Aus für Maier
19.Juni 2007
Zunächst
mal ist das eine Nachricht, bei der man
nicht in Tränen ausbrechen muss: Intendant Henri Maier
geht - oder muss gehen. Freilich etwas abrupt. Die Stadt hat ihm knall fall
gekündigt. Noch voriges Jahr war sein Vertrag bis 2011
verlängert worden. Nun verlässt der Elsässer das Haus nach sechs eher
glücklosen Jahren schon zum Ende
Juli 2007. Von Meinungsverschiedenheiten mit der Stadt über die "künftige
Ausrichtung des Hauses" war offiziell die Rede. Ansonsten schweigt man sich
aus.
Gemunkelt wird von Differenzen mit dem freilich nur selten gastierenden GMD
Riccardo Chailly, den Maier vor zwei Jahren noch mit großem Aplomb als Neuerwerbung
präsentiert hatte, dessen erster Auftritt im Haus mit Verdis
Maskenball zwar musikalisch etwas frischen
Wind blies, szenisch aber ins quasi Mittelalter des Musiktheaters zurück
versetzte.
Dabei war der aus Montpellier als Meister-Sanierer herbei komplimentierte
Maier selbst auch eher ein Beförderer des szenischen Mittelmaßes. Nichts was
wirklich bleibenden Eindruck hinterließ. Auch der Spielplan der kommenden
Saison kann nur wenig animieren zu Fahrten an die Pleiße. Immerhin die
Besucherzahlen im von Udo Zimmermann etwas einseitig auf seinen Geschmack
ausgerichteten Haus konnten stabilisiert werden.
Als kommissarischer Leiter ad interim wurde der geschäftsführende Direktor
Alexander von Maravic benannt. Mit dem Künstlerischen
Betriebsdirektor Christoph Meyer soll er für den Weiterbetrieb des
zwischenzeitlich aus Restaurierungsgründen geschlossenen Hauses sorgen. Wer
danach kommt, steht in den Sternen. Dass man ein Glückslos zieht, ist in
Anbetracht der Umstände kaum zu erwarten. Maier seinerseits fällt nicht
hart. Sein ausstehendes Gehalt von über einer halben Million Euro wird, wie
zu lesen ist, weiter gezahlt.
Offensichtlich will ja die Stadt Chailly mehr Einfluss zubilligen, und man hat das unter seiner
neuen Direktion ebenfalls eher glücklos operierende Ballett mit
einzubeziehen in die Nachfolge-Suche. Auch flackern immer mal wieder
Diskussionen auf um die Schließung der der Oper zugeordneten Musikalischen
Komödie. Dabei hatte Kulturamtschef Georg Girardet gedacht, er hätte sein
Haus bestellt, wenn er demnächst selber in Pension geht.
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Guy Joosten inszeniert Verdis rare „Luisa Miller“
23.Sept. 2006
Mord im Glaskasten. Die Fenster, die Türen verschlossen. Ein junger Mann
in Perücke und Puderquaste irrt durch das Riesen-Monstrum von halb modernem
Büro, halb Irrenanstalt. Er rüttelt an den Türen, kommt nicht raus. Die
Häscher suchen nach ihm, stechen zu. Blut spritzt an die Wände. So beginnt
zur Ouvertüre mit ihren schlangenartig bohrenden Motiven die Leipziger
Aufführung von Verdis Schiller-Adaptation „Luisa Miller“ alias „Kabale und
Liebe“. Und das Bühnenbild von Johannes Leiacker mit seinem gläsernen Quader
in der Mitte der Drehbühne und den Lagerstätten für die beiden jungen Frauen
– das Krankenbett für Luisa hie, die der Grafen-Sprössling Rodolfo (alias
Ferdinand) liebt, und der Ottomane für Federica (alias Lady Milford) dort,
die der Sohn nach dem Willen des Vaters aus Karrieregründen heiraten soll –,
dies Bühnenbild erzählt fast schon alles über die Inszenierung von Guy
Joosten. An der Kopfseite des Glasquaders ist noch das Büro des penibel
seinen garantiert wurmfreien Granny-Smith-Apfel schälenden Bürohengsts Wurm
untergebracht. Der Sekretär als gleichsam Maulwurf wandernd zwischen den
beiden Welten, scharf ebenfalls auf Luisa, wälzt dort seine Akten und
verstaut die Dokumente in seinem Köfferchen.
Regisseur Guy Joosten inszeniert kaum Vorgänge. Er lässt die Drehbühne
rotieren und stellt darauf Bilder. Ein wichtiges Element dabei der Chor. In
rot-schwarzen Kostümen mit Tirolerhütchen – Verdi ließ aus Zensurgründen den
Schauplatz von einem absolutistischen Duodezfürstentum verlegen in ein
unverdächtigeres Grafen-Milieu –, der Chor singt mal der Soldatentochter
Luisa, mal der Möchtegernbraut Federica ein Ständchen. Oder er kreuzt mit
dem Gewehr im Anschlag auf, wenn Sohn Rodolfo nicht so spurt wie Vater
Walter es will. Immerhin die Figuren sind doch recht gut getroffen: Die
blutjunge Luisa mit dunklem Kräuselhaar im weißen Engelskleid, die meint,
der unter falschem Namen sich bei ihr einführende Rodolfo sei der Mann fürs
Leben, wird gezeichnet als zur Hysterie neigend – fast wie eine Lucia di
Lammermoor. Als am Ende Rodolfo zu ihr kommt, um sie wegen vermuteter
Untreue zu ermorden, greift sie, wenn auch unwissend, gierig zum Gift. Den
Tod malt sie sich aus als besseren Schönheitsschlaf. Federica andererseits
ist die durchtriebene Megäre, einäugig, fordernd, grob. Von Rodolfo will sie
vor allem das eine, und schnell lüftet sie das Mieder. Mit Brautkleid und
Brautstrauß gerüstet kommt sie in den Glaspalast, um die Sache zu regeln.
Und sie tut erbost, als Rodolfo ihr den Brautstrauß vor die Füße wirft.
Kontrastierend auch die beiden Väter. Walter, Rodolfos Vater, auf dunklen
Wegen zu Geld gekommen, eine hagere Figur mit spitzem Bart und der
Lieblings-Beschäftigung: Billard spielen und intrigieren. Der Vater Luisas
dagegen: Bruce-Willis-Typ, Glatze, die Unschuld seiner Tochter wie ein Wolf
verteidigend. Am Ende, wenn die beiden jungen Leute tot sind, mustern die
beiden Väter einander wie beim Stierkampf.
