Kissenschlacht im Mädchenpensionat

Sebastian Hartmann versucht sich mit Vivaldis „Orlando furioso“ in der Oper

Kissenschlacht im PensionatSieben Figuren suchen ihre Rolle. Alle laufen oder rennen sie in Pyjamas durch den Dunst einer fast leeren halbrunden Bühne. Eine Frau, leicht irre, tastet nach ihrem Freund. Ein anderer schneidet die vokalen Äußerungen mit und spielt sie wieder ein. Dann regnet es eine Wolke von Kissen aus dem Bühnenhimmel. Die Figuren kuscheln, vergraben, verstecken sich darin, angeln sich das passende Kostüm aus dem Graben. Das Spiel, wer mit wem, gewinnt langsam Kontur.

Sebastian Hartmann, designierter Intendant am Schauspiel Leipzig, hat Vivaldis „Orlando furioso“ inszeniert. Sein erster Versuch in der Oper: Der rasende Regisseur und der vor Liebesverwirrung rasende Roland. Selber wollte Hartmann am Premierentag sich nicht äußern. Jan Michael Horstmann, der Dirigent der recht frisch aufspielenden Magdeburger Philharmonie, war da weniger zimperlich.

HORSTMANN: Wir haben natürlich unsere eigene Strichfassung gemacht. Wir haben zum Teil neue Übergänge geschaffen, auch Übergänge in die Arien, wir haben die Rezitative unterbrochen durch bestimmte szenische Handlungen, haben zum Teil auch Wiederholungs-Schleifen eingebaut - das war eine sehr angenehme, sehr intensive Zusammenarbeit, wo wir beide aufeinander eingegangen sind und voneinander sehr viel lernen konnten.

Am Ende gab’s dann allerdings für den Regisseur auch laute Buhs. Die Tatsache, dass Vivaldi anfangs in einem Venezianer Findelkinderhaus, einem Ospedale, Dienst tat, nimmt Hartmann etwas allzu wörtlich. Den „Roten Priester“ macht er als rasenden Roland zum Vivaldi-alter-Ego, der unter den Mädchen sich eine Frau sucht. Es ist viel Gewolltes in dieser Aufführung. Die Brüche lähmen mehr als sie erzählen. Ein schöner Erfolg dennoch zumal für die stimmlich langsam Kontur gewinnenden Sänger.


Schlangenbiss

Andreas Kriegenburg versucht sich mit Glucks „Orpheus und Eurydike“ in der Oper

28.Jan. 2006

EintrittsucheEs ist seine erste Arbeit im Musiktheater – und man merkt es. Schon die Wahl der Berlioz-Fassung von Glucks Orpheus und Eurydike, gesungen in Deutsch, ist kein glücklicher Griff. Zumal in der Telemann-Stadt Magdeburg und in einem so aparten Haus. Von Magdeburg stammt Regisseur Andreas Kriegenburg. Das unter dem Intendanten Tobias Wellemeyer zu neuen Ufern strebende „Theater der Landeshauptstadt“ versprach sich von der Einladung an den von der Magdeburger Theatertischlerei über Castorfs Volksbühne und viele andere Stationen nun zum Oberspielleiter am Hamburger Thalia-Theater Aufgestiegenen Einiges.
Die FurienSchon der Beginn ist von eher lähmender Ungeschicklichkeit. In einem fast viertelstündigen stummen Vorspiel lässt Kriegenburg und die für die Choreografie zuständige Zenta Harter von einem Tanzpaar den Tod Eurydikes durch einen Schlangenbiss vorspielen. Der Beginn der Ouvertüre dann wirkt wie ein Schlag ins Gesicht. Immer wieder wird das Tanzpaar parallel geführt zur „theatralischen Handlung“ auf der Bühne. Eine wenig erhellende pure Verdopplung, die immer wieder störend sich dazwischen schiebt. Dabei ist Glucks Musik doch so gestisch.

