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Utopia und das OrchesterDas Kunstfest Weimar erträumt Ideale23.August 2009Blau ist der „Kunstsenf“, den Studenten der Kunsthochschule zum diesjährigen Weimarer Kunstfest kreiert haben: passend zum Thema „Ideale“. Die würzige Thüringer Spezialität Bratwurst kann man als obligatorischen Pausensnack natürlich auch ohne den blauen Mostrich geniessen. Tuben dieses blauen Wunders stehen gleichwohl überall an den Verkaufsständen des Kunstfests bereit. Und Studenten haben auch zeitweilig die Weimarer Denkmalheiligen Goethe, Schiller, Herder, Wieland verfremdet. Überall lugt jetzt statt ihrer oder mit ihnen ein Liszt-Kopf aufs kunstpilgernde Publikum. „Pèlerinages“, Pilgerreisen, nennt Intendantin Nike Wagner ihr Kunstfest. Und ihr Ur-Ur-Grossvater Franz Liszt darf dazu jeweils das Motto liefern. „Ideale“ heisst das diesjährige. Die vom Meister so titulierte Sinfonische Dichtung war gleich im Eröffnungskonzert des MDR Sinfonie-Orchesters zu hören, im Unterschied zu Schillers skeptischem Gedicht eine apotheotische Beschwörung. In ihrer alljährlichen Rede zur Eröffnung hielt Nike Wagner es indes eher mit einem Aphorismus von Karl Kraus, dass an einem Ideal „nichts erreichbar“ sein solle „als ein Martyrium“. Bild gewordene Ideale hat in der kleinen ACC-Galerie am Burgplatz Frank Motz zusammen gestellt. Von Fernando Calveria zeigt er aus Schwemmholz gezimmerte Serviceleitern, wie afrikanische Boatpeople sie sich herstellten, um ihr Traumziel Europa zu entern; sechs Meter hoch lehnen die Leitern an der Hauswand und laden ein ins labyrinthische Innere. Gleich am Eingang begrüsst einen dort Michelangelo Pistolettos Venus, die in einem Haufen von Lumpen wühlt. Guy Ben-Ner hat in einem filmischen Selbstporträt sich eine Robinson-Insel in die Küche gebastelt. Ho-Yeol Ryu zeigt einen Vogelschwarm startender Ferienflieger, um deren Absturz man ernstlich fürchten muss. Sebastian Brandt baut eine Waldrandidylle mit Reh, Fuchs, Eichhörnchen, Hase und Marder. Cornel Wachter stellt unter dem Motto „Meine ideale Welt – zimmere ich mir selbst“ eine Art Klohäuschen mit Spitzweg-Schirmen in den Raum. Und erinnert wird an einen sächsischen Abenteurer, der im 18.Jahrhundert zu den Chirokee-Indianern floh, um bei ihnen ein „Königreich Paradies“ zu gründen. Ein musikalisches „Utopia“ fürs Fest hat Thomas Kessler ersonnen. Die grandiose Uraufführung mit der Weimarer Staatskapelle leitete Heinz Holliger. Man ist dazu in die Viehauktionshalle gegangen, einen scheunenartigen Bau mit hohem Wellblech-gedeckten Spitzdach, in dem zuletzt das Tanzprojekt und zu DDR-Zeiten der Konsum untergebracht waren. Die Immobilie liegt gleich hinter dem Bahnhof auf halber Höhe zum Ettersberg, der düstersten Stätte Weimars mit dem ehemaligen KZ Buchenwald. Das Rattern vorbei rauschender Züge stört gelegentlich die sonst für Konzerte erwartete Ruhe. Aber man hatte hier Platz für das räumliche Konzept Kesslers. Das Hauptorchester ist zwar wie gewohnt auf dem Podium an der Stirnseite des Saals postiert, davor aber rechts und links und an der Rückseite der Halle je zwei kleinere Gruppen von Musikern, geordnet nach Klanggruppen, Holz, Blech, Streicher, Schlagzeug-Keyboards. Für die rückwärtige Musikergruppe war mit dem jungen Christian Schumann ein zweiter Dirigent von Nöten. Jeder der insgesamt 70 Musiker ist zugleich angeschlossen an einen Computer. Über die Software wird der Klang elektronisch verändert. 56 verschiedene Einstellungen sind programmiert. Die Musiker rufen die Programm-Schritte nach den Markierungen in ihren Noten selber ab. Sie selbst haben in begrenztem Umfang auch Einfluss auf die Dynamik. Abgeschafft ist der von Stockhausen einst inthronisierte Klangregisseur an einem zentralen Mischpult. Als Anbruch der totalen „Demokratie“ in der Elektronik, wie vorab verkündet, darf man das freilich nicht werten. Die jeweiligen Klangveränderungen legt der Komponist fest, und auch wann Änderungen erfolgen. Die erzeugte klangliche Vielfalt des halbstündigen Werks ist stupend vom schnarrenden Grummeln zu Beginn über ins Schrille mutierte Violinen, rauschende Bässe, aufreizende Bläsermixturen und flirrende bis zwitschernde Klangwischer; sie spricht für dies sehr viel differenziertere Verfahren klanglicher Veränderungen im traditionellen Orchester. Der Aufwand freilich ist immens. Siebzig Laptops samt Verstärkertechnik hat nicht jedes Orchester in der Instrumentenkammer. Die Sponsoren-Kette von der Pro Helvetia, über die Siemens-, die UBS-Kulturstiftung bis zur Berliner MaerzMusik ist beachtlich. Und der Erfolg beim Publikum war schlicht überwältigend. Eingebettet war dies Stück in delikate Orchester-Transkriptionen des als Meister der Klavier-Transkription bekannten Franz Liszt. Zahlreiche Bonbons hält das Programm noch bereit für das sehr gemischte, vor allem jugendliche Publikum. Als Motto für 2010 ist geplant „Irrlichter“, bis dann 2011 das Liszt-Jahr anhebt. Doch vieles ist unsicher, finanziell, auch wegen der baldigen Wahlen im Land. Ein Gutteil ihrer Zeit verbringt die Intendantin schon jetzt mit dem Einwerben von Sponsorengeldern. Fix und foxi„Kloing“-Uraufführung beim vierten Kunstfest Weimar27.08.08Soll man es als ein Omen nehmen? „Unstern!