hamburg ab 2015

Keine Überforderung

Kent Nagano und Michael Thalheimer
eröffnen die neue Intendanz
mit Berlioz‘ „Les Troyens“

19.09.2015

„Less is more“, verkündet Kent Nagano im Programmheft als Leitmotiv seiner Amtszeit als GMD der Staatsoper Hamburg. Für Hector Berlioz‘ sperrige „Les Troyens“, im Original über fünfeinhalb Stunden Musik, musste das als Eröffnungspremiere auch gelten. Aber nicht er oder der Regisseur Michael Thalheimer sollten dafür verantwortlich zeichnen, sondern ein Komponist der Gegenwart mit Neigung zum Musiktheater und natürlich französischsprachig. Gefunden wurde Pascal Dusapin. Und er hat eine Fassung von etwa dreieinhalbstündiger Spieldauer erarbeitet, die spannend wirkt und plausibel – auch wenn die Figuren immer noch kaum zu echten Dialogen fähig sind. Kassandra etwa verbleibt immer nur in ihrem Leidensmodus. Aber – so weit so gut.

Auch was Nagano als Dirigent an diesem quasi Eröffnungsabend seiner Hamburger Amtszeit leistet, ist bewundernswert – und wurde auch entsprechend vom Publikum gefeiert: ein Orchesterklang, rund, farbenreich, weich und vor allem luftig durchhörbar. Die Sänger haben keine Mühe durchzudringen. Man versteht sogar oft die französischen Worte. Und die Tafel mit der Übertitelung – leider viel zu hoch hängend, um auch noch auf den hinteren Plätzen ohne Kopfverrenkungen etwas zu sehen – benötigt man nicht immer unbedingt. Herausragend unter den Solisten Torsten Kerl als bulliger Enée, Catherine Naglestad als die Arme in Blut badende Cassandre, Elena Zhidkova als in Liebe sich verzehrende Didon und in der aparten Nebenrolle des Hylas Julian Prégardien.

Ein Fast-total-Ausfall allerdings die Regie. Der als szenischer Minimalist bekannte Regisseur Thalheimer lässt quasi szenisches Oratorium spielen. Die Solisten bleiben meist festgewurzelt auf ihren Plätzen nahe an der Rampe. Wenn mal die Andromache der Catrin Striebeck ihre Anfälle von Wut auf die Soldaten-Mannsbilder ausleben darf, ist das schon ein Ereignis. Der Chor marschiert meist im Block durch die wie ein Garagentor sich öffnende Rückwand des wieder sehr simplen Bühnenbilds von Olaf Altmann zu Auftritten nach vorn und dann wieder zurück, mal die Arme reckend zum Anflehen der Götter, mal in sich zusammen knickend. Oder über die Klapptür wird Blut gekippt. Mehr fällt Thalheimer zum Beispiel im ersten Teil des Abends nicht ein. Etwas beweglicher dann der zweite (in Karthago spielende Teil) mit den Akten 3-5 im gleichen Einheitsbühnenbild.

Nach der szenischen Nullnummer während der zehnjährigen Intendanz von Simone Young hatte man sich vom neuen aus zuletzt Basel angeheuerten Intendanten Georges Delnon eigentlich einen beherzten Schritt nach vorn erwartet oder erhofft. Ob er sich von Thalheimer etwas Anderes erwartet hatte, als was der nun vorlegte, oder ob GMD Nagano sich eine dirigentenzentrierte Szenografie wünschte – wir wissen es nicht. Thalheimer bleibt jedenfalls auch mit diesem Opern-„Arrangement“ seiner musiktheater-untauglichen Linie treu. An die Inkunabel aller jüngeren „Trojaner“-Inszenierungen, die von Ruth Berghaus mit Michael Gielen am Pult und im imposanten Schiffs-Bühnenbild von Hans-Dieter Schaal 1983 in Frankfurt, kratzt diese Aufführung jedenfalls nicht im Entferntesten. Und was Hamburg anlangt, hat das erhoffte Anknüpfen an die Glanzzeiten des Hauses unter dem Gespann Metzmacher-Konwitschny oder gar unter Rolf Liebermann erst einmal weiter Pause.

Vielleicht wollte Delnon sein neues Hamburger Publikum ja auch nicht überfordern. Das jedenfalls ist ihm gelungen. Und arte-tv mit seinen Kameras war wieder Mal am falschen Ort.

Foto: © Hans Jörg Michel


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