Riccardo Frizza am Pult gibt rasche Tempi vor und lässt Verdis von innerer
Erregung aufgeladene Musik vom Leipziger Gewandhausorchester mit Verve
spielen. Freilich führt das zu permanentem Forcieren bei den Sängern, und
Konstyantyn Andreyev als Rodolfo hat da im letzten Drittel doch erhebliche
Schwierigkeiten, trotz seiner dramatisch geführten Stimme. Giovanni Furlanetto gibt den Grafen mit voluminösem Bass.
Marco Vratogna singt den
Vater Miller mit großer stimmlicher wie darstellerischer Kraft. Seine
Tochter Luisa ist von Fiorella Burato als eher überspanntes denn
engelsgleiches Wesen angelegt. Ihre Stimme hat weniger Leichtigkeit denn
Dramatik. Das Publikum dankte am Ende allen mit Ovationen. Mit guten
Verdi-Aufführungen war man in Leipzig ja lange nicht verwöhnt. Allerdings
klaffen das musikalische und das szenische Niveau doch nach wie vor
auseinander.
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Uraufführung von Philippe Hersants Oper „Der schwarze Mönch“ nach Tschechow
6.Mai 2006
Die Musik erinnert anfangs etwas an Debussy, Ravel. Später wird sie
harmonisch schroffer, unmelodiös kaum. Tanzrhythmen kommen hinzu.
Tschaikowsky wird zitiert – „Eugen Onegin“ –, dazu auch russische Chöre. Neutönerisch klingt das nicht, was da im Leipziger Opernhaus als
Uraufführung angekündigt wurde. Philippe Hersant, der diese Musik schrieb,
versuchte sich zunächst in Avantgarde. Dann probierte er, wie er sagt,
seinen „eigenen Weg“. Es ist seine zweite Oper. Die erste gestaltete er nach
einem Stoff von Jules Verne. Die neue Oper hält sich an eine Novelle von
Anton Tschechow. Das Libretto verfasste Hersants Bruder.
Im Mittelpunkt der Oper steht Andrej. Er hat Gesichte. Ein „schwarzer Mönch“
erscheint ihm immer wieder, der ihn ermuntert, sich für ein Genie zu halten.
Die Beziehung zu seiner Jugendfreundin Tanja geht dabei allerdings in die
Binsen. Mit einem Knall endet die erste gemeinsame Nacht. Tanja trennt sich
von ihm, als ihr Vater tot ist. Der starb am Ärger mit Andrej und dass
jemand in seinem wohl behüteten Garten ein Pferd angebunden hat, das er
nicht wieder loswird. Am Ende stirbt auch Andrej, lungenkrank, an einem
Blutsturz. Die Mönchsstimme hat ihn noch gescholten, dass er sich herabließ,
sich nicht mehr für ein Genie zu halten, sondern es mit dem Mittelmaß zu
versuchen. Auch eine neue Freundin ändert daran nichts.
Genie und Wahnsinn ist das eigentliche Thema. Eines des 19.Jahrhunderts. Was
den Komponisten daran so sehr interessierte, spürt man nicht. Hersants Art
„narrativen“ Komponierens steht auch quer zum Stoff. Merkwürdig
abgehoben-introvertiert wirkt seine Oper. Die Inszenierung der jungen,
mancherorts reüssierenden Tatjana Gürbaca versucht die Defizite mit einem
globalen Ansatz zu glätten, aber bleibt im Ungefähren. In der weißen
Plastik-Bühnen-Landschaft von Klaus Grünberg, die bewusst an den frühen
Malewitsch anknüpft und eine Art verblichenen Garten Gethsemane imaginiert,
begnügt sie sich mit einer Verdoppelung und Verdreifachung der handelnden
Figuren.
Als „Anhäufung“ vergangener Zeit im Gegenwärtigen ist das gemeint, als ein
„Fluch“, den man nicht loswird – auf dem Theater bleibt das freilich
statisch und spannungslos. Allzu einförmig wiederholen sich die Figuren mit:
Fotos gucken, beschriebene Blätter fallen lassen, einen Luftballon spazieren
führen – so Tanja. Schließlich bedient sie sich auch noch an Vaters
Schnapstheke im Pferdebauch. Die diversen Andrejs simulieren:
„Philosophieren“, Dialogisieren mit dem halluzinierten Gottesboten, die
blutbeschmierten Finger betrachten, Probleme mit der Liebe kultivieren – sei
es nun bei der alten oder der neuen Freundin. Mögliche Umkehrpunkte zeichnen
sich nicht ab. Der Mönch kreuzt in persona auf als eine Art Clochard.
Musikalisch wird er imaginiert mit einem Akkordeon als Orgelersatz in
extremen Lagen. Irgendwann hat er seine ganze Bettel-Bruderschaft im
Schlepptau, die dann vollmundig einen schönen Chor intonieren.
Die Leipziger Oper hat unter ihrem seit fast fünf Jahren amtierenden, aus
dem Elsass stammenden Intendanten Henri Maier nicht gerade durch
ästhetischen Wagemut geglänzt. An dem Eindruck wird mit diesem Auftragswerk,
der ersten Uraufführung unter seiner Ägide, kaum gekratzt. Zu bewundern gab
es gute sängerische Leistungen, zumal von Tuomas Pursio als Andrej. Auch
Ulrich Dünnebach als Mönch kann beeindrucken. Etwas angestrengt wirkt die
Tanja der Marika Schönberg. Klangschön leitet Axel Kober das
Gewandhausorchester mit Jean Pacalet am Akkordeon. Das Publikum spendete
freudigen Beifall. Überfordert wurde es in den gut anderthalb Stunden ja
nicht.
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Die neue Leipziger Freiheit
Riccardo Chaillys Amtsantritt als Opern-GMD mit Verdis „Maskenball“
13. Nov. 2005
Was die Vorab-Werbung kündete – mit ganzseitigen Anzeigen in
Hochglanz-Magazinen unterm Stichwort „Leipziger Freiheit“ und mit einem vor
Dirigierarbeit schwitzenden Riccardo Chailly –, man musste schon meinen,
hier beginne eine neue Zeitrechnung des Musiktheaters. Doch gemach, gemach.
Umstürzlerisches tat sich nicht. Indes, wie der neue Leipziger Gewandhaus-
und Opern-GMD Chailly die Partitur von Verdis Ballo in maschera auffächert
und zuspitzt zugleich, wie er die Kontraste schärft und die orchestralen
Ausbrüche gleichsam explodieren lässt, wie er auch die Lyrismen dieser
Dreiecks- und Verratsgeschichte verinnerlicht, das hat Seltenheitswert. Das
ist kein Verdi der Opernkonvention, das ist mit dem präzis folgenden
Gewandhausorchester keine glatte Verdi-Begleitung für mehr oder weniger sich
selbst produzierende Sänger, sondern das ist Operndrama im Graben und aus
der Musik heraus.
