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Attacke aus der Steppe

„Tamerlano“ zur Eröffnung der
Göttinger Händel-Festspiele

14.Mai 2010

Ein Tyrann, der sich zur Milde erweichen lässt – auch wenn dafür andere erst mit Selbstmord drohen müssen oder ihn vollziehen. Ganz schön harter Tobak war das, was Händel seinem Publikum zumutete. Und auch heute noch soll’s ja Regionen geben, wo solche Milde Wunder wäre. Es war Händels glücklichste erste Periode als Königlicher Opernunternehmer in London, in der „Tamerlano“ 1724 entstand. Händel konnte und wollte was wagen mit der Oper über jenen Mongolen-Khan Timur aus dem heutigen Usbekistan, der, Alexander den Großen umkehrend, Europa von Asien aus aufrollte. Im 14.Jahrhundert stieß er vor bis nach Kleinasien, warf den Osmanen-Sultan Bajazet vom Thron und wollte sich auch seine Tochter Asteria schnappen als Frau.

Bajazet wird in Händels Oper als der eigentlich zivilisierte geschildert, der sein Reich vor dem Schafhirten aus der asiatischen Steppe mannhaft verteidigt bis in den Freitod. Und auch die Tochter Asteria sinnt stets auf Listen, den Usurpator aus Fernost zu killen. Der hatte sich nämlich schon eine andere Gespielin ausgesucht, eine Byzantinerin aus Trapezunt, die auf den schönen Namen Irene hört, Irene wie Frieden. Händel tat ein Übriges, indem er den Tamerlan besetzte mit einem Kastraten, heute gesungen von einem Altus. Als Sultan – ungewöhnlich für die damalige Zeit – nahm er einen Tenor.

Für die Inszenierung zur Eröffnung der Göttinger Händel-Festspiele hat man eine junge Regisseurin aus Schweden engagiert, Johanna Garpe. Warum, ist nicht recht ersichtlich. Sie arrangiert das dramatische Geschehen ledigliglich in gefrorenen Bildern. Spannung kommt da kaum auf. Zwei aus Lochmasken-Platten montierte Türme symbolisieren in der Ausstattung von Martin Kukulies das Gefängnis, in dem Tamerlan den unterworfenen Osmanen festhält. Auch das Serail wird damit markiert, in das die renitente Asteria gesteckt wird, als Tamerlan nach ihr greift. Dann figuriert da noch eine Büste, mit der der Mongole wohl im skulpturen-begabten Kleinasien sich verewigen will. Die kleine Büste schwillt am Ende zur übermächtigen Cäsaren-Statue an, wenn Tamerlan in Göring-Paradeuniform zur Hochzeit anhebt.

Musikalisch immerhin hat dieser Abend seine Meriten. Nicholas McGegan spielt mit seinem Festspiel-Orchester einen schlackenfreien Händel. Christopher Ainsle ist der stimmlich höchst agile Tamerlan. Den Türken-Konterpart Bajazet, dem am Ende jedes einzelne Barthaar gerupft wird, gibt Thomas Cooley mit kraftvollem Tenor. Kristina Hansson als seine Tochter Asteria kann vor allem in den lyrischen Partien anrühren. Clint van der Linde ist der ihr eigentlich versprochene, aber etwas ungelenke Griechen-Prinz Andronico. Franziska Gottwald singt mit fülligem Mezzo die schnippische Irene, die ständig mit Rollkoffer, Sonnenbrille und lackleder-gesäumtem schwarzen Kostüm herumstöckeln darf.

Szenenbeifall gab es immer wieder zwischendurch für die Sänger. Aber insgesamt wirkte der Abend doch uninspiriert, szenisch ohne jede Ambition. Da sollte man in Göttingen künftig wieder mehr wagen, zumal ein Leitungswechsel ansteht.


