Viel Beifall für Konwitschnys Fliegenden Holländer am
Bolschoi
20.Juni 2004, in Kooperation mit München
(26.Feb.2006)
Moskau (dpa, 21.Juni) - Männer und Frauen passen nicht zueinander -
jedenfalls nicht in Peter Konwitschnys Deutung von «Der fliegende
Holländer». Der deutsche Regisseur überraschte am Sonntagabend
ausgerechnet Russlands museale Prunkbühne, das Bolschoi-Theater in
Moskau, mit der Oper von Richard Wagner als lebensnahem
Geschlechterdrama.
Die Premiere fand lebhaften Beifall, sorgte aber auch für Irritationen.
Für das Bolschoi bedeutet die Koproduktion mit der Bayerischen
Staatsoper München einen weiteren gelungenen Schritt zur Erneuerung des
angestaubten Opern-Repertoires. «Alle großen Werke sprechen über einen
Mangel an Liebe», sagte Konwitschny vorher zu seinem Konzept. Überall
gebe es «die Sehnsucht nach einem guten Verhältnis zwischen Männern und
Frauen». Doch die «Angst der Männer vor der Frau» stehe dem Glück im Weg
- in Russland, Deutschland oder anderswo.
Der Holländer (Robert Hale) hat also von vornherein keine große Chance
auf Erlösung durch die Liebe, als sein Schiff der Untoten nach sieben
Jahren wieder einmal Anker wirft. Den Schicksalsengel, den der Holländer
beschwört, lässt Konwitschny ganz real auftreten. Cool bläst die
Blondine dem Unglücklichen den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht. Die
Romantik im Bühnenbild von Johannes Leiacker wird immer wieder durch
Ironie durchbrochen.
Über den zweiten Akt wird in Moskau noch lange geredet werden.
Konwitschny macht aus der Spinnstube ein modernes Fitness-Studio. Frauen
im bunten Sportdress drehen keine Spinnräder, sondern treten munter in
die Pedalen ihrer Trimmräder. Leicht genervt hört sich Senta
(Anna-Katharina Behnke) die Liebesschwüre ihres Möchtegern-Lovers Erik
an. Die deutsche Sängerin brilliert mit der packenden Erzählung von
ihrem Traummann, dem legendären Holländer.
Im düsteren dritten Akt muss Senta dann fassungslos die Zweifel des
Traummannes an ihrer Treue erleben. Nach dem Motto «Du, es ist besser,
wenn wir uns trennen» stößt der Holländer ihre Liebe zurück und geht
wieder auf See.
«Wagner ist großartig, aber mit der Inszenierung bin ich nicht
einverstanden», meinte ein ordensgeschmückter älterer Herr nach der
Aufführung. Eine junge Frau zeigte sich dagegen begeistert: «Es wurde
Zeit, dass das moderne Musiktheater auch nach Moskau kommt.»
Moderne westliche Musiktheater-Regie ist in Russland noch immer
ungewohnt - für das Publikum wie für die Mitwirkenden. Das bereitete
Konwitschny auch Probleme beim Einstudieren. Viele russische Sänger
seien es nicht gewohnt, gleichzeitig zu singen und zu schauspielern,
sagte er. Den Rückhalt der Inszenierung bildeten deshalb die mit viel
Applaus bedachten ausländischen Gaststars Hale und Behnke.
Den Chor des Bolschoi nahm Konwitschny von seiner Kritik aus. «Die
wollen spielen.» Tatsächlich tummelten sich die modern gekleideten
Norweger und die den Kostümen nach 500 Jahre alten Holländer sehr
lebendig in den Massenszenen. Das Orchester unter Leitung von
Chefdirigent Alexander Wedernikow meisterte die in Russland seit 1963
nicht gespielte Partitur mit Bravour. An der Bayerischen Staatsoper wird
Konwitschny die Inszenierung mit einer anderen Besetzung im Februar 2005
auf die Bühne bringen.
Hitzewelle aus dem Saal
Der fliegende Holländer: Peter Konwitschny inszenierte erstmals
am Moskauer Bolschoi Theater
Jan Brachmann in "Berliner Zeitung", 22. Juni 2004
Selten dürfte Peter Konwitschny so vom Publikum für seine Arbeit als
Regisseur gefeiert worden sein wie am Sonntag in Moskau, am Ende der
Premiere von Richard Wagners Oper "Der fliegende Holländer". Nachdem es
bereits minutenlangen Staccato-Applaus für die Solisten, den Chor und
das Orchester des Bolschoi Theaters unter seinem Chefdirigenten
Alexander Wedernikow gegeben hatte, schlug plötzlich eine Hitzewelle aus
dem Saal gegen die Bühne, als Konwitschny auftrat: Jubelschreie,
Bravorufe, kein Buh, kein einziges....
