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Die Bassariden (The Bassarids)

Distanziert

Henzes „Bassariden“ mit Vladimir Jurowski und Barrie Kosky zum Spielzeit-Auftakt 2019/20

13. Okt. 2019

Gut getimt war das schon, sich jetzt mal wieder Hans Werner Henzes Oper „Bassariden“ vorzunehmen. Es geht da um das Gegeneinander von Vernunft und Lust, Gesetzestreue und Entgrenzung, Begierde. Für beide Prinzipien stehen hier zwei Führungsfiguren: Pentheus, der König von Theben, und Dionysos, der Sohn des Zeus und der Semele, der als geheimer Verführer das Volk von Theben aufrührerisch machen will gegen seinen Vernunft-und-Gesetze-predigenden König. Aber eigentlich will er vor allem den Tod seiner Mutter rächen. Und so ist das auch eine private Geschichte zweier widerstreitender Familien. Hier insbesondere.

An der Komischen Oper hat man sich die Version in der englischen Original-Dichtung von … ausgewählt – weil Regisseur und Noch-Hausherr Barrie Kosky die damals für die Salzburger Uraufführung 1966 nachträglich gemachte deutsche Übersetzung von „The Bassarids“, wie er im Programmheft anmerkt, „einfach furchtbar“ findet. Für die Internationalität des Opernbetriebs ist es auch gewiss passender, zumal er für den Dionysos einen so geschmeidigen Tenor wie den Sri Lanker Sean Panikkar aufbieten konnte.

Henze hat die Partitur 1992 nochmal überarbeitet und die üppige Orchesterpracht etwas ausgedünnt. Freilich auch dieses „kleinere“ Orchester passt nicht in den Graben der Komischen Oper. Man postiert also unter der Leitung von Vladimir Jurowski die Bläser links und rechts an den Seiten der Bühne, einige sogar auch im Parkett und auf den Rängen. Jurowski steht erhöht im Graben. Er agiert gut sichtbar auch fürs Publikum, was aber gewisse Lautstärke-Balancierungs-Probleme nicht eliminiert. Die Bühne von Katrin Lea Tag ist eine schlichte helle Holztreppe im Holzkasten. Auftritte sind meistens von hinten oben durch eine schmale Öffnung organisiert. Abgehen kann man zu den beiden Seiten am Bühnenportal und über die Passerelle aus dem Parkett. Und es wird viel auf- und abgetreten.

Der Spielraum freilich ist sichtbar begrenzt. Und so wird aus der Oper eher ein erweitert-halbszenisches Oratorium. Hauptträger der Aktion ist der Chor, der immer wieder in unterschiedlichen Formen auf- und abtritt, meist aber auf der Stelle mit unterschiedlichen Arm- und Klatschbewegungen die Szene kommentiert. Zusätzliche Kommentarboxen sind im oberen Proszenium links und rechts eingebaut, wo mal Tiresias (grau gepunkteter Mantel und dicke Seher-Sonnenbrille, Ivan Turšić) auftaucht, wenn ihn nicht gerade seine Dionysos-verursachten epileptischen Anfälle überwältigen. Rechts tritt mit wallendem Haaraufbau mal die Schwester der Königin, Autonoe (Vera-Lotte Boecker), auf.

Königin Agaue (Tanja Ariane Baumgartner), nachdem sie von Dionysos sich ebenso wie Pentheus (Günter Papendell) selbst von Dionysos hat verzücken lassen, tötet am Ende mit einem Riesenbeil den eigenen Sohn. Cadmus, der Vater und Großvater (Jens Larsen), von Anfang an in gebückter Haltung im lichtblauen Anzug über die Treppen schlurfend, hat das Unheil schon immer kommen sehen. Er hat sich nicht einlullen lassen, ebenso wie auch die stämmige Amme Beroe (mit kernigem Organ, Margarita Nekrasova). Am Ende bekennt sich Dionysos als der, der er ist – und nicht nur als sein Diener, und beschwört die Wiederkunft seiner Mutter Semele aus dem Reich der Toten und seine Herrschaft über die Welt.
Da endlich wird das sonst während der ganzen Vorstellung brennende Saal- und Bühnen-Arbeitslicht abgeschaltet. Und es entsteht so etwas wie Perspektive, die man den mit zweieinhalb Stunden (ohne Pause) doch arg langen Abend vermisst hat. Kosky wollte mit dieser Art Beleuchtung die Betroffenheit beim Publikum fördern. Ging wohl nicht ganz auf.  Allerdings hätte man sich öfters gewünscht, dass Henze bei der Überarbeitung seiner Erfolgsoper auch das Libretto (W.H.Auden/Ch.Kallman) etwas ausgedünnt hätte. Da ist viel lebloser Antiken-„Zwirn“ mitkomponiert. Und das Konzept der Inszenierung kann darüber leider nicht hinweghelfen, auch wenn mit Tanzeinlagen (Otto Pichler) für Bewegung gesorgt werden soll. Gern mal im hippen Kleidertausch, wie beim wirklich schon von Henze selbst als überflüssig erkannten Satyrspiel

Starker Beifall am Ende, besonders für die Protagonisten, den Chor und den Dirigenten. Für Kosky ein paar zarte Buhs. Der Beifall aber doch recht kurz und knapp. So richtig überwältigend wirkte der Abend nicht. Aber es war ja auch vom Komponisten eine gewisse Distanz insinuiert, ist der Regisseur überzeugt.


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