dresden ab 2010

Dorny siegt

Sachsen will finanzielle Ansprüche von Intendant Dorny begleichen

26.08.2016 mit dpa/SäZ

Sachsen will finanzielle Ansprüche des 2014 fristlos gekündigten Dresdner Opernintendanten Serge Dorny begleichen - sofern sie juristisch berechtigt sind. Zugleich erklärte das Kunstministerium, dass es wegen geringer Erfolgsaussichten auf eine Beschwerde gegen die jüngste Entscheidung des Oberlandesgerichtes Dresden (OLG) im Streit mit Dorny verzichtet.

Die sächsische Regierung hatte in dem Fall eine juristische Niederlage erlitten. Das OLG bestätigte ein Urteil der ersten Instanz, die die Kündigung als unrechtmäßig eingestuft hatte. Das Dresdner Landgericht sah seinerzeit keine „verhaltensbedingten Kündigungsgründe“ und stellte fest, das sich Dorny „nicht pflichtwidrig“ verhalten habe.

Der heute 54-Jährige war im Februar 2014 - ein halbes Jahr vor seinem geplanten Amtsantritt in Dresden - gefeuert worden. Damals arbeitete Dorny bereits mit einem „Vorbereitungsvertrag“ in Dresden. Nach Darstellung der früheren Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) hatte Dorny Vertrauen verspielt. Der Belgier sah sich selbst als Opfer eines Kompetenzgerangels mit dem Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann.

Das Ministerium ging auch am Freitag davon aus, dass sich die finanziellen Belastungen für den Freistaat in Grenzen halten werden. Grund: Dorny hat einen Vertrag als Opernintendant in Lyon. Sachsen müsste ihm nur dann einen Ausgleich zahlen, wenn sein Einkommen dort geringer ist als es für Dresden vereinbart war, lautet die Auffassung des Kunstministeriums. Im bisherigen Prozessverlauf habe Dorny aber dazu keine Aussagen gemacht.

Die frühere Sächsische Kunstministerin von Schorlemer hat das Ergebnis des Rechtsstreits im Grunde vorweggenommen, indem sie nicht mehr für das Amt antrat bzw. nicht mehr vorgesehen wurde.


Peter Theiler wird neuer Intendant
der Semperoper ab 2018

Seit Jahren ist die Spitzenposition der Semperoper verwaist. Der Rauswurf eines designierten Intendanten erschwerte die Suche nach einem Nachfolger für Ulrike Hessler. Nun ist man fündig geworden.

(dpa) 02.Juli 2015

Peter Theiler (Foto dpa)Der Intendant der Staatstheater Nürnberg, Peter Theiler, soll mit der Spielzeit 2018/2019 an die Semperoper wechseln. Der gebürtige Schweizer werde neuer Intendant der Sächsischen Staatsoper, teilte das Kunstministerium am Donnerstag in Dresden mit. Über die Personalie soll das Kabinett in der nächsten Sitzung befinden. Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) lobte Theiler als renommiert und erfahren. „Er wird der Semperoper internationale Strahlkraft verleihen und wichtige künstlerische Impulse geben.“

Theiler wurde 1956 in Basel geboren und arbeitete bereits während des Studiums der Geschichte und Literaturwissenschaft als Regieassistent. Später war er Regisseur am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen und an der Opéra de Nice, später Direktor des „Perspectives“-Festival in Saarbrücken. Nach Stationen am Mannheimer Nationaltheater, einem Theater in Solothurn und als Intendant in Gelsenkirchen ist er seit 2008 Chef in Nürnberg.

Die Auswahl für die große und renommierte Dresdner Oper sei Ehre und Herausforderung, sagte er und versicherte, der Verantwortung im Bewusstsein der Tradition von Staatsoper und Staatskapelle Rechnung zu tragen. Theiler, der sich am kommenden Dienstag (07.07.15) persönlich in der Elbestadt vorstellen will, kündigte entsprechende Akzente im Spielplan und mit internationalen Kooperationen an. „Es ist wie eine Krönung.“ Bis dahin wird der kaufmännische Geschäftsführer der Oper, Wolfgang Rothe, kommissarischer Intendant des Hauses bleiben.

Die Sächsische Staatsoper hat seit dem plötzlichen Tod von Ulrike Hessler 2012 keinen regulären Intendanten, nachdem der Belgier Serge Dorny im Februar 2014 - ein halbes Jahr vor seinem Amtsantritt - entlassen worden war. Das Kunstministerium sah Vertrauen verspielt, Dorny sah sich indes als Opfer eines Kompetenzgerangels mit Chefdirigent Christian Thielemann. Dorny hatte sein Amt als Opernintendant in Lyon behalten und gegen die außerordentliche Kündigung in Sachsen geklagt. Die Entscheidung darüber, ob die vorgegebenen Gründe zur Kündigung des Intendantenvertrages und des Vorbereitungsvertrages ausreichten, steht aus. Der nächste Gerichtstermin ist Ende Juli.

 

Das Juwel polieren

Was Peter Theiler für seine künftige Intendanz an der Dresdner Semperoper plant - Kommentar zur Pressekonferenz mit der Kunstmin isterin Eva-Maria Stange am 07.Juli 2015

«Deutsch» habe man gesprochen, sagt der designierte Intendant der Dresdner Semperoper bei seiner Pressevorstellung über die ersten Kontakte mit Christian Thielemann, dem fast allmächtigen Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle. Ob er das auch metaphorisch meinte? An Selbstbewusstsein fehlt es dem 1956 in Basel geborenen Peter Theiler nicht. Er sei ein kommunikativer Mensch, das betont er immer wieder – und diese Offenheit kann sicher angesichts der schwierigen Machtverhältnisse an seinem künftigen Opernhaus nicht schaden.

Offenheit will Theiler nach Möglichkeit auch bei einem weiterschwelenden Brandherd walten lassen: der gescheiterten Berufung seines Lyoner Intendantenkollegen Serge Dorny. Der sollte 2014, nach dem Tod von Ulrike Hessler im Jahr 2012, eigentlich Chef in Dresden werden, wurde aber noch vor Amtsantritt entlassen – wegen Unstimmigkeiten zwischen ihm, Thielemann und der Landesregierung von Sachsen. Derzeit haben die Gerichte das Sagen in der Angelegenheit.

Peter Theiler, derzeit noch vertraglich in Nürnberg gebunden, hat drei Jahre Zeit bis zu seinem Amtsantritt in Dresden. Aber er will, so sagte er, schon möglichst bald seine erste Spielzeit, 2018/19, fixieren. Es gelte, das «Juwel» Semperoper umgehend zu polieren. Ein sinnig gewähltes Bild, denn in den vergangenen Interimsjahren seit 2012 hat nicht so sehr der äussere Glanz des Hauses, aber seine künstlerisch-dramaturgische Aufstellung und sein programmatischer Wagemut arg nachgelassen. Für eine Neuaufstellung, das erkennt Theiler völlig richtig, braucht es Vorlaufzeit, aber auch Geld. Immerhin hat die sächsische Kunstministerin Eva-Maria Stange zugesagt, die Semperoper künftig «angemessen» auszustatten – was immer dies in der Praxis heißen wird.

Peter Theiler, zunächst auf fünf Jahre in Dresden verpflichtet, ist in 19 Jahren Intendantentätigkeit und zuvor als Regieassistent, Betriebsdirektor, Oberspielleiter hervorragend vernetzt in der Theaterwelt und steht als Schweizer Honorarkonsul in Nürnberg obendrein auch mit Wirtschaft und Politik auf gutem Fuß. Künstlerisch zeigt sich Theiler offen für die zeitgenössische Musik, er will zudem die Barock-Traditionen Dresdens weiter profilieren. Kernrepertoire soll gleichwohl die Musik von Mozart bis Strauss und Puccini sein, ergänzt um von den Nazis ausgegrenzte und in Dresden bisher nicht präsente Komponisten wie Schreker, Korngold oder Zemlinsky. Also etwas von allem. Doch Theiler will noch mehr: ein Theater mit Gegenwartsbezug und Schnittstellen mit der gesamten Bevölkerung, das dem durch die massiven «Pegida»-Aufmärsche weithin ramponierten Ruf der Stadt wieder aufhilft. Keine leichte Aufgabe.


Wasserwaten

Debussys „Pelléas et Mélisande“

Premiere: 24.01.2015

Alle tragen sie fast weiße, strähnig-lange Haare, die Männer aus dem verwunschenen Schloss. Dieses ist ein fast bühnentor-hoher Quader mit faltigen, ockergelben Wänden und vielen Zimmern auf zwei Etagen. Fast ständig rotiert dieser Quader, von einer Position in eine andere. Lichter gehen an in den Räumen und wieder aus: Ein Esszimmer, ein Schlafzimmer, ein Krankenzimmer, ein Vorzimmer. Und im Inneren schmale Treppen über mehrere Stockwerke. Bis hinunter an den Wasserteich, der anfangs die sumpfige Landschaft mit Gestrüpp darstellt. Dort findet Golaud Mélisande.