Peter Konwitschny, von dem Gerard Mortier Anfang dieses Monats
behauptete, Paris sei noch nicht reif für diesen Regisseur, war vor zwei
Jahren schon einmal Gast am Bolschoi Theater. Gemeinsam mit dem
ehemaligen Intendanten des Grazer Opernhauses Gerhard Brunner
entwickelte er seine Ideen von Musiktheater auf einem Seminar mit
Musikern, Tänzern und Regiestudenten. "Der fliegende Holländer", als
Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper München entstanden, folgt
(gemessen an den Gewohnheiten des Moskauer Publikums) einer schelmischen
Dramaturgie. Für das erste Bild hat Johannes Leiacker eine
naturalistische Meeresbrandung an den Bühnenhintergrund malen lassen,
die norwegischen Seeleute in Wattejacken und Strickpullis, die Holländer
in stilechte Frans-Hals-Trachten gesteckt.
Das zweite Bild ist dann aber keine Spinnstube mehr, sondern ein
Fitness-Studio. Die Mädchen sitzen auf Home-Trainern wie die Hamster im
Laufrad, bewegen sich, ohne davonzukommen: "Summ und brumm du gutes
Rädchen, munter, munter, dreh dich um!" Das Moskauer Publikum staunte
laut und applaudierte gleich zu Beginn der Szene. In diese Welt, die
sich nur ums Hier und Jetzt, um den eigenen Körper, die blanke Physis
dreht, bricht nun der Holländer in seiner verstaubten Tracht, singt von
ewiger Treue und Erlösung, von einem Glück, das metaphysisch ist, und
infiziert Senta mit diesem Traum.
Aus diesem Einfall entwickelt Konwitschny sehr viel: Er historisiert die
Gefühle, die Begriffe vom Menschen, die in der Oper archiviert sind. Sie
sich zueigen zu machen, heißt, sich zu kostümieren wie Senta, die das
verstaubte Brautkleid über ihren Body zieht, als sie einwilligt, den
Holländer zu heiraten. Schon in der Oper selbst, bei Wagner, sind die
Figuren historisch geworden. Nicht von ungefähr tritt daher Erik im
dritten Bild in Maxens Jägerkluft aus dem "Freischütz" auf. Die Welt des
Holländers wird hier gezeigt als eine der Starre, der Reproduktion, der
ewigen Wiederkehr, am Ende als geschlossene Welt hinter dem eisernen
Tor. Senta legt zum Schluss die Lunte an ein Fass Sprengstoff. Die Bühne
ist schwarz, die letzte Musik kommt vom Band. Erlösung als Endlösung.
Sängerisch ist diese Produktion auf sehr hohem Niveau: Robert Hale
als Holländer und Alexander Naumenko als Daland deklamieren beim Singen
vorbildlich, Anna-Katharina Behnke als Senta leistet für die
Leichtigkeit im Wagner-Fach Beachtliches und schafft auch durch ihre
Körpersprache einen deutlichen Kontrast zur wächsernen Statuarik des
Holländers. Das Orchester des Bolschoi Theaters stellt eine
bewundernswerte Balance zur Bühne her. Wedernikow weiß den weiträumigen
Gesang der orchestralen Oberstimmen zu trennen vom marinen Auf- und
Abschwellen der Mittelstimmen.
Bewegend aber ist der Abend vor allem durch die Gedankenarbeit der
Regie: Es ist unsere eigene Liebe zur Oper, die diese Inszenierung
beschreibt. "Der fliegende Holländer" ereignet sich überall dort, wo -
wie Wagner selbst es fordert - die Ansprüche der Kunst ernst genommen
werden. Die Geschichte und die Treueforderung der Gattung legen sich um
uns wie ein eiserner Vorhang. Aber wenn wir der Parole von Pierre Boulez
folgen und die Opernhäuser in die Luft sprengen, schaffen wir mit der
Kunst uns selbst ab. Konwitschny hat die Oper also als tragisches
Paradox gefasst: In dieser geschlossenen Welt ewiger Wiederkehr denken
wir über das hinaus, worin wir hier und jetzt kreisen.
Premiere in München am 26.Febr.2006.
