hellerau

Modenschau auf der Pirate Bay

„The Returns“ – das neue Stück der William Forsythe Company in Hellerau testet die Grenzen von Kunst & Kommerz

24.Juni 2009

Modenschau in der Pirate Bay. Was ist Kunst, was Kommerz? Ist Kunst nicht auch Kommerz, abhängig vom Geld? Was ist originär, was geklaut? Der Nebenraum im Festspielhaus Hellerau ist mit wasserblauem Filz ausgelegt. Links ein Tisch mit Tennisbällen, Schuhen, Stiefeln, Perücken, Skalps, Lederzeug. Im Raum verteilt, an den Wänden angepinnt oder auf Mikrofon-Ständer geklammert: Plakatdrucke mit als Piraten verkleideten Tänzern oder Spielkarten mit aufmontierten Tänzer-Köpfen, Spiegel. Hinten in dem niedrigen Raum surrt ein Nadeldrucker, der immer mal wieder Sinnsprüche in Englisch ausspuckt wie – zu Deutsch: „Bin tot, bevor meine Geschichte beginnt, die niemals erscheint.“

Eine kleine Tänzerin, drapiert wie eine Eskimofrau mit dick aufgeklebten roten Plastikstreifen über den Lippen erscheint, murmelt englische Reimworte auf „art“ (Kunst), bastelt daraus Nonsens-Sätze. Etwa „art is a part of art department“, Kunst ist Teil einer Kunst-Abteilung. Andere Figuren tauchen auf wie eine Tänzerin im bräunlichen Kostüm mit aufgeklebtem Pferde-Kiefer. Nach kleinen Tanzübungen verdrückt sie sich hinten an die Wand, den Kopf unter einem Plakat-Porträt versteckend. Oder ein Tänzer in einem Frauenschleier, der immer mehr zum Piraten-Outfit mutiert, murmelt ins Mikrofon Wortfetzen, die über eine Elektronik verzerrt werden, während er sich Tennisbälle als Ohrenclips anheftet.

Die Kostümierung der auftretenden Tänzer wird immer exotischer mit ihrer Mischung aus Walle- und Schnur-Bärten, T-Shirts als Lendenschurzen, Stulpenstiefeln, Piratenhüten, sich auftürmenden Turbanen als Kopfbedeckung, Tennisbällen als Backenerweiterung. Bis im dahinter liegenden halbdunklen großen Raum auch noch ein geklontes Piraten-„Sacre“ anhebt und dann alles endet wie auf einem endlosen Catwalk, die Tänzerinnen und Tänzer in wechselnden Kostümierungen die Variierbarkeit von Stoffen und Accessoires vorführen. Sogar Anspielungen auf die Piraten vor Somalia leistet man sich mit einem Moses-ähnlichen Koran-Gelehrten. Und das zu einer ohrenbetäubenden Stampfmusik, unterlegt vom Ping-Pong-Geräusch, das zwei Tennisspieler mit der von der Eskimo-Frau zur als Tennis-Netz zwischen beiden mit ausgebreiteten Armen stehenden „Yoko O-No“ erzeugten. Und ganz zum Schluss darf dann noch eine Tänzerin im Glitzerfummel à la Marilyn Monroe zum Kennedy-Geburtstag eine Schnulze säuseln.

Gut eine Stunde währt dieses „The Returns“, die Erwiderungen, Rückgaben (im sportlichen Sinn) oder auch Wiederkehr (Plural), Wiedergänger genannte Programm der Forsythe Company, bei dem der Meister an Bühnenbild und Kostümen selbst mitwirkte, die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder kleine virtuose Kabinettstückchen einstreuen. Sehr leicht, locker, wie improvisiert kommt das daher; durchleuchtet mit zuckenden Flashs und einem ironischen Lächeln die heutigen Diskussionen um Urheberrecht und Piraterie vor dem Hintergrund eines von Marcel Duchamp und Andy Warhol umgedeuteten Kunstbegriffs des 20.Jahrhunderts. Eine vergnügliche Bild-Ton-Collage ist das. Poppig, laut, bunt. Kunst und Kommerz: Die Grenze gibt es hier eher nicht. Und dass diese Show sehr unterhaltsam ist, werden ihre Macher nicht als Vorwurf sondern als Kompliment empfinden. Andere vielleicht doch.