Dass die baskische Theatertruppe La Fura dels Baus (Regie: Àlex Ollé, Bühne: Alfons Flores, Kostüme: Lluc Castells) eine besonders sensible Interpretation von Debussys wundersamer Musik abliefern würde, hätte überrascht. Das ewige Knarzen der Drehbühne, das Pflatschen im Wasser – alle tragen Stiefel, es arbeitet tapfer gegen die Musik. Vielleicht sogar bewusst. Wenn Mélisande ihr langes Haar besingt, das vom Turm des Schlosses bis zum Boden reicht, und Pelléas, es umschmeichelnd, seiner Schwägerin seine Liebe erklärt, sitzen beide in getrennten Zimmern: ebenerdig. Dafür wird an anderer (unpassender) Stelle oben auf den Zinnen des Schlossquaders agiert.

Man muss die Ungeschicklichkeiten und Unsinnigkeiten dieser Szene nicht weiter ausbreiten. Immerhin musiziert wird unter der Leitung von Marc Soustrot erstaunlich einfühlsam. Die Staatskapelle produziert ihren samtweichen dunklen Klang mit Emphase. Und zurühmen auch die Sänger. Vor allem Camilla Tilling als Mélisande schmiegt sich wunderbar in diesen Klang ein. An zweiter Stelle muss man nennen den jungen Sänger des Yniold vom Tölzer Knabenchor. Glockenhell, klar und durchdringend seine Interpretation des Knaben. Auch Oliver Zwarg als Golaud bringt eine für diese Partie ungewöhnlich helle, schöne geformte Stimme mit. Etwas eng in der Tongebung der Pelléas von Philipp Addis. Sonor der Arkel von Tilmann Rönnebeck.

Eine der wenigen Ideen des Regieteams ist dann doch die Sterbeszene. Mélisande wird verdoppelt. Die singende Mélisande wird auf einem Krankenbett in die Wasserfläche vorn geschoben. Der vom Bruder getötete Pelléas setzt sich zu ihr auf den Bettrand, während hinten Golaud die im Kindbett Sterbende traktiert mit seinem Ausforschen des Verhältnisses der beiden: haben sie oder haben sie nicht? Sie haben nicht, erfährt er, was ihn aber auch nicht beruhigt. Den Bruder hat er ja schon gemeuchelt.

Eine konzeptuelle Hinterlassenschaft des erst berufenen, dann exmittierten Intendanten Serge Dorny. Musikalisch immerhin lohnend.

(Gesehen: Generalprobe am 21.01.2015)


Dresdens Oper kopflos

Serge Dorny noch vor Amtsantritt geschasst

21.Februar 2014

Eigentlich glaubte man bei der Vorstellung des künftigen Dresdner Intendanten nicht recht, dass das gut gehen könnte. Serge Dorny, bislang noch Intendant des Opernhauses Lyon, sollte in der Saison 2014/15 der verstorbenen Ulrike Hessler nachfolgen und die Semperoper zu neuen Ufern führen. An Dornys künstlerischer Kreativität zweifelte niemand. Von Schwierigkeiten im Umgang mit ihm hörte man aber immer wieder. Nun muss Dorny noch vor Amtsantritt gehen.

Wie das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst mitteilte, wurden die «vertraglichen Verbindungen» zu Dorny «mit sofortiger Wirkung» beendet. Dorny habe sich nicht «auf die vorliegenden Bedingungen einlassen und die Entscheidungsprozesse an einem großen Repertoiretheater» nicht akzeptieren wollen. Entscheidungen seien «unangemessen kommuniziert, die Verantwortlichen nicht eingebunden und der Betriebsfrieden sei dadurch nachhaltig gestört» worden. Vor allem mit seinen Vorschlägen, mehr Experimentelles aufzuführen bis hin zu Pop als Lockmittel für die Jugend, war Dorny angeeckt, zumal auch bei Christian Thielemann, dem Chef der Staatskapelle.

Von einer «großen Enttäuschung» spricht die verantwortliche Kunstministerin Sabine von Schorlemer in ihrer ungewöhnlich harsch formulierten Presseerklärung. Dorny habe den in ihn gesetzten «Erwartungen» nicht entsprochen. Lösungsansätze habe er mehrfach ausgeschlagen. Um Schaden von dem Haus abzuwenden, habe man zur «sofortigen Kündigung keine Alternative» gesehen. In einem «offenen Brief» gibt Dorny nun seinerseits der Ministerin einen wesentlichen Anteil an dem Ecclat. Er habe, schreibt Dorny, erkennen müssen, dass «entscheidendungstragende Kompetenzen», die normalerweise einem Intendanten zustehen, in Dresden «auf die Position des Chefdirigenten entfielen». Trotz intensiver Nachfragen seien ihm Informationen «nur rudimentär» zur Verfügung gestellt worden. Thielemann wirft er vor, nicht gewillt gewesen zu sein gewesen, «an einem gemeinsamen Projekt» der Erneuerung mitzuarbeiten.

Dass jemand den etwas schläfrigen Dresdner Betrieb aufmischt, hatte man ja immer gehofft. Die Sächsische Kunstministerin hatte dabei allerdings wohl vor allem die Außenwirkung einer solchen Berufung im Blick. Die Situation nun ist fatal. Die im szenischen Mittelmaß vor sich hin dümpelnde Dresdner Oper bräuchte dringend frischen Wind. Mit der Staatskapelle allein, die Dorny nun sogar als «wesentliches Hemmnis der Entwicklung der Semperoper» sieht, kann das Haus nicht reüssieren, zumal es auch die Salzburger Osterfestspiele mit zu bespielen hat. In seinem offenen Brief spricht Dorny von einem künstlerischen Konzept, das die Semperoper in der Stadt Dresden wieder mehr verwurzeln sollte «durch eine Öffnung für ein vielfältiges Publikum». Das war offenbar nicht willkommen. Nun ist guter Rat teuer.

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Feine Weine und barsche Töne

Zur Pressekonferenz mit
v. Schorlemer, Thielemann u.a.

25.Febr. 2014

Mit Chefdirigent Christian Thielemann hat er vor allem gern ins Rotweinglas geguckt und französisch-deutsche Emails ausgetauscht – und zugleich bei der Ministerin intrigiert, die Kompetenzen des Chefdirigenten zu beschneiden. Der Ministerin selbst gingen die Augen auf bei einem Renkontre in ihrem Ministerium am 11.Februar, über dessen weiteren Inhalt sie lieber nichts veröffentlichen mag.

Serge Dorny jedenfalls hat am 16.2. in einer Email einen Forderungs-Katalog aufgestellt mit Punkten, die nie vorher Thema waren, und ein ultimativ gefordert, der Katalog müsse bis zum 21.2. befriedigend für ihn beantwortet werden, andernfalls er kündige. Auf Bitten der Ministerin um Fristverlängerung bis zu einem ohnehin geplanten Gespräch am 26.02. sei er nicht eingegangen. Dann beschloss die Ministerin von sich aus die Kündigung. Dorny habe falsche Behauptungen aufgestellt habe, die man so nicht habe stehen lassen können. Dass man dadurch möglicherweise Regressforderungen Dornys von bis zu 1,5 Mio. € gewärtigen müsse, habe sie in Kauf genommen.

So Sabine von Schorlemer bei einem am 25.Februar eilig angesetzten Pressegespräch zur fristlosen Entlassung Dornys aus seinem Vertrag als designierter Intendant der Semperoper am Freitag zuvor. In mehreren Punkten widersprach von Schorlemer dabei Verlautbarungen Dornys: z.B. dass er Thielemanns Vertrag nie habe einsehen können. Sehr wohl sei ihm der sowohl erläutert wie auch zur Einsicht angeboten worden, Dorny habe aber auf die Lektüre verzichtet. Verstörend wirkte, dass er immer nur mit seinem Anwalt im Schlepptau aufkreuzte. Vertrauensbildend wirkt sowas in der Tat eher nicht.

Thielemann zeigte sich froh, dass die Situation nun so „gelöst“ sei. Die Erleichterung im Haus sei spürbar. Es hätte sich ansonsten ein „Explosions-Potenzial“ angesammelt. Seit einem ersten Kennenlernen in Bayreuth habe er mit Dorny „allerliebst“ Kontakt gehalten beim Wein und mit die jeweiligen Sprachkenntnisse auffrischenden Emails. In Frankreich allerdings sei ein Intendant ein „Monsieur le Président“. Und „vom Stuhl gefallen“ sei er, so Thielemann, bei einer Email, bei der es „seinem Orchester an den Kragen zu gehen“ drohte. Dorny habe den Sonderstatus des Orchesters kippen, in Programme und Tourneen hineinreden, die Eigenzuständigkeit der Kapelle beschneiden wollen. Das zu ändern „geht nicht diktatorisch“, so Thielemann. Ein „Gerangel um Kompetenzen“ mit Dorny habe es nie gegeben. Er habe sich da zurückgehalten, wollte die Regelung von Streitfragen der Ministerin überlassen.