Ganz schön die Bühne von Harald Thor: schon wie sich öffnet, furiengleich. Was man dann sieht, ist ein verwohnter hoher Raum mit offenen Fenstern links und rechts, durch die die Figuren à la Caspar David Friedrich immer wieder hinaus ins Leere schauen. Rechts ist ein Erdhügel aufgeschüttet wie eine Rampe hoch zum Fenster, der Grabhügel für die Tänzerin-Eurydike. Hinten sieht man zwei hohe Türen, der Weg später in den Hades. Orpheus und AmorAmor, hier eine schnippisch-zynische Dompteuse im langen champagnerweißen Frack mit Stöckchen, animiert den ob seiner Trauer der Flasche und der Nadel sich ergebenden Orpheus die Tür aufzustoßen.
Der ganz in schwarz gekleidete Chor – im ersten Akt die Trauergemeinde herein tröpfelnd mit Stühlen, wobei die Anzüge der Herren von den Damen ständig von Fusseln frei gezupft werden – kommt nun mit leicht rot geränderten Augen und mimt den kollektiven Höllenhund. Nicht ohne Witz die Furien: übergroße weiße Pappmaché-Köpfe mit struppigen schwarzen Struwwelpeter-Haaren und angedeuteten Gewändern aus weißem PlastikTanz der Furien, die vom Bewegungschor ruckartig geführt wie tanzende Flämmchen vor den Augen des Höllenfahrers Orpheus und seines ihn accompagnierenden Tänzer-Doubles schweben.
Nach der Pause (bei diesem Werk eigentlich unnötig) dann das Elysium: der Chor nun als weißgewandete Marionetten mit übergroßen Köpfen. Die tote Eurydike wird von Amor höchst persönlich an den Fäden wieder auf die Beine gestellt. Die Rückkehr der um die Liebe Orpheus’ bangenden Gattin sieht man wieder gedoppelt mit dem Tänzerpaar, teils etwas weniger einfältig. Der nach dem Blickkontakt mit dem Gatten wieder sterbenden Eurydike muss der Bewegungschor umständlich eine Bahre aus einzelnen Stühlen bauen. Auftritt Amor: die zum zweiten Mal Verstorbene muss er wieder aufrichten und Orpheus als nun genug gelitten Habendem seine Eurydike wieder an die Seite zu geben. Mit dem nachkomponierten Terzett endet das Ganze undefiniert-vage „happy“.

WiederbelebungMit Ulrike Mayer als Orpheus hat man immerhin eine sehr weich und ohne Vibrato intonierende auch recht koloraturenfeste Sängerin, etwas blass die Eurydike von Ute Bachmaier. Kalt der Amor von Evmorfia Metaxaki. In Allerwelts-Gesten erschöpft sich das Tänzerpaar Paul und Julia Zeplichal. Aus dem Graben hört man unter Alexander Steinitz viele falsche Noten. Des Öfteren scheint die Aufführung fast zu kippen. Aber auch szenisch rotiert sie ja oft im Leerlauf. Vom Publikum wird sie dennoch am Ende mit fast frenetischem Beifall gefeiert. Lokalpatriotismus oder Ignoranz?Zurück
Unsensibler hat man die Geschichte von der Gattenliebe jedenfalls kaum gesehen. Und von den neuen Ufern, die der Komponist Christoph Willibald Gluck, sein Textdichter Ranieri de’ Calzabigi und sein Tanzmeister Gasparo Angiolini am Wiener Hof und gegen dessen eingefahrenen Geschmack, zustrebten, ist man hier auch meilenweit entfernt. Diese Musik ohne sehr spezifische auch historische Kenntnisse, Bewegungserfahrungen und Musikalität angemessen auf die Bühne bringen zu wollen, ist reichlich vermessen. Und die Trennung von Regie und Choreografie hier geradezu ein Unding. Aber das hat wohl mehr die Opernleitung zu verantworten als der Regisseur.

Schade – über eine modische Attitüde ist man in Magdeburg bisher nicht hinausgekommen.

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