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Noch ein Versuch mit
Nono: Al gran sole carico d’amore,
das Requiem für die Frauen der Revolution in Hannover
Premiere 9.Mai 2004
Es gibt vereinzelte schöne Bilder. Zu Beginn etwa, wenn aufs Stichwort
M-A-R-X die Gebeine in den Bühnenboden bedeckenden Särgen rappeln und die
Toten der Commune ff wieder auferstehen. Oder wenn später ein Lenin-Double
die vereinigten Volks-Gedenkchöre jubilieren lässt zur Feier des Roten
Oktober. Es gibt bedrückende Momente am Schluss, wenn den Beteiligten
eines Streiks in Italien allmählich die Puste ausgedrückt wird und die
Wände ihres Betonkäfigs sie zu zerquetschen drohen.
Was aber diese Doppellehrstunde in Sachen Revolutionen von gestern uns
heute soll – es bleibt dunkel. Natürlich kitzelt der Grusel, wenn alte
Barrikaden in Gedanken noch mal errichtet werden, oder wenn die
vereinigten Mariannen von Paris ihre Herrschenden im Kasperle-Theater
veralbern und die dann später ihren preußischen Erobern den Stiefel lecken
müssen. Oder wenn die Kubanischen Damen der Gesellschaft von den
Moncada-Stürmern beim Kaffeekränzchen aufgescheucht werden.
Aber die zum Liebe-Machen Verklumpten im Gorki-Teil dieses
Revolutions-Almanach zu sehen kurz nachdem man die fatalen
Folterbilder
aus dem Bagdader Gefängnis Al Ghureib mit den feixenden SoldatInnen und
den zu Fleischbergen geschichteten Gefangenen gesehen hat, berührt denn
doch recht merkwürdig. Und die immer wieder, wenn auch variantenreich,
gereckten Fäuste, sind ja auch eher ein Zeichen der Ohnmacht als der
Ermutigung.
Im April 1975 wurde Luigi Nonos Revolutions-Requiem für die
Frauen Al gran sole carico
d’amore (Unter der großen Sonne, mit Liebe beladen) in Mailand
uraufgeführt. Der Titel stammt aus einem Rimbaud-Gedicht. Eher schlicht oratorisch
war das in der Inszenierung von Juri Ljubimov. Die Luft knisterte, als
Claudio Abbado ans Pult seines
Orchesters in der Piccola Scala trat. Moskau hatte wieder mal
Schwierigkeiten gemacht bei der Ausreise des Regisseurs. Die
Bühnenarbeiter nutzten die internationale Aufmerksamkeit, um selbst ein
bisserl „sciopero“ zu machen (zu streiken) für bessere Arbeitsbedingungen.
Es war damals ein Stück notwendiger Erinnerungsarbeit für die anstehende
gesellschaftliche Neubesinnung. Heute, 15 Jahre nach Zusammenbruch dessen,
was sich sozialistische Hoffnung nannte und in dem Stück immer wieder
beschworen wird, wirken die Plakate schal. Auch wenn Regisseur Peter Konwitschny gegen Schluss ein rotes Ché-Guevara-Plakat mit der
rückwärtigen Aufschrift „selbständig denken“ wie beim Abendmahl das Brot
in kleine Bröckchen zerteilt verteilen lässt. Die Schnipsel werden dann in
Büchern zum „Aufheben“ deponiert.
Dabei regiert Castro noch immer, sein eigenes Monument. Nach Hannover wird
er kaum kommen, um sich diese Oper anzuschauen. Und auch Südamerika hat ja
doch inzwischen etwas andere Probleme. Da mögen die Frauen zu Beginn noch
so aufgeregt ihre von Helmut Brade entworfenen Glaushauswände mit Parolen
bedecken. Überhaupt wird hier viel geschrieben – nie ein gutes Zeichen für
kraftvolles Theater.
Bewundernswert dennoch das Engagement aller auf der Bühne und ím Graben
mit Johannes Harneit am Pult. Schön, dass man einige der von Nono
verwendeten Liedzeilen auch als Noten zum Nachlesen mit projiziert
bekommt. Aber all die großen Plakate in kleine Geschichten zu verpacken –
es trägt nicht, und schon gar nicht die zwei Stunden netto. Das Stück
wirkt länglich heute und auch ziemlich geschwätzig.