Man hätte die gegenwärtige Malaise wohl vermeiden können, wenn man sich in Lyon, Dornys derzeitigem noch Haupt-Arbeitsplatz, sich erkundigt hätte nach seiner Amtsführung dort. Etwas kleinlaut wurde in der Diskussion eingeräumt, das versäumt zu haben. Blauäugig hat man der „internationalen Findungskommission“ (das waren: die ehemalige Sängerin und Intendantin Brigitte Fassbaender, der Intendant der Wiener Staatsoper Dominique Meyer, der Chef des Baden-Badener Festspielhauses Andreas Mölich-Zebhauser, Sachsens Kulturstaatssekretär Henry Hasenpflug und Jürgen Hubbert, der Vorsitzende des Kuratoriums der Semperoper-Förderstiftung) vertraut, wie die Ministerin sagte. Künftig aber werde man wohl solche Auskünfte einholen. Der Kaufmännische Geschäftsführer und interimistische Leiter der Semperoper Wolfgang Rothe wollte nicht von diktatorischem sondern von „autokratischem“ Führungsstil Dornys sprechen. Man habe Dorny eigenen Gestaltungswillen zugebilligt, und daraus entstehenden Reibungen positiv entgegen gesehen. Allerdings habe Dorny etwa Vorsingen angesetzt, die ältere unkündbare Sänger des Hauses desavouiert hätten, indem er sie zusammen mit jungen vorsingen ließ; er habe Kündigungen ausgesprochen, die man jetzt überprüfen müsse.

Nichts kommuniziert habe Dorny über seine Planungen für die Spielzeit 2015/16. Es gibt offensichtlich nicht einmal schriftliche Notizen, geschweige denn finanzielle Kalkulationen. Man befinde sich derzeit gleichsam „im Blindflug“, so Rothe. Die Planungen für die Spielzeit 2014/15 stehen, sollen am 21.März verkündet werden. Dafür habe man auf Dornys Drängen auch gegenüber bestehenden Planungen noch Änderungen vorgenommen. Etwa indem man die Gruppe La Fura dels Baus für ein Projekt einbaute – was allerdings auch zeigt, dass es Dorny offensichtlich kaum um eine Erneuerung der Semperoper von innen ging sondern mehr um modisch-technizistischen Schnickschnack. Wie auch die Ankündigung seiner ersten Pressekonferenz, dass er Kooperationen mit New York und Sydney anstrebe. Dass Dorny auch das Logo der Semperoper ändern wollte, kann man fast verstehen. Allzu eng ist es an eine Biermarke gekoppelt.

„In gebotener Zeit“, so Ministerin von Schorlemer, wolle man nun einen neuen Intendanten finden. Möglicherweise zunächst einen ad Interim. Hinter der Hand wird auch schon ein Name geflüstert.

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Dorny klagt gegen fristlose Kündigung
an Semperoper

06.03.2014

Dresden (dpa) Nach der fristlosen Kündigung seines Vertrages als Intendant der Dresdner Semperoper klagt Serge Dorny gegen den Freistaat Sachsen.

Das bestätigte das Arbeitsgericht Dresden am Donnerstag. Nach Angaben seines Anwalts hat der 52-jährige Belgier eine sogenannte Kündigungsschutzklage erhoben. Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) hatte Dorny vor zwei Wochen überraschend die fristlose Kündigung ausgesprochen und dies mit der Störung des Betriebsfriedens begründet. Dorny hätte sein Amt an der Semperoper am 1. September antreten sollen.

«Herr Dorny ist Arbeitnehmer des Freistaates Sachsen, dem eine Kündigung ausgesprochen wurde», sagte Anwalt Ernesto Loh. Sein Mandant sei der Ansicht, dass das Arbeitsverhältnis fortbestehe. «Deshalb muss man binnen drei Wochen eine Klage beim Arbeitsgericht erheben, sonst gilt die Kündigung als wirksam.» Aufgrund der herausgehobenen Stellung habe Dorny aber nicht auf Weiterbeschäftigung als Intendant geklagt.

Letztlich könnte der Streit auf eine Abfindung hinauslaufen. «Wenn sich beide Seiten auf eine vertretbare Lösung einigen, könnte das den Prozess erheblich verkürzen», sagte Loh. Schorlemer wollte sich am Donnerstag nicht zu dem laufenden Verfahren äußern. «Wir haben mit einer Klage gegen die Kündigungen gerechnet, sind darauf bestens vorbereitet und blicken sehr zuversichtlich auf das bevorstehende Verfahren», teilte ihre Sprecherin lediglich mit.

Vor zwei Wochen hatte die Ministerin nach der Kündigung kein Blatt vor den Mund genommen. Sie warf Dorny vor, in Dresden binnen kurzer Zeit sämtliches Vertrauen verspielt und den Betriebsfrieden gestört zu haben. Schorlemer zufolge hatte Dorny immer neue Forderungen gestellt und diese auch mit einem Ultimatum verbunden. Dorny wiederum hatte ein Kompetenzgerangel mit dem Chefdirigenten der Staatskapelle, Christian Thielemann, als Grund für das Zerwürfnis genannt und diesem vorgeworfen, nicht zur Kooperation bereit zu sein. Thielemann selbst beschrieb die Trennung von Dorny als unausweichlich. Alle am Hause seien «dankbar und froh, dass diese Situation so gelöst worden ist».

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Rückkehr Dornys nach Lyon -
Einige Opern-Angestellte wehren sich

Lyon - Angestellte der Oper Lyon wollen verhindern, dass Serge Dorny als Intendant zurückkehrt. Das behauptet der "Münchner Merkur" vom 17.03.2014.
In einem offenen Brief wehren sich Teile der künstlerischen und administrativen Belegschaft in Lyon dagegen, dass Dorny nach seiner Dresdner Entlassung in Frankreich seine Amtsgeschäfte wieder aufnimmt. Details über die Unterzeichner sind allerdings nicht bekannt. Der Freistaat Sachsen wird in dem Brief zu seiner „Hellsichtigkeit“ beglückwünscht. Die Affäre habe deutlich gemacht, welche Nöte, Frustrationen und welches Leid das Personal in Lyon seit mehr als zehn Jahren erleiden müsse. Dorny sei unfähig, gedeihliche menschliche Bindungen aufzubauen. In dem Brief fallen Worte wie „Demagogie“, „Geringschätzung“ und „Selbstherrlichkeit“. Beklagt wird ein „Klima des Misstrauens“. Überdies gebe es eine zu hohe Arbeitsbelastung, viele Beschäftigte seien erheblichen psychischen Risiken ausgesetzt. „Warum haben sie uns nicht gefragt, bevor sie ihn ernannten?“, wird in dem Brief gefragt.

 


Puppen-Tanz oder: Warten
an der Abflugrampe

Mit Richard Strauss' Elektra eröffnet
Christian Thielemann das Gedenkjahr

19.Jan. 2014

„Gerechtigkeit ist das Fundament von Regierungen“, steht in goldenen Lettern am First des Hauses. In Latein, nicht in Griechisch. Der Raum ist ein etwas ramponierter holzgetäfelter Saal. An den Wänden, an den Brüstungen und im Konsolenbereich fehlen Teile. In einer so ausgekerbten Nische hat die älteste Tochter des Hauses sich eingerichtet, in sich kauernd, fast reglos, auf Beobachtung. Vom Fußboden sind einige der etwa einen Quadratmeter großen Platten gelöst. Sie stapeln sich zu einem Haufen, über den am Ende der neue Hausherr und Usurpator Aegisth hereinstolpert. Zuvor krümmt sich darauf die dem Vergessen und einer freundlicheren Zukunft zugewandte andere Tochter des Hauses, Chrysothemis, wenn Elektra, die auf Rache am Vatermord sinnende Schwester, wieder mal ihre sozusagen alte Platte auflegt. Und umgekehrt hält Elektra sich dort die Ohren zu, wenn Chrysothemis wieder mal träumt von einem anderen Leben mit Liebe, Ehe, Kindern. Die Familie der Klytämnestra, die ihren ersten Mann Agamemnon wegen dessen Opferung der Tochter Iphigenie töten ließ, ist tief zerrüttet. Verheert durch einen großen Krieg.

Die inneren Zerstörungen von Menschen durch Kriege will die Regisseurin der neuen Dresdner „Elektra“, Barbara Frey, im Bühnenbild von Muriel Gerstner zeigen. Anzukämpfen haben beide gegen eine „Elektra“-Ikone, die Inszenierung, die Ruth Berghaus im Bühnenbild von Hans Dieter Schaal dort 1986 am Uraufführungsort des Werks (1909) vorlegte und die seither auch bei vielen Gastspielen gezeigt wurde, wenn auch zuletzt nur als Schemen. Weil Berghaus das volle Strauss-Orchester tönen lassen wollte und der Orchestergraben der Semperoper dafür zu klein ist, setzte man es mit auf die Bühne. Das Geschehen spielte sich um und auf einer Art Sprungturm dahinter statt, der die Fallhöhe der Macht symbolisieren sollte und die romantische Sehnsucht nach Frieden mit einer in die Ferne blickenden Runge-Figur auf der Turmspitze. Bei Christian Thielemann, dem neuen Chef der Sächsischen Staatskapelle, spielt das Orchester wieder im Graben. Man hört sozusagen die „Reisebesetzung“, stimmfreundlich aber nicht von der Farbigkeit und Intensität, die der Komponist Richard Strauss einst erträumte – und die sein Librettist Hugo von Hofmannsthal eher fürchtete.