Verkehrte Welt

Derevo zeigt in Hellerau „DiaGnose – Evangelium nach Anton“

26.Dez. 2008

Alles wird hier theatralisiert. Sogar die Aufforderung, die Handys abzuschalten und keine Videoaufnahmen zu machen, läuft als akustische Endlosschleife wie eine zum Stück gehörende Szene vom Recorder. „Derevo“ ist eine Truppe, die von der Pantomime, vom Tanz, vom absurden Theater kommt, im Straßentheater sich zuhause fühlt. Dort muss der Darsteller um Aufmerksamkeit buhlen. Der gestische Ausdruck ist übersteigert. Wie am Fließband wechseln die szenischen Einfälle. Entwickelt sind die Stücke aus Improvisationen. „Derevo“ heißt Baum. Seit zwölf Jahren hat die kleine Truppe in Dresden Wurzeln geschlagen, gastiert mit ihren Stücken im europäischen Ausland und bis nach Übersee. „DiaGnose – Evangelium nach Anton“ heißt das neue Stück. Nach der Uraufführung bei einer Russland-Tournee zeigen sie es nun in Hellerau.

„DiaGnose“ ist eine Art Innen- und Rückschau, eingeleitet mit einer Geburt. Zwischen zwei die Bühne füllenden Riesen-Schenkeln schlüpft ein Baby. Ganz zu Anfang freilich sieht man einen Mann im weißen Anzug und mit roten Wundmalen am Rücken. Er windet, krümmt sich am Boden: Anton Adassinsky, der künstlerische Leiter und Hauptdarsteller der Truppe. „DiaGnose“ wird gespielt von zwei fast spiegelgleichen Männern und zwei Kindfrauen, alle glatzköpfig. Anton und ein weibliches Double sieht man etwa in Chirurgenkitteln mit schwarz-rot-goldenen Hockeyschlägern über die steilen Stufen des Zuschauerraums herabsteigen. An einer Theke lassen sie sich nieder. Anton ringt mit seinem Alter Ego. Die beiden Mädels in Rotkreuz-Schwestern-Tracht hopsen in den Beinen einer Mega-Hose durch die Szene. Eine kindliche Sonne rollt heran, ein russischer Bär tapst über die Bühne. Eine Wespe piekt einen wie einen chinesischen Jongleur tänzelnden Mann. Ein roter Fisch auf Rädern wird durch die Szene gefahren und der wieder in Chirurgendress aufkreuzende Hauptdarsteller tanzt mit einer der Rotkreuz-Schwestern Charleston. Dann im gestrengen schwarzen Anzug findet er endlich sein Gegenüber und will mit ihm einen gemeinsamen Weg erkunden.

Immer wieder freilich türmen sich Hindernisse auf. Einige Bild-Assoziationen kehren wieder. Die Wespe, die Kneipe, der Arzt, der mit dem Beil sein Alter Ego ermorden will. Schüsse fallen. Zerstörerisches Chaos breitet sich aus. Dann Trockeneis-Bodennebel. Eine Frau im engen schwarzen Mantel taucht auf, schaut sich um, versucht mit Schaufel und Kehrwisch den Dreck weg zu räumen. Am Ende sieht man Anton erst sein Konterfei als grünlichen Halbmond hereinschieben. Dann wieder wie zu Beginn geht er im weißen Anzug mit verkleinerten Abbildern von Mond und Sonne die Fluchtlinie der Bühne entlang. Der grünliche Mond trägt dabei seine Züge, die gelbliche Sonne die der Kindfrau. Ein Bild von Einsamkeit, Sehnsucht, verkehrter Welt.

Richtig ausbalanciert scheint das neue Stück noch nicht. Man entdeckt Längen, doppelte Schlüsse, allzu viel Slapstick. Der technische Aufwand ist immens für ein Theater der freien Szene. Vielleicht aber resultiert der Eindruck des Unfertigen auch daraus, dass Adassinsky, wie er zu Protokoll gibt, hier ein Thema zum ersten Mal im eigenen Ich und nicht wie sonst außerhalb gesucht hat. Gleichwohl hat die Truppe in Dresden mittlerweile ein treues Stammpublikum. Es feierte Adassinsky und seine drei Mitstreiter Elena Yarovaya, Tanya Luzay und Maxim Didenko begeistert. Und technisch ist diese Truppe, wenn auch mit unterschiedlich starker Ausstrahlung, in ihrer Art perfekt.


Yes We Can’t

Eine Uraufführung von William Forsythe & Company

05. März 2008

Ein bohrend brummendes Dreiton-Motiv erfüllt den Raum. Bis ein Tänzer mit rotem Hemd und blauer Hose aus den Kolonnaden hinten stürmt mit gellendem Schrei. In dem Raum sieht man nur drei unterschiedlich hohe Mikrofonständer auf dem riesigen, schwarzen Tanzteppich und einen kleinen weißen Flicken. Wie ein computeranimiertes Bild bewegt sich der Tänzer mit so fließendem wie gezacktem Figurieren der Arme, Beine, Hände, des Kopfs, des Rumpfs. Ein zweiter, ein dritter – bis zu sechs Tänzerinnen und Tänzer in bunten Kombinationen kommen hinzu, bewegen sich auf ähnliche Art in rasantem Tempo und mit stupender Virtuosität. Sie kämpfen um die Mikrofone, gruppieren sich zu Duos, Trios. Die Glieder verknoten, lösen sich. Eine Frau mit abgeknickten Beinen und Füßen wie eine Zwergin erkämpft sich ihren Platz an der Flüstertüte.