Das Premieren-Publikum in Hannover klatschte dennoch begeistert. Man
glaubte wohl, einer Weltsensation beigewohnt zu haben. Meine Nachbarin auf
dem Parkettsessel hielt sich meist die Ohren zu und verschwand gänzlich in
der Pause – trotz ausdrücklicher, natürlich schriftlicher Mahnung von der
Bühne, doch bitte wieder zu kommen. Immerhin das Interesse für die
Aufführung war erstaunlich. Zumindest bei der Premiere.
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Das Fachwerk vom „Machwerk“
Peter Konwitschnys Zauberflöte in
Stuttgart
Premiere 13.03.2004
Zum Überbau geht’s hier nicht. Das Fachwerk vom „Machwerk“ wird
besichtigt. Ganz schön aus- und aufgekratzt. Tamino – er nennt sich
„Prinz“ – irrt darin etwas orientierungslos umher, plumpst in den
Orchestergraben, wo General „Zacki“ das Sagen hat. Seine Untergebenen
flüstern’s dem Jungen laut ins Ohr und der General selbst erhebt dräuend
seinen Taktstock. Aber so recht kapiert klein Tamino nichts.
Einen Weg ins Offene
versucht Regisseur Peter Konwitschny bei dieser
seiner zweiten Stuttgarter Arbeit. Mozarts in den letzten Jahren als
„Machwerk“ viel gescholtener Zauberflöte mit ihren zum Mitsingen
geeigneten Popsongs will er auf den Theaterpelz rücken. Die Bühne von
Ausstatter Bert Neumann ist ein helles Geviert, halbhoch wie
(Bert) Brechtens
Gardine. Die Königin der Nacht sitzt da wie eine im Suff versumpfte
Partylöwin an einem Tischchen einer Kantine und weint in ihre Flasche, der
entführten Tochter Pamina hinterher. Die drei Damen sind ihre Hostessen.
Ihre engen Kostümmieder platzen schnell, wenn sie der jungen Männer (Tamino
und auch des netten Handlungsreisenden in Sachen Vögeln, Papageno)
ansichtig werden. Schlange, giftig? Ach was, ein gerollter Teppich krümmt
und streckt sich da, und nichts wie her mit dem Ding!
Die Prinzessin, die der Prinz befreien soll – per Video wird sie ihm
vorgeführt. Lady Di in originalen Aufnahmen vom Hochzeitstag lässt grüßen.
Beim Verlassen der Kathedrale sind aus dem echten Prinzenpaar dann mit
aufmontierten Köpfen Tamino und Pamina geworden. Der rote Teppich ist ja
so geduldig. Und diese Prinzessin Pamina ist gewiss nicht geplagt von
Bulimie. In schwarzen Jeans und T-Shirt versucht sie dem Mohren sich zu
entwinden. Mit Papageno allerdings könnte sie auch ganz gut turteln. Und
sie probiert’s auch gleich, ausgehungert wie sie ist und wo der angebliche
Prinz nur ausrichten lässt, dass er sie lieb hat. Aber dafür tun, tut er
nichts.
Lieber lässt der sich einwickeln von Sarastro und seinen halbseidenen
Sektenbrüdern. In sauberen schwarzen Anzügen und übergezogenen weißen
Talaren vertreiben sich die die Zeit in ihrer „Burg“. Immerhin polyglott.
In Koreanisch spricht Herr Sarastro seine Weiheverse ins Mikrofon, live
übersetzt über Lautsprecher von einer Frauenstimme, in Hebräisch antwortet
sein Vormann, ebenfalls mit Live-Übersetzung. Vor einer silbrigen, die
Bühne füllenden und wie eine Wasserfläche schimmernden Lamettawand
sprechen sie ihre gesalbten Worte. So eingeschüchtert, obwohl die Türen in
den etwas jenseitigen Kramladen reichlich baufällig sind, bleibt unserem
braven Jüngling nur die Bitte um ebenfalls Aufnahme in den Orden. Also
raus aus den weißen Jeans und rein in den schwarzen Anzug mit dem
sackartigen weißen Talar.
Schwieriger gestaltet sich die Sache mit der jungen Dame. Pamina nämlich
will partout nicht sich hier einschweißen lassen in Schwarz und Weiß. Den
Geweihten schmeißt sie ihren Krempel vor die Füße – was die, des Zinnobers
eben auch längst überdrüssig, als Aufforderung verstehen, dergleichen zu
tun. Als Publikum einer Fernseh-Superstar-Show – oder so was Ähnlichem –
finden sie sich auf der Tribüne in Plastikkorbsesseln wieder. Im
Mittelpunkt Papageno, der noch nicht recht weiß, wohin (sexuell) sich
orientieren. Ein Mütterchen Papagena – das wär’ nicht grad das Höchste der
Gefühle. Und die niedliche Nackedei-Nixe, die ihm per Dia auf die
flirrende Lametta-Wand als Appetit machendes Betthäschen annonciert wurde,
ist die grauhaarige Dame aus dem Graben nun wahrlich nicht.