Nun ist freilich Oper vor allem auch Musik-Theater. Und kaum einer wie Verdi
bestand so sehr darauf. Davon sieht man an diesem Abend freilich nichts. Was
das von Chailly mitgebrachte italienische Regieteam auf der Bühne vorführte,
wäre vielleicht vor hundert Jahren ein Aufreger gewesen. Heute wirkt es nur
abgeschmackt und ärgerlich. Die großflächigen Bühnenarrangements des
Filmregisseurs Ermanno Olmi wirken splitterig wie sprödes Holz. Die Sänger
stehen meist wie angewurzelt auf ihren Plätzen und schön vorn an der Rampe
mit gutem Blickkontakt zum Dirigenten. Selbst Liebesszenen werden hier
weitgehend regungs- und berührungslos exekutiert. Die Bühne von Arnaldo Pomodoro ist entweder bis zur Kragenspitze zugebaut oder leer geräumt.
Vorgänge, die einem irgendwas erzählen, finden nicht statt. Das einzige
erklärende Feigenblatt, das der Regisseur sich gönnt, sind einige Statisten
in Armeleute-Kostümen auf den Seitenstegen zu Beginn, die sich an das
Geschehen herandrängen. Aber es passiert ja nichts.
Eine aus Riesenspießen und Stangen gestaltete Relief-Doppeltüre, deren
Motive sich dann wie ins Monströse vergrößerte Goldschmiedearbeiten
skulptural auf der Bühne fortsetzen, öffnet sich zu Beginn. Und man sieht
mit Hellebarden und Helmen drapierte Bühnensoldaten, die den Hof des
unglücklich verliebten Grafen und Gouverneurs Riccardo bewachen.
Kammerfrauen mit Kopfputz wie Satellitenschüsseln umschwärmen die unehelich
Geliebte Amelia. Die Zauberin Ulrica, bei der Riccardo Rat sucht in
Liebesdingen, ist eingeigelt in einen Schutzpanzer wie eine ummantelte
Kastanie. Höhepunkt der Ausstattungsorgie ist im letzten Bild der
Maskenball, bei dem alle Teilnehmer turm- oder tellerartigen Kopfputz
tragen, ein Panoptikum, das das Ballett mit seinen fleischfarbenen Kostümen
auch nicht lockern kann. Mit Massimiliano Pisapia hat man zwar einen Grafen
Riccardo von ausgesucht leichter und heller, dabei kräftiger Stimme. Sich
bewegen auf der Bühne kann oder darf er auch nicht. Chiara Taigi als seine
Geliebte Amelia hat schöne Tiefenfärbungen, ihre Höhen freilich wirken etwas
flach und rau. Ein erfreulich gelenkiger Page Oscar als Postillon d’amour
ist Eun Yee You in der Hosenrolle. Elegant perlen die Koloraturen.
Das Leipziger Premieren-Publikum bereitete den Solisten, dem Chor, dem
Orchester und vor allem dem Dirigenten Riccardo Chailly am Ende Ovationen.
Fürs Regieteam gab’s immerhin einige Buhs. Warum der TV-Sender „Arte“ diese
Produktion einer Live-Übertragung in zwei Wochen für wert hält, bleibt
unerfindlich, sind doch deren besondere musikalische Qualitäten im Fernsehen
überhaupt nicht darstellbar. Allerdings ist im Musiktheater auch ein
gewisses Rollback zu registrieren. Die Dirigenten versuchen ihre Macht über
das Theater zurück zu erobern, angesichts oft dilettantisch die Werke
überstrapazierender Regiekonzepte. Der neue Dilettantismus einer „Leipziger
Freiheit“ aus dem Vorvorgestern wird da allerdings auch nicht weiterhelfen.
Eher der freilich schwierige Versuch, die Werke aus dem Geist der Musik und
des Heute neu und sinnlich zum Leben zu erwecken.
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Bei einem Gläschen Sekt…
Fidelio mit Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt
28,Jan. 2004
Reger
Verkehr in der Poststelle. Päckchen werden abgegeben, untersucht,
sortiert. Immer neue, und von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Das
Leben im Knast ist ausgesprochen multikulturell. Originell auch die
Getränkefolge in der Kantine. Kaffee steht da bereit zur Frühstückspause für
das Wachpersonal. Leider nicht frisch gebrüht aus dem Automaten sondern nur
in Thermoskannen. Und Marzelline in ihrer verliebten Dussligkeit verteilt
den schwarzen Saft minutenlang als Wischwasser auf dem Fußboden. Dann aber
gibt’s auch schon eine Runde Bier. Und gleich drauf und immer wieder Sekt
und den gewürzt mit Konfetti aus dem Sektkühler. Viel einfallen lassen hat
sich der norwegische Star-Regisseur Stein Winge nicht für diesen neuen
Leipziger Fidelio. Und auch die Bühnenbilder von Kari Gravklev helfen kaum
weiter. Die kombinierte Kantinen-Poststelle für den ersten Akt ist eine Art
überdachter Innenhof mit Nadelholz-Pflanzen-Insel, auf der die Gefangenen
wie eine Herde Schafe dann die „freie Luft“ schnappen dürfen.
Einen großen Dienst hat man dem Dirigenten dieses Abends nicht erwiesen:
Herbert Blomstedt. Der Chefdirigent des Gewandhausorchesters, das die Oper
mit bespielt, hat jetzt zum Ende seiner dann 7-jährigen Leipziger Amtszeit
erstmals wieder der Oper sich gewidmet. Schon in den zehn Jahren als Chef
der Dresdner Staatskapelle hat er lediglich einmal auch eine Opernproduktion
geleitet. 1980 war das und noch in der Interimsspielstätte Schauspielhaus.
Mit Harry Kupfer als Regisseur an seiner Seite dirigierte er Tschaikowskys
Eugen Onegin, eine Sternstunde. Blomstedt, der gern einräumt, dass Oper für
ihn eigentlich ein fremdes Terrain ist – den Fidelio, wenn überhaupt eine
Oper, hatte er sich gewünscht. Immer wurde an dieser einzigen Oper
Beethovens ja ihre Übersteigerung ins Sinfonische gerühmt, trotz der
formalen Anlage als Singspiel in der Nachfolge von Mozarts Zauberflöte. Ganz
leicht tut Blomstedt sich nicht mit der wegen ihrer Breiten-Dimensionen
gefürchteten Leipziger Bühne. Es gibt Wackler und immer wieder
Koordinationsprobleme mit den Sängern. Aber Blomstedt kann doch im Laufe des
Abends Orchester, Chor und Solisten zu Außerordentlichem motivieren. Es ist
ein sehr schlanker, drahtiger Beethoven, den er dirigiert. Ohne Fettpolster,
ohne pathetische Überhöhung. Es ist ein Beethoven mit gleichsam Bodenhaftung
– im Unterschied zur Szene, die wie etwa im Kerker- oder im Jubelbild am
Schluss, wenn die Befreierin Leonore auf einem Sofa herumgereicht wird und
der Minister zum fidelen Gläschen Sekt mit dem Befreiten fürs Presse-Foto posiert,
in oft unfreiwillige Komik stürzt.