Christian Thielemann fühlt sich als der Strauss-Dirigent dieser Tage. Das „Strauss-Jahr“ (zur Feier des 150.Geburtstags) wollte er mit dem Werk beginnen, das als das avancierteste gilt. Bei den Salzburger Osterfestspielen lässt er dann als Gegenpol die „Arabella“ folgen. Thielemann ist vor allem Theater-Dirigent. Er weiß das Orchester zu zügeln, lässt es nur in den Zwischenspielen voll ausspielen, gibt den Stimmen Raum. Fast etwas blockhaft, schematisch klingt das oft. Erst beim Schlusstanz der Elektra, nach dem durch den heimgekehrten Orest vollzogenen Mord, genehmigt Thielemann sich auch mehr innere Flexibilität. Evelyn Herlitzius, die Elektra dieser neuen Dresdner Produktion, „tanzt“ diesen Triumpf im Sitzen mit gespreizten Beinen wie eine Puppe, lässt nur den Oberkörper taumeln – und liegt dann wie tot vorn an der Bühnenrampe, erschöpft von ihrer innerlich zehrenden Rache-Mission. Ihre Schwester Chrysothemis, Anne Schwanewilms, lehnt hinten gebeugt an der Wand in einem Brautkleid, das sie sich voreilig übergestülpt hat. Verheult.

Die beiden Schwestern kontrastieren auch stimmlich gut: Schwanewilms mit ihrem hellen Sopran, Herlitzius mit ihrer höhensicheren aber etwas scharfen Stimmgebung bei anfangs zu viel Vibrato. Aber sie wächst mehr und mehr in die Rolle hinein. Von Bettina Walter hat sie ein silbrig schimmerndes, schwefelgelbes Kleid mit dunklem Saum angepasst bekommen. Die vors Haus gejagte, im Dreck sich suhlende Hündin ist sie nicht. Schwester Chrysothemis trägt glockiges dunkles Rot. Mutter Klytämnestra ist kostümiert in Hausfrauen-Look mit beiger Bluse und grau kariertem Rock, darüber einem weinroten Pelzmantel. Waltraud Meier singt diese Klytämnestra. Und sie ist, was Differenzierung und Ausdruck anlangt, die wirkliche Königin dieser Aufführung. Unaufgeregt, in sich ruhend, der Orest von René Pape mit starkem Bass. In einen mausgrau glänzenden Mantel mit rotem Hemd hat ihn die Kostümbildnerin gesteckt. Sein Rachehandwerk erledigt er mit seinem Helfer fast unsichtbar. Aegisth lässt immerhin mal kurz den Arm durch die Balustrade gleiten.

Geradezu euphorisch feiert das Publikum am Ende die Titelfigur. Und man hat Evelyn Herlitzius in der Tat selten besser gehört. Aber auch Anne Schwanewilms, René Pape, Waltraud Meier und natürlich Christian Thielemann mit der Kapelle heimsen viel Beifall ein. Das Regie-Team allerdings muss einige Buhs einstecken. Einen Wurf darf man diese Arbeit der Zürcher Schauspielhaus-Intendantin auch nicht nennen. Aus dem sonstigen Dresdner Angebot derzeit ragt sie zwar weit heraus. Aber Freys Bemühen, die Heroik des Antiken-Dramas auf heutige Masse herunter zu dimmen, wirkt doch zu zaghaft, unsicher, spannungslos. Und mit ein paar Gimmicks kommt man dem Stück nicht bei – wie auch etwa dem, dass der Bühnenraum sein Vorbild in einem Wartesaal des stillgelegten Tempelhofer Flughafen hat. Warten an der Abflugrampe: aha. Und Gerechtigkeit? Sie ist eine Schimäre. Aber das ist auch nicht ganz so neu.

Fotos: Creutziger


Leidenschaft

Serge Dorny als neuer Semperopern-Intendant
ab September 2014 vorgestellt

17.09.2013

Dorny und Kunstministerin Sabine von SchorlemerDie Semperoper hat ab kommender Spielzeit einen neuen Intendanten, Serge Dorny (hier bei der Vertragsunterzeichnung mit der Sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemer). Der 51-Jährige leitet noch die Oper Lyon, soll aber schon ab Oktober 2013 sein Programm für Dresden vorbereiten. Und da wird er einiges aufzuräumen haben.

Im Gespräch war er auch für Mortiers Nachfolge in Madrid und vor allem für die Pereira-Nachfolge in Salzburg. Aber die Würfel sind dort anders gefallen bzw. werden anders fallen. In Lyon hat er von Kritikern teilweise bewunderte Programm-Zusammenstellungen erbracht. Über das Betriebsklima im Lyoner Haus unter seiner Führung höte man weniger Gutes. Zunächst hat Dorny allerdings erstmal kräftig in die Sächsische Staats-Schatulle langen lassen. Seine „Leidenschaft“ für das Haus lässt er sich um ein Drittel höher bezahlen als seine Vorgängerin, die vor einem Jahr verstorbene Ulrike Hessler. Für „internationales Spitzenpersonal“ müsse man „ein konkurrenzfähiges Salär zahlen“, zitiert die Sächsische Zeitung das Ministerium - auch ein Votum über Hesslers Amtszeit. Von dreihunderttausend Euro ist die Rede.

Dringend nötig hat die Semperoper eine geistige Auffrischung. Schon von Anfang an hat man in dem 1985 wiedereröffneten Haus mehr ein Theater für Touristen gemacht statt eines für auch mitdenkende Zuschauer. Da wird Dorny sicher einiges bewirken können. In Lyon hatte er viel mit Kent Nagano zusammengearbeitet. In Dresden hat er als Chef der Staatskapelle mit Christian Thielemann einen eher konservativ gestrickten Musiker an seiner Seite. Der allerdings dürfte von der Medien-Company, die seine Produktionen auf DVD vermarktet, ermuntert oder gar gedrängt worden sein, solche Produktionen wie den plumpen Ostern-„Parsifal“ 2013 in Salzburg oder die kunstgewerbliche „Ariadne“ in Baden-Baden nicht mehr zum Kauf in die Regale zu legen. Da sind wir sehr gespannt, wie es zwischen den beiden weiter geht.

17.10.2013 Update

Bei einer ersten Pressekonferenz am 17.Oktober kündigte er an, Kooperationen mit dem Opernhaus in Sydney und der New Yorker Met anzustreben, um dem Dresdner Haus wieder mehr internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Für die künstlerische Neuorientierung sind das nicht gerade verheißungsvolle Aussichten.
Weitere Ankündigung: da das Haus am Wochenende vor allem von Touristen besucht wird, will er unter der Woche stärker auf das heimische Publikum zugehen und speziell "Neues" entwickeln - was wohl heißt Preisstaffelungen.
Die drei Sparten - Oper, Kapelle, Ballett - sollen künftig stärker gleichgewichtet werden, was wohl heißt: weniger Opern-Neuproduktionen.
Und das ist vielleicht auch notwendig, denn gefragt zu seinem für Dresdner Verhältnisse um etwa die Hälfte gesteigenen Honorar meinte er laut Zeitungsberichten, er wolle in Dresden nicht weniger verdienen als zuvor schon mal in London. Die Dresdner werden sich geschmeichelt fühlen, zumal ja Dresden eine mindestens so teure Stadt ist wie die Englische Metropole.......


Im Acryl-Shop

Christian Thielemanns Amtsantritt zu den
Osterfestspielen in Salzburg mit Wagners
„Parsifal“ (Koproduktion mit der Semperoper)

Salzburg, 23.März 2013

Die Salzburger Breitbandbühne mit unterschiedlich erleuchtbaren Acryl-Säulen für den ersten Akt, ein Mausoleum abgeschlagener Gipsköpfe und verstümmelter Figuren in zweiten, eine Schräge aus Acryl-Stäben mit mumifizierten Leichen im dritten Akt. Man kann alle drei Schauplätze gut unterscheiden. Ansonsten tapst man bei diesem „Parsifal“ szenisch doch sehr im Dunklen.

Regisseur Michael Schulz, noch von der verstorbenen Semperoper-Intendantin Ulrike Hessler für den Antrittsjob des Orchesters in Salzburg unter der Leitung von Christian Thielemann eingesetzt, verfehlt den Anspruch dieser Aufgabe weit – und wird am Ende mitsamt seinem Team (insbesondere seinem Ausstatter Alexander Polzin) kräftig ausgebuht. Schon nach dem ersten Akt hörte man einen Besucher in die Stille rufen „armer Wagner“.

Der Personnage fügt Schulz schon im ersten Bild einen einen blutüberströmten Jesus mit Dornenkrone als gekreuzigten Schmerzensmann bei, der sich rührend um Kundry bemüht. Im letzten Akt bekommt Kundry ihn als knackig frischen wieder auferstandenen Partner neu serviert. Aber die bösen Ritter des Titurel-Reichs trennen die beiden, stoßen mit dem zurückeroberten (Acryl-)Speer dem neuen Jesus eine neue Wunde in die Seite und lassen Kundry vor ihm wie vor einem Gekreuzigten niederknien und beten – the same procedure as every year.

Das ist auch schon fast der gesamte „Erkenntnis-Gewinn“ dieses „Parsifal“. Ach ja, und die Ritter: Zum heiligen Mahle im ersten Akt werfen sie sich in unterschiedlichen Uniformen in Weiß auf den schwarzen Boden im Viereck. Um die stärkende Atzung zu erhalten, schauen sie in ein Kästchen, das Amfortas – eine Art Augen-zuckender Nosferatu – wie eine Brennstoffzelle vor sich herträgt und ihnen öffnet. Im dritten Akt sind die Ritter alle Untote in Schwarz mit weißen Totenköpfen.

