Löchrige LebenshilfeDie Gruppe NOVOFLOT verhaut sich am Weihnachtsoratorium16.Dez. 2009
Der nächste Raum bei dieser Kalvarienberg-Suche nach dem Jesuskind führt in ein düsteres Beduinenzelt, wo zwei Kinder, denen wir noch öfters unliebsam begegnen werden, den Evangelien-Text der Rezitative radebrechen und Schachteln umschichten. Dann ein Raum, vielleicht der witzigste, gebaut wie das Triangel-Logo einer bekannten Bank mit Damen und Herren Sängern und Instrumentalisten hinter den breiten Tresen, die Gott preisen für ihre dicken Schecks, wobei die Musik immer löchriger wird. Schließlich steigen wir wieder hinab. In einem großen Dunkelraum wird die berühmte Echo-Arie gegeben. Allerdings gemixt mit dem Redeschwall einer schauspielernden jungen Frau, die als wandernder Geist mit Stirnleuchte apokalyptische Texte rezitiert – gnädig überdeckt dann von eindringenden chorisch-instrumentalen himmlischen Heerscharen, die die Suada von Peinlichkeiten schlucken („…wir suchten Gott, aber übersahen das Röcheln…“). Wir haben die ersten zwei Stunden dieser un-weihnachtlichen Session mit szenisch ummantelten Fragmenten aus dem Bachschen Oratorium, den nachweihnachtlichen Kantaten, überstanden. Es gibt Suppe, Schmalzstullen und Getränke. Einige Leute machen sich - berechtigterweise - auf den Heimweg. Dann wird man in den großen Saal gebeten. Chor, Kinderchor, Solisten und Orchester erwarten schon bunt geschmückt die Besucher. Und es geht dann auch in etwa so los, wie man das Weihnachtsoratorium kennt. Freilich haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Bei der Alt-Arie „Bereite dich Zion“, mit pathetischem Vibrato gesungen und geschauspielert, betätigt sich einer der zuvor schachspielenden Jungs als taumelnder Radschläger, desgleichen bei der Bass-Arie „Großer Herr“ der andere Knabe. Die zarte Hirtenmusik der zweiten Kantate wird überschrien von der Schauspielerin mit Traktaten über Architektur, die man nicht mal akustisch versteht. Das Ensemble löst sich fast auf, verschiebt sich zur Seite. Der Kinderchor begrüßt den Abmarsch der Hirten nach Bethlehem mit zerplatzenden Luftballons. Das musikalische wie szenische Unvermögen steigert sich, wenn Kulissenteile zu einer Art Gletscher-Schräge montiert werden und die Schauspielerin sich daran abmühen muss. Tja-ja, fast vergessen, die Umwelt. Schließlich – nach mehr als vier Stunden quälendem Hangeln durch Brocken des Weihnachtsoratoriums sind die vier Bauer-Brüder mit Jazz dran. Es gibt Freibier für alle, wobei das Haus spart: der Saal hat sich stark gelichtet. Lebenshilfe, eine Suche nach „Momenten, in denen Glaube, Liebe Hoffnung möglich wird“ ward versprochen von der Gruppe NOVOFLOT und ihrem Regisseur Sven Holm. Es scheint, die Gruppe braucht selber Hilfe – dringend, und zwar an künstlerischer Sensibilität. Und die dies finanzierende Kultur-Stiftung des Bundes sollte vielleicht etwas wählerischer sein. Immerhin gibt sich Vicente Larrañaga am Pult mit manchmal allerdings zu flotten Tempi Mühe um ein wenigstens mittelmäßiges musikalisches Niveau. Die Sänger helfen ihm dabei leider fast nicht. Frauen am Rande der Verzweiflung„Waiting Room“ - eine Produktion der Akademie für Alte Musik mit dem Theater der Europakulturstadt Luxembourg16. Dez. 2006Die Idee klingt ja schick, wenn auch nicht umwerfend neu: Die alten
Mythen immer wieder zu befragen auf ihren realen Kern. Etwa die
Geschichte der Lucretia, die von einem römischen Wüstling vergewaltigt
wurde. Und nun ringt sie mit dem Gedanken an Selbstmord.
Oder die Geschichte der Clori. Ihr hat der Tod einfach den Geliebten
geraubt. Nun überlegt sie, ob sie ihren Tirsi im Hades suchen und mit
ihm in den Elysischen Gefilden das nachholen soll, was ihr im Leben
versagt geblieben ist.
Schließlich Armida. Sie hat lange ihren Geliebten vor Verfolgern
versteckt. Nun ist der auf und davon, hat sie verlassen. Was soll sie
tun? Sich an ihm rächen? Kultur-Umwälzanlage"Radialsystem V" - Ein neues Kunstzentrum für Berlin23.08.2006Der Name ist so historisch wie das Gebäude. Mit „Radialsystem“ bezeichnete man einst ein Umwälzverfahren in der Klärtechnik. Nun soll in dem Gebäudekomplex in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs der Kunstbetrieb umgewälzt werden. Am 9.September beginnt's mit einer Bespielung im ganzen Haus. SPANGENBERG: Es ist alles ganz einfach. Sie gehen durch die Stadt und sehen alte Gebäude. Und die sind aber so stumm, dass man sich fragt: was wollen die Gebäude sprechen? Gibt’s einen Text, den man ihnen entlocken kann?So der Architekt Gerhard Spangenberg, der den Komplex entdeckt und
entwickelt hat. SANDIG: Die große Frustration, die sich bei mir aufgebaut hat im Subventionsbetrieb, wo immer wieder gesagt wird: das geht nicht und das geht nicht. Man kann da keine Ausstellung machen, weil da fallen Leute drüber, man kann doch nicht 30 Tage das Haus aufmachen und nicht ankündigen, was da passiert. Man muss es ankündigen, damit die Presse entsprechend vorbereitet ist. - Das muss man doch nicht so. Man kann doch heute ’ne Idee haben, die man morgen umsetzt. So arbeitet doch auch die Wirtschaft.Den historischen Gebäudekern hat Architekt Spangenberg ergänzt um einen
funktionalen Bügelbau. Das variable Raumkonzept bietet Platz für zwei
Hallen in der ehemaligen Maschinenhalle mit 600 qm und im ehemaligen
Kesselhaus mit 400 qm. UHDE: Was wir hier machen wollen, hat zunächst nicht mit reinem Tanztheater zu tun. Wir wollen nicht ein Haus sein, wo es nur Tanz, nur klassische Musik oder nur Popkonzerte gibt, sondern wo diese ganzen Dinge möglich sind. Das Prinzip heißt Offenheit statt Abgrenzung, ist das Gegenteil von einem Spartenhaus und schon gar kein Theater.
UHDE: Ich kann Ihnen versichern, dass wir natürlich Bauchschmerzen haben. Das ist ein gewaltiges Projekt. Wir denken auch manchmal selber, wir sind vielleicht verrückt. Aber wir wollen es unbedingt machen und wir sind überzeugt davon, dass dieses Modell funktionieren kann. So mal nebenbei, 10’ am Tag, kann man das nicht betreiben. Und wir haben auch nicht bloß eine schlaflose Nacht bis jetzt gehabt. Aber wir sind total glücklich, dass es jetzt endlich los geht.
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