen –
fünfzehn Köpfe, sie sind im Programmzettel etwas unübersichtlich
aber in alphabetischer Reihenfolge genannt. Laut Assistentin
Anna-Sophie Mahler sagte man sich: „Wir nehmen jetzt einfach alles,
was es gibt, verleugnen aber auch nicht die Situation, dass jemand
fehlt, und setzen die Sachen auf die Bühne.“ Als Modell für
selbstbestimmtes Theatermachen möchte Dramaturg Carl Hegemann dies
aber nicht empfehlen. Eine Inszenierung ohne einen steuernden Kopf?
„Normalerweise ist das selbstzerstörerisch“, sagt er.
Als Basis für das Projekt hatte Schlingensief sich Friedrich
Nietzsches „Geburt der Tragödie“ erbeten. René Pollesch sollte auf
Anregung von Flimm den Nietzsche-Text à la Heiner Müller
„überschreiben“, Pollesch nennt das „beballern“. Der Komponist
Jens
Joneleit destillierte daraus dann sein Libretto: „Metánoia – über
das Denken hinaus“. Viel metá also. Joneleit, 42, kommt vom Jazz,
ist auch Maler, erfreut sich der Förderung durch Pierre Boulez und
Daniel Barenboim. Joneleits Musik ist impulsiv, er weiß für großes
Orchester zu schreiben. Geschickt mischt er Live- und Elektronische
Klänge; aufbereitet waren die vom SWR-Experimentalstudio Freiburg.
Die Schwäche des Werks oder „Werkzeugs“, wie Joneleit die
Partitur neutralisierend nennt, ist das Libretto. Joneleits im
Programmbuch formulierten ästhetischen Ansichten klingen modisch bis
naiv. Unterteilt ist das Libretto in fünf Abschnitte. Joneleit nennt
sie „Zustände“, ohne genauer zu definieren, was er damit meint. Ganz
abstrakt sei er da rangegangen, habe keinerlei „bildhaften Charakter
vorgeben“ wollen, sagt er. Inhaltlich geht es um den Widerstreit von
dionysischem und apollinischem Denken, Rausch und Genuss contra
Traum und Formalisierung. Was ist es, was uns treibt oder
„infiziert“, wie Pollesch das nennt.
Die Frage, die Schlingensief trieb, war – fixiert auf seine
Krankheit und deren absehbare Folgen –, wie man eine Haltung
entwickelt, mit der man „das Sterben bejahen“ könne, so Dramaturg
Hegemann. „Christoph wollte die Oper im menschlichen Körper spielen
lassen. Die Sänger, Choristen, sollten Organe, Parasiten,
Fremdkörper, irgendwelche Lebewesen im Körper sein. Er hat die
ganzen Körperorgane von innen nach außen stülpen wollen.“
Die von Schlingensief fürs Bühnenbild vorgeschlagenen Organe
sieht man im Bühnen-Hintergrund platziert, aber fast bis ganz zum
Schluss nur als Schemen im Dunkeln. Erst gegen Ende werden sie
erkennbar: Herz, Lunge, Gedärme. Ansonsten flimmern auf drei
Bildwänden ständig Schwarz-Weiß-Filme. Der Chor ist nahe der Rampe
auf Stufen postiert in gelblichen Ganzkörper-Trikots. Dazwischen die
fünf Solisten in plastik-artig glänzend-hellen Kostümen. Der
Rezitator, der zwischendurch Texte vorträgt, funzelt sich mit einer
Taschenlampe ins Geschehen, erscheint im Antiken-Outfit wie eine
wandelnde Statue.
Gelegentlich wandern einzelne Solisten ins Parkett oder auf die
Ränge und singen dort ihre Phrasen. Insgesamt bleibt das Ganze aber
doch sehr statuarisch, ist mehr szenisches Oratorium denn
Musiktheater. So war auch der Schlussbeifall des Publikums für die
Sänger, darunter so namhafte wie die Sopranistin Annette Dasch oder
der Charaktertenor Graham Clark, am Ende der 70 Minuten eher
höflich-verhalten. „Metanoia“ bedarf zur Erprobung wohl einer
Inszenierung, die unbelastet ist von den aktuellen Umständen.
Anderntags dann die Einweihung der Werkstattbühne. Der Regisseur
Michael von zur Mühlen durfte da seinen Privatmythen frönen. Als
Folie nahm er sich zwei Einakter vor: von Peter Maxwell Davies „Miss Donnithorne’s Maggot“ und von
Salvatore Sciarrino „Infinito nero“.
Bei Sciarrino sehen wir eine mit Tesa-Streifen an eine Holzwand
gepappte weibliche Christusfigur, vor der zwei Männer allerlei
absurde Handlungen vollführen, sich die Gesichter blau bemalen, auch
die Figur am Ersatzkreuz bläuen, Grabpflanzen vor ihr aufstellen,
als Nonnen auf den Knien um die Figur herumrutshen und am Ende sich
ihr Plastik-Geschlecht abhacken.
Die Miss Donnithorne verpackt von zur Mühlen in einen riesigen
Pappkäfig wie eine Kaaba, in der sie ihre täglichen Verrichtungen
erledigt. Der Zuschauer darf das über kleine Gucklöcher oder an
Video-Schirm-Wänden wie Altären verfolgen, bis die Dame sich aus
ihrem Gefängnis befreit. Der Besucher steht um den Pappkäfig herum
oder kann wie bei einer Haddsch auch drum herum pilgern.
Müh(l)selig. Betrachtet man den Auftakt insgesamt, bedarf es
vielleicht doch noch einiger ästhetischer Nachjustierungen im
forschen Konzept von Jürgen Flimm. „Über das Denken hinaus“ wäre da
kein schlechtes Motto.
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