dresden ab 2018

 

Dialog-Versuch

Mit Schönbergs „Moses und Aron“ beginnt der neue Intendant seine erste Spielzeit

Premiere: 29.09.2018
(besucht die zweite Aufführung: 03.10.2018)

Musikalisch glänzt diese Produktion. Zu bewundern die Durchsichtigkeit und Plastizität des Klangs, die Alan Gilbert mit der Staatskapelle gelingt. Dazu trägt wesentlich bei, dass man die solistischen Stimmen im Zuschauerraum platziert hat, in den beiden Proszeniumslogen und im vierten Rang. Die beste Idee.

John Tomlinson - Schlacke

Szenisch ist das weniger glanzvoll. Regisseur Calixto Bieito, der vom neuen Intendanten Peter Theiler für die Auftaktproduktion seiner Intendanz nach Dresden geholt wurde, lässt zwar im ersten Teil eine durchdachte Umsetzung von Arnold Schönbergs Partitur erkennen, der zweite Teil allerdings verrutscht ihm ins Ungefähre und Beliebige – wie so oft bei seinen Inszenierungen der letzten Zeit. Bieito kramt seine Standards hervor, Blut, Sex, nackte Körper. Keine wirklichen Ideen.

Allerdings fügt er noch ein Credo an. Zeigen will er mit dieser Bühnen-Einrichtung von Schönbergs „Moses und Aron“: der neue Gott heute ist das Internet, die Bits, Bytes und Algorithmen der Digital-Konzerne. Zeichen aus der Computersprache flimmern über die weißen Holzwände, die Rebecca Ringst ihm als Bühne mit klappbarer Laderampe hinten – auch als Berg Sinai zu imaginieren – gebaut hat.

Eine in Plastik verpuppte junge Frau wird hereingebracht. Aus ihr schneidet Aron, der das rebellische Volk belustigen will, ein blutiges Körperteil heraus und wirft es der Menge zum Fraß hin. Dann beginnt die Orgie. Aron macht das Gebot „heilig ist die Zeugungskraft“ mit dieser Plastikpuppe selbst vor. Mehrere Frauen und Männer entblößen sich. Der Priester und eine junge Frau in hellblauem Kleid, die die „Befreiung“ durch den neuen Gott als erste herbeigesehnt hat, indes bleiben distanziert. Das „Be God“, das vorher auf den Wänden schwarz-weiß flimmerte, hat sich in Farbpixel aufgelöst. Mit ihrer VR-Brille tauchen die Menschen ab in Scheinwelten.

Im ersten Teil war da noch ein strukturiertes Hin-und-her-Zerren zwischen Moses, Aron und dem zunächst noch befreiungswilligen Volk. Ganz zu Anfang steht Moses allein auf der Bühne, mit dem Rücken zum Publikum, Aron oben auf dem „Berg“. Dann fängt Moses das Räsonieren an, bis Aron die Schräge herunterklettert. Moses zieht Jackett und Hemd aus, um sich für den Aufstieg zum Berg fit zu machen. Am Ende, wenn er aus Enttäuschung über den Wankelmut und die Leichtgläubigkeit des Volks die Zettel mit den „Geboten“ zerfetzt, wird Schlacke vom Himmel auf die Bühne gekippt. Kohle ohne Heizkraft.

John Tomlinson als Moses mit weißem Haar und Bart ist die überzeugendste Figur dieser Inszenierung, charaktervoll und fein austariert in seiner Darstellung der Sprechgesang-Partie. Lance Ryan als sprunghafter Aron und PR-Stimme Moses‘, hat mit seinem etwas engen Tenor manchmal Mühe, über das Orchester durchzudringen. Die Solisten in den Logen artikulieren ihre Partien klar und klangschön. Es ist erst die zweite Inszenierung dieser fragmentarisch überlieferten Schönberg-Oper in Dresden. Sie wird hier als Fragment gezeigt, zweiaktig, ohne Pause. Die erste Inszenierung, 1975 von Harry Kupfer, war ein Sensations-Erfolg mit fast vierzig Vorstellungen. Das wird dieser wohl nicht beschieden sein.

Der neue Intendant wollte aber mit der Wahl dieses Werks, das Schönberg vor seiner Emigration im Angesicht der heraufziehenden braunen Gewalt begann aber nicht vollendete, ein Merkzeichen setzen gegen falsche Ideologien und falsche Propheten heute, die sich ja auf dem Theaterplatz vor der Semperoper in den letzten Jahren in beschämender Weise tummelten. Die werden sich diese Aufführung zwar kaum ansehen. Aber immerhin versucht die neue Leitung den Dialog.

Foto ©: Ludwig Olah



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