Der Klingsor des zweiten Akts ist ein Liliputaner. Kundry erstickt ihn am Ende mit einem Tuch. Gesungen wird die Partie von dem Amfortas-Sänger Wolfgang Koch, sehr nobel, aber auch ziemlich steif – wie die ganze Veranstaltung ziemlich steifleinen daher kommt. Insbesondere der Parsifal von Johan Botha ist ein stimmlich zwar herausragender Sänger, aber mit seiner Figur und in seinem grüngescheckten Anzug eine totale Fehlbesetzung.

Stephen Milling ist ein überragender Gurnemanz, stimmlich genau artikulierend; dass er im dritten Akt einen nur mehr verlotterten Ritterorden verwaltet, sieht man ihm allerdings nicht an. Auch Michaela Schuster als Kundry kann mit ihrem vibrato-freien Mezzo stimmlich überzeugen, szenisch wird sie von der Regie immer nur Augen-rollend allein gelassen. Und der Hostessen-Park der Blumenmädchen – na die sind weder von diesem Parsifal angetan noch von den Jungs in den grünen Shirts und weißen Anzügen, die so tun als sollten sie ersatzweise um sie girren.

Thielemann im Graben lässt sich nichts anmerken von der möglichen Fremdheit mit dieser seltsamen Szenerie auf der Bühne. Dass aus solchen Steh-Theater-Produktionen vermutlich auch DVDs gemacht werden, kann man als Anschlag aufs Musiktheater werten. Und dass das eine Koproduktion nicht nur mit der Semperoper sondern auch mit Mortiers Teatro Real Madrid sein soll, verwundert schon sehr, weniger dass man die Produktion auch nach Beijing verkauft hat.

Als „3sat“-Zuschauer im Kabelnetz war man an diesem Abend erst mal gehörig genervt. Auf dem digitalen Übertragungsweg war der Ton zunächst nur mit ständigen Aussetzern zu hören. Man musste auf den dumpferen Analog-Kanal umschalten. Erst später konnte man auf den digitalen Kanal zurückschalten. Dolby – so eine wiederkehrende Einblendung – funktionierte gar nicht.

Für die samten begleitende Sächsische Staatskapelle (ergänzt von den versammelten Chöre aus Dresden, München und Salzburg) war das gleichwohl ein guter Abend. Und die Berliner Philharmoniker sind vielleicht doch ein bisschen sauer auf sich selbst, dass sie Salzburg und diesen „Parsifal“ aufgegeben haben – um in Baden-Baden eine „Zauberflöte“ zu spielen…

Foto hier: Barbara Gindl


Achtung Agenten!

Der neue Mozart-„Idomeneo“ mit Julia Jones
am Pult

29.11.2012

Idomeneo“, 1781 in München am Hof des die Kunst mehr als Waffen liebenden Mannheim-Schwetzingers Karl Theodor, gehört zu den Mozart-Opern, die immer ein bisschen im Schatten zumal der mit da Ponte verfassten Werke stehen. Es ist schwierig zu inszenieren wegen der vom Libretto des Padre Varesco eingestreuten Wunder.

Der König Idomeneo gerät bei der Rückkehr vom Trojanischen Krieg in einen Sturm, gelobt dem Meeresgott Neptun den ersten Menschen, den er nach glücklicher Rettung am Strand sieht, zu opfern. Das ist der Sohn Idamante. Der nun, als er die ganze Wahrheit endlich erfährt, will sich opfern für den Vater. Dann will sich für ihn seine Geliebte Ilia opfern, eine zunächst als Gefangene aus Troja nach Kreta verbrachte Prinzessin. Und dann spricht ein Orakel wie in der Bibel: alles gut. Schon der Wille hat genügt.

Die Neu-Produktion in Dresden (die erste seit 1925) besticht vor allem durch die Frau am Pult: Julia Jones. Unaufgeregt aber mit höchster Sensibilität und feinen Nuancierungen leitet sie die verkleinerte Staatskapelle im hochgefahrenen Graben, scharf die Akzente setzend, geschmeidig im Habitus. Das sängerische Niveau ist nicht von vergleichbarer Güte. Wookyong Kim als heimkehrender Kreter-König Idomeneo zeigt zwar sehr schöne Piano-Töne, neigt aber im Forcieren zu Unsauberkeiten. Anke Vondung in der Hosenrolle des Idamante hat einen eher schmalen, gepressten Sopran. Elena Gorshunova als seine Geliebte Ilia findet erst im zweiten Teil zu einer ausgeglichenen Tongebung. Ihre Gegenspielerin um die Gunst Idamantes, Elettra (Rachel Willis-Sørensen), kann zwar einen hochdramatischen Koloratur-Sopran aufbieten, singt aber oft mit zu viel Kraft. Timothy Willis als des Königs Vertrauter Arbace ist eine schlichte Fehlbesetzung.

Als Regisseur firmiert der Gelsenkirchener Generalintendant Michael Schulz. Viel eingefallen ist ihm nicht außer einer Statisten-Truppe, die als Agenten Neptuns den handelnden Figuren immer wieder in die Quere kommt. Beim Sturm dürfen sie die Insulaner einzeln niederschlagen oder am Ende die untergangswillige Elettra zu den Furien locken. Das Volk von Kreta und die befreiten trojanischen Gefangenen sitzen entweder an den Seiten der breiten, perspektivisch angeschrägten Bühne oder sie stehen Spalier zum Empfang des geretteten Idomeneo wie für einen Staatsbesuch in einem autoritären Bananen-Ländle.

Überhaupt die Ausstattung: Die Schiffsplanken-ähnliche Bühne, die Kathrin-Susann Brose nach-gebaut hat mit angedeuteten barocken Gassen und einer Zungen-ähnlichen Kanzel in der Mitte, wirkt so steril wie auch die gekünstelten Kostüme von Renée Listerdal. Am Ende wird das neue junge Königspaar Ilia-Idamante in ein reichlich kitschiges Regenten-Outfit à la König Drosselbart festgezurrt als gleichsam Statuen. Ihre Liebe dürfen sie nicht leben, will die Regie uns damit wohl sagen. Und die Leute machen sich aus dem Staub.

Ob ähnlich tiefgründige Interpretationen auch von dem „Parsifal“ zu erwarten sind, den Schulz dann mit Chefdirigent Christian Thielemann zu Ostern für Salzburg plant? Es ist zu befürchten. Mit einem Spitzenorchester und dann ein paar teuren Sängern allein ist aber Spitzenoper zu Spitzenpreisen nicht zu machen. Etwas provinziell wirkt das Dresdner Haus derzeit. Und das ist nicht allein dem geschuldet, dass es im Moment führungslos ist. Der Wille zur auch szenischen Qualität war dort nie besonders tief verankert. Nur sporadisch. Ist Änderung in Sicht?


Zum anderen Ufer

Hans Werner Henzes und Edward Bonds Anti-Kriegsmonument
„We come to the river“ / „Wir kommen zum Fluss“

13.09.2012

Mit klingendem Spiel ziehen die Soldaten ein. Ihr General hat einen Aufstand niedergeschlagen. Brav als Techniker der Macht. Die damit verbundene Gewalt kümmert ihn nicht. Erst allmählich wird er ihrer gewahr, will weitere Gewalt vermeiden und verweigert dem neuen Gouverneur den Befehl. Man verschleppt ihn in eine Psychiatrie. Ein Arzt diagnostiziert, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet, erblinden wird. So wird er wie Lear sehend. Im Land brechen neue Aufstände los. Der Kaiser will den General reaktivieren. Als der sich weiter weigert, lässt man ihn blenden. Aber auch die Mitinsassen der Psychiatrie haben Angst vor ihm. Sie töten ihn.

1973, der Vietnam-Krieg ging zu Ende, der Putsch der Generale in Chile stand bevor, begannen Edward Bond und Hans Werner Henze mit ihrem Anti-Kriegs-Monument „We come to the river“. Für die in London geplante Uraufführung 1976 wollte man in eine leere Fabrikhalle. Es wurde das Auftrag gebende Opernhaus Covent Garden. Der Aufwand ist immens. Drei parallele Schauplätze mit je einem Orchester, über hundert Mitwirkende auf den Bühnen. Alles möglichst nahe am Zuschauer. Henze hatte für das Werk seine bis dahin vielleicht differenzierteste Musik geschrieben. Aber erst im zweiten Teil, der im Irrenhaus spielt und wo auch die Soldaten sich gleichsam eine Trauminsel bauen, kann diese sich recht entfalten.

In Dresden haben die ohnehin zum Monumentalen neigende Bühnenbildnerin Rebecca Hingst und Regisseurin Elisabeth Stöppler ins Parkett der Semperoper zwei zusätzliche Podien, dazu einen langen Steg bauen lassen. Als Ausgangssituation setzen sie: eine Armee erobert ein Opernhaus und zerstört alle lebendige Kultur. Das bringt für den ersten Teil viel Springerstiefel-Getrappel und Fuchteln mit Maschinen-Gewehren und -Pistolen auf die Bühnen. Von der Musik kann man in dem auch dichten sprachlichen Gewebe wenig wahrnehmen. Im zweiten Teil mit der Trauminsel konnte dann Kostümbildner Frank Lichtenberg seiner Fantasie ausufernd-bunten Lauf lassen. Sogar Walküren-ähnliche Wesen exponieren sich da. Vor allem ist dieser knapp dreistündige Abend eine organisatorische Meisterleistung. Erik Nielsen als der alleinige Dirigent in zentraler Position im Raum hat alles gut unter Kontrolle.

