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Fritschs Holländer
Auftakt mit Nonos Intolleranza

Selbstverliebt

Herbert Fritsch und Wagners „Fliegender Holländer“

27.11.2022

Ach, Herr Fritsch. Der „Holländer“ nur ein Kasperletheater? Die Figuren als bloße Marionetten? Oder der Holländer als männliche Carmen, wie er im Programmheft verlautbart (Die „Carmen“ hat er gerade in Hamburg kunterbunt auf der Bühne morden dürfen)? Man müsste das Libretto halt ein bisschen genauer lesen, in die Musik genauer hineinhören. Was meinen solche Figuren wie der Holländer. Was machen sie in einer Frau wie Senta für Imaginationen, Befürchtungen, Ängste? Klar, die Gaudi kommt an. Grimassen und 1920iger Jahre Stummfilm-Slapstick oder Fix und Foxi. Aber allzu viel bleibt auf der Strecke. Und wird halt schnell öde. Schema F.

Musikalisch ist der Abend unter der Leitung von Dirk Kaftan streckenweise beeindruckend. Kaftan modelliert sehr plastisch Richard Wagners Partitur. Schon in der Ouvertüre wird das deutlich. Man spielt die Version ohne Pause. Leider stehen nicht die allerbesten Sänger*innen zur Verfügung. Daniela Köhler als Senta (vorzugsweise mit verrenktem Blick gen Himmel) hat zwar Power in der Stimme aber sie intoniert eher unsauber und mit allzu viel Vibrato. Günter Papendell darf als barocker Klabautermann gern mit höhnischem Grinsen über die Szene stapfen, leider dumpf in seiner Tongebung. Caspar Singh gibt einen allzeit grimassierend über die Bühne links-rechts-vor-zurück über die Bühne hüpfenden Steuermann, Jens Larsen den schachernden Daland.

Walter Felsenstein, das sozusagen gute Hausgespenst, hat in seiner Gründeramtszeit von den Wagner-Opern nur den „Holländer“ als für das Haus aufführbar erachtet. Joachim Herz ließ er ran ans Regiepult. Was er von dieser Produktion gehalten hätte? Zwei interessante Aspekte bleiben mir davon in Erinnerung: Im dritten Akt, wenn Senta von ihren heiligen Pflichten als Ehefrau erzählt, wiegt sie (sitzend) den Holländer wie ein Baby in ihren Armen. Am Ende schwebt das neue Geister-Paar als bloße Kleiderhüllen in den Bühnenhimmel. Dass Fritsch sich aus selbigem zum Schlussapplaus abseilen lässt, setzt dann den „passenden“ Schlusspunkt: einfach nur selbstverliebt.


Assoziationen

Luigi Nonos „Intolleranza“ zum Auftakt der neuen Intendanz an der Komischen Oper

23.09.2022 (gesehen: 2.Vorstellung, 25.09.2022)

2001 eröffnete der damals neue Intendant der Deutschen Oper Berlin, Udo Zimmermann, sein Amt mit einer Produktion von Luigi Nonos „Intolleranza“ (1960/61). Jetzt haben es ihm die beiden Ko-Intendant*innen der Komischen Oper und Kosky-Nachfolger*innen, Susanne Moser und Philip Bröking, nachgetan. Damals war das eine packende Inszenierung von Peter Konwitschny, jetzt ist das eine reichlich aufwändige Installation von Regisseur Marco Štorman und Bühnenbildner Márton Ágh mit den auf Weiß-Schwarz-Grau gestimmten Kostümen von Sara Schwartz. Vor allem der völlig umgestaltete Zuschauerraum des Hauses an der Behrenstraße ist die Attraktion. Alles ist verhüllt mit weißem Tüll. Auch die Besucher bekommen Tüll-Lätzchen zum Umbinden auf die harten Sitze gelegt. Das Parkett-Innere ist überbaut mit einer Spielfläche. Das Publikum sitzt drum herum im Restparkett und im ersten Rang, und auch auf der Bühne. Im zweiten Rang ist das Orchester platziert.

Intolleranza Bühn vor Beginn

Nonos früher eher oratorischer Versuch mit dem Musiktheater, bescheiden von ihm selbst als „azione scenica“ klassifiziert, ist eigentlich ein Reflex auf den Unabhängigkeitskrieg Algeriens. Der Inhalt sehr verkürzt: Ein ehemaliger Emigrant will nachhause, aber eine Flut hindert sein Boot am Fortkommen – ein Bild wie das berühmte, von Peter Weiss in seiner „Ästhetik des Widerstands“ einst analysierte „Floß der Medusa“ des romantischen Malers Théodore Géricault, wird da assoziiert. Konwitschny hatte die Geschichte dieses Emigranten damals mit eindrücklichen Szenen plausibel erzählt. Das Regieteam der Komischen Oper beschränkt sich – modisch – auf ein paar ästhetisch durchgestylte lose Assoziationen. Würde man nicht das Programmheft zu Hilfe genommen haben, würde man wenig bis nichts verstehen. Zwar sind die italienisch oder deutsch gesungenen Texte auf einer Tafel projiziert. Doch, wenn man ungünstig sitzt, blenden an manchen Stellen Scheinwerfer so sehr, dass man die Tafeln nicht lesen kann.

Andererseits stößt einem auch manche Parole der 50iger/60iger Jahre schon etwas seltsam auf, um es freundlich zu sagen. Doch es gibt auch einiges heute noch Aktuelles wie etwa die Überlegungen zur Entstehung von Gewalt: dass sie in vielen kleinen Schritten fast unmerklich entsteht, wächst, und dann umso heftiger zuschlägt. Bewundernswert die Mühen, die man sich mit der musikalischen Einstudierung der schlagzeug-satten Zwölfton-Partitur gemacht hat. Vor allem der Chor leistet hier Besonderes. Sean Panikkar gibt stilsicher den musikalisch nur selten geforderten Emigranten, Gloria Rehm eine tückische Geliebte in Weiß und Deniz Uzun eine in schwarzem Vogelkostüm gekleidete zweite Frau. Stimmlich etwas quetschig klingend Ilse Ritter als Benjamins schwarzer Engel der Geschichte. Gabriel Feltz steuert über viele Monitore vom zweiten Rang aus kompetent den musikalischen Ablauf. So direkt mitgenommen auf die Reise fühlt man sich allerdings nicht – wie auch bei solcher Herangehensweise. Dennoch, auch in der zweiten Vorstellung starker Beifall des am Ende mit Graulicht bestrahlten Publikums. Halt mal was anderes in dem vor der Rekonstruktion stehenden Haus.

foto: gfk


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