Eine Mitspielerin aus der Fernseh-Show in glitzerrotem Kostüm ist
schließlich die Appetit machende Belohnung. Und die vielen kleinen
Kinderlein, die dieser Papagena aus dem Bauch purzeln sollen, schlüpfen
schon mal unter ihrem vorgehaltenen weißen Rock hindurch wie ein ganzer
Prospekt von Orgelpfeifen: das Groopy-Personal der drei Knaben und der mal
zu Serviererinnen, mal zu Putzmamsells mutierten drei Damen. Und am Ende
grämt sich nur die nächtliche Partykönigin im Pelz verlassen auf dem
Podest. Die Party ist aus,
und sie hat buchstäblich nichts mehr, woran sie
ihren Zorn ausbrüten kann. „Ende der Oper“ signalisiert die Laufschrift
unter ihrem gläsernen Podest mit dem Hauptrequisit Teppich als eingeschreinter
Reliquie eines Märchens aus längst vergangener Zeit. Das war’s.
Ohne die eher mutwilligen Brüche seiner letzten Inszenierungen (Falstaff,
Meistersinger, Giovanni) bringt Konwitschny Moz
arts Zauberflöte auf die
Stuttgarter Staatsopern-Bühne. Und das ist gut so. Von einigen
Schelmereien kann er aber doch nicht lassen, wenn etwa bei den Koloraturen
der ersten Arie der nächtlichen Königin eine Videokamera erst in Gesicht,
dann in den Mund, dann in die vulvagleiche Stimmritze der Sängerin fährt.
Barbara Baier, koloraturensicher, ist diese ihr Leid im Suff ertränkende
reife Frau. Den irrlichternden Sektenführer und Gegenspieler Sarastro gibt
mit Stentorstimme Attila Jun. Alexandra Reinprecht ist die resolute
Tochter Pamina – gar kein Kind von Traurigkeit. Der etwas desorientierte
Tamino ist Johann Weigel. Aber zur Seite hat er ja den mit allen
Superstar-Showwassern gewaschenen Papageno, Rudolf Rosen.
Lothar Zagrosek lässt einen ganz durchlichteten, fast zärtelnden Mozart
spielen. Aufs Minimum reduziert ist das Orchester bei weit hochgefahrenem
Graben (auch für die Aktionen dort). Jubel schon bei der (von mir besuchten)
Generalprobe, der sich in der Premiere einige Buhs beimischten. Es gibt
einige Ungereimtheiten in dieser Interpretation (Dramaturgie: Juliane
Votteler), nicht zuletzt dass Konwitschny die altertümliche Schikaneder-Sprache in den Textstellen
nahezu unberührt lässt. Und ob der hohe Anspruch einer Neuentdeckung
dieser Mozart-Oper eingelöst wird, bleibt auch etwas fraglich. Neben der
ebenfalls Stuttgarter Götterdämmerung gehört diese Zauberflöte gewiss aber
zu Konwitschnys herausragenden Inszenierungen. Man darf nur hoffen, dass
sie auch für spätere Aufführungen so frisch gehalten werden kann.
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Püppchen basteln in der Klapse
Alban Bergs Lulu in
Hamburg in einer 2-aktigen Fassung
09.November 2003
Kann man Alban Bergs Lulu
heute noch spielen? Was ist noch aktuell an der Parabel vom
männermordenden Vamp in einer Zeit, in der es sexuelle Tabus tabuisiert
sind? Die Frage hat sich natürlich auch Peter Konwitschny und sein Team
gestellt. Und eine Teilantwort gibt er gleich zu Beginn. Lulus Ermordung
in der Londoner Dachkammer wird da als Eröffnungsszene vorweggenommen mit
Schlange stehenden Männern rechts und den beiden Frauen links, die den
offenen Vorhang zuziehend einander sich nähern und dann übereinander
herfallen, bis einer ein Riesen-Schlachtemesser zückt und man des Rippers
Freudenglucksen und Lulus Todesschreie hört aus dem Off. Das Sensationelle
des Stücks wird gekillt und Distanz zu schaffen versucht, auch mit
Bänkelsängern, die den Abend eröffnen, indem sie von hinten durchs Parkett
nach vorn ziehen mit Wedekind auf den Lippen.