Mit dem hohen Paar Thomas Piffka als Florestan und der anfangs freilich
etwas kehligen Gabriele Fontana als Leonore hat man in Leipzig immerhin
ansprechende Protagonisten. Eher zur Witzfigur gerät freilich bei Eike Wilm
Schulte der Gefängnisdirektor Pizarro. Und James Moellenhoff als
Gefängnisaufseher Rocco ist auch mehr nur ein netter Onkel. Blomstedt will
die Produktion zwar auch in der kommenden Spielzeit weiter betreuen. Das
Glanzlicht, das sie werden sollte, wurde sie nicht – trotz
Kooperationsabsprachen mit den Häusern in Oslo, Genf und Erfurt. Die
Leipziger Oper hat unter ihrem Intendanten Henri Maier in den letzten Jahren
kaum überregional reüssieren können. Maier träumt zwar weiter vollmundig von
kommenden herrlichen Zeiten mit dem künftigen Generalmusikdirektor Riccardo
Chailly, der sich mehr um die Oper kümmern will. Musiktheater lebt aber eben
essenziell auch von der Szene. Da wurden die Leipziger schon lange nicht
mehr verwöhnt. Es gab denn auch am Ende trotz der Bravi zumal für Blomstedt
und die Musiker heftige und ausdauernde Buhs.
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Turbulenzen um die Berufung von Riccardo Chailly als GMD
17.Dez. 2004
Die Stimmung war gereizt. Papiere waren aufgetaucht, die von den
städtischen Kulturbetrieben Einsparungen in Millionenhöhe verlangten. Dabei
glaubte man mit dem Sparen sich schon an der Unterkante des Möglichen, im
Schauspiel sowohl wie im Gewandhaus und in der Oper. Rücktritte wurden
angedroht. Hoffnung brachte der Wechsel in der Sächsischen Landesregierung.
Die als Juniorpartner jetzt mitbeteiligte SPD setzte eine Neuauflage des so
genannten „Kulturraumgesetzes“ durch. Künftig kann die Stadt Leipzig über
eine jährliche Zuweisung von 3,5 Millionen Euro aus der Landeskasse
verfügen. Eine Woche vor Weihnachten billigte auch der Leipziger Stadtrat
den Haushalt. Riccardo Chailly, um den es vor allem ging und der seinen
Rückzug angekündigt hatte, sollten Musiker entlassen werden, wird 2005
kommen. Er hatte nach zähen Verhandlungen Mindestforderungen aufgestellt.
Für Projekte in Gewandhaus und Oper wollte der künftige Generalmusikdirektor
jährlich etwa zwei Millionen mehr. Zuletzt hatte Oberbürgermeister Wolfgang
Tiefensee (SPD) noch bekräftigt, Chailly könne sich auf die ihm gegebenen
Zusagen verlassen. Auch die Schließung einzelner Sparten im städtischen
Kulturangebot hatte Tiefensee ausgeschlossen.
Dabei hat Leipzig nach Frankfurt/Main den höchsten Pro-Kopf-Kulturhaushalt
aller deutschen Großstädte (ohne die Stadtstaaten). Mit zehn Prozent ist er
doppelt so hoch, wie ihn die Stadt eigentlich verkraften zu können glaubt.
Soeben ist mit großem Beifall das neue Bildermuseum eröffnet worden, 2006
soll auch das dem Kunsthandwerk gewidmete Grassi-Museum grundsaniert sein.
In die Oper und ins Schauspiel flossen bereits 40 Millionen zur
Rekonstruktion. 2007 muss die Oper noch einmal acht Monate lang geschlossen
werden für eine millionenteure Asbest-Sanierung der Belüftungssysteme.
Verabschieden musste man sich zwar von einer Teilfinanzierung der
Ballettschule. Für das Ballett soll allerdings auch nach dem Tod von Uwe
Scholz der noch mit ihm beschlossene Vertrag für eine Truppe von vierzig
aktiven Tänzern gelten. Somit wäre auch weiterhin klassisch-neoklassisches
Ballett möglich, mit allerdings wohl deutlicherem Akzent auf die Moderne.
Die Oper freilich hat durch ihre chronische Unterfinanzierung einen
Schuldenberg von inzwischen über 5 Millionen angehäuft. Den abzutragen will
man nun zügig beginnen. Und auch an eine Schließung der von der Oper mit
betreuten Musikalischen Komödie als Operettenhaus denkt man nicht.
Dennoch muss Kulturdezernent Georg Girardet im Jahr 2005 zwei Millionen
einsparen. Wo weiß er nicht. Die einschlägigen Positionen sind weitgehend
abgegrast. Aber er will deswegen nicht klagen. Das Hauptziel, dem neuen GMD
die Arbeit in Leipzig zu ermöglichen, ist realisiert. Und es ist
festgeschrieben, dass es zu keinen „irreversiblen“ Sparentscheidungen kommt.
Chailly hat in der Stadt schon eine Wohnung bezogen. Er soll das Label
„Musikstadt Leipzig“, das einige in der Freien Szene freilich zu einseitig
positioniert sehen, weiter zum Leuchten bringen. Eine Aufführung von Verdis
„Requiem“ im November mit ihm war für viele ein Versprechen. Auch das
Bach-Fest kann mit immer mehr Besucherresonanz rechnen bis hin nach Japan.
Ob auch die Oper wieder die überregionale Attraktivität erreicht, die sie
unter der Intendanz von Udo Zimmermann hatte, bleibt abzuwarten. Der nach
ihm eingesetzte Intendant Henri Maier hat bisher nicht sonderlich glücklich
agiert. Allerdings wird es auf der Leitungsebene einige Veränderungen geben.
Und die Verständigung Maiers mit Chailly scheint sehr eng.
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Guy Joosten und Marc Albrecht siedeln im Sand von Troja und Karthago
Zur Premiere von Hector Berlioz' "Trojaner" am 29.Nov. 2003 (besuchte Vorstellung: 7.Dez.2003)
Als Hauptattraktion der Saison war sie angekündigt: die Einstudierung von
Hector Berlioz’ opus summum, Les Troyens (1863). Das dafür
benannte Team allerdings ließ von Anfang an auch Zweifel keimen. Guy
Joosten, der schon einen wenig einprägsamen Freischütz, dazu ein
Remake seines Figaro
geliefert hatte, sollte im Tandem mit Johannes Leiacker die Inszenierung des
Mammutwerks stemmen. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen.