Archaisierend

Doris Dörrie inszeniert „Admeto“ bei den Göttinger Händel-Festspielen

26.Mai 2009

Händel allerorten im 2009er-Jubiläumsjahr. In Göttingen freilich bemüht man sich schon seit 1920 um die Wiedererprobung Händelscher Opern. In den letzten Jahren hatte man sich dabei eher kapriziert aufs Musikalische, das Szenische den Festivalmachern seiner Geburtsstadt Halle überlassen. Nun wagt man offenbar einen großen Sprung und hat die Filmregisseurin und Autorin Doris Dörrie eingeladen. Mit ihrem Ausstatter Bernd Lepel inszenierte sie Händels „Admeto“, eine klassische Dreiecksgeschichte mit „Orpheus und Eurydike“-Aspekten. Dörrie versucht es archaisch, zelebriert Händel in japanischen Kostümen, einer ihrer Vorlieben frönend. Und immerhin werden die Handlungslinien bei diesem „Admeto“ doch recht deutlich, nicht einfach bei den meist etwas verworrenen Intrigen-, Entsagungs-, Rache- und Wiederversöhnungs-Opern des Barock.

Gezeigt wird ein König, eben dieser Admeto, zwischen zwei Frauen. Er selber liegt krank auf den Tod. Die eine der beiden Frauen, Antigona, war mal seine Verlobte, hält sich auf der Flucht versteckt bei einem Schäfer im Wald. Die andere, Alceste, seine offizielle Gattin, will ihr Leben für ihn opfern, um das seine zu retten. Und wirklich – quicklebendig springt er von seinem Lager, als sie im Kreis ihrer Hofdamen Harakiri-artig sich den Dolch gibt. Nun soll Herkules, der zwar der Verlobten Antigona schon übel zugesetzt hat durch Plünderung ihrer Heimatstadt Troja, wenigstens diese zweite Frau zurück holen aus dem Hades. Das gelingt ihm auch, aber als auch Antigona bei Admeto im Palast auftaucht, hat der König die Qual der Wahl. Antigona indes verzichtet am Ende, nimmt sich einen anderen, achtet die Ehe des einstigen Verlobten. Und auf der Bühne blicken wir in europäische Schlösser und Gärten.

Wie Statuen führt Dörrie die Figuren. Der König stolziert breitschultrig wie ein japanischer Samurai. Alceste, seine zweite Frau, trippelt im schneeweißen Kimono, Antigona, die verschollene Verlobte, wie eine Geisha. Herkules tapst stampfend wie ein Sumo-Ringer über die Bühne. Sehr liebevoll in schwarzen und weißen Fellen gezeichnet sind die Schäfchen, bei denen Antigona Unterschlupf gefunden hat. Das Lieblingsschaf muss seiner Herrin schon mal als quasi Keuschheits-Gürtel an die Brust springen, um ihre Fast-Blöße zu bedecken. Die Schatten, die zu Beginn ihre Krallen gierig nach dem todkranken König ausstrecken, kraken nach ihm kalkweiß mit bloßem Lendenschurz (Tänzerinnen und Tänzer des „Mamu Dance Theatre“). Als Gespielinnen der Alceste folgen sie der Königin in rituell geduckter Haltung oder klammern sich wie Kletten an Herkules. Das Bühnenbild ist reduziert zu stimmungsvoll ausgeleuchteten gleichsam Bildschirmen.

Musikalisch ist das unter Festspielleiter Nicholas McGegan feinstens ausziseliert. Das aus Spezialisten der alten Musik zusammengestellte Göttinger Festspielorchester bekommt schon zur Pause Extra-Applaus. Ein weich nuancierender Admeto ist der Altus Tim Mead. Fein perlt der Sopran von Kirsten Blaise als Antigona, etwas verschliffen und nicht immer ganz sauber singt Marie Arnet als Alceste ihre Koloraturen. Doris Dörrie versucht im Unterschied zu ihren früheren eher aktualisierend-aktionistischen Inszenierungen offenbar einen neuen Weg mit Wilson‘scher Langsamkeit. Das Publikum freilich applaudierte eher den bewegteren Szenen, feierte mit standing ovations am Ende die Aufführung. Dass diese allerdings für eine DVD-Produktion als gleichsam Muster mitgeschnitten wurde, scheint denn auch etwas viel der Ehre. Und immerhin von dem Hallenser „Admeto“ 2006 unterscheidet er sich doch positiv.



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