Für Teil zwei der Antwort muss man den Verlauf des Abends abwarten, und
der wird teilweise doch recht lang, obwohl Konwitschny die zweiaktige
Torsofassung gewählt hat. Als niedliches Püppchen im roten Kleidchen mit
rotem Lolli im Mündchen erscheint Lulu im ersten Bild als Gattin des
Medizinalrats. Der Maler, der sie sie porträtieren soll, bannt statt ihres
Charakterkopfs den blutroten Lolli auf seine Leinwand – nicht nur mit
Hintergedanken, er geht ganz handfest ran ans frische Fleisch auf der
kreisrunden Silber-Liege, auf der die Höhepunkte dann jeweils mit den
wechselnden Männern angesteuert, wenn auch dank ständiger
Klingel-Störungen nur selten erreicht werden. Jeder darf hier mal.
Auch
Papa Schigolch bekommt nach dem ersten Trauerfall im Hause von seiner zur
Frau gereiften Puppa einen gelutscht. Die wichtigsten Stellungen werden im
Lauf des Abends mit wechselnden Partnern durch-dekliniert. Im wahrsten
Sinn.
Die Männer „reißen“ sich um sie. Ebenfalls im Wortsinn. Die Puppe, als die
Lulu lebensgroß ein Parallel-Leben führt zur fleischernen, teilen sich die
Herren Schön und der Maler (mit Andy Warhol-Flachs-Mähne) im erbitterten
Kampf. Für klein Alwa, der auch schon mal ran will, lässt Lulu sich
Riesen-Ballonbrüste wachsen, damit der Kleine schon mal schnullen kann.
Die Nase voll hat Lulu, als Dr. Schön auch noch, Nietzsche getreu, mit der
Peitsche anrückt. Da dreht sie einfach den Spieß um und lässt die Männer
nach selbiger tanzen. Die Puppe wird wie Schneewittchen in den Sarg
gelegt. In der Türöffnung hängt plötzlich ein Toter. Die Rest-Männer
werden abtransportiert in die Psychiatrie. Dort dürfen sie unter Anleitung
von Schwester Lulu Lulu-Püppchen basteln. Auch Mutti Geschwitz wird dort
im Erdboden versenkt. Und Alwa darf über das Ganze eine Oper dichten. Da
hat sich Lulu schon im geblümten engen Kleid und Mütze auf dem Kopf aus
dem Staub gemacht – ähnlich Bieitos Violetta kürzlich in Hannover. Lulus
Todesschrei hört man als Remake aus dem Off.
Konwitschny lässt das in dem Raum spielen, den Hans-Joachim Schlieker
schon vor
Jahren für den gemeinsamen
Wozzeck entworfen hatte, hier allerdings transparent gemacht als
Guckkasten für Voyeure. Hinter diesem Kasten blickt man auf die
Fickzellen, in denen blonde Damen ihre Reize zur Schau stellen und
Pappfiguren davor auf einer Endlosschleife paradieren. Auch die Kostüme
hat man von der Wozzeck-Inszenierung weiter geschrieben: alle
Männer inklusive Geschwitz in schwarzen Fräcken. Grandios die
Hauptdarstellerin, Marlis Petersen, die hier stimmlich und darstellerisch
(inklusive Kopfstand) alles geben darf. Von den Männerdarstellern ragen
der geschleckte Dr. Schön von Andreas Schmidt und der schmuddelige Schigolch von
Hermann Becht heraus. Albert Bonnema ist der verträumte Alwa,
der dann das klemmige Schön-Berg-Double mit Rechenschieber zum Komponieren
und Riesenrotstift auf einem Riesen-Buch wie einem Fliegenden Teppich zum
Dichten geben darf. Souverän dirigiert Ingo Metzmacher sein
Philharmonisches Staatsorchester.
Der Humor, den Konwitschny dieser Oper angedeihen lässt, ist etwas arg
grobianisch geraten. Wieder wird ein Störerpaar bemüht, um für eine
Unterbrechung der Aufführung zu sorgen. Ganz witzig allerdings, wie es
sich durch eine auf eine Filmleinwand projizierte Garderobe die Mäntel
herausreichen lässt, um sei dann doch noch mal zurück zu reichen und ins
Parkett abzutauchen. Es gab bei der Premiere einige Buhs. Manche Besucher
gingen schon zur Pause. Die Konwitschny-Fans kamen so recht jedenfalls
nicht auf ihre Kosten. Und die Frage, ob man diese Lulu nun noch
spielen kann, soll, muss, beantwortet sich doch eher ex negativo. Zur
Ver-Alwerung ist sie musikalisch vielleicht doch wohl etwas schade.