Joosten
inszeniert einen Gang durch die Theatergeschichte. Das Ende der
Schlacht um Troja und seinen großen Toten, den anderen Hektor, lässt er in
einem antiken Amphitheater spielen. Der Chor macht’s sich als Volk auf den
Sitzen im Halbrund bequem. Griechen und Trojaner schreiten in lächerlichen
Kostümierungen in die Arena, üben sich auch schon mal wohl gesalbt und müde
choreografiert von Andrew George in Ringkämpfen. Die Ankunft an Afrikas
Nordküste bei Dido wird verpflanzt ins späte Mittelalter. Verramscht dazu
wird die fantastische Figurenwelt des Hieronymus Bosch. Dido, eine ältliche
Mumie à la Elizabeth von England, thront da auf einem schiffsartigen
Amphibienfahrzeug. Auch sie ist ja eine Exilantin aus Nahost, die am anderen
Ende des Mittelmeers ein neues Glück sucht. Gern nutzt sie des Aeneas und
seiner Trojanischen Krieger Angebot, sich der „wilden Horden Afrikas“ und
des sie begehrenden Nubiers Jarbas zu entledigen.
Das kurze Liebesglück der aus Tyros stammendem Prinzessin mit Aeneas wird
zelebriert in einem Gassentheater à la Louis IVX. Den einzigen
Theatervorgang, den man in dieser ufernahen Tropfsteinhöhle bewundern darf,
ist ein nicht enden wollender Lobgesang eines der Untergebenen auf das neue
Herrscherpaar, der dann als cantus interruptus gestoppt wird. Ein
geflügelter Penis fährt wie ein Obelisk aus den Tiefen der schlummernden
Leidenschaften und signalisiert auch den Begriffsstutzigeren im Publikum,
was jetzt Sache sein soll. Aber schon erscheint des Aeneas Vater im
Luftwagen, um den säumigen Sohn an seine Endbestimmung in Italien zu
erinnern: Rom gründen, das neue Troja-West. Hat man hier noch nicht genug
von dem ziemlich langatmig-kitschigen Zinnober, darf man sich auch noch die
Abreise der Trojaner-Crew nach Italien zu Gemüte führen. Nun à la Brecht.
Nicht einmal musikalisch hält die Aufführung, was sie verspricht.
Marc
Albrecht am Pult ist zwar ein forsch aufsteigender Dirigent. Aber von
Berlioz’ Partitur interessiert ihn offenbar vor allem die Oberfläche. Die
wird auf Hochglanz poliert. Die Bruchlinien darunter werden kaum sichtbar.
Und aller sinnenhaften Zartheit entbehrt die Nachtmusik, die einzige echte
Perle dieser Partitur. Auch sängerisch hält sich der Genuss in Grenzen.
Immerhin Robert Chafin ist ein Énée von lyrisch-dramatischem Format. Und
auch die Cassandre der Nadja Michael müht sich um dramatische
Glaubwürdigkeit, trotz leichter stimmlicher Indisposition. Hat man 1982 die
Frankfurter Einstudierung mit Gielen-Berghaus-Schaal erlebt, kann man sich
an diesem Leipziger Abend kaum inne werden, in Joosten Inszenierung
irgendetwas von dem Stück, seiner inneren Dramatik vermittelt bekommen zu
haben.
Was auch hätte das eine mit dem anderen zu tun, es sei denn, dass da ein
sich zu kurz gekommen glaubendes Genie ein monumentales Denkmal habe setzen
wollen? Von Hector für Hektor sozusagen. Und dass die Urheber dieser gewiss
nicht billigen Leipziger Inszene darauf hätten aufmerksam machen wollen? Nun ja. In
der Pause der vom Rezensenten besuchten dritten Vorstellung wurde Leipzigs
Opernintendant Henri Maier zum Ritter der französischen Ehrenlegion
geschlagen. Für seine „Verdienste um Kultur und Musik im Ausland“ bekam er
das Kreuz am roten Band übergeben vom französischen Botschafter. Für wahr:
wunder-bar.
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Schlachte-Max
Guy Joosten inszeniert Freischütz
17.Mai 2003
Max muss weg. Er trifft nichts, schafft keinen Nachschub ran für die
Schlachtemeister. Die Metzger rebellieren, rücken ihm mit dem
Messer zu Leibe, als er zu Beginn noch für den Probeschuss probiert. Der
Fürst, hier offenbar der Wurstereibesitzer, lässt am Ende den Eremiten,
der polemisiert gegen das Probeschussritual, umlegen. Der Laden muss
laufen. Er braucht keinen Pfaffen als Tier- und Menschenschützer, der
ihm das Geschäft vermiest. Kilian, der bessere Schütz, wird aufs Podest
gehoben. Da klappt’s dann wohl auch wieder
mit den Wildschweinehälften.
Der unheilige Max
von den Schlachthöfen – so etwa hat der flämische Regisseur Guy Joosten
jetzt Carl Maria von Webers Freischütz auf die Bühne der
Leipziger Oper gebracht. Klingt besser als es sich anfühlt im
Parkettsessel. Die szenischen Ideen tröpfeln dünn wie das Blut aus dem
dekorativ am Haken baumelnden Borstenvieh. Ins Einheitsbild eines
funzlig grünkachligen Sezierraums hat
Bühnenbildner Johannes Leiacker den
Dreiakter gezwängt. Für die fürstlichen Herrschaften ist hinten ein
kleines Zuschauerpodest reserviert. Der Max mit den Freikugeln lockende
böse Kaspar wird am Ende in der Fleisch-Abfalltruhe entsorgt.
Samiel ist hier eine Samiela aus dem
Rotlichtmilieu. Sie soll Max’ vor allem sexuell geortete Ladehemmung
beheben. Ihre "Wolfsschlucht" ist ein Puff mit vielen Kuscheltieren, in
dem sechs leicht bekleidete Damen als Freikugeln paradieren und sie
selbst als Hauptgewinn am Ende sich den kleinen Max reinziehen darf.
Denn an einer Heultrine, wie Agathe hier,
eingepfercht in eine schuhkartongroße Kemenate, gezeigt wird und à la
Caspar David Friedrich ins Offene draußen blickt, kann der Kleine nicht
zum Mann werden. Wie beim Tannhäuser braucht's da zur Heiligen die Hure.
Da hilft auch Privatsekretärin Änne nicht mit ihrer dicken Doktorbrille.