Aus der Distanz von 36 Jahren – und es gab nur wenige Produktionen insgesamt von „Wir kommen zum Fluss“ seit der Uraufführung – merkt man aber doch auch, wie das Werk ästhetisch gealtert ist. Zumal der exzessive Bühnenrealismus dieser Dresdner Produktion mit der ausufernden Personage wirkt im Vergleich zu dem, was man tagtäglich auf der Mattscheibe sieht, eher hölzern. Problematisch vor allem der Schluss mit seiner als „Anliegen“ gesungenen Botschaft für eine friedfertigere Welt. Sogar drei „Zauberflöten“-Knaben werden da bemüht. Der mittlerweile 86-jährige Komponist Henze, der im 1.Rang saß und sich dem Publikum auch zeigte, soll sich nach Auskunft des Teams aber sehr lobend geäußert haben. Auch das wegen der Überbauungen im Saal auf gut die Hälfte verkleinerte Publikum applaudierte heftig – zumal Simon Neal als dem General, der einzigen Figur, die so etwas wie eine Entwicklung durchmacht.

An der Semperoper hat man rund um diese Neuproduktion ein kleines Henze-Paket geschnürt. Auch als Kontrapunkt zum demnächst anhebenden Wagner-Jahr.

*

Nachtrag: Es war Henzes letzte große Premiere, die er miterleben konnte. Am 27.Oktober 2012 ist Henze in Dreden nach einem kruzen Krankenhausaufenthalt im Alter von 86 Jahren gestorben.


 

Intendantin Dr. Ulrike Hessler gestorben

Dr. Ulrike HesslerNach schwerer Krankheit ist die Intendantin der Semperoper, Dr. Ulrike Hessler, am 30.Juli 2012 im Alter von 57 Jahren ihrem Krebsleiden erlegen. Nur knapp zwei Jahre war sie im Amt. Geboren in Kassel, begann sie 1984 nach einem Studium der Germanistik und Romanistik ihre Theaterlaufbahn an der Bayerischen Staatsoper zunächst als Assistentin des Pressesprechers und Leiterin des Pressebüros. Im Jahr 1988 wurde sie dort Pressesprecherin und Leiterin des Bereichs Presse und Öffentlichkeitsarbeit unter Staatsoperndirektor Wolfgang Sawallisch. Ab der Spielzeit 1993/94 leitete sie die Public Relations Abteilung und wurde Mitglied des Direktoriums der Bayerischen Staatsoper unter Sir Peter Jonas. Mit Beginn der Spielzeit 2001/02 wurde sie Direktorin für Public Relations an der Bayerischen Staatsoper. Ab 2006 war sie Mitglied der Interimsdirektion der Bayerischen Staatsoper.

Die unter ihrem Vorgänger Gerd Uecker etwas verschlafene Dresdner Semperoper konnte sie wieder mehr nach vorn bringen. Ihr Haupt-Verdienst ist es, Christian Thielemann aus München für Dresden gewonnen zu haben. Sein Amt als Chefdirigent der Staatskapelle tritt er indes erst mit der Spielzeit 2012/13 an. Mit der einstigen „Wunderharfe“ Richard Wagners kann der exponierte Strauss- und Wagner-Interpret zu neuen Ufern streben. Die Inthronisierung Thielemanns im letzten Jahr als neuer Chef der Salzburger Osterfestspiele hätte einen weiteren Schub bedeutet. Die Bestellung von Michael Schulz als Regisseur der ersten gemeinsam mit Salzburg zu erarbeitenden Inszenierung, Wagners „Parsifal“, zeigte aber die eher unbedarfte, eher aufs Modische denn aufs Substanzielle zielende künstlerische Seite ihrer Intendanz.

Auch Anderes blieb halbherzig. Etwa die Einrichtung einer „Jungen Szene“, die zwar Angebote auch für ein junges Publikum ins Programm holte, aber in nur leider mittelmäßigen Inszenierungen. Oder das Engagement von Stefan Herheim als eine Art Chefregisseur, der aber wegen seines stattlichen Auftragsvorlaufs allenfalls zu Stippvisiten an die Elbe kommen konnte. Herheim ließ in Dresden zunächst nur andernorts schon erfolgreiche Produktionen nachspielen, in die er auch erst im Endstadium polierend eingriff. Nun in der neuen Spielzeit soll er sich mit einer Neuproduktion in Dresden vorstellen, Puccinis „Manon Lescaut“. In ihrer Spielplanpolitik setzte die Intendantin ansonsten auf wenig erprobte jüngere Kräfte. Herausragende Inszenierungen gelangen dabei nicht.


Nicht nur Gedenken

Lera Auerbachs „Requiem »Dresden – Ode to Peace« Uraufführung in der Frauenkirche

11.Februar 2012

Lera Auerbach "Requiem Dresden"

Mit der Uraufführung ihrer Oper „Gogol“ im November im Theater an der Wien über das Sterben des berühmten russisch-ukrainischen Dichters hat sich die aus Tscheljabinsk (Ural) stammende Komponistin, Pianistin, Literaturwissenschaftlerin Lera Auerbach zuletzt nachhaltig zu Wort gemeldet. In dieser Saison ist die 1973 geborene und 1991 in die USA übergesiedelte Künstlerin „Komponistin in residence“ der Dresdner Staatskapelle. Für das alljährliche Gedenkkonzert zur Bombardierung Dresdens 1945 hat sie ein Requiem geschrieben. Zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren wurde dafür eine Orchester-Auftragskomposition erteilt. Zur Uraufführung in der Frauenkirche war auch der Sächsische Ministerpräsident Tillich zugegen.

Sehr leise, wie fragend beginnt das. In den Knabenstimmen klingt auch schon an als Leitmotiv das Dresdner „Amen“, das Felix Mendelssohn in der Reformations-Symphonie und Richard Wagner im „Parsifal“ verwendet haben. Aber dann öffnet sich das in einen harten Bruch zum Heute. Es ist Lera Auerbachs bereits drittes Requiem. Die russisch-jüdische Komponistin mit österreichischen Wurzeln, die heute in Amerika lebt und deren Familie sowohl unter den Nazis wie von Stalin verfolgt wurde, schrieb schon ein russisches Requiem und eines für einen Dichter. „Der Tod war immer in meinen Gedanken“, sagt sie. Ihr Kindermädchen nahm sie oft mit auf den Friedhof. Den Tod habe sie immer als „sehr anwesend“ empfunden. Das Requiem jetzt für Dresden sollte aber etwas Besonderes sein. So erläuterte sie bei einem Publikumsgespräch am Vortag der Uraufführung:

AUERBACH-Übersetzer: Ich wollte ein sehr ungewöhnliches Requiem schreiben. Das war mein Gedanke von Anfang an, dass ich über die Hoffnung schreibe. Ich wollte nicht nur die Toten ehren, sondern ich wollte mich auch an die Lebenden richten. Und die wichtige Frage, die ich aufwerfen wollte, ist die Zukunft: Was sind unsere Möglichkeiten in der Zukunft? Deshalb hat es den Untertitel „Ode an den Frieden“. Und deshalb habe ich auch andere Texte, die normalerweise nicht in einem Requiem zu finden sind, ebenfalls einbezogen.

So hat Auerbach in ihrem 18-teiligen Libretto auch Psalmen einbezogen oder das „Vater unser“ und Gebete der jüdischen Liturgie, ein Gebet, das der Kaplan Father Judge, das erste Opfer der Anschläge am Ground Zero, hinterließ oder ein Gedicht, das der Theologe Christian Lehnert zur Glockenweihe der wieder aufgebauten Frauenkirche schrieb. Das „dies irae“, der Tag des Zorns, hingegen fehlt. In vierzig Sprachen gesungen wird das Kyrie, beginnend in einem geradezu fordernd-stampfenden Ton als Bitte um Erbarmen und Vergebung.

Der Symbolgehalt dieser Uraufführung in der Dresdner Frauenkirche ist hoch. Seit über fünfzig Jahren hat man für das Gedenkkonzert auf den Tag der Zerstörung Dresdens 1945 durch die alliierten Bomber jetzt zum ersten Mal wieder eine Uraufführung in Auftrag gegeben. Am 13. und 14.Februar erklingt Lera Auerbachs „Requiem“ in der Semperoper. Als Knabenchöre wurden die von St. Paul’s Cathedral in London und der Saint Thomas Choir of Boys aus New York eingeladen. Phänomenal die beiden Knabensoprane, insbesondere Richard Pittsinger aber auch Jack Keller, von dem New Yorker Chor. Sie musizieren auf einer Ebene zusammen mit dem Counter Maarten Engeltjes und dem Bassbariton Mark Stone. Dazu die Herren des Staatsopernchors und Mitglieder der Dresdner Staatskapelle. Souverän leitet Vladimir Jurowski die Aufführung.

Auf Frauenstimmen verzichtet Auerbach bewusst. Krieg ist oder war vor allem Männersache, sagt sie. Ihre Musiksprache ist vor allem sanglich, weniger dramatisch wie die ihrer letzten mit viel Applaus in Wien uraufgeführten Oper „Gogol“. Die Musik scheint in der Kuppel der Frauenkirche oft wie zu schweben. Ob avantgardistisch oder nicht – das ist für Auerbach kein Thema. Die Musik der 1950iger und -60iger Jahre ist für sie historisch. Eindrucksvoll ist dies knapp 75-minütige „Requiem“. Geklatscht wird bei diesen Dresdner Gedenkkonzerten nicht. Der Abend endet mit einer stillen Minute. Lera Auerbachs Musik führt in diese Stille mit Solo-Geige und der Knabenstimme des Amen, das in einem eigenen a-capella-Satz „In silentium“ (an das Schweigen) auch schon vorher umspielt wurde.