„Yes, we can’t“– „Ja, wir können nicht“, das ist auch der ironische Titel dieser 70minütigen Uraufführung im Festspielhaus von Dresden-Hellerau, diesem drei Stockwerk hohen, kirchenartigen Hallenraum, wo die Forsythe-Truppe teil-residiert. „Eine Arbeit von William Forsythe und den Tänzern der Forsythe Company“ nennt sich der Abend im Untertitel. Viel wird hier mit raschen, abrupten Lichtwechseln gearbeitet in schnell wechselnden Gruppierungen. Einzelne Grundmotive ziehen sich durch. Zum Beispiel: dass zwei Tänzer sich immer mal wieder wie Fußballer abklatschen. Oder es will mal auch ein dritter mit dazwischen und abgewatscht werden. Oder: Einzelne machen stumme Bewegungen, die etwas Chaplineskes bekommen. Oder es bilden sich Paare, die sich ineinander hängen und dann sowas wie schrägen Tango vollführen. Oder einer der Männer tanzt, mit einem Mikrofon-Ständer auf den Füßen balancierend, eine Groteske. Oder eine Gruppe verkriecht sich in den kleinen weißen Teppich, der zugleich wie ein Fenster in der schwarzen Fläche wirkt, und sie bauen sich ein Schneckenhaus.

Ein weiter wiederkehrendes und ständig variiertes Motiv sind aus einem imaginären Zusammenhang gerissene Sätze, wie Party-Gewäsch. Sie werden in die Mikrofone gesprochen, geschrien, gelallt, gekreischt. Manchmal werden sie verdichtet zu gleichsam Hintergrund-Geräuschen. Oder es werden Wortspiele mit Buchstaben-Vertauschen durchexerziert, Obszönitäten inklusive. Aber alles in größter Leichtigkeit. Die Perfektion, mit der das abläuft, ist höchst beeindruckend. Und nichts deutet darauf hin, dass die Premiere am seidenen Faden hing. Noch eine Stunde vor Beginn musste überlegt werden, ob man den Abend nicht absagt. Ein Haupttänzer hatte sich verletzt, aber man schaffte es, in kürzester Zeit umzudisponieren. Am Ende gab es viel Beifall für die 14 Tänzerinnen und Tänzer und den Choreografen William Forsythe von der Zuschauer-Tribüne in Dresden. Allzu häufig kam es bisher ja nicht vor, dass neue Kreationen zuerst in Hellerau gezeigt werden. Noch dazu eine, bei der auch viel getanzt und nicht nur Tanz imaginiert oder konzipiert wird.


Hellerau ist wieder erstanden

07.Sept. 2006

HellerauVielleicht kommt es dort am Dresdner "Grünen Hügel" nun ja zu einem dritten Leben nach WK-I-Vorkriegsblüte und Sowjetbelagerung. Am 7.September wurde der oberlichtdurchflutete Raum zunächst von Politikern durchtränkt, die sich gegenseitig heftig auf die Schultern klopften. Auch etwas Musik durfte erklingen vom greisen Mauricio Kagel.
Am Tag darauf zeigte die Forsythe-Company ihr im Vorjahr in Zürich herausgebrachtes Human Writes. Wie in einem riesigen Zeichensaal sind 40 Tische aufgereiht, und jeder ist Unterlage und Werkzeug für Männer und Frauen, die nur niederschreiben wollen, was die Menschen jenseits aller Grenzen vereint. Mit Kohlestiften soll dies geschehen, die Hände dürfen nur eingeschränkt benutzt werden, Widerstände sind eingeplant. Die Zuschauer lassen sich gern zum Mitmachen bitten. Tanzen müssen sie nicht.
Die Stifte werden zwischen Gliedmaßen gequetscht, zerbröselt, aufgeschlagen. Die Anspannung verfliegt. Man rangelt sich um Stifte und Malflächen, Tische schweben durch die Luft. Dreck gehört dazu. Nach einer Stunde knirscht der Boden bei jedem Schritt. Manchmal kann man sogar erkennen, was geschrieben wird: „Verbot der Folter“ etwa oder „Recht auf Bildung“. Viel wird diskutiert. Forsythe und sein Mitstreiter, der amerikanische Rechtsprofessor Kendall Thomas, sind es zufrieden. Sie lassen die Zuschauer erfahren, dass die „Human Writes“ es wert sind, zumindest niedergeschrieben zu werden.


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