Es sind bestenfalls einige flapsige Anmerkungen, die Joosten und sein Team
zum Thema Freischütz zu bieten haben. Um eine tiefer lotende Analyse von
Webers Epoche machendem, neue Horizonte aufreißendem Werk von 1821
kümmert er sich nicht. Das Ideendrama, das der Freischütz auch
ist – neben dem komikhaltigen Musical oder Grusical wie hier – ist
gestrichen.
So werden die Figuren verkürzt, oft zu Karikaturen. Zumal
Agathe. Wie Weber sie komponiert hat, ist sie ja keine Transuse mit
gelegentlichem Dachausblick in die Sternennacht sondern eine der
kommenden großen Frauenfiguren in der Linie hin zu Euryanthe,
Rezia, den Wagnerschen Heroinen.
Der Eremit, eigentlich ein Freidenker, der sich in die Wälder verzogen hat und mit
dem Agathe philosophiert – hier ist er ein Salbader, zum Abknallen
komisch. Max als sexgehemmter Klemmi – was
ihn eigentlich umtreibt, ist, dass er als Schreiber, um Agathe heiraten
zu können, auf Kruditäten wie Jägerei und
Wursterei sich einlassen soll. Er versagt im Prüfungsstress. Unsensibel
auch der Umgang mit den heute doch sehr gewöhnungsbedürftigen Dialogen.
Fast ungekürzt und wenig prononciert werden sie gesprochen. Die
Wolfsschlucht, als Aufmacher nach der Pause platziert,
ver-pufft buchstäblich hier, wirkt mit ihrer
Mädels-Parade stellenweise unfreiwillig
komisch. Glatt verschenkt die Jungfernkranzszene.
Das Publikum quittierte die Leistungen des Regieteams am Ende mit Salven von Buhs.
Mehr Glück hatte man musikalisch mit dem kurzfristig eingesprungenen
Stefan Anton Reck am Pult. Er bemüht sich um einen schlanken und auch
teilweise aufgerauten Klang, auch wenn man sich das alles sehr viel
konturierter vorstellen könnte. Von den Sängern kann am ehesten Robert
Chafin als Max mit geschmeidigem Organ
überzeugen, während die Agathe von Majken Bjerno doch mit allzu starkem
Vibrato kämpft. Stimmlich schön leicht die
von Zickenalarm bedrohte Ännchen der Ainhoa Garmendia. Ein stimmmächtiger Eremit ist
James Moellenhoff, Urban Malmberg ein unscheinbarer Bierfass-Kasper,
der von Max den Todesschuss bekommt.
Die Samiela hört (wirklich) auf den Namen Ines Agnes Krautwurst.
Leipzigs Oper, seit
zwei Spielzeiten mit eher Hausbackenem vor sich hin dümpelnd und
überregional kaum mehr wahrgenommen, dürfte
auch mit dieser Produktion nicht wieder in die Charts zurückkehren.
Dabei will Intendant Maier Joosten sogar als eine Art Hausregisseur
etablieren. Aber bis Olympia ist es ja noch weit. Und eine olympische
Disziplin Oper wird es vermutlich auch dann noch nicht geben.
siehe auch >>
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Ver-zaubert
La Damnation de Faust Frühstart ins Berlioz-Jahr
1.Juni 2002
Einen Frühstart wollte die Leipziger Oper hinlegen in Sachen Berlioz. Noch mehr
als 18 Monate ist es bis zur Wiederkehr von Berlioz’ zweihundertstem
Geburtstag. Es wurde ein Fehlstart. Ein "europäisches Team" hatte der aus
Montpellier geholte neue Leipziger Intendant Henri Maier zusammen
engagiert. Den Regisseur und die Kostümbildnerin aus Frankreich, den
Bühnenbildner aus Ungarn, den Dirigenten aus Italien. Aber Provinz bleibt
Provinz – unter welchem Label auch immer. Bieder, muffig, leer ist diese
Berliozsche Höllenfahrt des Dr.Faust in Daniel Mesguich’sInszene.
Uninspiriert spielt das Gewandhausorchester unter Marco
Guidarini. Den Solisten fehlt es mit
Ausnahme des Méphistophélès von Petri Lindroos
erheblich an Stimmkultur.
Anfangs ist man durchaus noch guten Muts.
Ein eleganter Herr in weißem
Anzug mit langem roten Schaal um den Hals kommt auf die Bühne, schnippt
sich eine Zigarette an und dann den schwarzen Bühnenvorhang hoch. Viel
Qualm da zwar. Aber geheimnisvoll wie in einem Zauberkabinett beginnen
Notenständer sich aufzustellen; unter Spinnweben verstaubte
Schaukelpferdchen schaukeln los; Beleuchtungsbrücken schweben gen Himmel.
Der Magier muss nur kurz mal drehen an einem wie ein Schiffsruder vorn am
Bühnenrand installierten Schicksals-/Theatermaschinerie-Rad. Auf einem
podestartig wie ein Altar von Büchern erhöhten Alkoven räkelt sich ein
Mann. Ein Kind schlüpft zwischen seinen Beinen hervor. Eine Frau in
prächtigem rosa Kleid mit rotblondem Haar gesellt sich später dazu. Und
alle verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen sich: Erinnerungen,
Erinnerungen – nur an was? Wir werden’s bis
zum Ende des zwar nur 2½ Stunden messenden, aber unendlich viel
länger gefühlten Abends begreifen.
Vermutlich hat Daniel Mesguich, ein in
Frankreich beliebter Schauspieler und gelegentlicher Opernregisseur, ja
selber nicht gewusst, was er uns zeigen wollte mit dieser "Dramatischen
Legende", an was er uns erinnern wollte mit seinem
Maschinen-/Zaubertheater samt einigen blassen Video-Einspielungen, wenn
ihm sonst gar nichts mehr einfällt. Ganz hübsch gelingen einzelne Bilder:
Die wie ein Ballett tanzenden Flämmchen zu der berühmten Bühnenmusik oder
die vervielfachten Margarethen, Soldaten, die aus Fausts Bücherwand
heraushängen wie aus einem Weihnachtskalender und einander zuprosten. Ein
möglicherweise selbstironischer Gag die versiebenfachten Margarethen: mal
als Engel, mal als Huren, wenn sie sich die Näschen pudern, spinnen,
lesen, baden oder später in ihren Spinnweben einschlafen. Dazu dirigiert
Marco Guidarini einen Berlioz, dessen
Meisterschaft der Instrumentalfarben zwar immer wieder zumal in den
elegischen Partien hervorblitzt. Aber etwa den ungarischen Marsch bekommt
man exekutiert, als handele es sich um den Schaltplan eines
Eisenbahnstellwerks des 19.Jahrhunderts.