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Komm wieder oder Engel fliegen
23.März 2003
Was wäre die Welt ohne einen Mann wie diesen? Alle Frauen, die seine Wege
kreuzen, zieht er magisch an – oder aus. Einer treu zu bleiben, wäre
Verrat an den anderen, beteuert er, wann immer sein Diener ihn bittet,
bettelt, anfleht, ultimativ auffordert, doch endlich sein Leben zurück
zu schrauben aufs Normalmaß. Nein, stottert ihm Giovanni was vor, die
Frauen aufgeben? Nie. Sie sind das Leben. Er liebt sie. Und sie lieben
ihn. Wie Schokolade in der Sonne schmelzen sie hin vor ihm: Vor diesem
Engel, vor diesem Nero, vor diesem Scheusal. Donna Anna, die vom
väterlichen Stadtkommandanten und dem Ehemann in spe kurz Gehaltene;
Donna Elvira, die gerade zwischen zwei Flügen seine Versprechungen
umgehend testen will; Zerlina, das Mädel aus der Vorstadt, die gerade
mit ihrem Masetto Hochzeit feiert zwischen Mülltonnen auf Papptellern
und die den Liebkosungen Giovannis sich hingibt wie eine ausgetrocknete
Blume. Und alle Freundinnen feiern mit beim Love-In. Den Zweisitzer im
Schloss allerdings bewacht schon Elvira, die endlich ihren Quicky haben
will vor dem nächsten Einsatz.
Don Giovanni, inszeniert von Peter Konwitschny in der Komischen
Oper. Es ist Konwitschnys erster Mozart, und es ist die erst dritte
große Opernarbeit des mittlerweile Promipublikum aus allen Ecken
anziehenden Regisseurs in Berlin. Den ersten Versuch
Konwitschnys machte der damalige
Chefregisseur am Hause, Harry Kupfer, auf halber Strecke zunichte. Die
Verkaufte Braut, von Konwitschny begonnen, legte Kupfer sich
selber ins Bett. Erst später in Graz konnte Konwitschny die Oper nach
seiner Facon inszenieren – und viele bangten an der Behrenstrasse ob
möglicher Spätfolgen. Dann Luigi Nonos Intolleranza
zum Amtsantritt Udo Zimmermanns an der Deutschen Oper – es war das
falsche Stück zum falschen Zeitpunkt, kurz nach dem 11.September.
Giovanni jetzt wenige Tage nach dem Kriegsbeginn in Irak – es ist
ironischerweise eine Regenschirmspitze, mit der Giovanni den
Stadtkommandanten, üblicherweise Komtur genannt, ins Jenseits befördert
als sozusagen Geheimagent der Liebe.
Der das Gesetz repräsentierende Komtur, stattlich wie ein Schrank, sitzt
allerdings immer wieder am Weg, wenn Giovanni auf Abenteuerpirsch geht.
Er inspiziert auch schon das Treiben auf dem Schloss, wenn Giovanni mit
den Gespielinnen und Gespielen Zerlinas ein bisschen de Sade mimt und
sich am SM-Freiheitsbaum der Liebe
auspeitschen lässt. Und er lässt sich ganz nett einladen zum Nachtmahl
am Schluss, hakt sich bei Giovanni sogar unter und setzt sich freundlich
zu Tisch. Den Teller mit dem duftenden Braten schiebt er aufmerksam dem
darbenden Diener zu, der sich über das Essen her macht wie ein
ausgehungerter Wolf, den Teller abschleckend von allen Seiten wie eine
Katze heimlich unterm Tisch. Und alle, die Giovanni jagten, die mit
Platzpatronen sich reihum und zum Teil mehrmals ins Jenseits
beförderten, bis dann nur noch Anna übrig blieb, die sich erst mit
Masetto und dann mit Elvira tröstet in einem Eckchen, und Octavio, der
einen Brief Mozarts an seinen Vater hervorkramt, wie sehr er ihn doch
liebe und um leben zu können, sich immer nur das Schlimmste vorstelle,
inklusive den Tod – alle, auch die eisgrauen Kumpels von Masetto in
ihren korrekten Anzügen, sind am Schluss wieder da.