Bunt wie beim Kindergeburtstag

Verdis „Un ballo in maschera“
(Ein Maskenball) zum Saisonauftakt

30.09.2011

Die Aufführung beginnt stumm, bedeutungsschwanger. Nur millimeterweise hebt sich der Bühnenvorhang. Eine in einen nachtblauen Glitzermantel verhüllte Dame kommt auf den Laufsteg vor dem Graben. Sie zerfetzt Papierchen und knüllt sie zu Boden. Von der anderen Seite kommt eine jüngere Frau mit einem Knaben. Sie herzen sich. Später erfahren wir, es ist die Wahrsagerin Ulrica, die Amelia, die unglücklich in den Landesfürsten verliebte Ehefrau seines besten Freundes und späteren Mörders, trifft. Was die Szene bringt – man weiß es nicht. Und man fragt besser auch nicht.

Das Theater, das man dann in den folgenden Stunden zu sehen bekommt, mutet ohnehin an wie beim Kindergeburtstag. Figuren in knallbunten, meist glitzernden Kostümen bewegen sich wie auf Kommando in Gruppen, strecken die Arme aus nach dem Conte. Wir haben uns doch alle lieb, soll das sagen, nicht nur Amelia liebt. So auch notiert es die junge Regisseurin Elisabeth Stöppler im Programmheft. Das ganze Leben ist ein Maskenball. Und in diesem Verdischen „Maskenball“ tragen alle Masken im Gesicht. Erst im Todes-Finale werden diese Masken samt den Kleidern abgelegt (Kostüme: Frank Lichtenberg). Der Chor steht dann in blütenweißer Unterwäsche, ein nackter Mann, wohl das alter Ego des Conte, durchwandert die Szene. Sie verurteilen Renato, dass er seinen Freund Riccardo erschossen hat, erschießen musste. Die Macht des Schicksals – wie die Liebe.

Kennte man nicht den aus der Historie abgeleiteten Inhalt der Oper, szenisch, durch die Personenführung, erfährt man hier davon wenig. Stöppler und ihre Bühnenbildnerinnen, Rebecca Ringst und Annett Hunger, berauschen sich stattdessen am fast permanenten Auf und Ab der in Segmenten steuerbaren Hubpodien. Auch die Beleuchtungsbrücke tanzt mit bei diesem mechanischen Ballett. Auch sängerisch wird man nur zum Teil fündig. Die beste Figur macht noch der Conte, Wookyung Kim, mit seinem kräftigen und doch farbenreichen Tenor. Den Pagen Oscar hat die Regisseurin stimmgerecht in eine Frau und eine weitere heimliche Geliebte des Grafen verwandelt.

Carolina Ullrich singt diesen Oscar. Ullrich ist zwar sicher in den Koloraturen und Spitzentönen, ihr fehlt allerdings das soubrettig Leichte der Partie – insofern fehlbesetzt. Auch Marjorie Owens als Amelia braucht bis zum Schlussakt, um ihr dann immer noch stark vibrato-getränktes Organ zum Leuchten zu bringen. Souverän mit samtenem Glanz die Staatskapelle unter Carlo Montanaro im Graben. Untadelig der szenisch allerdings kaum geforderte Chor. Am Ende gab es einen Orkan von Buhs fürs Regieteam, Bravos für die Sänger.

Szenisch kommt das Haus, wie es scheint, auch im zweiten Jahr der neuen, aus München importierten Intendantin Ulrike Hessler nicht so recht aus den Puschen. Aber Hessler setzt damit nur eine Linie fort, die in Dresden seit vielen Jahren zu beobachten und zu beklagen ist. Mit den knappen Finanzen allein lässt sich das nicht bemänteln, es fehlt an der Spitze das Gespür für kraftvolles, sinnliches Theater. Mit dem Semper-Bau als solchem und der exzellenten Staatskapelle allein kann das Haus auf Dauer nicht bestehen, wenn es interessant bleiben will fürs Publikum.


Unter verstärkter Beobachtung

Kurt Weills „Street Scene“ deutsch

19.06.2011

Eine moderne Wohnblock-Fassade. Viele kleine Balkon-Waben mit Jalousien. Vor der Eingangs-Glastür die paar Stufen einer breiten Treppe. Die wird der bevorzugte Aufenthaltsort der Hausbewohner, und die schmale Spielfläche davor mit der Rampe. Dorthin treten sie meist, wenn sie singen.

Eine amerikanische Oper wollte der 1933 aus Deutschland zwangsweise emigrierte Kurt Weill schreiben. Und mit der 1947 am New Yorker Adelphi Theatre uraufgeführten Oper „Street Scene“ hat er sich diesen Traum (nach dem Vorbild von Gershwins „Porgy and Bess“) erfüllt. Die „Straßen-Szene“, nach dem Schauspiel von Elmer Rice, ist ein 1929 mit dem Pulitzer-Preis dekoriertes Stück über Alltagsprobleme kleiner Leute im sommer-heißen Weltstadt-Dschungel New York: mit kleinlichem Getuschel, Liebesdramen, Wohnungsräumung, Mord aus Eifersucht. Die Vorlage hat Weill verdichtet, sie nach Art einer Nummernoper mit Arien, Duetten, Ensembles, Songs und rockiger Tanzmusik ausgestattet. Aber heimisch in Europa wurde das Werk nie. Die Rechte-verwaltende Weill-Stiftung pochte nach dem amerikanischen Musical-Prinzip eng auf Einhaltung einer vorgegebenen Modell-Inszenierung mit traditioneller New Yorker Häuserfassade als Spielort.

In Dresden ist das jetzt anders. Ein junges Team mit der Regisseurin Bettina Bruinier, mit Volker Thiele (Bühne) und Mareile Krettek (Kostüme), sollte Kurt Weill, der 1926 mit seiner Erstlings-Oper „Der Protagonist“ unter Fritz Busch hier einen frühen Erfolg hatte, zurück holen an die Semperoper. Genutzt haben die jungen Theatermacher ihre Chance, eine neue packende Modell-Inszenierung zu kreieren, nicht. Es ist Steh-, Sitz-, Rampen-, Händering-Theater ältester Schule mit ein paar Tanzeinlagen, einem aufwändigen Bühnenbild und ansonsten viel gespreizter Langeweile, zumal in der ersten Hälfte. Gewiss – Weills Drehtür-Dramaturgie mit ständig kurz auf- und wieder abtretendem Personal ist nicht einfach zu realisieren. Das erfordert schon einige Fantasie. Etwas spannender wird es in der zweiten Hälfte, wenn sich die Konflikte zuspitzen.

Immerhin stimmlich ist das rollenreiche Stück in Dresden gut besetzt. Zumal die Rose Maurrant – eine junge umschwärmte Frau, die ihren eigenen Weg sucht, kurz gehalten von einem strengen Vater, und mit einer Mutter, die der häuslichen Enge entfliehen will –, immerhin diese Tochter Rose erhält von Carolina Ullrich klare Konturen. Simeon Esper, als ihr ernsthaftester Freund Sam Kaplan, kann sich mit einem gut gestützten Tenor profilieren. Beide zusammen bilden eine Art Anker in dem ansonsten dahin-plätschernden Arrangement. Jonathan Darlington und die kleine Auswahl von Musikern der Staatskapelle spielen ihren Weill recht flott und klangschön. Und so kann man mancherlei Anklänge erkennen an des Komponisten kurz vor und während der Emigration geschriebene, „noch-europäische“ Werke wie „Silbersee“, „Die sieben Todsünden“, „Kuhhandel“, auch wenn die deutsche Fassung nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

„Street Scene“ zum Abschluss der ersten von der neuen Intendantin Ulrike Hessler verantworteten Spielzeit an der Semperoper: Wirkliche Höhepunkte brachte sie nicht, und es sieht in der nächsten Saison den Ankündigungen nach nicht besser aus. Anzuerkennen ist zwar das Bemühen der Intendantin, möglichen jungen Talenten eine Chance zu geben. Sehr professionell oder gar musikalisch scheinen die Maßstäbe bei der Auswahl nicht. Und das, wo das Haus nun mit der Kooptierung als Salzburger Oster-Festspiel-Partner unter verstärkter Beobachtung steht.


 

Stellungswechsel beim Gel-Haar-Nero

Die Semperoper versucht sich an
Monteverdis „Poppea“

02.04.2011

Der Orchestergraben ist ganz hochgefahren. Die Musiker sitzen links an der Seite. Rechts auf der Vorbühne ein Tischchen mit Thermoskanne und Bechern. Die Haushälterin tummelt sich da gewichtig mit Knopf im Ohr und Sprechfunk-Mikro. Dazu Wachleute und weiteres Personal, das nach und nach durchs Parkett hereintrudelt und sich an den Kleiderschränken in Dienstkluft wirft. Das übliche Bild, wie man es heute bei „Herrschers“ aus dem Fernsehen kennt.