In einem Presseplausch vorweg, betonte Maier, wie schön, wie harmonisch
die Arbeit war. Wieder mal. Ahnen ließ das nichts Gutes. Aufregende
Bühnenarbeit funktioniert selten so. Edle Einfalt und stille Größe des
Klassikers – hier wurde sie Ereignis, auch wenn Berlioz selber ganz
Anderes mit dieser Goethe-Adaptation bezweckte. Aber die enthielt uns der
vom Publikum übrigens schlussendlich gehörig gezauste Regisseur vor. Fast
zu Ende ist die erste Spielzeit von Henri Maier, seine Bilanz
bescheiden. Es gibt ein kleines Plus bei den Besucherzahlen. Aber noch
immer spielt das Haus so wenig wie zu Udo Zimmermanns Zeiten. Und
mit harmlosen Produktionen wie diesen, die so offensichtlich auf einen
vermeintlichen Publikums-Geschmack schielen und ihn dann doch weit
verfehlen, wird man dies Haus auch nicht wieder weiter nach vorn bringen.
Entscheidend ändern dürfte sich daran auch nichts in der kommenden
Spielzeit. Die Durststrecke wird wohl noch etwas dauern.
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Männer-Freundschaften
Wolfgang Engel inszeniert Verdis Don Carlo in der Mailänder Fassung
15.02.2002
Intendant Henri Maier
schwärmt schon von kommenden Zeiten, wenn ab
2005 der künftige Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly zugleich
auch Generalmusikdirektor der Leipziger Oper sein wird. Schon jetzt
spreche man viel miteinander, werde der künftige GMD in planerische
Entscheidungen mit einbezogen. Viel wolle er am Haus präsent sein, zwei
Neuproduktionen pro Jahr selber betreuen. Schon in 2004 werde er am Hause
dirigieren. Am fernen Horizont schimmert denn auch ein möglicher neuer
Ring. Nachdem der gegenwärtig in Dresden entstehende kaum die
Erwartungen erfüllt, eine reale Hoffnung.
Zunächst freilich muss Maier sich um die laufende Saison kümmern, zumal
ums szenische Format der Neuproduktionen. Und da sieht es gar nicht gut
aus. Glatt misslungen die Auftaktproduktion, Les Contes
d’Hoffmann, in der Regie und Ausstattung von Debütantin
Maria-Elena Amos. Umso höher die Erwartungen an die erste Arbeit des
Leipziger Schauspielintendanten Wolfgang Engel. Immer mal wieder
hat er sich auch in der Oper versucht, noch nie aber in Leipzig.
Vorgenommen hatte er sich Verdis Don Carlo. Das Schillersche
Schauspiel hat er früher schon mal in seiner kurzen Frankfurter Zeit
gemacht. Von den sieben Verdischen Fassungen dieses 1867 für die Grand
Opéra komponierten Stücks wählte Engel die spätere "Mailänder Fassung"
(1884). Eine winzige Anleihe aus der ja im vergangenen Herbst in Hamburg
wieder so spektakulär hervorgeholten Pariser, der Kleidertausch-Szene, ist
eingefügt. Warum, meine Frage an Wolfgang Engel, warum diese vieraktige?
Praktisch ist sie ein anderes Stück, sehr viel kompakter, aber zugleich
auch düsterer, depressiver. Und vor allem durch den fehlenden
Fontainebleau-Akt, der die Beziehung der Königin zum Infanten auffächert,
bleibt vieles undurchschaubarer in der Dramaturgie. Worum ging es Engel da
insbesondere?
ENGEL: Schon um das Drängende, Verknappte und Nicht-Wehleidige einer Aufführung,
sage ich mal. Natürlich ist das auch mit der französischen Fassung
möglich. Ich halte den Fontainebleau-Akt als eine nachträgliche Erklärung
für den Zustand der Figuren in den anderen vier Akten. Und das hat mich
nicht so sehr interessiert. Wichtig ist aber, dass in der vieraktigen
Fassung die Romanze des Carlo aus der fünfaktigen Fassung ja drin ist.
Aber dadurch wird die Vorgeschichte absolut klar, sodass man auf die
ganzen Genrebilder des Fontainebleau-Aktes verzichten kann.
In seiner Inszenierung akzentuiert Engel vor allem die Männer- und
Frauen-Freundschaften. Carlo und Rodrigo treten in Kostümen der
Schillerzeit auf. Auch für Elisabeth und Eboli hat Kostümbildnerin
Katja Schröder nach Vorbildern aus der Zeit gegriffen, während Philipp
in einer hellblauen Uniform mit Pelzmantel abgesetzt ist, der
Großinquisitor und seine Schergen als gleichsam Mafiosi vorgeführt werden.
Horst Vogelsangs Bühne ist eine Mischung aus Historie und ironisch
gemeinten Kitschbildern, zumal im Autodafé, wenn links und rechts an der
Tribüne zur Ketzerverbrennung die Marterpfähle mit den Ungläubigen rot
aufglühen und über der Szene schwebende Rauschgoldengel ihr 'Friede-ihrer-Asche'
tirilieren. Bildliche Anleihen sind gemacht auch bei den realen
Örtlichkeiten des Escorial. Etwa bei der Gartenszene der Frauen, die auf
einer Art Freiluftbühne mit dann herunter gelassenem Park-Bühnenprospekt
situiert ist. Oder bei Elisabeths Abschied von Carlo, die wie in Philipps
Schlafzimmer im Escorial mit Blick- und Hörkontakt ins Kircheninnere zu
spielen scheint, angedeutet durch das Zoomen auf einen Schmerzensmann
Christus in Großformat. Schon das erste Bild zeigt gleichsam das
Kirchen-Innere mit dunkelbraunem Chorgestühl, in das die Mönche
einmarschieren und wo Carlo seinen trüben Gedanken nachhängt. Insgesamt
aber ist da zu sehr nur abgebildet, zu wenig "übersetzt". Am
eindrucksvollsten noch die Szene Philipps, in der er seine Einsamkeit
erkennt: in Wirklichkeit habe Elisabeth, die aus Frankreich zur
Polit-Heirat geholte Königin ihm nie angehört. Das Cello, Verdis
Lieblings-Instrument, ist da als den König in seiner Einsamkeit
begleitender Freund mit auf die Bühne gesetzt. Auch Jaakko Ryhänen
als König macht von den Sängern mit seinem großvolumigen Bass die
überzeugendste Figur.
Sehr weit hochgefahren ist der Orchestergraben. Einen präsenteren,
"angriffigeren" Klang wollte Mario Venzago am Pult damit erzeugen.
