stob im Schiller ab 2016

 

Ausstattungs-Klamotte

René Jacobs und Sven-Eric Bechtolf mit Henry Purcells „King Arthur“

15. Jan. 2017

Eine wunderbare Musik, ein schreckliches Stück. Muss man es wirklich gerade heute aufführen? Eine Hymne an den Brexit von anno 1691? Gut, vom Ausgang der Abstimmung über Verbleib in oder Ausscheiden aus der EU war bei Programmierung des Spielplans der Staatsoper nichts bekannt oder auch nur erahnt. Obwohl der Noch-Intendant Jürgen Flimm mit der Planung der Abschlussspielzeit im Ausweichquartier Schillertheater wahrlich kein gutes Händchen hatte – um es sehr freundlich auszudrücken. Und der Regisseur dieses Purcellschen „King Arthur“ Sven-Eric Bechtolf, den Flimm als ehemaligen Salzburger Mitstreiter angeworben hatte, in der letzten Szene dieser kriegstreiberischen „Rule Britannia“-Semi-Opera (aus dem 17.Jahrhundert) noch die Kurve ins Korrekte kriegt und den Parallel-Arthur-Flieger-Bomber auf dem Hochzeits-Esstisch seiner angedachten Liebsten absturzbedingt zur Ruhe bettet. Make (à la Trump) Britannia great again…

Es gibt ein paar herrliche Musiknummern in dieser Semi-Opera wie etwa das Liebesduett am Ende des ersten Teils oder den Winter-Schlotter-Chor, der Vivaldis „Vier Jahreszeiten“-Winter glatt vorwegnimmt. Aber was an dem Abend nicht stimmt, ist diese Mischung aus Historien-Gemälde vom Werden der englischen Nation und der von Regisseur Bechtolf und seinem Co-Regisseur Julian Crouch eingeschobenen Arthur-in-Wonderland-Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, wo der Knabe (in kriegsbedingter Abwesenheit des Bomber-Vaters) zum 8.Geburtstag ein paar Marionetten-Figuren und ein Geschichtsbuch geschenkt bekommt, und ihm sein tattriger Opa (der wunderbare Hans-Michael Rehberg) nun den mythischen Aufstieg Englands zur Beherrscherin mindestens der Meere erzählt. Als Theater wirkt das, bei all den enormen bildnerischen Bemühungen mit Riesenfiguren, Eintauchen in Theater-Tücher-Wellen oder Kriegs-Invaliden-Rollheimern wie eine spießige Ausstattungs-Klamotte.

René Jacobs am Pult der Akademie für Alte Musik ist noch die erfreulichste Erscheinung, oder auch der noch wenig bekannte silbrige Altus Benno Schachtner oder die aufgekratzte Annett Fritsch in den diversen Sopran-Rollen. Überhaupt krankt das Stück an seiner einer sehr unübersichtlichen Personnage. Wenn man sich nicht vorher eingehend mit dem Programmheft auseinandergesetzt hat, schwimmt man auch lange beim Überlegen, wer was warum gerade da auf der Bühne anstellt. Die Unübersichtlichkeit scheint Methode. Monty-Python-Jahrmarkt-Theater scheint das, wie eine aus der Zeit gefallene TV-Show. Und Bechtolf bringt mit seiner „Rahmenhandlung“ auch nicht mehr Ordnung in den Non-Sense. Ein ziemlich langer Abend, den man lieber ohne Bühne genießen würde. Einmal mehr muss man mit Bedauern konstatieren: bei seinen Regisseuren hat Jacobs einfach kein Glück. Oder kein Gespür?


Dumpf, lastend

Patrice Chéreaus nachgelassene
„Elektra“-Inszenierung zu Gast in Berlin

23.Okt. 2016 (gesehen: zweite Vorstellung am 26.10.2016)

Chéreau steht drauf. Aber wieviel Chéreau ist noch drin? Der Regisseur, der 1976 den berühmten Jahrhundert-„Ring“ in Bayreuth auf die Bühne brachte, war seitdem ein gefeierter Mann. An der Berliner Staatsoper hatte er noch zu Lebzeiten eine vor innerer Kraft pulsierende Inszenierung von Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ hinterlassen. Kurz vor seinem Tod begann er in Berlin mit den Proben an Richard Strauss‘ „Elektra“, die dann beim Festival in Aix-en-Provence vor drei Jahren Premiere hatte. Danach wurde diese Inszenierung durch viele bedeutende Opern-Häuser der Welt herumgereicht als gleichsam Vermächtnis des Patrice Chéreau. Viel von seinen Ideen ist wohl nicht übrig geblieben bei dem, was man jetzt in Berlin erleben konnte. Trotz der allseits gestreuten Lobeshymnen.