“, mit Ausrufungszeichen, ist das Motto des diesjährigen Kunstfests von Nike Wagner in Weimar. Wie immer ist das Motto entlehnt einem Musikstück Franz Liszts, ihres Ururgrossvaters und einstigen Weimarer Weltbürgers. Nach Liszts Klavierzyklus „Années de pèlerinage“ hat sie auch ihr Musikfest genannt. Wander- und Pilgerfahrten sollen die Programme sein. „Souvenir“, „Schlaflos“, „Liebesträume“ waren frühere Motti, und beim Programmmusiker Liszt gibt es ja davon reichlich. Der grossen Linie ordnet Nike Wagner jeweils mehr oder weniger zwanglos alles unter. So durfte Heinz Holliger eine orchestrale Fassung von Liszts spätem Klavierstück „Unstern!“ anfertigen, die in einem Konzert mit der diesjährigen „artist in residence“, der Bratscherin Tabea Zimmermann, erklingt. Der spätmittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen „ordo virtutum“, sehr frei übersetzt hier mit „Spiel der Kräfte“, wird im Programm gedacht. In einer Ausstellung „Unstern.Sinistre.Disastro“ werden Katastrophen-Visionen zeitgenössischer Künstler präsentiert. Das traditionell dem Gedächtnis an das ehemalige KZ Buchenwald gewidmete Eröffnungskonzert erinnerte mit Lothar Zagrosek als kompetentem Dirigenten an Hanns Eislers 1935 begonnene „Deutsche Sinfonie“, die die freilich sehr menschengemachte deutsche Katastrophe beschwört. Das zentrale Auftragswerk war der jungen österreichischen Komponistin Olga Neuwirth anvertraut. Erstmals hat sie sich mit der ihr fremden Musik-„Maschine“ Klavier befasst, und in einer Weise, dass eine Art Hybrid-Reproduktions-Klavier entsteht. „Kloing!...“ nennt sie das Stück. Dabei benutzt sie Walzen eines mechanischen Welte-Mignon-Klaviers und kombiniert sie mit der modernen (mit MIDI-face) computerisierten Variante von Bösendorfer namens „Zeus“. Einspielungen von Arthur Nikisch mit einem Walzer aus Delibes „Coppélia“-Walzer und von Ferruccio Busoni mit Liszts „La Campanella“-Etude werden so überlagert mit in Tonfolgen „gemappten“ Daten aus der italienischen Erdbebenwarte Grotta Gigante in Triest. Die hier ausgewählten Daten stammen von dem Tsunami vor Sumatra 2004. Drei Ebenen werden von Neuwirth überlagert. In einem Video sieht man das originale Welte-Mignon-Klavier des Hotels Waldhaus in Sils-Maria übergeblendet in das live gespielte Playerpiano. Davor sitzt ein Pianist, Marino Formenti, der gleichsam in die Austastlücken der von der Maschine gedrückten Tasten hinein seine Kabinettstückchen virtuoser Klavierkunst zu platzieren versucht. Die „Unfälle“ sind programmiert. Da die Oktaven der Mittellage des Playerpiano um einige Cent verstimmt sind, ergibt sich eine zusätzliche Manipulierung des Klangs. Anfangs beansprucht der Computer nur bestimmte enge Regionen des Klaviers, mal oben, mal unten. Aber die Tonlandschaft weitet sich aus, wird immer dichter bis hin zu einem totalen Gewoge der Tastatur, den seismischen Daten wohl vom Ausbruch des Tsunami. Die Überhöhung, darin ein Menetekel vom Sieg der Maschine oder der Natur über den Menschen zu sehen, taugt aber nur bedingt. Neuwirth und ihre Medienpartner Lillevan Pobjoy und Peter Plessas mischen neben historischen Filmdokumenten berühmter Pianisten auch „Tom&Jerry“-Trickfilm-Schnipsel ein. So entsteht eher eine moderne Version der musikalischen Gerard-Hoffnung-DonQuijoterien, auch wenn der Live-Pianist am Ende sozusagen „fix und foxi“ kapitulieren muss. Lautmalerisch „kloing“ geht er gleichsam zu Boden – eine Anspielung auf den Troubadour in den „Asterix und Obelix“-Comics, wenn der die Saiten anschlägt und dabei eher verzerrte Töne produziert. Im kommenden Jahr darf dann ja unter dem Motto „Die Ideale“ wieder nach den Sternen gegriffen werden. Es wäre dann das fünfte und letzte Kunstfest von Nike Wagner in Weimar, sofern die Sterne sich nicht anders „konstellieren“. Pappmaché trifft LaserlichtDie unendliche Geschichte als Oper von Siegfried Matthus -
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