Und bis auf ganz wenige Stellen, wo der Chor etwas aus dem Ruder läuft,
darf man das Experiment als geglückt bezeichnen. Insgesamt kann die
Aufführung aber kaum fesseln, wirkt doch eher abgestanden, muffig - selbst
wenn man
Peter Konwitschnys den Opernrahmen sprengende Hamburger Arbeit auch
mit einiger Skepsis betrachten kann. Auch die Sänger können nur bedingt
überzeugen. Ein leicht klemmiger Carlos ist der Mexikaner Rafael Rojas,
Andreij Dobber der kumpelhafte Rodrigo. Svetlana Katchour
singt, etwas scharf intonierend und ohne gerundetes Piano, die Elisabeth,
Cornelia Helfricht die unglücklich-intrigante Eboli. Buhs
prasselten nach der Autodafé-Szene. Sie wiederholten sich am Ende fürs
Regie-Team nur sehr abgeschwächt. Insgesamt ist der zweite Teil durch die
raschere Szenenfolge auch etwas dichter. Noch immer bangt man aber, auf
welcher Ebene die Leipziger Oper sich nun einpendeln wird. Bisher erreicht
sie unter dem neuen Intendanten Maier nur selbst an weit weniger
profilierten Bühnen mühelos und mit auch Verdi-Produktionen weit zu
überflügelndes Stadttheater-Niveau.
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Auch Regieführen will gelernt sein
Maria-Elena Amos eröffnet die neue Maier-Intendanz und
scheitert mit Contes d’Hoffmann
19.Okt.2001
Die Barkarole aus dem vierten, dem Giulietta-Akt - ein bisschen hat da der fliegende
Erzählteppich unseres Hoffmann doch schon Fahrt bekommen. Die Damen des
Venezianer Salons sieht man bemalt in greller Dixscher Manier, die
Muse und Giulietta auf einer schrägen Gondel, gekrönt von einem Akkordeon
spielenden Liliputaner. Im Nebensalon begraben die üppigen Damen den Sinn
im Eros suchenden Geschichtenerzähler wie ein einziger Fleischberg unter
sich.
Mit Contes d’Hoffmann hat der aus Montpellier herbei engagierte neue
Leipziger Opern-Intendant Henri Maier seine Spiel- und fünfjährige
Amtszeit eröffnet. Einen rasanten Neuanfang am anderen Ende der Skala
hatte er angestrebt: das ent- bzw. verwöhnte Publikum neu ins Haus zu
locken. Einfach hat er’s nicht gerade nach Udo Zimmermanns bewegten
elf Jahren. Verbessert habe sich die Harmonie zwischen den Intendanten in
Leipzig nach dem Abgang Zimmermanns als gebornem Selbstdarsteller spürbar,
hört man. Die Leiter der diversen Institutionen machen gemeinsame Sache
gegenüber der Stadt bei ihren Forderungen, lassen sich nicht mehr so
leicht ausspielen gegeneinander. So gut wie abgespielt ist das von
Zimmermann hinterlassene Repertoire. So beginnt Maier mit Gängigem wie der
Offenbach-Oper. Romantik und Fantastik lautet sein griffiges, wenn auch
nicht gerade innovatives Motto. Aber, versichert er, nicht nur das
Repertoire des 19.Jahrhunderts rauf und runter will er spielen, sondern
auch der Moderne des 20. und 21.Jahrhunderts sich widmen. Peter Eötvös etwa hat die deutsche
Erstaufführung seiner Oper Angels in America Leipzig als
Koproduktion zugesagt. Philippe Hersant, Messiaen-Schüler, soll
eine Tschechow-Oper schreiben (Der schwarze Mönch). Alle zwei Jahre
soll es einen "composer in residence" geben,
der direkt für die Leipziger Oper was schreibt und dabei den
Theaterbetrieb von innen kennen lernen soll. Auch das Genre Barockoper
will man in dem freilich riesigen Haus wieder pflegen.
Gern hätte man den rasanten Neuanfang sich erhofft von der als Regisseurin
des Eröffnungs-Hoffmann engagierten Maria-Elena Amos. Aber
die zugleich als Bühnen- und Kostümbildnerin fungierende Ehefrau von Achim
Freyer hat sich offenbar doch heillos überfordert. So müde zäh, ledern,
leer, langweilig, dröge hat man selten eine Aufführung dieser einzigen
Offenbach-Oper – oder doch besser dieses großen Schauspiels mit Musik –
erlebt. Als besonders witzig dachte sich die
una-persona-Bühnenmeisterin wohl, aus der Retrospektive das Ganze
als Trauer-Akt anzulegen mit einer Kerzenbeleuchteten Trauergemeinde
hinter schwarzer Gaze zu Beginn. Die Drehbühne ist wie ein Tortenstück
segmentiert in einzelne Schnittchen, wo mal die an ihren Bierkrügen
nagenden Burschenschafter, mal die von der Mutter ferngesteuerte Antonia
ihr Wesen oder Unwesen treiben. Der einzige Akt, wo dieses altmodische
Rumsteh-Theater ein bisschen "funktioniert", ist aus nahe liegenden
Gründen der Olympia-Akt. Olympia ist hier eine rauschgold-engelhafte rosa
Barbie-Puppe mit steifem Rock, bei der der Oberkörper bei jedem Knicken
wie eine Stanzmaschine in den auf Rollen gleitenden Rock federt. Freilich
wie all die Sängerinnen und Sänger ist – aus Spargründen – auch die
Koreanerin Eun Yee You als Olympia eine Debütantin in dieser
Rolle. Ihre Stimme klingt etwas scharf, unflexibel. Immerhin singt sie
doch ihre Koloraturen einigermaßen sauber, was man sonst nicht unbedingt
behaupten kann.
Uneingeschränktes Lob allerdings verdient der Amerikaner Robert Chafin in der Titelpartie. Ein sehr
warmes, biegsames Organ bringt er mit, bis auf ein kurzes Stück im
Giulietta-Akt, wo ihm die Kräfte zu versagen drohen, ist er auch immer von
höchster Präsenz. Auch als Darsteller "glaubt" man ihm das Existenzielle
seiner Suche nach dem "wahren" Leben. Engagiert im Graben auch das
Gewandhausorchester unter dem einen cremig-seidigen Ton anschlagenden
Frédéric Chaslin. Am Ende des mehr als
3½-stündigen Abends viel Beifall für die Sänger, zumal auch für den in
Kompaniestärke angetretenen Chor. Einige Buhs für die Regisseurin, die die
aber spöttisch an sich abperln ließ. Dass Regieführen kein Hobby sondern
ein Beruf ist, überraschte sie wohl zutiefst. Nicht unbedingt das, was man
sich wünscht als geglückten Auftakt einer neuen Ära.
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