In einem postfaschistischen Bühnenbild von Riccardo Peduzzi spielt das Ganze. Die schlabbrigen (Alltags-)Kostüme hat Caroline Huguet ausgesucht. Eine kleine Treppe führt hoch zum Palast, in dessen Apsis sich der Eingang befindet. Wenn die noch regierende Königin Klytämnestra auftritt, breiten die Dienerinnen eilfertig einen roten Teppich aus. Waltraud Meier singt diese im Mythos letzte Überlebende des Matriarchats. Meiers Mezzo-Stimme ist zwar inzwischen leicht brüchig, auch schmaler, aber in den Höhen- und Tiefenlagen noch sehr ausgeglichen und sicher. Tochter Elektra, die vor den Stufen meist am Boden kauert, ihr aber auch die Beine mal umkrallt, wenn die Mutter ihren Gefühlspanzer etwas öffnet und von ihren Albträumen erzählt, betritt die Stufen zum Palast nie.

Bruder Orest, als er mit einem älteren Begleiter kommt, um seinen „Auftrag“ zu erledigen, sitzt wie ein Patient vor der Sprechstunde auf dem kleinen Bänkchen vor dem Tor. Seinen Auftrag „erledigt“ er, indem er die Mutter mit einem kleinen Messer sticht und die im Sterben Begriffene mit sich herausschleift. Danach steckt er das Messer seinem Begleiter zu und der tötet hinterrücks den Agamemnon-Mörder Ägisth. Danach marschiert Orest davon, lässt die beiden Schwestern allein. In Klammern: er muss ja noch die ältere Schwester Iphigenie aus Tauris von ihrem Schlachtopfer-Ritus bei den Skythen befreien. Vater Agamemnon hatte sie bedenkenlos geopfert, um günstige Winde für die Kriegsflotte Richtung Troja in die Segel geblasen zu bekommen.

Es gibt zwei Szenen, die in dieser Aufführung höchst gelungen scheinen: die Wiedererkennungs-Szene der Geschwister und die Situation nach den Rache-Morden. Schwester Chrysothemis scheint aber fast die einzige, die sich befreit fühlt, auf den anderen scheint der Fluch weiter zu lasten: es ist nicht das Ende, sondern nur eine weitere Stufe im unendlichen Rache-Reigen. Ansonsten wenig, was einen wirklich fesselt und wohl nur noch ein entfernter Hauch von dem, was mal gemeint gewesen sein könnte.

Daniel Barenboim im Graben lässt die Staatskapelle in einen durchaus nuancierten Klangrausch sich hineinsteigern, meist aber verdeckt das Orchester die Stimmen so sehr, dass man vom Text nur durch Mitlesen der Übertitel etwas versteht. Selbst die Titelfigur versteht man kaum, dabei kann Evelyn Herlitzius gerade mit ihrem Organ punkten. Man hört bei ihr diesmal auch differenziertere Töne, aber das starke Vibrato ihrer Stimme stört doch nach wie vor. Die Sängerin der Schwester Chrysothemis (mit schwarzem statt üblicherweise „golden“ glänzendem Haar) Adrianne Pieczonka doch sehr viel mehr überzeugen. Michael Volle ist ein stimmächtiger, von der Erscheinung her aber ein doch zu alter Orest. Die Funktion des überlegten Rache-Vollstreckers traut man ihm gleichwohl ohne Abstriche zu.

In Lyon wird demnächst Ruth Berghaus‘ berühmte und in Gastspielen weit herumgereichte Dresdner „Elektra“-Inszenierung rekonstruiert. Die hat mit dem ebenso berühmten Sprungturm von Hans Dieter Schaal als Bühnenbild den unbedingten Vorteil eines lichten, leicht ironischen Blicks auf die Ränkespiele der Atriden-Sage. Auf der Chéreau-Szene lastet doch immer etwas Dumpfes, das einen nicht so recht mitgehen lässt. Aber das ist wohl ein generelles Problem solcher Produktionen, die als gleichsam „bloße Repertoire-Vorstellungen“ von ihrer Unmittelbarkeit viel eingebüßt haben.

Fotos: auf der Webseite der Staatsoper

 

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