Neros Palast ist ein Karussell-artiger Pyramiden-Aufbau, schickes Design. Unten in der Garage, Parkbucht 9, hat der unglückliche Ottone, der seine Geliebte Poppea soeben an den Ober-Macho verloren hat, seinen ausgebeulten PKW abgestellt. Das perfekte Liebesnest und -bett für die dann wieder aufgewärmte Freundin Drusilla. Eine Etage höher taumelt die Liebes-Aufsteigerin Poppea aus ihrem Schlaf- ins Schrankzimmer, wo Nero sich von ihr verabschiedet. Ottavia, Neros Verflossene, hat noch eine Etage höher ihr Boudoir mit Kleiderschrankwand und der schweren Aufgabe, das richtige Kleid zu wählen. Ganz oben steht Neros Herrschaftsthron, ein gläserner Bürotisch mit Ledersesseln; oder der Chef lässt sich gerade ablichten von seinen Bediensteten fürs Werbeposter.

Unter dem Motto "Eine Frau will nach oben" hat sich ein junges Team daran gemacht, die Figuren von Monteverdis letzter Oper „L‘incoronazione di Poppea“ ins Heute zu übersetzen: Regisseurin Florentine Klepper, Bühnenbildner Bastian Trieb und Kostümbildnerin Chalune Seiberth. Dass man bei ihrem Versuch oft nicht recht weiß, wer wer ist, kümmert weiter nicht. Ständig wird in diesem Palast gewuselt. Kaffeebecher werden gefüllt, sogar der Dirigent bekommt einen geboten. Personen und Einkaufstüten werden gecheckt, Golfschläger oder in Plastik gehüllte Leichen transportiert, rote Teppiche aus- und wieder eingerollt. Seneca, der in der Historie ja etwas zwielichtige Moralist, ist hier ein grauer Aktenträger, der sich mit von oben angelieferter Pistole und schön rotem Blutfleck auf den weißen Badkacheln verewigen muss – wonach das Hauspersonal alle Hände voll zu tun hat. Für die Krönungsszene des neuen Super-Paars wird ein Hänger mit Balkon-Tribüne herabgelassen, Feuerwerk darauf projiziert. Die Fernsehteams bringen sich in Stellung. Und dann kommt einer von Neros Sherpas, der sich offenbar abgesetzt hat oder abgesetzt wurde, und verlautbart ein stummes Treppen-Statement.

Monteverdis „Poppea“-Oper gibt es nur als dürres Skelett, das man mit Fleisch aufpolstern muss. Aus den beiden existierenden Manuskripten von Aufführungen in Venedig und Neapel hat Dirigent Rubén Dubrovsky eine Mischfassung hergestellt. Auf Ritornelle, die den unendlichen Redefluss gliedern würden, hat er fast ganz verzichtet. Die mit historischen bzw. historisierenden Instrumenten bestückte Capella Sagittariana bietet zwar ein authentisches Klangbild. Ohne instrumentale Haltepunkte im Orchester und mit der mittlerweile von jeder Bühne bekannten Pseudo-Realismus-Optik mit reichlich déjà-vus und wenig Substanz wirkt das aber doch bald arg ermüdend. Sängerisch kann eigentlich auch nur Georg Zeppenfeld als Seneca mit seinem profunden Bass voll überzeugen. Franco Fagioli als Gel-Haar-Nerone hat eine etwas enge kehlige Counterstimme, Nicole Heaston ist eine üppige Poppea (die historische soll eine der schönsten Frauen des Reichs gewesen sein, die den halben Tag mit ihrer Schönheitspflege verbrachte). Rebecca Raffell gibt die ruppige Arnalta. Mit barocker Oper hat man in Dresden noch wenig Erfahrung. Dass Monteverdis Musik kaum zu diesem Setting und auch nicht so recht zu diesem Raum passt, störte das Publikum aber wenig: Am Ende fast eitel Freude.


Kaltes Biest

Antonín Dvorák „Rusalka“ als
Herheim-Wanderpokal

11.Dez. 2010

Nach Brüssel und Graz ist Stefan Herheims Fassung von Dvoráks „Rusalka“ nun an der Dresdner Semperoper angelandet. Dort ist Herheim neuerdings nominell Chefregisseur. Eine originale Semperopern-Premiere wird der Vielbeschäftigte an der Elbe allerdings erst in späteren Jahren abliefern.

Herheims „Rusalka“ ist aufwändig, temporeich und kunterbunt. Rusalka, die Nixe aus Meerestiefen, ist bei ihm eine Hure, in die sich ein Matrose verknallt. Allerdings vermisst er bei ihr die heiße Leidenschaft – was von einem kalten Meereswesen natürlich auch etwas viel verlangt ist. Und so findet man diesen „Prinzen“ bald im Bett einer warmherzigen Rivalin. Am Ende gibt’s ein Unglück mit Todesfolge, das die Semperopern-Tatort-Kommissare und ihre KT aufklären müssen, derweil die mit platinblond-polanger Perücke stöckelnde Undine in den hüfthohen Silberstiefeln und mit dem silbrigen Ledermantel sich schon wieder den nächsten angelt.

Natürlich bekommt man im hochmobilen Set von Heike Scheele (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme) auch die Assoziationen der Unterwasserwelt geliefert mit einer wasser-durchsprudelten Litfaßsäule, dazu Vetteln mit Hängebrüsten, die auch mal als fromme Betschwestern aus der Kirche stürzen, einen Sexshop mit wild tanzenden Sextoy-Puppen, der sich zum Brautmoden-Laden oder zur Fleischerei mit Schweinehälften wandelt, eine Bar, deren Tresen auf die Straße fährt, um Besucher von ihren Satelliten-Schüsseln weg auf die Hocker zu keilen. Oder auch Nixen, die durchs Gaze-Wasser nach oben tauchen. Dramaturgie-inspiriertes, assoziatives Bilder-Theater ist das – und in Dresden nicht ganz neu. Es kehrt die Opferperspektive um und spielt mit der Komödiantik des Rollentauschs.

Gemacht ist das bis in die Applausordnung sehr modern auf Wirkung – egal, wenn sich der Erzählfaden allmählich verheddert. Gesungen wird in Tschechisch. Tomáš Netopil kann die Staatskapelle zu einem einfühlsamen Begleitinstrument motivieren. Tatiana Monogarova gibt eine auch stimmlich höchst flexible Rusalka, der fixe Georg Zeppenfeld den betrogenen Wasser-Mann, der aus Eifersucht zum Mörder wird. Viel Beifall am Ende, aber auch ein paar Buhs fürs Team. Man hat hier durchaus eine Attraktion zur Jahreswende, auch wenn der Abend mit zwei Pausen viel zu lang ist. Und berührend wie Rusalkas berühmtes Lied an den Mond ist er auch nicht.


Memento des Widerstands

„Daphne“ von Richard Strauss zum Auftakt
der neuen Intendanz

02.10.2010

Als ein „einziges Musikwunder“ bezeichneten Kritiker die späte Oper von Richard Strauss nach der Uraufführung 1938 in Dresden. Wegen des als „gipsern“ geltenden Librettos gilt sie als kaum spielbar. Jetzt hat die Intendantin der Dresdner Semperoper, Dr. Ulrike Hessler, zum Auftakt ihrer Amtszeit einen neuen Versuch damit unternehmen lassen.

Die Geschichte von dem jungen Mädchen Daphne, die ihrem Jugendfreund Leukippos sich verweigert, dann als der Lichtgott Apollo auftaucht diesem sich hinzugeben nicht mehr abgeneigt ist, verlegt Regisseur Thorsten Fischer in die Entstehungszeit des Werks. Seine Daphne ist Sophie Scholl, die erst bei der Hitlerjugend mitmacht, dann zur Widerstandskämpferin wird. Flugblätter werden gleich in der ersten Szene geworfen. Am Ende geht sie wie alle Leidensgenossen in den Tod, ein sehr berückendes Bild, wie sie über die breite Treppe nach oben steigt und dann sich neben ihren Freund Leukippos legt, während die anderen Opfer mit Händen wedeln, als wären es die Zweige des Lorbeerbaums, in den die Daphne des Mythos, auf ein gelebtes Leben verzichtend, sich verwandelt.

Der junge israelische Dirigent der Premiere, Omer Meir Wellber, gefördert von Daniel Barenboim, designiert als Nachfolger von Lorin Maazel in Valencia, bringt zumal diesen Schluss der Oper mit der Staatskapelle wunderbar wispernd zum Klingen. Überhaupt versteht er glänzend, die Farben des Orchesters zu mischen, die Klangbalance fein auszutarieren. Nie haben die Sänger Mühe, im Orchesterklang zu „verschwinden“. Camilla Nylund ist eine schlank und leicht intonierende Daphne, Ladislav Elgr der erst im Jenseits belohnte Mitstreiter Leukippos (das „weiße Pferd“) und Robert Dean Smith der in Gestapo-Uniform agierende Apoll.

Gewiss muss man Strauss‘ späte „Daphne“ in den historischen Kontext einordnen. Fischer bezieht sich auch auf eine Textstelle der Sophie Scholl, wo sie sich wünschte, in höchster Not die „Rinde eines Baums“ zu sein. Andererseits sind Strauss‘ späte Opern auch immer Testamente des Abschieds, des Entsagens. Und der Scholl-Bezug, den Fischer herstellt, klappert doch erheblich, was denn ein Teil des Publikums auch am Ende mit einem Buhkonzert für die Regie quittierte.



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