Auch die Frauen stecken nun in solchem Einheits-Grau. Sie reißen dem
Giovanni das Körperteil raus, das sie verantwortlich machen für all den
Trubel, stecken ihn in einen ebenfalls grauen Dreiteiler, setzen ihn wie
den alten Casanova in einen Großvatersessel und schieben ihm ein
Stöckchen mit Silberknauf zwischen die Finger. Mit dem darf er nun die
verlöschende Flamme des Kaminfeuers regulieren. Und langsam erstirbt das
ganze Stück. Die Stimmen, die Orchesterinstrumente verebben, vertröpfeln
wie in Haydns Abschiedssinfonie. Alles ist tot, wenn so einer wie
Giovanni nicht mehr sein Leben lebt und liebt, der lebendige
Widerspruch, das Salz in der Suppe. Vom Rang allerdings
tönt’s wie mit inszeniert barsch in die
Stille nach dem Sturm gleichsam vom Komtur-Stellvertreter: "So nicht,
Herr Konwitschny!" Und es folgt ein Orkan von Buhs und
Bravos, wie man ihn in dem Haus sehr sehr lange nicht mehr vernommen hat. Es war
allerdings auch eine Aufführung von einer emotionalen Vehemenz, wie man
sie hier auch sehr sehr lange nicht mehr
erlebt hatte.
Dabei muss man durchaus nicht alles plausibel finden, was Konwitschny
und seine dramaturgischen Mitarbeiter sich haben einfallen lassen: den
großen Verschleiß an Wäsche etwa, oder auch die gifthaltigen
Mozartkugeln zu Beginn. Da wird in einem stummen Vorspiel der kleine
Wolfgang Amadé gezeigt beim Klavierüben, und
wenn der Vater wegguckt, vergnügt er sich lieber beim Boogie
Boogie, und die Mutter muss aus dem
Hammerklavier steigen und den Kleinen schützen vor den Kantenschlägen
des Vaters. Auch die von Jörg Koßdorff
gebaute Bühne mit einer Art geschwungener Gasse auf der fast ewig
rotierenden Drehbühne vermittelt über die fast ausschließlich auf die
Personenregie konzentrierte Aufführung hinaus nichts weiter an Spannung,
das alte Problem bei Konwitschny. Allerdings, dass Felsenstein in seine
Probebühne sich eine Drehscheibe hat einbauen lassen, verführt auch
etwas die Regisseure. Auch über die von Konwitschny eingebauten Brüche
kann man durchaus geteilter Meinung sein. Insgesamt verliert
Konwitschnys ungemein ehrlicher und zugleich
Mozartisch leichter Umgang mit dem Stück doch im zweiten Teil merklich
an Dringlichkeit.
Sinnvoll allerdings ist das Sichtbarmachen der immanenten musikalischen
Brüche, wenn Mozart beim Fest auf dem Schloss drei Kapellen aufspielen
lässt und das auch durch die räumliche Verteilung der Musiker im Parkett
sinnfällig wird. Kess zupackend die zugleich fast schon fremd klingende
deutsche Textfassung von Bettina Bartz und
Werner Hintze,
bildhaft-flexibel der Duktus der Rezitative. Und grandios, was aus dem
Graben tönt vom Orchester der Komischen Oper unter
Kirill Petrenko:
schon beginnend mit den fast penetranten Donnerschlägen der Ouvertüre
bis hin zum knochenscharf ausgeleuchteten Profil der gesamten Partitur.
Ein Ereignis auch der athletisch agile und vitale Giovanni von
Dietrich Henschel in seinem weiten leuchtendgelben Seidenmantel
(Kostüme: Michaela Mayer-Michnay).
Ein Kabinettstückchen für sich der über die Leidenslitanei Buch führende
Leporello von Jens Larsen; wie ein Zwilling ist er gekettet an
sein Herrchen. Etwas blasser gezeichnet sind die Frauen: Bettina
Jensen als die nachholebedürftige Anna,
Anne Bolstad als die etwas
hysterische Elvira, Sinéad Mulhern als die eher naive Zerlina.
Das Haus hat mit dieser Produktion jedenfalls erst mal wieder einen
Kassenschlager. Gut beschirmt darf es in die allernächste Zukunft
blicken. Und der abgehende Stadtregierende lässt auch seinen Schirm
eingeklemmt schweben in der Tür: Komm' wieder…